Sportpolitik RHEINPFALZ Plus Artikel Kaputte Turnhallen und zu wenig Einfluss: Der Sport schlägt vor der Landtagswahl Alarm

FlickwerkDer rheinland-pfälzische Landessportbund fordert einen Sanierungsplan 2030. Denn das große Konzept fehlt, wie es mit de
FlickwerkDer rheinland-pfälzische Landessportbund fordert einen Sanierungsplan 2030. Denn das große Konzept fehlt, wie es mit den Sportstätten im Land weitergehen soll. Die Reparaturen sind derzeit vor allem eins: notdürftig.

Er will endlich politisch ernst genommen werden: Vor der Landtagswahl entdeckt der organisierte Sport in Rheinland-Pfalz – seine Stärke. Doch das kann auch gefährlich werden.

Einen mächtigen Unterhändler gab es nicht, wenngleich sich alle Spitzenfunktionäre des organisierten Sports in Rheinland-Pfalz bewusst sind, dass Volker Bouffier „hervorragende Arbeit geleistet hat“. Vor fast genau einem Jahr wählte Deutschland eine neue Regierung, und um seine Interessen bestmöglich zu vertreten, bat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den früheren und langjährigen hessischen Ministerpräsidenten zuvor um Unterstützung. Dem Sport verbunden, sollte der 74-jährige Bouffier als mächtiger Strippenzieher im Hintergrund seine Kontakte ins politische Berlin spielen lassen. Für den Sport zahlte sich das sechsmonatige Engagement des Elder Statesman der CDU aus: Die Kernforderungen haben Union und SPD in ihr Regierungspapier aufgenommen – mehr Geld, mehr Nähe, mehr Einfluss.

Der Sport in Rheinland-Pfalz hofft nun ebenfalls, dass von der Landtagswahl am 22. März ein neuer Impuls ausgeht. „Wir haben keinen Frontmann, den wir vorgeschickt haben“, sagt Rudolf Storck. Stattdessen setzt der Präsident des rheinland-pfälzischen Landessportbundes (LSB) bei der Lobbyarbeit auf den Teamgedanken. „Für uns war es wichtig, dass wir miteinander einig waren. Dass der Sport als Ganzes wahrgenommen wird“, sagt Storck. Das war in der Vergangenheit schon anders, nicht selten kochten die Sportbünde Pfalz, Rheinhessen und Rheinland eher ihr eigenes Süppchen und hatten weniger das große Ganze im Blick. „Für die Politik war es neu, dass der Ansprechpartner in Rheinland-Pfalz der Sport ist und nicht jeder einzelne Sportbund“, ist Storck überzeugt, „und ich glaube, dass man so auch einen Volker Bouffier ersetzen kann.“ Wenngleich dessen Worte zum Beginn seiner Mission als Blaupause gelten können: „Es wird darum gehen, dass der organisierte Sport nicht als eine von 57 verschiedenen Lobbygruppen daherkommt, sondern dass wir deutlich machen, worin unsere besondere Stärke liegt, was wir diesem Land und der Gesellschaft geben können“, sagte Bouffier. „Sport ist nicht das Sahnehäubchen, wenn uns sonst nichts mehr einfällt. Sondern elementar für den Zusammenhalt der Gesellschaft.“

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Dieses Selbstbewusstsein prägt inzwischen auch den Auftritt des Sports in Rheinland-Pfalz.

„Der organisierte Sport ist die größte Bürgerbewegung im Land. Trotzdem ist Sport im Landtag bislang kaum ein Thema“, sagt Storck. Rund 5800 Vereine mit etwa 1,4 Millionen Mitgliedern gibt es im Land. Selbst der ADAC kommt in Rheinland-Pfalz nur auf rund 1,3 Millionen Mitglieder – die Evangelische Kirche der Pfalz auf deutlich weniger als eine halbe Million.

Auch in der Vergangenheit hat der Sport in Rheinland-Pfalz vor Landtagswahlen die Positionen der Parteien abgeklopft. Bei den sogenannten Prüfsteinen konnten die politischen Akteure einen Fragenkatalog des LSB schriftlich beantworten. „Das waren in der Regel sehr diplomatische Aussagen, wenig verbindlich“, sagt Storck. Ähnlich vage natürlich wie die Forderungen des Sports zumeist sind: der Ruf nach mehr Geld, der Wunsch nach besseren Sportstätten, die Forderung von schnelleren und einfacheren Lösungen. Um seine Anliegen konkret zu machen, ging der Sport nun mit den Politikern dorthin, wo es wehtut: in marode Turnhallen. Dorthin, wo es hineinregnet. Wo Gebäude kurz vor der Schließung stehen. Wo die Heizung Mühe hat, die Temperatur im Innern überhaupt auf 15 Grad zu bringen. „Wir wollten den direkten Dialog mit der Politik“, sagt Storck. Oder: Wahlkampf im Daunen-Anorak.

