Alltagsmanager RHEINPFALZ Plus Artikel Junkfoodsucht – wie man davon loskommt

Mmmmmh, sagt die Mama. Eigentlich blöd, dieses salzige Zeug. Aber mmmmmh. Hey!, schreit der Papa. Hast du meine Chips gefressen?
Mmmmmh, sagt die Mama. Eigentlich blöd, dieses salzige Zeug. Aber mmmmmh. Hey!, schreit der Papa. Hast du meine Chips gefressen? Das waren meine Chips! Du hast genug auf den Rippen, sagt die Mama. Iss Salat.

Tiefkühlpizza oder Kartoffelchips – laut einer US-Studie ist jeder achte ältere Erwachsene abhängig von hochverarbeiteten Lebensmitteln.

„Schokolade ist meine Droge“ oder „Ich bin süchtig nach Käse“, witzelt so mancher gern. Aber können Lebensmittel wie Drogen wirken, ähnlich abhängig machen wie zum Beispiel Alkohol, Nikotin, Heroin oder Opioide?

Das haben sich auch Forscher der University of Michigan gefragt. Für ihre Studie, die im Fachblatt „Addiction“ veröffentlicht wurde, haben die Wissenschaftler über 2000 Männer und Frauen zwischen 50 und 80 Jahren online interviewt. Unter anderem wollten die Forscher damit auch suchtähnliche Reaktionen auf hochverarbeitete Lebensmittel erfassen.

Das Ergebnis: 12,4 Prozent der Befragten erfüllten die Kriterien für eine ausgeprägte Abhängigkeit von Fertigprodukten. Bei Frauen in den Wechseljahren lag die Quote sogar bei 25 Prozent. Sie berichteten überdies, besonders stark von Heißhunger und Entzugserscheinungen heimgesucht zu werden und sich durch das eigene Essverhalten emotional stark belastet zu fühlen.

Die Beschäftigung mit Schokolade, Chips, Soft-Drinks und Co. war zum Teil so intensiv, dass nur noch wenig Platz für Arbeit und Haushalt sowie Familie und Freunden blieb.

Mehr Essen, weniger Sozialleben

Die leergeputzte Chipstüte oder Schoko-Eis-Packung wirkt also auch aufs Sozialleben. Und auf die Gesundheit ohnehin, allein wegen des hohen Kaloriengehaltes vieler hochprozessierter Lebensmittel. Die Frauen der Studie hatten ein um elffach und die Männer sogar ein 19-fach höheres Risiko für Übergewicht, sofern sie eine Abhängigkeit von hochverarbeiteter Nahrung zeigten.

Eine wesentliche Rolle für den Suchtfaktor dieser Lebensmittel spielt deren meist hoher Zucker- und Fettgehalt. Wie schwer es ist, dieser Kombination zu widerstehen, untermauert eindrucksvoll ein Laborexperiment an Ratten, das ein Forscherteam um Monika Pischetsrieder von der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt hat.

Die Nager wurden entweder mit normalem Rattenfutter verköstigt – oder aber mit einem Futter, dessen Zucker und Fette in einem wechselnden Mengenverhältnis vermischt waren. Das Ergebnis: Bestand das Futter aus 50 Prozent Kohlenhydraten und 35 Prozent Fett, wie es bei Kartoffelchips, Erdnussflips, Schokolade und Nuss-Nougat-Creme der Fall ist, fraßen die Tiere innerhalb kürzester Zeit am meisten.

„Sie deckten dann innerhalb von 30 Minuten die Hälfte ihrer täglichen Kalorienaufnahme“, erzählt Pischetsrieder. Auffallend war außerdem, dass die Nager, obwohl eigentlich nachtaktiv, auch tagsüber naschten. Sie konnten einfach nicht davon lassen. Dass ausgerechnet der 50-35-Zucker-Fett-Mix so verlockend ist, hat vermutlich evolutionäre Gründe.

