Wachstum RHEINPFALZ Plus Artikel Müssen wir immer mehr erwirtschaften?

Mehr Produktion und Leistung soll unseren Wohlstand sichern, sagen Ökonomen.
Mehr Produktion und Leistung soll unseren Wohlstand sichern, sagen Ökonomen.

Wirtschaft muss wachsen: Das erklären Ökonomen wie ein Mantra. Doch ist das so? Und was heißt Wachstum? Ein Blick auf eine umstrittene Größe.

Wachstum und nur Wachstum bewahre unseren Wohlstand. So lesen und hören wir es auf allen Kanälen. Erst recht, nachdem die deutsche Wirtschaft seit 2018 nicht mehr wächst. Das Maß unserer Wirtschaftsleistung, mit dem auch Volkswirtschaften untereinander verglichen werden, ist das Bruttoinlandsprodukt: als Wert aller Produkte und Leistungen, die in einer Periode im Land hergestellt wurden. Steigt dieser Wert gegenüber der Vorjahresperiode an, ist die Wirtschaftsleistung gewachsen. Dies gilt als gut, alles andere führt zu Sorgenfalten. Auch Friedrich Merz hat Wirtschaftswachstum zum Ziel seiner Kanzlerschaft erklärt. Damit steht er in einer langen Reihe von Staatenlenkern, die Wirtschaftswachstum als Strategie für Wohlstand betrachten, nicht nur in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei die „mächtigste Zahl der Menschheitsgeschichte“, stellte der deutsche Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Philipp Lepenies fest beim Blick auf dessen Entfaltung im 20. Jahrhundert.

Maß für Leistung im Land

In Deutschland ist das BIP seit Ende der 1990er-Jahre das Maß aller Wirtschaftsdinge. Damals löste es das verwandte Bruttosozialprodukt ab, nachdem das BIP in immer mehr Volkswirtschaften zum Maßstab wurde. Denn das BIP schien besser geeignet als das Bruttosozialprodukt: Letzteres dokumentiert die Leistung aller Inländer, also all jener, die im Land ihren ständigen Wohnsitz haben – egal, ob sie im In- oder im Ausland arbeiten. Dagegen erfasst das BIP alle im Inland erwirtschafteten Leistungen, also auch die von Ausländern.

Das deutsche Wirtschaftswunder

Das größte Wachstum hat Deutschland in der Nachkriegszeit erlebt, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat: In der Dekade der 1950er-Jahre wuchs die deutsche Wirtschaft durchschnittlich im Jahr um 8,2 Prozent, in den 2010er-Jahren nur noch um ein Prozent. Die sinkende Wachstumsrate ist an sich noch kein Unglück: 1950 betrug das Wachstum 10 Prozent und das Wirtschaftsvolumen etwa 50 Milliarden Euro; 2010 wuchs die Wirtschaftś zwar nur noch um ein Prozent, allerdings lag das Volumen bei etwa 2,5 Billionen Euro. Wachse unsere Wirtschaft heute nur um ein Prozent, sei das immer noch mehr, als 10 Prozent 1950 bedeutet hatten, relativieren die Statistiker die geringere Wachstumsrate.

International liegt Deutschland mit seiner Wirtschaftsleistung auf Platz 3. Noch.
International liegt Deutschland mit seiner Wirtschaftsleistung auf Platz 3. Noch.

Ein Trost ist noch – neben dem Ausblick auf ein leichtes Wachstum für 2026 – die Spitzenposition im internationalen Vergleich. Nach wie vor liegt Deutschland laut Institut der deutschen Wirtschaft im Ranking der größten Volkswirtschaften nach den USA und China auf Platz 3 mit einem BIP von umgerechnet etwa 4,3 Billionen Euro (2025), dicht gefolgt von Japan und dem aufstrebenden Indien. Der Haken an der Sache: Im Vergleich mit den Spitzenreitern verlieren Deutschland und Japan seit geraumer Zeit an Dynamik, wie das Institut weiter feststellt. Die USA und China wüchsen deutlich schneller, nicht zuletzt wegen ihrer Führungsrolle bei Hightech und Künstlicher Intelligenz sowie ihrer großen Binnenmärkte.

Warum sollte die Wirtschaft wachsen?

Noch behauptet sich Deutschland aber im Spitzenfeld. Warum also sollte seine Leistung unbedingt wachsen? Befürworter haben darauf vor allem eine Antwort: Weil Wachstum Wohlstand sichert. Kritiker halten dagegen: Ressourcen seien endlich, ungebremstes Wachstum schädige Umwelt und Klima – Argumente, die schon eine Studie des Club of Rome („Wochensaldo“) in den 1970er-Jahren anführte. Für einen Teil der Kritiker steht fest: Um noch das Ruder in der Hand halten zu können, müsse die Wirtschaft vor allem in fossilen Sektoren schrumpfen (Degrowth).

