Fußball
Ist der FCK schon reif für die Bundesliga? Das sagt Jürgen Kohler
Herr Kohler, wie sehr hat Sie der Film „Ein Sommer in Italien“ über den deutschen WM-Triumph 1990 berührt?
Ich habe den Film noch gar nicht gesehen, weil ich geschäftlich so viel zu tun hatte. (lacht) Ich habe darüber aber gelesen und wollte ihn mir jetzt bald angucken. Man hört auf jeden viel Gutes über den Film.
War die Weltmeisterschaft 1990 die schönste Zeit in Ihrer Fußballerkarriere?
Klar, Weltmeister wirst du in deinem Fußballerleben normalerweise höchstens einmal. Das waren schon sehr besondere Wochen. Die Stimmung in den italienischen Stadien war grandios, die deutschen Fans haben uns großartig unterstützt. Es war eine tolle Zeit.
Wie wichtig es für Sie, dass sich die Weltmeister von 1990 in regelmäßigen Abständen treffen?
Wenn ich es schaffe, bin ich da immer dabei. Es ist sehr schön, die alten Jungs wiederzusehen und sich auszutauschen.
„Man sieht die Zeit laufen“
Und merkt man langsam, dass die Zeit endlich ist?
Ja, es haben mit Franz Beckenbauer, Andi Brehme und Frank Mill schon einige Größen Abschied genommen. Da wirst du schon nachdenklich. Ich bin 60 geworden, Lothar (
Gehen wir zurück in die Gegenwart. Sie sind aktuell Trainer der B-Jugend beim Bonner SC und übernehmen in der kommenden Saison die A-Jugend des Vereins. Was reizt Sie an der Arbeit im Jugendbereich?
Ich mache das im Prinzip ehrenamtlich, weil es bei mir vor der Haustür liegt. Das ist aber noch einmal ein ganz anderes Ambiente in Bonn, weil ich sehr viele Spieler mit Migrationshintergrund im Team habe. Wenn man sich das ehrlich anschaut, bleibt vielen von diesen Jungs nur der Fußball, um Anerkennung zu finden. Deshalb macht es auch sehr viel Spaß, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Sie sind also nicht nur als Fußball-Trainer, sondern auch ein bisschen als Sozialarbeiter gefordert.
Ich bin fast mehr Sozialarbeiter als Trainer. Aber wir haben auch vier Spieler in ein Nachwuchsleistungszentrum gebracht und einen sogar zum Nationalspieler gemacht. Das spricht für die Jugendarbeit beim Bonner SC und macht die Aufgabe spannend und reizvoll.
Sind Sie als Trainer bei Jugendspielen mit Bonn immer noch so ehrgeizig wie früher als Profi?
Ich kann leider immer noch ganz schlecht verlieren. (lacht) Normalerweise wird man mit dem Alter ja ruhiger, aber das ist leider in meinen Genen drin.
Die Familie hatte Vorrang
Sie haben sich beruflich ein zweites Standbein als Unternehmensberater geschaffen. War die Kombination aus Jugendtrainer und Berater eine bewusste Entscheidung gegen einen Job in verantwortlicher Rolle im Profifußball oder hat es sich einfach so ergeben?
Das hat sich so ergeben. Ich habe drei Kinder und dann muss sich irgendwann einmal entscheiden, was man eigentlich will. Da bin ich auch ehrlich: Da hat meine Familie dann Vorrang gehabt, ich wollte nicht mehr unterwegs sein. Ich habe einen großen Vorteil: Ich bin frei in meinen Entscheidungen, ich kann tun und lassen, was ich will. Das macht es für manche schwieriger, weil ich nicht so leicht steuerbar bin. Wer Kohler holt, weiß auch, was in Kohler drinsteckt: Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Werte. Ich bin vielleicht nicht der größte Diplomat, aber auf der anderen Seite wissen die Leute, wo sie bei mir dran sind.
Wie nehmen Sie die Entwicklung des Profifußballs generell wahr? Stichwort Beraterhonorare und explodierende Gehälter?
Wir werden das nicht aufhalten, die Spirale wurde irgendwann einmal durch das Bosman-Urteil losgetreten. Schon zu unserer Zeit haben wir ja ehrlicherweise gut vom Fußball leben können. Mein Credo ist immer gewesen: Egal, was kommt, wichtig ist es, einmal am Tag etwas Warmes zu Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben.
Diese Bescheidenheit, die da durchklingt, ist das etwas, das Sie von Ihrem Elternhaus in Lambsheim mit auf den Weg gegeben bekommen haben?