Der optimale Energiemix

„Er liefert den optimalen Mix aus schnell verfügbaren und nachhaltigen Energien“, erklärt Pischetsrieder. Mehr Zucker würde zwar schneller, aber dafür nicht so lange, und mehr Fett würde zwar länger, aber dafür nicht so schnell Energie liefern.

Daher also unsere naturgegebene Lust auf den Zucker-Fett-Mix, mit leichtem Überhang an Zucker, weil der vom Energieverbrenner Nummer 1 im Körper – dem Gehirn – bevorzugt wird.

Neben häufig reichlich Kalorien enthalten hochverarbeitete Nahrungsmittel oft Aromen oder auch Geschmacksverstärker. Und sie verführen einen durch ihre attraktiven Farben und ihre mundgerechte Art: Fruchtjoghurt und Schokopudding sind besonders cremig, die Kartoffelchips so knusprig, dass es regelrecht kracht beim Kauen. So werden beim Essen mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen. Nicht zu vergessen, dass ultraprozessierte Nahrung ständig leicht verfügbar ist.

„In einer Marktanalyse mit über 24.000 Lebensmitteln konnte meine Arbeitsgruppe zeigen, dass etwa die Hälfte der in deutschen Supermärkten angebotenen Produkte hochverarbeitet ist“, berichtet Ernährungsmediziner Mathias Fasshauer von der Universität Gießen. Hinzu kommt, dass für diese Nahrungsmittel deutlich mehr geworben wird als für ihre nicht-verarbeiteten Varianten. Und sie oft bunt verpackt sind, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Besteuern, kennzeichnen, keine Werbung

Fasshauer geht davon aus, dass die gleichen Maßnahmen, die bereits zur Eindämmung des Tabakkonsums eingeleitet wurden, auch bei der hochverarbeiteten Nahrung greifen würden: „Dazu gehören die Besteuerung, die Kennzeichnungspflicht und Werbeverbote.“

Es gibt jedoch auch Wissenschaftler, für die der Vergleich der ultraprozessierten Nahrungsmittel mit klassischen Drogen zu weit geht. So bezweifelt die österreichische Ernährungswissenschaftlerin Marlies Gruber, „ob Lebensmittelsucht tatsächlich als eigenständige Erkrankung zu sehen ist“.

Es könne auch sein, dass es sich dabei um die Facette einer Essstörung handle. Die Betroffenen hätten demnach schon Probleme mit der Kontrolle, die dann durch die leichte Verfügbarkeit der hochprozessierten Nahrung weiter befeuert werde.

Am häufigsten steht jedoch der Begriff der hochverarbeiteten Nahrungsmittel in der Kritik. Denn dazu gehören ja nicht nur Chips und Eiscreme, sondern zum Beispiel auch gesunde Produkte wie ungesüßte Haferdrinks und abgepacktes Vollkornbrot.

Selber kochen

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt denn auch zu bedenken, dass derzeit „kein wissenschaftlicher Konsens über einheitliche, objektive und eindeutige Kriterien für eine Beschreibung von Verarbeitungsgraden“ existiert.

Der Konsument steht also vor dem Problem, dass er, wenn er aus gesundheitlichen Gründen alle hochverarbeitete Nahrungsmittel von seinem Speiseplan verbannt, möglicherweise auch die hinauskegelt, die gar nicht ungesund sind. Da wäre es vermutlich effektiver, eine einfache Strategie zu entwickeln, um besser zu essen. So könnte man sich etwa vornehmen, selbst zu kochen.

Wie effektiv das für die Gesundheit sein kann, zeigt eine Untersuchung der Johns Hopkins University in Baltimore. Wie die Wissenschaftler feststellten, aßen Menschen, die fast täglich zu Hause kochten, rund 150 Kilokalorien und 26 Gramm weniger Zucker pro Tag als diejenigen, die seltener als einmal pro Woche zum Kochlöffel griffen.

Der Grund: Wer selbst kocht, kann auch selbst entscheiden, wie viel Zucker und Fett im Essen landet.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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