Winterfreizeit RHEINPFALZ Plus Artikel Lawinengefahr: Unterwegs mit dem Schneeleser

Benjamin Zweifel hat an der ETH Zürich Glaziologie studiert und kam zum Praktikum ans Schnee und Lawinenforschungszentrum (SLF)
Benjamin Zweifel hat an der ETH Zürich Glaziologie studiert und kam zum Praktikum ans Schnee und Lawinenforschungszentrum (SLF) in Davos. Dort wurde er bald übernommen und ist seit 25 Jahren geblieben.Einen Blick für Lawinen hat nur, wer jahrelang Erfahrung sammelt, sagt Zweifel. Wumm-Geräusche aber, wenn man eine Schneedecke betritt, sind ein deutlicher Hinweis abseits der Piste, dass die Lawinengefahr erhöht ist. Um sicher unterwegs zu sein, empfiehlt der Experte, nur bei Lawinenstufe 2 ins Gelände zu gehen. "Aber dann ist man natürlich fast nie bei Neuschnee draußen", sagt er. "Oder man fährt zwar bei Stufe 3 – aber dann nie in Hänge, die steiler als 30 Grad sind." Er rät außerdem dazu, sich Wissen über Lawinen anzueignen in entsprechenden Kursen. Ein Muss für alle, die abseits der Piste unterwegs sind, ist die SLF-App White-Risk. Hier kann man Standort, Lawinenwarnstufe und Geländekarten abrufen. "Sogar hier, wo ich mich gut auskennen, schaue ich immer wieder rein, um genau zu sehen, welche Route am wenigsten Risiko hat." In der Karte sind die steilen Bereiche farbig markiert: gelb für 30 bis 35, orange für 35 bis 40, rot für 40 bis 45 und pink für über 45 Grad Hangneigung.  |fjo

Er macht die Vorhersage, kennt jede Unfallstelle und verteidigt Menschen, die abseits der Piste fahren. Trotz der vielen Toten in den Bergen dieses Jahr.

Auch ein harmloser Hang kann verhängnisvoll sein. Benjamin Zweifel stoppt mit seinen Ski an einem sonnigen Tag abseits der Piste im Skigebiet Davos Parsenn, Graubünden, Schweiz. „Hier haben mich schon Leute gefragt, wo es zum Bus geht.“ Zweifel schüttelt den Kopf. „Dabei kann es hier schnell gefährlich werden.“ Die Gruppe, abseits der Piste ohne Sicherheitsausrüstung unterwegs, habe er dann nach rechts runter zum Lift geschickt. Denn geradeaus kann die Gefahr lauern.

Der 51-Jährige kennt sich damit aus wie kaum ein anderer. Er ist Lawinenprognostiker am Schnee und Lawinenforschungszentrum in Davos, dem wohl renommiertesten Institut dieser Art. Hier kommen Forschung und Praxis zusammen. Zweifel verfasst mit seinen Kollegen das tägliche Lawinenbulletin. Das Erste am Morgen, was Bergführer und alle anderen lesen, die sich auch mal abseits der Pisten bewegen. Und das sind viele.

Während die Zahl der Alpinskifahrer insgesamt zurückgeht, sind Freeriding, Skitouren und Schneeschuhlaufen die Segmente im Wintersport, in denen es in den vergangenen Jahren Zuwächse gab. Allein in der Schweiz machen das mehr als eine halbe Million Menschen. Es dürften noch weit mehr sein. Denn weder Touristen werden erfasst, noch Freerider, die keine Touren gehen.

Benjamin Zweifel öffnet eine digitale Karte auf seinem Mobiltelefon, zoomt das Areal, in dem er gerade steht, heran – drei orange Punkte erscheinen in dem Gebiet geradeaus. Das bedeutet, dass es hier in den vergangenen 20 Jahren drei Lawinenunfälle gab. „Die Stelle ist gemein“, sagt Zweifel. Obwohl darauf gerade nichts hindeutet. Die Sonne lässt das Bergpanorama rundherum blendend gleißen, selbst die Täler sind eingeschneit und reflektieren strahlend weiß.

