Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Israelische Winzer: „Ihr habt es gut hier, mit freundlichen Nachbarn“

Im Herbst 2024 war die Weinlese des Ehepaars Belogolovsky und anderer israelischer Winzer lebensgefährlich. Die islamistische Hi
Im Herbst 2024 war die Weinlese des Ehepaars Belogolovsky und anderer israelischer Winzer lebensgefährlich. Die islamistische Hisbollah beschoss den Norden Israels, wo viele Weinberge liegen, aus dem Libanon. Das Archivbild stammt vom August 2024.

Ein pfälzisches und ein israelisches Weingut sind seit 14 Jahren freundschaftlich verbunden. Was bedeuten Hamas-Überfall und Gaza-Krieg samt Folgen für die Partnerschaft?

Als am 7. Oktober 2023 die ersten Meldungen über den brutalen Hamas-Überfall auf Israel eintrafen, war die Welt geschockt – auch das Ehepaar Sabine-Mosbacher-Düringer (61) und Jürgen Düringer (62) aus Forst. Beide hatten Angst. Angst um gute Freunde im israelischen Kfar Vitkin, nur etwa 100 Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt: Sharona Paz-Belogolovsky (62), ihr Mann Doron Belogolovsky (65) und deren Familie. Die beiden Israelis sind Winzer – genauso wie das Ehepaar Mosbacher. Und auf dem Weingut der Pfälzer haben sie sich jetzt alle vier endlich wiedergetroffen, anlässlich der „Langen Nacht der Weingüter Deidesheim und Forst“ am vergangenen Samstag.

Projekt „Twin Wineries“

Zwischen dem letzten Treffen der beiden Ehepaare liegen gut zweieinhalb Jahre, in denen sich der Nahe Osten und auch die Welt verändert haben. In Tel Aviv sei das damals gewesen, erzählt Jürgen Mosbacher, direkt nach Ende der Corona-Pandemie und kurz vor dem Hamas-Überfall. Anlässlich einer Weinmesse, an dem die Pfälzer als „Wine Twins“ – als Weinzwillinge – des israelischen Weingutes Vitkin teilnahmen. Die Idee stammt von der in Deutschland aufgewachsenen Israelin Renée Salzmann. Die heute 71-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, Partnerschaften zwischen deutschen und israelischen Winzern zu stiften. Ihr seit 2008 bestehendes Projekt der „Twin Wineries“ ist ein Erfolg: 27 deutsch-israelische Pärchen gibt es inzwischen, unter ihnen zwei mit pfälzischer Beteiligung: neben dem Forster Weingut Georg Mosbacher und der Kellerei Vitkin noch das Weingut Eymann aus Gönnheim, das mit der Somek Winery aus Zichron-Yaacov in der Nähe von Haifa verschwistert ist.

Kein Online-Verkauf israelischer Weine

Familie Mosbacher und ihre israelischen Partner gehören seit fast 14 Jahren zu diesen „Zwillingen“. Aus der Weinpartnerschaft ist inzwischen eine echte Freundschaft der beiden Winzerfamilien erwachsen.

Präsentierten ihren Wein in Forst: Das israelische Winzer-Ehepaar Sharona Paz-Belogolovsky und Doron Belogolovsky aus Kfar Vitki
Präsentierten ihren Wein in Forst: Das israelische Winzer-Ehepaar Sharona Paz-Belogolovsky und Doron Belogolovsky aus Kfar Vitkin.

„Als wir uns vorgestellt wurden, hat es gleich gefunkt“, erinnert sich Sabine Mosbacher-Düringer. Sie passten prima zusammen; zwei Familienbetriebe mittlerer Größe mit Winzerfamilien in etwa demselben Alter. Wenn sich die Ehepaare Mosbacher und Belogolovsky treffen, dann sitzt man zusammen, isst gut, verkostet Wein und fachsimpelt. Und: Wer in der Vinothek Vitkin im nordisraelischen Hefer-Tal einkaufen geht, der kann auch die Weine von Mosbacher aus dem pfälzischen Forst erwerben. In Forst gibt es wiederum Weine von Vitkin.

