Elektromobilität RHEINPFALZ Plus Artikel Langstrecke im E-Auto: Läuft. Lädt. Lügt nicht.

Auf der Straße Richtung Elektromobilität läuft es heuer durchaus rund. Im Hintergrund der „grüne Heiner“ bei Stuttgart, Schuttbe
Auf der Straße Richtung Elektromobilität läuft es heuer durchaus rund. Im Hintergrund der »grüne Heiner« bei Stuttgart, Schuttberg mit Windrad.

Vor 13 Jahren haben wir in der Pfalz ein Elektroauto auf Alltagstauglichkeit getestet. Es war ein Desaster. Zu Ostern haben wir den Test wiederholt. Es lief ganz anders.

Alles, was dumm laufen kann, wird auch dumm laufen, auf die Tücke des Objekts ist Verlass. Die Testfahrt also droht schon nach zwei Kilometern zu scheitern – das Elektroauto allerdings trifft keine Schuld. Der Schiffbruch naht gleichwohl, in einer ruhigen Seitenstraße im Ludwigshafener Stadtteil Süd, vor dem Haus von Mitfahrer Michael, mit dem ich die Fahrt ins oberschwäbische Ravensburg antreten will, um unseren Spezl Frank zu besuchen. Weil man den Frank schon länger nicht mehr gesehen hat – und, wenn wir schon unterwegs sind, als Test für die Alltagstauglichkeit der elektrischen Mobilität. Es gilt also zu prüfen, ob die Langstrecke im E-Auto mit derselben Nonchalance zu stemmen ist wie im Verbrenner: Planung ist was für Luschen, wir steigen einfach ein und fahren los, und wenn uns der Strom ausgeht, dann laden wir eben irgendwo nach, das Navi wird’s schon richten.

Das Problem ist allerdings, dass sich mein Handy aufgehängt hat und nicht mehr aus dem Wachkoma zu holen ist. Nichts mit Navi also, nichts mit Anzeigen der Fahrtstrecke und dem Leiten zur nächsten Ladesäule: Das Navigationssystem des Wagens läuft über die Smartphone-App „Android Auto“. Und damit über ein Handy, das inzwischen nur noch wirres Zeug auf Deutsch und Englisch von sich gibt und irgendwann auch noch beleidigt ist. „Lügen gehört nicht zu meinen Fähigkeiten!“, sagt das Handy respektive der Wagen irgendwann und ohne jeden Anlass, wahrscheinlich vom Gewirr zweier erregter Stimmen im Fahrgastraum völlig kirre gemacht.

Der Wagen schmollt

„Hat ja jetzt auch keiner behauptet…“, sagt Michael ansatzweise verstört, der Wagen schmollt und antwortet nicht.

An der Stelle überlege ich kurz, dem Auto einen Namen zu geben und ihn „Ida“ zu nennen, im Gedenken an eine mäßig teure Verflossene, die auch ständig inkohärentes Zeug dazwischen gequatscht hat. Ich lasse es, und wir machen stattdessen Folgendes: Michael wird die Navigation auf seinem Handy anwerfen – und parallel versuchen, mein Smartphone wieder hochzufahren. Und ich gebe jetzt einfach Strom, bis Heilbronn wird’s auch so gehen. Gleichwohl: Fängt ja gut an, an diesem Karfreitagvormittag.

Erstmals mehr Elektrische als Benziner

Praxistest im Elektroauto also, liegt ja nahe: Im März 2026 sind in Deutschland erstmals mehr Elektroautos als Benziner neu zugelassen worden. Und wie sich das Segment entwickelt hat, das lässt sich ansatzweise nachzeichnen: Vor nunmehr 13 Jahren habe ich für diese Zeitung schon mal einen E-Auto-Praxistest gemacht („Neuwied statt Nizza“, 17. März 2013), in einem geliehenen elektrischen Wagen der ersten Generation. Das Ergebnis war durchwachsen: Gerade mal 90 Kilometer Reichweite im Tiefwinter, und das nur bei ausgeschalteter Heizung und bei geöffnetem Fenster wegen beschlagener Scheiben. Am Ende ist damals der Plan einer „Tour de Pfalz“ gescheitert und ich war steif gefroren.

Effizient, aber sensibel: Der Hyundai Ioniq Baujahr 2021, der seit Ostern „Christine“ heißt. Wirklich gutes Auto mit niedrigem V
Effizient, aber sensibel: Der Hyundai Ioniq Baujahr 2021, der seit Ostern »Christine« heißt. Wirklich gutes Auto mit niedrigem Verbrauch. Gelegentlich schmollt es aber. Dann muss man freundlich mit ihm sein.