Ja, ich bin in bescheidenen Verhältnissen groß geworden. Ich habe zum Beispiel die Klamotten von meinem fast zehn Jahre älteren Bruder getragen. Ich weiß schon, wie das ist, wenn man sich nicht alles leisten kann. Aber ich habe eine glückliche Kindheit und danach ein glückliches Leben gehabt.
Sie leben mit Ihrer Familie im Kreis Ahrweiler in der Nähe von Bonn. Wie viel Pfalz steckt denn nach 60 Jahren noch in Jürgen Kohler?
Ich bin Pfälzer durch und durch. Ich fühle mich als Pfälzer, da ist sehr viel Herzblut dabei. Die Pfälzer sind sehr offen, geradlinig, direkt. Das sind Attribute, die gefallen mir sehr gut.
Bedauert, nicht für den FCK gespielt zu haben
Aber für den FCK haben Sie nie gespielt.
Das habe ich immer bedauert. Das ist mir ja eigentlich in die Wiege gelegt worden, in Lambsheim gab es quasi nur FCK-Fans. Aber ich muss auch sagen, dass ich Waldhof Mannheim als Fußballer alles zu verdanken habe.
Sie sind ja weiterhin ein reger Beobachter der Geschehnisse in der Ersten und Zweiten Liga, ob als Experte im „Kicker“ oder dem Fußballtalk „Doppelpass“. Aus der Ferne betrachtet: Wie bewerten Sie grundsätzlich die Entwicklung des 1. FC Kaiserslautern in den vergangenen Jahren?
Der FCK hat ja auch schwere Zeiten hinter sich, wenn ich nur an die Insolvenz zu Corona-Zeiten denke, als es gegen den Abstieg aus der Dritten Liga ging. Aus dieser Phase ist der FCK gestärkt hervorgegangen und in die Zweite Liga aufgestiegen. Da wurde dann relativ oft der Trainer gewechselt. Wenn man die vergangenen Jahre resümiert, wurden schon gute Entscheidungen getroffen, aber nicht alle waren richtig.
Muss der FCK so schnell wie möglich zurück in die Bundesliga?
Der FCK hat natürlich das Potenzial für die Bundesliga. Wobei ich auch sagen muss: Mit der jetzigen Mannschaft wird das eher nichts. Ich war beim Derby im Stadion, da haben sie zwar 3:0 gewonnen, aber es war auch ein ganz schwaches Spiel vom KSC – ohne die Lauterer Leistung schmälern zu wollen. Man hat jedoch gesehen, dass noch einiges für ganz oben fehlt. Ich würde mir aber natürlich wünschen, dass es innerhalb der nächsten zwei Jahre mit dem Aufstieg klappt.
Wunsch: FCK und Waldhof sollen aufsteigen
Eine Etage tiefer als Kaiserslautern spielt der SV Waldhof, Ihr Jugendverein. Die Mannheimer spielen jetzt ihre bereits siebte Saison in der Dritten Liga. Steckt der Waldhof dort fest oder haben Sie Hoffnung, dass es auch einmal wieder in die Zweite Liga gehen könnte?
Hoffnung hat man ja immer. Ich kenne Bernd (
Das klingt nach einem salomonischen Vorschlag.
Ich meine das auch so. Ich bin großer Anhänger von beiden Klubs. Der FCK war als Kind mein Herzensverein, auf der anderen Seite ist Mannheim meine Stadt geworden. Ich fühle mich auch als Mannheimer. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Und diese große Feindschaft unter den Fanlagern kann ich ohnehin nicht verstehen.
Borussia Dortmund, ein anderer prägender Verein in Ihrer Karriere, hat mit einer überraschenden Personalie für Schlagzeilen gesorgt. Der Elversberger Manager Nils-Ole Book ersetzt den beurlaubten Sportdirektor Sebastian Kehl. Trauen Sie Book zu, beim großen BVB genauso erfolgreich zu arbeiten wie er es im beschaulichen Elversberg getan hat?
Das wird die spannende Frage. In Elversberg war gefühlt kein Druck da. Was dort geleistet wurde, ist ohne Wenn und Aber außergewöhnlich. Aber das ist etwas ganz anderes als ein großer Traditionsverein wie Borussia Dortmund. Dieser Klub hat eine unheimliche Wucht und Energie. Fakt ist: Book bekommt vielleicht ein, zwei Jahre Schonzeit – wenn dann die Ergebnisse nicht stimmen, kann es auch ungemütlich werden. Ole Book hat in Elversberg wirklich herausragend gearbeitet, aber der BVB ist jetzt eine andere Kategorie.
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