Künstliche Intelligenz
Kann ein Chatbot Glauben erklären?
Wenn ich Gott nicht mag, was sollte ich tun?“ Diese provokante Frage – eingegeben ins Chatfenster – fordert den Bot heraus. Die Künstliche Intelligenz braucht Zeit, um zu überlegen. „Ich denke nach“, heißt es auf dem Bildschirm. Einen langen Moment später kommt die Antwort auf Japanisch. Frei übersetzt lautet sie: „Wenn du das Gefühl hast, Gott nicht zu mögen, ist es wichtig, ihm diese Gefühle ehrlich mitzuteilen und deine Beziehung zu ihm im Gebet zu vertiefen.“
Daran anschließend noch der Rat: „Konzentriere dich auch auf die Gnade, die daraus erwächst, sich nach seinen Geboten auszurichten, und baue so nach und nach Vertrauen zu ihm auf.“ Direkt über dieser Antwort prangt ein längeres Zitat aus einer Zeit, als noch anders über Gott gesprochen wurde. Dazu eine Quellenangabe: Martin Luthers Kleiner Katechismus. Was ist hier los?
Von Priestern und Gelehrten getestet
Seit Kurzem ist im Internet ein auf Künstlicher Intelligenz basierender Chatbot in japanischer Sprache abrufbar. Er soll der japanischen Öffentlichkeit das Christentum erklären, sagt Seiji Kumagai, buddhistischer Abt und Professor für Buddhistische Lehre an der Universität Kyoto: „Der Chatbot ist jetzt bereit für Tests. Wir könnten ihn noch anpassen, je nachdem, ob er sich als Arbeitshilfe an Geistliche oder als Erklärtool für die Allgemeinheit richten soll.“
Aktuell läuft ein Prozess, den Bot durch Experten testen zu lassen, Priester oder Gelehrte hier in Japan. „Acht Personen haben wir schon rekrutiert“, so Kumagai. „Wir wollen aber um die 30 Test-User.“ Für Seiji Kumagai und seine Forschungsgruppe, die aus Religionsexperten und Programmierern besteht, ist der „Protestantische Katechismus-Bot“ eine Art Spin-off, ein Ableger eines anderen Projekts.
Schon 2023 präsentierte Kumagais Team den „Buddha-Bot“, einen mit Künstlicher Intelligenz betriebenen Chatbot, der anhand buddhistischer Sutras Fragen beantwortet. Das Konzept hat hohe Wellen geschlagen. In Bhutan, dem buddhistischen Königreich am Rand des Himalayas, das auch für seine Klöster bekannt ist, wird der „Buddha-Bot“ nun von mehreren Tempeln genutzt.
Die Glaubenstexte sind als Grundlage entscheidend
Warum aber jetzt auch ein christlicher Bot – und dies ausgerechnet in Japan, wo kaum ein Prozent der Bevölkerung christlich ist? „Die Idee für einen christlichen Bot hatten wir schon vor Jahren. Aber uns fehlte am Institut die Expertise. Jetzt haben wir aber endlich Experten fürs Christentum im Team.“ Das Wissen, wie man einen Chatbot entwickelt, sei wiederum durch die Erfahrungen mit dem Buddha-Bot erprobt.
Der „Protestantische Katechismus-Bot“ basiert aktuell auf dem Neuen Testament, Martin Luthers Kleinem Katechismus und dem Westminster-Katechismus. Daraus generiert er Interpretationen oder weitere Erklärungen auf Grundlage der Sprachdatenbank von OpenAI, des Softwareunternehmens, das ChatGPT entwickelt hat.
Warum sich der Bot bisher auf diese drei Texte begrenzt, wo das Christentum doch viel größer ist? Eine weltanschauliche Entscheidung sei das nicht gewesen, so Kumagai: „Es geht da vor allem um Copyright! Wir wollen den Chatbot nur in Kooperation mit entsprechenden Institutionen entwickeln.“ Bei der römisch-katholischen Kirche etwa sei das aktuell aber schwierig. Papst Leo XIV. veröffentlichte an Pfingstmontag sogar die erste KI-Enzyklika, in der er die Vorteile der Künstlichen Intelligenz zwar anerkennt, sie aber auch kritisch einordnet und sogar vor ihr warnt.