Ziemlich genau 13 Jahre später: Unterschied wie Tag und Nacht, wenig erstaunlich bei einem Sektor mit rasanter technologischer Entwicklung. Der Wagen, in dem wir heuer sitzen, ist ein Hyundai Ioniq „Classic“, Baujahr 2021, und die Wahl eines etwas älteren Modells hat mehrere Gründe: Erstens: Keine Schleichwerbung möglich, das Modell wird seit 2022 nicht mehr gebaut. Zweitens: Wir richten den Blick damit auch auf den Gebrauchtwagenmarkt für Elektrische, und da gibt’s inzwischen auch für Normalverdiener bezahlbare Angebote. Dies wahrscheinlich auch als Nebeneffekt der Bundesprämie für Neuwagen: Wer jetzt auf einen Elektrischen umsteigt, wird sich genau überlegen, ob er nicht gleich ein neues Modell anschafft – und die 5000 bis 6000 Euro Zuschuss mitnimmt. Noch weniger Nachfrage auf einem ohnehin schwachen Markt für gebrauchte E-Autos also.

Drittens: Es ist der Hyundai ein sehr gutes Elektroauto, trotz seines Alters. Gerade mal 38 kW an Batterie, aber gnadenlos auf Effizienz getrimmt und dabei sehr komfortabel. Um ein wenig an Ergebnis vorwegzunehmen: Auf der Hinfahrt, 336 Kilometer vor allem über Landstraßen, werden wir pro 100 Kilometer gerade mal 11,8 kWh verbrauchen – das ist auch 2026 ganz hervorragend. Und es hat den Effekt, dass der Blick anders als 2013, nicht mehr ständig in Richtung Reichweitenanzeige geht.

Der Schalter im Kopf

Deckt sich im Übrigen mit dem Ergebnis von Studien wie der Shell Elektromobilitätsstudie von 2025: Die Reichweitenangst sinkt demnach bei den Nutzern von E-Autos stetig, dabei haben 86 Prozent der Befragten durchaus schon Langstreckenfahrten mit ihrem Stromer unternommen. Was die Meinung von Daniel Görges im Vorgespräch zur Tour bestätigt: „Es ist nur der Schalter im Kopf“, sagt Görges, Inhaber des Lehrstuhls für Elektromobilität an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. „Für den weit größten Teil der Bevölkerung ist die Reichweite vollkommen ausreichend.“

Insofern ist der Ansatz des Hyundai – kleinere Batterie und hohe Effizienz – durchaus zeitgemäß, und irgendwann hinter Speyer läuft auch das Handy wieder und Android Auto regiert wieder brav auf die Sprachsteuerung, der Schalter dafür befindet sich am Lenkrad. Ein wenig scheint das Auto immer noch zu schmollen, jedenfalls führt es uns konsequent über Landstraßen um Stuttgart und Richtung Oberschwaben, kann natürlich auch mit den Staus zu Ostern zu tun haben. Entdeckt man wenigstens die landschaftlich reizvollen Orte der Region, den „grünen Heiner“ westlich von Stuttgart beispielsweise. Der sieht aus wie ein begrünter Schuttberg, auf dem ein Windrad steht, was insofern nicht verwundert, als er genau das auch ist.

Mehr Spaß am Berg

Im Osten von Gerlingen windet sich eine Serpentinenstraße den Buckel hoch, den Kennzeichen nach sind wir nicht die Einzigen, die zu Ostern um die Stadt herumgeführt werden. Und hier spielt das Elektroauto seinen ganze Stärke aus: Um die 6 Prozent Steigung und zähflüssiger Verkehr, mit einem Schaltgetriebe und einem Benziner schaltete man sich hier den Wolf und brächte bei Fehlbedienung den Verkehr zum Erliegen. Der Elektrische zieht bei jedem Tempo gleichmäßig durch, noch nie so entspannt in dichtem Verkehr den Berg hochgekommen.

Die theoretische Reichweite des Hyundai liegt laut Vergleichsstandard WLTP bei 311 Kilometern. Faktisch liegt sie heuer wohl höher, wir kämen ohne Nachladen und mit 30 Kilometern Reserve ans Ziel, glaubt man der Reichweitenanzeige des Wagens. Wir tanken trotzdem Strom, das Ganze ist schließlich ein Test: Die Tauglichkeit des Elektroautos für die Langstrecke wird sich am Ausbau des Schnellladenetzes bemessen. Über 50.000 Schnellladepunkte gibt es laut Bundesnetzagentur in Deutschland, Stand März 2026. Unsere liegt hinter einer Shell-Tankstelle im schwäbischen Metzingen.

Und sie zickt auf die Art, wie an diesem gesamten Osterwochenende die Schnellladesäulen zicken werden: Die App des Anbieters „EnBW“ erkennt die Säule nicht, eigentlich müsste man einfach den QR-Code an der Steckerpistole einscannen und dann laden. Geht aber nicht und wird in den nächsten drei Tagen nirgendwo so gehen. Und jetzt kriecht doch die große Angst vor dem Stranden ohne Strom über den Rücken, glücklicherweise ist vorgesorgt: Der kluge E-Fahrer hat wenigstens ein oder zwei Ladekarten für den Notfall dabei. In Metzingen wie anderswo wird mir über Ostern die Karte von „EWE Go“ den Allerwertesten retten.

