Nahost RHEINPFALZ Plus Artikel Libanon: Wenn der Krieg einfach nicht enden will

Gerade in Dahija, einem südlichen Vorort von Beirut, zielt Israels Militär immer wieder auf Gebäude, in denen nach israelischen
Gerade in Dahija, einem südlichen Vorort von Beirut, zielt Israels Militär immer wieder auf Gebäude, in denen nach israelischen Angaben Hisbollah-Kämpfer sind.

Waffenruhe? Die Libanesen haben sich daran gewöhnt, dass trotzdem jederzeit Gefechte ausbrechen können. Beobachtungen in der Hauptstadt Beirut.

Kassem Istanboulis Gesicht friert mitten im Satz ein. Die Augen blicken ins Leere. Er lässt stumm die Perlen seiner Gebetskette durch die Finger gleiten. Dabei hat der libanesische Filmregisseur und Schauspieler gerade noch ohne Punkt und Komma über sein Theaterprojekt für Vertriebene aus dem umkämpften Süden des Libanons gesprochen.

Der Regisseur ist in Trauer. Seine Freundin und Mitstreiterin Amal Khalil war Journalistin. Sie starb im Südlibanon am 22. April bei einem israelischen Luftangriff. „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) und die libanesische Regierung werfen Israel ein Kriegsverbrechen vor. Rettungskräfte seien durch Beschuss daran gehindert worden, die verletzte Journalistin zu bergen, heißt es in Stellungnahmen. Laut israelischen Angaben habe der Angriff Fahrzeugen mit Verbindung zur Schiiten-Miliz Hisbollah gegolten.

Die Gefechte der mit dem Iran verbündeten Kämpfer mit Israel bilden seit Anfang März eine zweite Front im Krieg der USA und Israels mit dem Mullah-Regime. Seit dem 16. April gilt offiziell eine Waffenruhe im Libanon. Sie soll eigentlich bis Mitte Mai gelten. Doch der Süden des Landes bebt trotzdem immer wieder unter Beschuss. Israel und die Hisbollah werfen sich gegenseitig Verletzungen des Abkommens vor. Helfer und Journalisten wie Amal Khalil geraten zwischen die Fronten.

Kultur statt Kampf

Istanbouli stammt wie Amal Khalil aus der Stadt Tyros im Süden. Der Regisseur erzählt von ihrer langjährigen Freundschaft. Die Journalistin unterstützte die vom ihm gegründete Kunstvereinigung. Diese half bereits im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2024 und brachte Vertriebene in Tyros und Beirut in Kinos unter. So wie auch jetzt wieder: Geflüchtete werden nicht nur mit Essen versorgt. Regisseure oder Maler üben mit ihnen Theaterstücke ein oder geben ihnen Zeichenkurse. In den Unterkünften der Kunstvereinigung soll es um mehr gehen als das nackte Überleben.

Istanbouli und andere Freiwillige pendeln zweimal in der Woche mit Trucks voller Versorgungsgüter und Künstlermaterial zwischen den Unterkünften in Beirut und Tyros hin- und her. „Wir wissen nie, ob wir lebend ankommen“, sagt Istanbouli. Nach dem Luftangriff auf seine Freundin erscheine die Tour noch lebensgefährlicher, sagt er.

Über eine Million Flüchtlinge sind in Beirut untergekommen, oft leben sie in Behelfszelten, ohne sanitäre Anlagen
Über eine Million Flüchtlinge sind in Beirut untergekommen, oft leben sie in Behelfszelten, ohne sanitäre Anlagen

