Fitness RHEINPFALZ Plus Artikel Ischias: Die Pein im Bein

Ein Ischiasschmerz kann zwar starke Beschwerden auslösen, die Prognose ist aber meistens gut.
Ein Ischiasschmerz kann zwar starke Beschwerden auslösen, die Prognose ist aber meistens gut.

Ein Stechen und Brennen vom Rücken bis in die Beine – Probleme mit dem Ischiasnerv quälen viele Menschen. Ein Experte erklärt, was richtige Bewegung bewirken kann.

Ein brennender Schmerz, der vom Gesäß bis in die Beine schießen kann – Ischias-Beschwerden quälen viele Menschen. Laut Studien erleben 40 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens Ischias-Schmerzen. Schon in der Antike beschäftigten sich die Ärzte mit der Pein im Bein. Geprägt wurde der Begriff Ischias von dem berühmten Arzt Hippokrates von Kos, der als der Vater der modernen Medizin gilt.

Hippokrates beschreibt, dass diese Schmerzen bei jungen Patienten oft innerhalb weniger Wochen wieder abklingen, bei älteren Patienten aber auch über ein Jahr anhalten können. In der Beschreibung von Hippokrates konnten die Beschwerden entweder nur im Bereich der Lende oder Hüfte auftreten oder auch in die Leiste und das Bein ausstrahlen.

Ischias ist längster und dickster Nerv im Körper

„Der Ischiasnerv ist der längste und dickste Nerv im menschlichen Körper. Er hat wichtige Funktionen für die Bewegung der Beine und für das Gefühl in den Beinen“, sagt der Neurochirurg Stephan Klessinger. Er ist auf die interventionelle Schmerztherapie der Wirbelsäule spezialisiert und Professor für Neurochirurgie an der Universität Ulm.

Der Ursprungsort des Ischiasnervs ist unter der Gesäßmuskulatur. Er zieht auf der Rückseite in das Bein und weiter bis in die Kniekehle, wo er sich in einen Schienbein- und einen Wadenbeinnerv aufzweigt, die beide die Muskulatur am Ober- und Unterschenkel sowie die Haut am Unterschenkel und am Fuß versorgen.

Bandscheibenvorfall: Schmerz zieht bis in den Fuß

Zieht der Schmerz bis in den Fuß hinein, ist häufig ein Bandscheibenvorfall die Ursache. „Beim Bandscheibenvorfall wird nicht der Ischiasnerv selbst gedrückt – er entsteht erst im Gesäß –, sondern eine der Nervenwurzeln, aus denen der Ischiasnerv entsteht“, erklärt Klessinger. Ischias-Beschwerden können aber auch aufgrund von verspannten Muskeln oder blockierten Gelenken auftreten. Sie fühlen sich ähnlich an wie eine Ischialgie, allerdings reichen die Schmerzen in diesen Fällen meist nur bis zum Knie.

Um eine hilfreiche Therapie zu beginnen, müsse zunächst die richtige Diagnose gestellt werden, betont Klessinger. Dafür sei es wichtig, dass die Patienten die Schmerzen genau beschreiben können. Wichtige Fragen bei der Anamnese seien: Seit wann besteht der Schmerz, wo tut es weh, wohin strahlt der Schmerz aus, wie fühlt er sich an und was war der Auslöser?

Es gibt nicht den typischen Patienten

„Ist zum Beispiel nur ein Wirbelgelenk blockiert, kann der Schmerz schnell wieder nachlassen“, sagt der Neurochirurg. Andere Ursachen können hingegen zu chronischen Rückenschmerzen führen, die mehr als zwölf Wochen anhalten können. „Wichtig ist festzustellen, ob trotz der Schmerzen alles normal funktioniert oder ob der Patient tatsächlich neurologische Ausfallerscheinungen hat“, sagt Klessinger.

Der Arzt betont, dass Ischias-Schmerzen von vielen verschiedenen Faktoren abhängen. Es gibt nicht den typischen Patienten, der für diese Art von Beschwerden besonders anfällig ist. Es trifft sportliche ebenso wie unfitte Menschen, Berufstätige, die schwer schuften ebenso wie die, die einer sitzenden Tätigkeit nachgehen, schlanke wie kräftige Leute.

Schmerzmittel am besten sofort einnehmen

Nicht immer ist es nötig, bei Schmerzen im Gesäß und den Beinen einen Arzt um Rat zu fragen. „Es ist wichtig zu wissen, dass diese Erkrankungen zwar starke Beschwerden auslösen, aber eine gute Prognose haben“, sagt Klessinger. Es handele sich dabei um eine Funktionsstörung, bei der kein struktureller Schaden entstanden sei.