Ist speziell in den Innenstädten immer noch nicht unkompliziert: das Laden.
Ist speziell in den Innenstädten immer noch nicht unkompliziert: das Laden.

Die funktioniert im Übrigen auch an der Wechselstromladesäule in der Nähe von Franks Wohnung in Ravensburg, dort zeigt sich allerdings eine andere Tücke der öffentlichen Ladestruktur: Mehr als vier Stunden darf man hier nicht laden, sonst werden Blockiergebühren fällig, das ist weitgehend Standard. Ich lasse es drauf ankommen und lade den Wagen über sieben Stunden voll – und so weist die elektronische Rechnung dann eben gut 18 Euro Strafgebühr fürs überlange Stehen aus. Und die sind wohl auch Indiz eines Strukturproblems – gerade für E-Mobilisten in den Innenstädten ohne heimische Lademöglichkeit, „Laternenparker“ eben.

Man stelle sich folgenden Fall vor: Sie kommen um 18 Uhr von der Arbeit und wollen an einer öffentlichen Wechselstrom-Ladesäule nachladen. Um 22 Uhr sind die vier Stunden vorbei und Sie müssten ihr Auto abklemmen und einen anderen Parkplatz suchen, viel Vergnügen damit in innenstädtischen Lagen um die Uhrzeit. Sie könnten natürlich auch gegen 22 Uhr den Stecker kurz abziehen und das Laden dann neu beginnen – dann müssten Sie Ihren Wagen um 2 Uhr morgens umparken. Und weil keiner so bekloppt ist, werden die meisten Laternenparker wohl zwischendurch an den Schnellladesäulen vor den Tankstellen und Supermärkten laden – nicht billig und auf die Dauer suboptimal für den Akku.

Wallboxen für Mehrfamilienhäuser

Laden für Mieter ist also „noch ein bisschen ein Knackpunkt bei uns“, sagt Fachmann Görges – und insofern ist es folgerichtig, dass die gerade neu aufgelegte Wallbox-Förderung des Bundes insbesondere auf Mehrparteienhäuser abzielt. Anderswo ist man da schon weiter: In Norwegen gilt für Wohnungsbaugesellschaften und Eigentümergemeinschaften schon seit Jahren die Pflicht, bei Bedarf Ladepunkte an ihren Gebäuden installieren zu lassen. In Neubauten muss die Infrastruktur dort grundsätzlich auf einen Einbau vorbereitet werden.

Die Rückfahrt am Ostersonntag ist dann unspektakulär, die Autobahnen sind frei und der Verbrauch mit 12,6 kWh auf 100 Kilometern absolut vorbildlich. Inzwischen habe ich auch raus, wie Fragen an den Wagen korrekt zu formulieren sind: „Auto: Zeige mir bitte die Route zur nächsten Schnellladestation, die sich direkt an der Autobahn vor uns befindet“, das „vor uns“ ist ganz wichtig, sonst fährt man zum Laden 25 Kilometer retour. Höflich zu sein lohnt sich im Übrigen erwiesenermaßen: Die KI priorisiert dann die Frage und gibt sich mehr Mühe.

Wir machen die Rechnung auf

Und jetzt die Gesamtrechnung: Rund 650 Kilometer gefahren, 38 Euro an Stromkosten beim öffentlichen Laden. Vorher zuhause mit PV-Strom vollgeladen, kostet auch Geld, wegen Investitionskosten für die Anlage. Insgesamt also ohne Einrechnen der Blockiergebühr: etwa 44 Euro. Benzinkosten bei sieben Litern Verbrauch und einem Benzinpreis von 2,20 Euro pro Liter: Ziemlich genau 100 Euro. Lohnt sich also auch noch mit 18 Euro Strafe. Und: Es fährt sich einfach komfortabel und tiefenentspannt, das E-Auto, kein Jaulen, kein Zylinderhämmern und immer das optimale Drehmoment auf der Straße.

Den Weg von Michael nach Hause lasse ich mir vom Auto dann auch noch weisen, und ich frage in ausgesucht freundlichem Ton, um das Verhältnis zu entspannen. „Du fragst immer so höflich…“, sagt das Auto. Es steht nun fest: Ich werde den Wagen „Christine“ nennen, nach einer wirklich teuren Verflossenen. Apropos: „Was macht Christine eigentlich so?“, frage ich das Auto. „Dies ist der aktuelle Tourneeplan von Christina Aguilera“, sagt das Auto. „Ich liebe deinen Optimismus“, sage ich. „Ich helfe immer gerne“, sagt das Auto.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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