Das Christentum ist viel mehr als nur Katechismen
„An sich würden wir gern auch einen katholischen Bot entwickeln. Aber bisher fehlen uns auch die Kontakte“, sagt Seiji Kumagai. Die Pläne der Forschungsgruppe aus Kyoto gehen aber noch viel weiter. Das hat Kumagai zuletzt in einem Text auf der Website des mit Japans Außenministerium verbundenen Foreign Press Center Japan erklärt.
„Zukünftig planen wir, das Lernmaterial um eine breitere Auswahl an Katechismen und Bekenntnisschriften für Geistliche und Gelehrte zu erweitern“, heißt es da. „Dazu gehören protestantische Bekenntnisschriften wie Luthers Großer Katechismus, die ,Confessio Augustana’, der Heidelberger Katechismus, der Große Westminster-Katechismus, alte christliche Glaubensbekenntnisse, die eng mit der Orthodoxen Kirche verbunden sind, sowie der Katechismus der Katholischen Kirche.“
Wobei sich eine Frage aufdrängt: Wie wird die Qualität des Bots gesichert, zumal das Christentum nicht nur aus Katechismen besteht? Für die Qualitätssicherung ist vor allem Kunio Hase verantwortlich, der mit einer Arbeit über das Christentum in Japan promoviert hat und seither alle möglichen Fragen an den Bot prüft: „Hunderte häufig gestellte Fragen habe ich schon abgesichert. Manchmal halluziniert eine KI und gibt seltsame Antworten.“ Wenn er so etwas sehe, passe er die Antworten an.
KI-basierte Antworten, bei denen menschliche Priester die Hände überm Kopf zusammenschlagen würden, kommen schon vor: „Wir hatten zum Beispiel die Frage, wie man damit umgehen solle, wenn der Partner einen Seitensprung gemacht hat“, so Hase und muss lachen: „Der Chatbot sagte erst, man selbst trage da eine Mitverantwortung. Als ich das sah, musste ich lachen, und passte das an. Er sollte etwas mehr Mitgefühl zeigen, fand ich.“
Die japanische Glaubenspraxis ist weniger dogmatisch
Bisher mischt der Bot die drei Grundlagentexte zusammen. Künftig will Hase die User auswählen lassen, auf Grundlage welcher Texte sie Antworten auf ihre Fragen erhalten. Und: „In der Kirche gibt es natürlich die Tradition der Textinterpretation, die sehr wichtig ist. Einfach nur Texte zitieren, wäre zu wenig. Zum Beispiel bei der Frage nach Homosexualität – hier wollen wir nicht nur eine, sondern verschiedene Lesarten anbieten.“
Work in progress also. Weitere Probleme könnten noch bei der Übersetzung in westliche Sprachen auftreten. „Die christliche Vorstellung von Sünde, Erlösung oder Gnade sind hier stark systematisiert und oft an ein personalisiertes Gottesbild gebunden“, sagt Vincent Lesch, Japanologe an der Universität Heidelberg. Die religiöse Praxis in Japan sei da weniger exklusiv und auch nicht so dogmatisch. „Ein Chatbot aus Japan könnte dann diese Konzepte ungenau oder auch zu allgemein darstellen.“
Hinzu komme auch ein unterschiedliches Verständnis von Gemeinschaft und individueller Verantwortung im Glauben, das sich dann in den Antworten des Chatbots widerspiegeln könnte. Und dann seien da noch sprachkulturelle Hürden, sollte der Bot künftig etwa auf Deutsch erscheinen: „Japanische Interaktionsnormen sind oft indirekt und stärker auf Harmonie ausgerichtet, wenn man es so nennen will“, so Lesch.
„Im deutschen Kontext, im christlichen Kontext, insbesondere bei theologischen Fragen, erwartet man eher eine klare Positionierung.“ Insgesamt bestünde dann wahrscheinlich die Gefahr, dass der Chatbot hier zwar formal korrekt funktioniert, aber inhaltlich nicht präzise genug ist. Um das zu verhindern, bräuchte es Deutschsprachige, die den Bot testen und anpassen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.