GemeinsamFür den Sport wollen sie an einem Strang ziehen: Rudolf Storck, Präsident des rheinland-pfälzischen Landessportbundes,
GemeinsamFür den Sport wollen sie an einem Strang ziehen: Rudolf Storck, Präsident des rheinland-pfälzischen Landessportbundes, und die Vertreter der drei regionalen Sportbünde: Klaus Kuhn für Rheinhessen, Monika Sauer für das Rheinland und Asmus Kaufmann für die Pfalz.

Zweibrücken im Oktober vergangenen Jahres. Die Eimer in der Halle des heimischen LAZ stehen griffbereit, doch glücklicherweise regnet es an diesem Abend nicht. Hierher hat der Landessportbund Politiker von SPD, CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern gebeten. Die AfD ist bei den „Wahlarena“ in der Westpfalz, in Mainz und in Neuhäusel im Westerwald außen vor. Die Abgeordneten sollen sehen, wohin Jahre des Desinteresses führen: Sieben Weltmeister und vier Europameister in der Leichtathletik sind aus dem LAZ Zweibrücken hervorgegangen. Der Verein ist Bundesstützpunkt und Teil des Olympiastützpunktes Rheinland-Pfalz-Saarland. 1998 wurde die Halle eingeweiht. Nun tropft es durch das undichte Dach. Was der LSB-Präsident aus den vier Veranstaltungen mitnimmt: „Sogar die Politiker haben gesagt, dass im Landtag nicht über Sport gesprochen wird. Was wir nicht adressieren können, kann nicht in die Wahlprogramme kommen.“

Turnhallen droht der Kollaps

Die LAZ-Halle steht symbolisch für den Zustand der Sportstätten in der Pfalz und im ganzen Bundesland: Es bröckelt. Das Südwest-Stadion in Ludwigshafen verfällt mehr und mehr, die Zuschauerränge sind mehr Wiese denn Tribüne, Schwimmbäder sind in die Jahre gekommen, und Turnhallen droht landauf, landab der Kollaps. Weil der Brandschutz nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspricht oder die sanitären Anlagen kaputt sind. „Wir reden über übergewichtige Kinder und kranke Erwachsene“, sagt Klaus Kuhn, Präsident des Sportbunds Rheinhessen, „vieles davon wäre vermeidbar, wenn wir genügend Turnhallen und verlässliche Sportstätten hätten.“ Auf rund 31 Milliarden Euro bezifferten DOSB, Deutscher Städtetag und Städte- und Gemeindebund den bundesweiten Sanierungsstau für marode Sportstätten bereits vor einigen Jahren. Weniger wird es kaum geworden sein.

Eine der Errungenschaften des organisierten Sports im Bundestagswahlkampf vor gut einem Jahr war die sogenannte „Sportmilliarde“, ein Sonderprogramm für all die sanierungsbedürftigen Turnhallen, Sportplätze, Schwimmbäder – finanziert aus dem 500-Milliarden-Sondervermögen der Bundesregierung für die Infrastruktur. Hieß es zunächst, die Milliarde solle jährlich fließen, stand zum Ende der Koalitionsverhandlungen jedoch etwas anderes im Regierungsvertrag: „Mindestens eine Milliarde Euro“ sei nun vorgesehen, für die gesamte Legislatur wohlgemerkt. Übrig geblieben sind letztlich mehrere Tranchen von jeweils 333 Millionen Euro.

Viel Nachfrage, kaum Angebot

Die Nachfrage der Kommunen auf diese Fördergelder ist riesig, das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen spricht von Anträgen für über 7,5 Milliarden Euro. Auch nach Rheinland-Pfalz rieselt das Geld aus Berlin. Auf rund 440 Millionen Euro summieren sich die Anfragen, während nur 16 Millionen Euro in Rheinland-Pfalz ankommen. „Wenn Hallen nicht saniert werden, werden sie am Ende geschlossen – und dann findet dort überhaupt kein Sport mehr statt“, sagt Kuhn. Bei seinen „Wahlarenen“ erhält der LSB breiten Zuspruch von Sportlerinnen und Sportlern, Vereinen, Funktionären. Der Verband hat die eingeladen, bei denen der Schuh drückt, aber nicht die Öffentlichkeit. So lange der Betrieb halbwegs läuft, wird aber nicht klar, wie schlimm die Lage wirklich ist.

