Katholische Kirche
Ist Papst Franziskus doch ein Reformer?
Als am Abend des 13. März 2013 der Argentinier Jorge Maria Bergoglio vom Balkon des Petersdoms die wartende Menge mit einem zurückhaltenden „bona sera“ begrüßt, zeigen sich viele Vatikanexperten überzeugt: Der neue Papst wird frischen Wind in die katholische Kirche bringen. Mehr als elf Jahre später herrscht Enttäuschung vor. Zumindest kann von einem Durchbruch in den Reformdebatten nicht die Rede sein. Aber in seiner Amtszeit hat Franziskus, inzwischen 87 Jahre alt, durchaus Veränderungen angestoßen.
Die erste und augenscheinliche liegt in der Wahl seiner Kleidung. Als der neue Papst sich in Rom das erste Mal den Gläubigen und der Welt zeigt, trägt er eine schlichte weiße Soutane. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern verzichtet er auf die traditionelle purpurfarbene Stola mit goldenen Stickereien. Prunk und Protz lehnt Franziskus ab. Er trägt weder die roten Papstschuhe noch teure Messgewänder. Bis heute wohnt er nicht im Apostolischen Palast, sondern bezieht ein Zimmer im vatikanischen Gästehaus Santa Marta. Der Papst, der sich nach dem Bettelmönch Franz von Assisi benannt hat, will die Benachteiligten und Armen nicht vergessen.
Neben den Äußerlichkeiten sind es auch Äußerungen des Papstes, wie etwa, dass die Kirche eine Kirche der Armen sein und an die Ränder der Gesellschaft gehen müsse, die den Eindruck erwecken, dieser Papst würde alles anders machen. Aber theologisch bleibt die Frage: Wie groß ist der Unterschied zu seinen Vorgängern?
Im Jahr 2016 veröffentlicht der Papst mit „Amoris laetitia“ ein Schreiben, das für viel Aufmerksamkeit sorgt. Es ist weniger der Text insgesamt, als vielmehr die Fußnote 351. Sie entfacht unter Kirchenmännern und Theologieprofessoren eine Interpretationsdiskussion, da unterschiedliche Auslegungen kursieren. Konkret bezieht sich die Anmerkung auf geschiedene und wieder verheiratete Paare, die nach katholischer Lehre die Sakramente eigentlich nicht empfangen dürfen. Abschließend und eindeutig hat der Papst die Diskussion nie wirklich geklärt.
Franziskus’ Äußerungen sind häufig interpretationsoffen. Ziel des Schreibens „Amoris laetitia“ war, die katholische Ehe- und Familienpastorale zu erneuern. Von einem ehrlichen Blick auf die Lebenswirklichkeit der Menschen sprach Franziskus. Eine durchgreifende Reform ist das aber eben nicht.
Immerhin klarer ist der Papst, wenn es um den Zölibat und um die Priesterweihe von Frauen geht. Im Vorfeld der Amazonassynode 2019 wird über die Möglichkeit der Zulassung sogenannter „viri probati“, verheirateter „verdienter Männer“, diskutiert. Angesichts des Priestermangels in dem riesigen Gebiet sollen sie Sakramente spenden können. Im nachsynodalen Schreiben ist dann aber davon keine Rede mehr gewesen. Der Papst erlaubt diese besondere Form ebenso wenig wie das Frauenpriestertum.
Medial gewaltig ist das Echo dann kurz vor Weihnachten 2023, als der Pontifex die Segnung homosexueller Paare zulässt. Franziskus sei wohl doch ein echter Reformer, heißt es plötzlich. Auch diesmal verpufft die Euphorie schnell. An der lehramtlichen Verurteilung homosexueller Handlungen und der Aufforderung, homosexuellen Menschen mit „Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen“ hat sich nichts geändert. Vielmehr ermöglicht die Erklärung „Fiducia supplicans“ einfache spontane Segnungen auch für gleichgeschlechtliche Paare. Eine Gleichstellung mit Ehepaaren ist nicht gemeint. Vielmehr soll darauf geachtet werden, dass die spontane Segnung nicht im Rahmen eines Gottesdienstes stattfindet oder mit einem solchen verwechselt werden kann. Wie bei der Zulassung wieder verheirateter Paare wird lediglich zur Kenntnis genommen, was sowieso über Jahre hinweg zur Praxis nicht weniger Priester und Gemeindepfarrer gehört.
Kurie neu aufgestellt
Zur Geschichte der Enttäuschungen im Kirchenvolk gehört auch die Erkenntnis, dass aus dem Vatikan Veränderungen, wenn überhaupt, nur in Trippelschritten zu erwarten sind. Auch dieser Papst muss sich gegen viele Widerstände und Machtkämpfe innerhalb der Kurie behaupten. Hier könnte langfristig das wahre Erbe des Franziskus-Pontifikats liegen. Der Argentinier hat zahlreiche Personalien bestimmt, die die Zukunft der Kirche und des Glaubens gestalten werden.
Dass Franziskus hier strategisch vorgeht, zeigt sich daran, dass es so manchen internen Ärger gibt. Mit der 2022 abgeschlossenen Kurienreform öffnet Franziskus die Leitungsebene für Laien und Frauen und verordnet mehr Transparenz bei den Finanzgeschäften des Vatikans. Ein heißes Eisen. So sehr er bei der Kurie durchgreift, so enttäuschend bleiben aber aus deutscher Sicht seine Äußerungen während und nach dem Reformprozess Synodaler Weg. Immer wieder haben die Synodalen den Gegenwind aus dem Vatikan zu spüren bekommen und erzkonservative Bischöfe in Deutschland römische Unterstützung gehabt.
Dennoch bleibt Hoffnung, dass dem Papst bei der Weltsynode, die vom 2. bis 27. Oktober in ihre letzte Phase geht, konkrete Reformanliegen unterbreitet werden. An der Weltsynode nehmen 368 Männer und Frauen von allen Kontinenten teil. Die Beteiligung von Frauen ist ein Novum. Aber die Synode in Rom ist keinesfalls ein Organ der demokratischen Mitbestimmung. Die Teilnehmer geben nur Impulse und es werden Vorschläge aus allen Teilen der Welt zu bestimmten Themen gesammelt. Knackpunkt des Prozesses ist seine thematische Offenheit.
Was mit den Vorschlägen der Synode letztlich passiert, entscheidet am Ende ein Mann alleine. Und der muss immerhin auch die Einheit der 1,4 Milliarden Katholiken im Blick behalten und die Einheit wahren. Ringt sich Papst Franziskus zu einer Reform durch, die den Namen verdient? Bisher ist er kein Reformer. Man könnte es so zusammenfassen: Fenster hat er geöffnet, den Schlüssel für die Tür hinaus in den frischen Wind hat er noch nicht gefunden – oder zu benutzen gewagt.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.