In dem ehemaligen Beiruter Kino riecht es nach Popcorn. An den Wänden hängen Filmplakate aus der Glanzzeit des libanesischen Films von den 50er-Jahren bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1975. Auf der Empore finden sich Matratzen. Die Vertriebenen schlafen auf den Logensitzen. Im ehemaligen Kinosaal verbirgt sich hinter einem Vorhang und vor der Leinwand eine Bühne. Ein Ensemble aus Geflüchteten tritt jeden Abend auf und zeigt ein einstudiertes Stück. Junge und ältere Männer, Frauen mit und ohne Kopftuch wirbeln auf der Bühne durcheinander. Sie tanzen und singen oder es ergreift einer das Mikrofon, um eine Geschichte zu erzählen. In einer Szene senkt sich gedimmtes Licht über die Bühne. Die Vertriebenen legen sich die Arme um die Schultern und senken den Kopf, als wollten sie sich selbst trösten. Oder sich zusammenrollen vor einem Schicksal, das über sie hinwegzufegen droht.

Über eine Million Menschen mussten im März vor Bombardierungen und einem Einsatz der israelischen Streitkräfte am Boden in die Hauptstadt und ländliche Regionen im Norden des Libanons fliehen. Viele fanden keinen Platz in den in Schulen, Kirchen und Moscheen eröffneten 660 Notunterkünften. Zehntausende kampierten in Zelten oder in ihren Autos an der Corniche genannten Beiruter Strandpromenade, in Parks oder auf öffentlichen Plätzen.

Fast jeder sechste Libanese ist auf der Flucht

In den provisorischen Lagern fehlten häufig mobile Toiletten oder Duschen. Es stank zum Himmel. Das Internationale Rote Kreuz und Ärzte ohne Grenzen warnten vor einer humanitären Katastrophe in Beirut. Mit dem Waffenstillstand Mitte April schien sich die Notlage aufzulösen. Doch die anhaltenden Kämpfe verängstigen die Menschen. Laut der mit Caritas zusammenarbeitenden Hilfsorganisation Amel sind inzwischen sogar mehr Menschen im Libanon auf der Flucht als vor dem Waffenstillstand. 1,3 von insgesamt sechs Millionen Libanesen sind laut Amel aus ihren Häusern geflohen. Mit ihrer Versorgung ist das Land überfordert.

Dem Staat fehlen seit einer Wirtschaftskrise 2019 die Einnahmen. Internationale Organisationen klagen über schrumpfende Budgets. Für den Libanon bleibt nicht genug übrig.

Eine Frau hebt ein Kind hoch auf die Mauer, die den Horsh-Park im Zentrum Beiruts umgibt. Das Kind nestelt an den Gitterstäben auf der Mauer und blickt auf die Pinien dahinter. Jogger ziehen im Park ihre Runde. Besucher sitzen mit einem Eis auf den Bänken. Es sieht eine Welt, die noch heil wirkt und nicht in Trümmern liegt wie vermutlich das Heimatdorf im Südlibanon. Geflüchtete hausen vor den Toren des Parks in Zelten. Sie atmen den Gestank der Straße ein. In dem 30 Hektar großen Park weht eine frische Brise durch die Pinienkronen. Ein Zelt zwischen den Bäumen aufzustellen und zu übernachten, wäre aber verboten. Yara Sayegh parkt ihren Kleinwagen vor dem Eingang des Horsh-Parks. Sie öffnet den Kofferraum und hievt Pakete auf den Asphalt. Sie enthalten frisch gekochte Mahlzeiten abgepackt in Plastikbehältern. Eine Schlange von Menschen bildet sich, um das Essen in Empfang zu nehmen. Frauen schieben ihre Kinder vor sich her. Ältere humpeln auf Krücken vorwärts.

In einem Beiruter Kino treten Geflüchtete auf.
In einem Beiruter Kino treten Geflüchtete auf.

Hina, eine aus dem Süden Geflüchtete, umarmt die Helferin, nachdem sie ihre Mahlzeit erhalten hat. Die ältere Frau mit dem rosafarbenen Kopftuch nennt nur ihren Vornamen. Sie hat wie viele keinen Platz in einer Notunterkunft gefunden und übernachtete schließlich auf der Straße. Ihr Heimatdorf sei von der israelischen Armee besetzt, das Haus zerstört. „Ich würde mein Zelt auf den Trümmern aufbauen, wenn ich bloß in mein Dorf zurückkönnte“, sagt sie.