Da vorne sind die Rinnen

Der Hang vor Zweifel fällt nur sanft ab. Bei dieser Neigung, deutlich unter 30 Grad, kann keine Lawine entstehen, es ist zu flach. Unverspurter Tiefschnee lädt zu einer schönen Abfahrt ein. Ähnlich wie am 6. Januar 2003. Damals fuhr eine Gruppe von sechs deutschen Skifahrern diesen Hang, ein 39-jähriger Familienvater mit seinen beiden Kindern von zwölf und 15 Jahren und ein befreundetes Ehepaar mit deren Sohn. Wahrscheinlich hatten sie großen Spaß – bis der jäh vorbei war. Denn der sanfte Hang endet an einer Kante. Und hier traf der 39-Jährige die falsche Entscheidung.

„Da vorne sind steile Rinnen.“ Benjamin Zweifel zeigt mit dem Skistock geradeaus ins Tal. Er spricht leise, wägt genau ab, wie die personifizierte Rationalität am Berg. „Wenn man dieses Terrain vermeiden will, muss man frühzeitig scharf nach links oder rechts abbiegen“, sagt er. „Oder eben wieder aufsteigen.“

Um 11.44 Uhr fuhr der Familienvater über die Kante, um das Terrain zu erkunden. Schnell löste sich ein Schneebrett und riss ihn mit. Die 15-jährige Tochter konnte noch sehen, wie ihr Vater einige Meter auf der Lawine obenauf schwamm. Dann verschwand er. Die Schneemassen stürzten 450 Meter durch ein felsdurchsetztes Bachbett mit einer Neigung von bis zu 50 Grad.

Diese Details sind der Beschreibung der Lawinenunfälle des Winters 2002/2003 zu entnehmen. Dort steht auch, dass sich die Gruppe verfahren hatte. Sie trugen keine Lawinenverschütteten-Suchgeräte (LVS). Erst nach zwei Stunden konnte der 39-Jährige mit Sonden geortet und ausgegraben werden. Tot.

Eine falsche Entscheidung reicht

„Das waren Menschen, die sich nicht auskannten, die am falschen Ort zur falschen Zeit waren“, sagt Zweifel. „Weil diese Hänge sehr leicht vom Skigebiet erreicht werden können, wenn man Spuren folgt.“ So passieren etliche Lawinenunfälle, genaue Zahlen aufgeschlüsselt nach Ursachen, gibt es nicht. „Wir haben schon mal versucht, die Unfälle zu kategorisieren, aber letztlich sind die so individuell verschieden, dass wir dies nicht weiter verfolgt haben.“ In dem Moment passiert ein Snowboarder Zweifel, surft eine fette Spur in den Pulverschnee – und quert kurz vor dem Steilhang nach rechts raus – vor der Gefahrenzone.

„Und dann gibt es natürlich auch diejenigen, die sich des Risikos sehr wohl bewusst sind“, sagt Zweifel. An jeder Ecke des Skigebiets weiß er, wo Menschen verunglückt sind. Es ist wie ein imaginärer Friedhof.

Damals war mäßige Lawinengefahr, wie heute. Benjamin Zweifel fährt in den sanften Hang vor ihm ein, Schnee staubt auf. Manche Leute jauchzen bei solchen Schneeverhältnissen, er nicht. Kein Wunder, wenn man weiß, was ihm alles durch den Kopf geht: Wo genau die Unfälle waren, wie das heutige Lawinenbulletin ist, der Schneedeckenaufbau über den bisherigen Winter, Windzeichen im Schnee, mögliche Schneebretter. Benjamin Zweifel ist ein skifahrender Algorithmus, der im Notfall in Sekundenbruchteilen reagiert.

Er fährt scharf links, oberhalb vorbei an der Stelle, wo die Lawinenunglücke passierten. Dabei umkurvt er fußhohe Tannen, Steine – es liegt noch wenig Schnee – aber das heißt nicht, dass es ungefährlich ist.

An Schwachzonen bricht die Schneedecke

„Die meisten Lawinenunglücke haben wir im Frühwinter“, betont Zweifel, der sich langsam vortastet, um seine Ski nicht auf den Steinen zu ruinieren. „Wenn wenig Schnee liegt, sind Schwachschichten kaum überdeckt.“ Schwachschichten sind Zonen, in denen eine Schneedecke brechen kann. Der obere Teil kann dann auf dem unteren in Richtung Tal rutschen, insbesondere dann, wenn Ski- oder Snowboardfahrer die Schneedecke belasten.