Wie hoch der Sanierungsstau in Rheinland-Pfalz tatsächlich ist, wissen weder Politik noch Landessportbund. Weil niemand weiß, wie viele Sportstätten es überhaupt gibt – und wie viele und welche davon marode und sanierungsbedürftig sein. Ein digitaler Sportstättenatlas ist im Entstehen. Endlich, sagen viele. Eine solche Übersicht bedeutet aber auch, sich ehrlich zu machen, betont Sportwissenschaftler und Projektleiter Lutz Thieme von der Hochschule Koblenz immer wieder: Ist die Sport-Infrastruktur von heute diejenige, die die Menschen in eineinhalb Jahrzehnten brauchen? Was kann umgebaut und angepasst werden? Bei welcher Sportstätte ist es sinnvoller, sie aufzugeben? Und: Ist der Sport auch bereit, sich diesen unbequemen Fragen zu stellen?

Für LSB-Präsident Storck steht fest: Der Sport hat eine „gesellschaftliche Macht“, das was er aktuell ausruft bezeichnet der Südpfälzer selbstbewusst als „Wahlkampf der Sports“. Die finanzielle Ausstattung hingegen zeige den Stellenwert, den der Sport im politischen Bewusstsein in Mainz habe. „Wir haben fest damit gerechnet, dass vom Sondervermögen des Landes zehn Prozent in den Sport fließen können. Das war auch so signalisiert“, sagt er. „Wir waren sehr erstaunt, dass letztendlich nur ein Prozent übrig geblieben ist, nicht ganz 20 Millionen Euro auf zwölf Jahre verteilt.“ Bei der Erstellung des Finanzplans sei der Sport nicht beteiligt gewesen, nicht einmal um Stellungnahme gebeten worden. „So geht man nicht mit einem Partner um“, sagt Storck, „wenn man immer wieder betont, dass man sich auf Augenhöhe begegnen möchte.“ Wahrscheinlich ist auch das Teil des Problems: dass Sport und Politik sich immer wieder in einer partnerschaftlichen Nähe sehen – und nicht in einer professionellen Distanz.

Abwandern als Gefahr

Yemisi Ogunleye gewann im Sommer 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris die Goldmedaille im Kugelstoßen. Die 27-jährige Leichtathletin aus Bellheim bei Germersheim trägt die Pfalz im Herzen – aber nicht auf dem Trikot. Sie tritt für die MTG Mannheim an. „Wenn wir unsere Leistungssportler nicht unterstützen, brechen uns auf Sicht die Stützpunkte weg“, sagt Klaus Kuhn, „dann gehen unsere Talente in andere Bundesländer.“ Dieses Abwandern liegt für ihn auch in der mangelhaften Infrastruktur begründet. „In Mainz fehlt seit mehr als 30 Jahren eine Großsporthalle, in Kaiserslautern wird ebenso lange eine Radsporthalle gefordert“, sagt er. Ein wettkampftaugliches 50-Meter-Hallenbad für die Schwimmer gibt es in ganz Rheinland-Pfalz ebenfalls nicht. Im Vergleich der Bundesländer ist das laut LSB einzigartig. Abseits des Fußballs mit dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 existiert kaum Profisport – und die Friedrich-Ebert-Halle, in der die Eulen Ludwigshafen ihre Gegner in der Zweiten Handball-Bundesliga empfangen, ist stark modernisierungsbedürftig. Geht es nach dem LSB, darben Spitzen- und Breitensport Hand in Hand vor sich hin.

Ein Sportstättensanierungsplan 2030 und der Abbau von Bürokratie sind die Kernforderungen des rheinland-pfälzischen Sports zur anstehenden Landtagswahl. LSB-Präsident Storck ist davon überzeugt, diese Anliegen in den Programmen der Parteien verankert zu haben. Müsste er sich für einen Punkt entscheiden, den die künftige Regierung umsetzt, nennt der 68-Jährige aber etwas anderes: Er hätte gerne einen zentralen Ansprechpartner, am besten direkt in der Mainzer Staatskanzlei. „Der Sport ist im Moment ein Anhängsel, und genau so wird er auch behandelt“, kritisiert Storck.

Was, wenn der andere genauer hinschaut?

Sieben Ministerien kümmern sich um den Sport in Rheinland-Pfalz, vom Innenministerium über das Bildungsministerium, wenn es um Schulsport geht, hin zum Forstministerium bei Fragen zu Sport in der Natur, vom Mountainbiken bis zum Nordic Walking. „Wir wollen jemanden, der das Ganze bündelt. Jemand, der auch entsprechendes Durchgriffsrecht besitzt“, fordert Storck.

Den Wunsch nach einer eigenen Stabsstelle in Berlin hegte auch der DOSB seit Langem. Die Hoffnung: mehr Aufmerksamkeit, mehr Relevanz. Auch Volker Bouffier hat sich dafür stark gemacht. Inzwischen hat die Bundesrepublik eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt. Doch kaum war Christiane Schenderlein (CDU) im Amt, begann im organisierten Sport bereits das Murren. Denn wer mehr Einfluss fordert, muss auch akzeptieren, dass auf der anderen Seite jemand sitzt, der genauer hinschaut und Dinge kritisch hinterfragt.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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