Allerdings haben Hamas-Überfall und anschließender Gaza-Krieg Spuren hinterlassen. Online bietet Sabine Mosbacher-Düringer die israelischen Partnerweine nicht an – um sich unnötige Diskussionen zu ersparen. Und ob bei der Erwähnung des befreundeten Weinguts auf dem Flyer der „Langen Nacht“ Israel als Herkunftsland Erwähnung finden solle, da habe man auch lange hin- und her überlegt, erzählt die Winzerin. Und sich am Ende für Offenheit entschieden. Die auch nicht geschadet habe. Die Anwesenheit der Israelis habe zu keinerlei Diskussionen geführt. Im Gegenteil. Die Besucher seien sehr offen und interessiert gewesen.

Abneigung gegen Netanjahu

Das deutsch-israelische Kleeblatt ist ein Positivbeispiel. Über die Gräben der deutschen NS-Vergangenheit hinweg haben sie eine Freundschaft aufgebaut, die nicht selbstverständlich ist. In Deutschland habe sie sich immer gut aufgehoben gefühlt, erzählt Sharona Paz-Belogolovsky. Die anti-israelischen, zum Teil sogar antisemitischen Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern fänden natürlich ihren Niederschlag in der israelischen Berichterstattung, sagt die 62-Jährige, die mit ihrer Abneigung gegenüber der Regierung Netanjahu nicht hinterm Berg hält. Aber sie wisse ja, dass viele Deutsche den Nahostkonflikt differenzierter sähen. Auch bei Reisen nach Italien und nach Zypern hätten sie als Israelis viel Zuspruch und Sympathie erfahren.

 Freunde seit vielen Jahren: Doron Belogolovsky, Sabine-Mosbacher-Düringer, Sharona Paz-Belogolovsky und Jürgen Düringer (von li
Freunde seit vielen Jahren: Doron Belogolovsky, Sabine-Mosbacher-Düringer, Sharona Paz-Belogolovsky und Jürgen Düringer (von links) beim Besuch der Isrealis in Forst.

Der Hamas-Überfall, die Morde und Geiselnahmen, der anschließende Gaza-Krieg – all das habe die israelische Gesellschaft verändert, sagt Paz-Belogolovsky. Anfangs habe es einen großen Zusammenhalt, eine unglaubliche Solidarität unter den Menschen gegeben. „Aber Netanjahu und seine Regierung tun alles, um zu spalten. Ihnen ist jedes Mittel recht, um an der Macht zu bleiben“, sagt sie.

Sprengstofffallen an Leichen

Die Mutter dreier Söhne erzählt, wie ihre beiden Ältesten als Reservisten gleich am 7. Oktober eingezogen wurden. Wie einer der Söhne Sprengstofffallen von den Leichen der Ermordeten und von Terroristen im überfallenen Kibbuz Be ´eri entfernen musste. Wie er heute noch mit den Bildern von damals kämpft und deshalb in Therapie ist. Und sie schildert, wie sie im Herbst 2024 unter dem Beschuss der Hisbollah aus dem Libanon versuchten, die Ernte auf von ihren Weinbergen in Galiläa (Nordisrael) einzubringen. Neu sei eine solche Situation allerdings nicht. Leider. „Ihr habt es gut hier, mit freundlichen Nachbarn“, fügt die Israelin mit Blick auf das nahe Elsass hinzu. Immer wieder habe sie auf Frieden in ihrer Region gehofft, immer wieder wurden diese Hoffnungen enttäuscht.

„Das wird nie enden“

Die 62-Jährige erinnert sich noch gut an das Attentat eines jüdischen Extremisten auf den damaligen israelischen Premier Yitzhak Rabin vor fast genau drei Jahrzehnten. Damals starben mit Rabin auch die erfolgversprechenden Ansätze für eine Zweistaatenlösung und einen etwas friedlicheren Nahen Osten. Und dann der Hamas-Überfall. Erneut taumelte die Region in einen blutigen Konflikt. „Das wird nie enden“, befürchtet Doron Belogolovsky. Seiner Ansicht nach nutzen Machthungrige von allen Seiten die Religion, um ihre Interessen zu verfolgen. Ehefrau Sharona ist da etwas optimistischer. Sie setzt auf den Druck der US-Regierung auf das Kabinett Netanjahu. Hauptsache, es kehre endlich Ruhe ein, meint sie: „Auch ein kalter Friede ist Friede.“

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