Er fährt in den Nordhang vor ihm ein, schattig und kalt ist es hier und windgeschützt, sodass sich eine Pulverdecke von einer Elle Höhe abgelagert hat. Zweifel legt eine S-förmige Spur durch Bäume und Sträucher – er schwebt eher, als dass er rutscht. Sehr schön, aber auch sicher? Benjamin Zweifel hält zwischen kahlen Lärchen an: „Hier habe ich keine Bedenken heute, es gibt nur einen kurzen steilen Teil. Außerdem immer wieder sichere Haltepunkte.“

Er packt ein schwarzes Täschchen mit der Ausrüstung aus, die er immer dabei hat, auch wenn er privat unterwegs ist. Darin eine rechteckige, etwa handtellergroße Metalltafel. Er taucht sie in den Schnee, zieht sie wieder heraus, bewegt sie hin und her. Die Kristalle rieseln herunter wie Gries. „Kein Zusammenhalt, jetzt ist das gut, denn es kann sich darin kein Schneebrett bilden“, meint Zweifel.

Er nimmt eine Lupe aus dem Täschchen, betrachtet den Schnee. Es sind Kristalle mit scharfen Kanten zu sehen. „Das ist der typische Umwandlungsprozess, nach mehreren klaren, kalten Nächten,“ sagt er. Wie Eisen, kurz bevor es flüssig wird, ist Schnee dicht an seinem Schmelzpunkt – und er dampft deshalb ständig.

Schnee ist ein heißes Material

„Schnee ist ein heißes Material, er gibt Wasserdampf ab, insbesondere direkt über dem Erdboden, wo die Temperatur null Grad ist“, erklärt Zweifel. „An der Oberfläche wird es in klaren Nächten bis zu minus 25 Grad, dort lagert sich der Dampf an die Kristalle an.“ Dabei wachsen kleine rundliche Schneekristalle zu großen, kantigen Kristallen an. Der Umwandlungsprozess ist umso stärker, je größer der Temperaturunterschied in der Schneedecke ist.

Hier an diesem Hang ist er heute so weit fortgeschritten, dass der Schnee wirkt wie frisch gefallener Pulverschnee, obwohl es viele Tage nicht geschneit hat. „Wenn hierauf aber Neuschnee fällt, kann sich der nicht mit dieser Unterlage verbinden.“ Die Folge: Er kann auf dieser schlechten Unterlage als Lawine anbrechen und darauf talwärts rutschen.

Plötzlich preschen drei Snowboarder durchs Gebüsch, bunte Klamotten, keine Rucksäcke. Das heißt: Die abseits der Piste eigentlich obligatorische Sicherheitsausrüstung, Schaufel und Sonde, können sie nicht dabei haben. „Manchmal habe ich in solchen Fällen schon darauf hingewiesen, dass man nur mit der Sicherheitsausrüstung fahren sollte“, erzählt er. „Aber meistens meckern die Leute dann. Am Ende ist jeder für sich selbst verantwortlich im freien Skiraum.“

Kurz darauf endet die Abfahrt auf der Piste. Zweifel blickt nach oben in den Hang, die Snowboarder haben es auch nach unten geschafft. „Klar, es gibt immer noch Leute, die ahnungslos unterwegs sind“, sagt er. „Aber insgesamt hat das Wissen über Lawinengefahr zugenommen.“

Spaß am Leben

Obwohl heute viel mehr Menschen abseits der Pisten unterwegs sind, ist die durchschnittliche Zahl der Lawinentoten in den Schweizer Alpen konstant bei 22 Opfern pro Jahr geblieben. „Wenn ich sehe, wie viele 1000 Freerider tagtäglich Ski fahren, passiert relativ wenig“, sagt Zweifel. „Ich gehe davon aus, dass das Risiko beim Freeriden nicht höher ist als zum Beispiel beim Bergwandern.“

Die Wintersportler, die abseits der Pisten unterwegs sind, seien meist gut ausgerüstet. „Es gibt leider viel Stimmungsmache gegen die Freerider“, sagt Zweifel. „Aus meiner Sicht zu Unrecht. Ob da Neid ein Thema ist, dass es da draußen Leute gibt, die richtig viel Spaß am Leben haben?“

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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