Israelische Drohnen ziehen immer noch ihre Kreise am strahlend blauen Himmel über der Hauptstadt. Sie erzeugen dabei ein Geräusch wie ein Rasenmäher. Nur vereinzelt halten Passanten inne und suchen mit der Hand an der Stirn gegen die Sonne nach der über ihnen kreisenden Drohne.

Jenseits der mit Zelten gepflasterten Inseln des Elends wie am Horsh-Park geht das Leben in Beirut seinen gewohnten Gang. Kurz vor Sonnenuntergang sammelt sich das Ausgehvolk in den Vierteln Gemmayzeh und Mar Mikhael. Die Reichen und Schönen sitzen mit ihren Drinks auf Barhockern. Die Bässe wummern.

Zorn auf die Regierung

Der Krieg spalte die libanesische Gesellschaft in jene, die alles verloren hätten, und den Rest, sagt der Politikwissenschaftler Yeghia Tashjian in einem Café unweit der Amerikanischen Universität AUB. Die Menschen aus dem Süden fragten sich, was ihr Land gegen die Besetzung und Zerstörung ihrer Dörfer durch Israel unternehme. Die Regierung in Beirut schickt jedenfalls ihre Armee nicht in den Kampf. Sie hätte gegen Israels Streitmacht keine Chance, und sie ist auch zu schwach, um die Hisbollah zu entwaffnen, was der jüdische Staat schon seit Langem fordert. Die Hisbollah kann sich somit weiter als mutige Verteidigerin des Libanon inszenieren, wirft der Regierung Verrat vor. Präsident Joseph Aoun, ein Christ, sitzt wie zwischen Hammer und Amboss.

Die Beiruterin Khuloud Abdessamad will nicht länger auf ein Wunder warten. Die Innenarchitektin sieht für sich keine Zukunft im Libanon mehr. „Du lebst dein Leben und dann passiert hier irgendetwas. Es ist immer das Gleiche“, sagt sie. Im März schlug eine israelische Rakete in einem Nachbarhaus ein. Sie lese viel von der Resilienz der Libanesen, die ja Krieg gewohnt seien. „Da stellt niemand die Frage, ob wir das wollen oder ob wir es vielmehr müssen“, sagt sie. Der Lärm der Drohnen am Himmel zehre an ihren Nerven. Denn die Menschen sind der Gefahr aus der Luft ausgeliefert.

Ihre Freunde lebten inzwischen alle im Ausland. 2019 gingen sie noch gemeinsam während einer Protestwelle gegen Korruption auf die Straße. Abdessamad war Teil einer Bewegung, die das nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 eingeführte Proporzsystem zwischen Christen, Sunniten und Schiiten überwinden wollte. Von ihrem Traum ist sechs Jahre später und nach einer Katastrophe nach der anderen nichts geblieben.

Organisator der Flüchtlingshilfe in Kinos ist der Regisseur Kassem Istanbouli.
Organisator der Flüchtlingshilfe in Kinos ist der Regisseur Kassem Istanbouli.

Die Wirtschaft kollabierte 2019. 2020 explodierte unsachgemäß gelagerte Düngemittel im Hafen. Die Druckwelle verwüstete Beirut. 2023 begann der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel unterbrochen von fragilen Waffenruhen. „Die Entscheidungen über uns treffen Regierungen im Ausland. Das macht alles bedeutungslos, was wir in unserem Leben tun“, sagt Khuloud Abdessamad traurig.

Zu Kriegsbeginn war sie mit ihrer Mutter ins Heimatdorf der Eltern geflohen. Ihre Firma beorderte die Mitarbeiter aber Mitte April wieder an den Schreibtisch im Büro in Beirut. Inzwischen sei sie froh darüber. „Ich kann mich mit Arbeit betäuben“, sagt Khuloud Abdessamad.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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