Mit Wärmeanwendungen, Stressbewältigung, Positionswechseln und Bewegung lässt sich die Pein am Ischias oft lindern. Um die Schmerzen zu lindern und die Muskulatur zu entkrampfen, ist in der akuten Phase zudem die Einnahme von Schmerzmitteln wie zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac sinnvoll. „Wichtig ist, sofort mit der Schmerztherapie zu beginnen“, sagt der Experte. Allerdings sollte die Einnahme entsprechender Medikamente nur drei bis maximal fünf Tage erfolgen.

„Vertrauen Sie Ihrem Rücken“

Wichtig ist vor allem, trotz der Schmerzen weiter in Bewegung zu bleiben. Natürlich darf man sich bei schlimmen Beschwerden auch mal für eine sogenannte Stufenlagerung hinlegen. Aber in einer Schonhaltung zu verharren, tut dem Körper jetzt nicht gut. Gehen Sie besser spazieren, auch beim Schwimmen können Ischias-Beschwerden durch den Auftrieb im Wasser in den Hintergrund treten.

Auch unsere alltäglichen Aktivitäten haben einen therapeutischen Effekt: Ischias-Schmerzen dienen nicht als Ausrede, um sich vor der Haushalts- und Gartenarbeit zu drücken. „Versuchen Sie, die Bewegungen weitestgehend normal auszuführen. So kann das Einräumen der Spülmaschine oder das Umpflanzen einer Blume eine Rückenübung werden, und zwar, indem Sie Ihrem Rücken vertrauen und ihn normal beanspruchen“, so der Rücken-Experte.

Bei Taubheit oder Lähmungen sofort zum Arzt

Bei bestimmten Warnsignalen, sollte aber am besten direkt ein Arzt aufgesucht werden. „Wenn Sie vor lauter Schmerzen nicht mehr arbeiten können, machen Sie einen Termin aus“, sagt Klessinger. Auch bei Taubheitsgefühlen oder Lähmungen in der Ischias-Region sollte man sich sofort Hilfe holen, da diese typische Warnhinweise einer Nervenschädigung oder eines Bandscheibenvorfalls sind.

Ob die Ischias-Schmerzen immer wiederkehren oder eine einmalige Sache bleiben, hängt ganz von der Ursache ab. Handelt es sich etwa um eine Arthrose in den Gelenken, die zu einer Nervenreizung führt, werden die Schmerzen wohl ein dauerhafter Begleiter bleiben. Sind wiederum verspannte Muskeln schuld an den Ischias-Beschwerden, können die Patienten dank entsprechendem Krafttraining langfristig beschwerdefrei bleiben. Die perfekte Prävention wäre deshalb ein frühzeitiges Training, um Schon- und Fehlhaltungen entgegenzuwirken – idealerweise noch vor dem Schmerz.

Übungen bei Ischias

Akute Phase (Mobilisation)
Rotieren: Stellen Sie sich aufrecht hin, Füße hüftbreit auseinander. Die Arme schwingen um den Körper. Kopf, Oberkörper und Becken drehen nach rechts/links mit. 15-mal in jede Richtung pendeln, 2-3 Wiederholungen.
Beine pendeln: Legen Sie sich auf den Rücken, Beine aufgestellt, Arme ausgebreitet. Pendeln Sie die Beine 15-mal zu jeder Seite, zwei Wiederholungen. Legen Sie die Beine so weit ab, wie es guttut.
Subakute Phase (Dehnung)
Hüftbeuger: Gehen Sie auf ein Knie, der andere Fuß ist aufgestellt. Stützen Sie Ihre Hände auf dem Oberschenkel ab. Schieben Sie das Becken nach vorne, bis eine Dehnung spürbar wird. Halten Sie für 30 Sekunden. Jede Seite zweimal wiederholen.
Aushängen: Setzen Sie sich auf einen Stuhl, die Beine breiter als hüftbreit auseinander, die Arme hängen zwischen den Beinen. Bewegen Sie Ihre Finger Richtung Boden und halten einen Moment.
Stabilisierungsphase (Kraft)
Crunch: Legen Sie sich auf den Rücken, Beine aufgestellt, Arme und Handflächen parallel zum Körper. Rollen Sie sich Wirbel für Wirbel vom Nacken kommend auf. 15 Crunches, 2-3 Wiederholungen.
Dynamischer Vierfüßlerstand: Gehen Sie in den Vierfüßlerstand, Handgelenke unter den Schultern, Knie unterhalb der Hüfte. Der Nacken ist lang, Blick geht zum Boden, Zehen sind aufgestellt. Strecken Sie abwechselnd rechten Arm/linkes Bein und linken Arm/rechtes Bein, Position kurz halten. 10-15 Mal Seiten wechseln, 2-3 Wiederholungen.
Massage
Platzieren Sie einen Tennis- oder Faszienball zwischen sich und der Wand und massieren Sie kreisend die betroffene Region.

Alle Übungen stammen aus dem Buch „Der Rückendoc. Hexenschuss und Ischias“ von Stephan Klessinger und Michael Richter, erschienen im Thieme-Verlag.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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