Wachstum hat, das zeigt der Blick auf die Industrialisierung und auf die deutsche Nachkriegszeit, durchaus Wohlstand generiert: Es hat Arbeitsplätze geschaffen und höhere Einkommen ermöglicht, soziale Not und Ungleichheit gemindert, Wohlstand für mehr Menschen ermöglicht. Darauf verweisen Ökonomen weiterhin. Wachstum bleibe wichtig, um den Lebensstandard zu erhöhen, um den Sozialstaat zu finanzieren und damit stabilisierend für die Gesellschaft zu wirken, erklärt etwa die Ökonomin Julia Braun von der Universität Freiburg und liegt damit auf einer Linie mit führenden Ökonomen wie Klaus Hüther vom (arbeitgebernahen) Institut der deutschen Wirtschaft. Vor allem sei es zentrale Voraussetzung für Innovation und technischen Fortschritt. Denn Unternehmen investierten nur, wenn sie von einer künftigen Nachfrage ausgehen könnten. Gebe es keine Dynamik, kehre sich der Prozess um: Arbeitsmarkt, Staatshaushalt und soziale Sicherung gerieten unter Druck, Verteilungskonflikte verhärteten sich.

„Grünes Wachstum“ als Teil der Lösung?

Kritikern gibt sie zwar recht, dass Wachstum den Klimawandel verschärft hat. Daraus folgt für sie aber nicht, dass Wachstum per se schlecht sei. Es könne sogar Teil der Lösung sein – für ein „grünes Wachstum“, für eine Entkopplung des Wachstums von Energie- und Materialverbrauch.

 Erneuerbare Enegien sollen helfen auf dem Weg zum „Grünen Wachstum“.
Erneuerbare Enegien sollen helfen auf dem Weg zum »Grünen Wachstum«.

Für eine Illusion halten dies manche Wachstumskritiker. Denn der Ökostrom aus Sonne und Wind, so etwa die Publizistin Ulrike Herrmann von der „TAZ“, werde schlicht nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Ihr Vorschlag: Kapitalismus abbauen und dem Staat die Verteilung knapper Güter überlassen, ähnlich wie in der britischen Kriegswirtschaft 1939. Weniger radikal ist der Ökonom Niko Paech von der Universität Siegen. Es brauche ein Konzept für eine „Postwachstumsökonomie“ im Sinne einer optimalen Verwendung knapper Ressourcen, eine „überlebensnotwendige Umkehr zum Weniger“. Darin müssten sich aber alle üben. Eine Prioritätensetzung werde sich nicht mehr aufschieben lassen, meint er: „Ist eine Energieversorgung von Laubbläsern, Schneekanonen und Spielkonsolen genauso wichtig wie die eines Krankenhauses?“

Die Kritik an der Strategie des Wachstums berührt auch die Kennzahl als Maßstab. Auf deren Grenzen weist etwa der Volkswirt und Publizist Lukas Scholle in einem Beitrag zur Fachpublikation „Aus Politik und Zeitgeschichte“ hin: Ein Paar Schuhe, das nur ein Jahr statt drei Jahre halte, erhöhe zwar die Produktionsleistung, aber auch die ökologischen Kosten. Wegwerfen und Neukaufen sei damit für das BIP besser, als Gegenstände langlebig zu designen oder zu reparieren. Man brauche einen Ansatz, der ökologische Grenzen, soziale Bedürfnisse und materiellen Wohlstand gleich ernst nehme.

Damit liegt er auf einer Linie mit Philipp Lepenies. Auch wenn das BIP für diesen die „mächtigste Zahl der Menschheitsgeschichte“ ist: Sie sei am Ende, räumt er ein, nur eine Interpretation dessen, was Leistung heiße.

Club of Rome

Die Studie des Club of Rome über Wachstumsgrenzen hat den Blick auf die Umwelt gelenkt. 1972 haben Wissenschaftler die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht im Auftrag des Club of Rome, einem Kreis aus Wissenschaftlern, Diplomaten und Industriellen. Das Fazit: Wenn Bevölkerung, Industrie, Nahrungsproduktion und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen weiter wachsen wie bisher, wäre 100 Jahre später die Erde an ihre Grenzen gekommen. Auch wenn manche Annahmen aus heutiger Sicht kritisch bewertet werden, hat die Studie das aufkommende Umweltbewusstsein forciert. Negative Folgen von Wachstum wurden stärker berücksichtigt.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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