Pfalz
Interview: Warum kein Satelliteninternet für die Pfälzerwaldhütten?
Die RHEINPFALZ am SONNTAG hat über die Siebeldinger Hütte berichtet, die ziemlich abgelegen im Pfälzerwald zwischen Eußerthal und dem Forsthaus Taubensuhl liegt und wie viele andere Pfälzerwaldhütten bald Hochgeschwindigkeitsinternet bekommen wird: eine aus Steuergeld vollfinanzierte, 3,3 Kilometer lange Glasfaserleitung, wohl 400.000 Euro teuer. Sogar der Pfälzerwaldverein, der sonntags den Hüttenbetrieb organisiert, sagt: „Das ist rausgeschmissenes Geld.“ (Nachzulesen ist unserer Recherche hier: Ärger um Glasfaserausbau: Erst die Pfälzerwaldhütten, dann die Dörfer?) Wir haben mit dem Technikexperten Michael Gundall von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz gesprochen.
Herr Gundall, wo steht Deutschland denn in Sachen Hochgeschwindigkeits-Internet?
Aktuell werden etwas mehr als 24 Prozent aller Haushalte mit Glasfaser versorgt. Das ist viel zu wenig. Ziel muss es sein, dass Glasfaser flächendeckend vorhanden ist. Über den Fall der Pfälzerwaldhütte, den sie in Ihrer Zeitung geschildert haben, kann man natürlich streiten. Aber generell ist Glasfaser der Internetanschluss der Zukunft.
Woran liegt’s, dass wir bei 24 Prozent stehen? Leser schreiben uns, dass sie händeringend warten – oder seit Jahren vergeblich um den Anschluss kämpfen.
Zum einen sind in Deutschland die alten Technologien qualitativ sehr gut. Die frühere Post hat halt ein sehr gutes Telefonnetz gebaut, über das man problemlos VDSL in recht hohen Bandbreiten schicken kann. Es gibt Gebiete mit Vectoring über das Kupferkabel mit 100 Mbit pro Sekunde oder Supervectoring mit sogar 200 bis 250 Mbit/s – dann ist aber bei VDSL das Ende der physikalischen Fahnenstange erreicht. Dann gibt’s auch noch die Kabelnetze, die Internetzugang bis 1000 Mbit/s möglich machen. In anderen Ländern ist das nicht so, und deswegen bestand da schon viel früher die Notwendigkeit, auf Glasfaser umzusteigen.
Der zweite Grund ist, ich sage es mal so, das typisch Deutsche. Viele Verbraucher sagen: Na ja, mein 100-Mbit-VDSL-Anschluss, der reicht mir vollkommen. Warum soll ich jetzt noch mal Tiefbauarbeiten in Kauf nehmen, um mir einen Glasfaseranschluss ins Haus legen zu lassen? Das macht vielleicht Dreck und ich weiß nicht, ob’s am Ende richtig funktioniert. Es herrscht also eine gewisse Trägheit. Aber die Erfahrung zeigt auch: Hat ein Verbraucher erst einmal auf Glasfaser gewechselt, wechselt er in der Regel nicht mehr zurück auf eine der alten Technologien.
Dass so schleppend ausgebaut wird, liegt also auch an der Nachfrage?
Es gibt durchaus Gebiete, da haben die Menschen immens mit schlechtem Internet zu kämpfen. Wenn da dann ein Anbieter kommt und Glasfaser verkaufen willen, da muss er sich keine Sorgen zu machen: Der Ausbau kommt zustande. Aber es gibt halt auch wirklich viele Gebiete, wo gute, alte Anschlüsse liegen. Da sehen viele Kunden die Notwendigkeit für Glasfaser nicht. Und häufig verbocken es auch die Anbieter selbst, weil sie „Drückerkolonnen“ durch die Straßen schicken. Und gerade solch ein provisionsbasierter Vertrieb trägt viel zum negativen Image des Produkts bei. Was viele Verbraucher dabei nicht berücksichtigen: Der Glasfaserausbau ist eine Infrastrukturmaßnahme, ähnlich zu sehen wie ein Wasseranschluss oder ein Stromanschluss.
Bei uns im Haus standen die Drücker viermal in der Tür, nachdem der Anschluss schon beantragt war.
Der Vertriebler kriegt halt, wenn er einen 1000-Megabit-Glasfaservertrag nach Hause bringt, wesentlich mehr Provision als für einen 150-Megabit-Vertrag. Also versucht er natürlich, die Leute zu dem höherwertigen Tarif zu überreden. Die böse Überraschung kommt dann meist erst einige Monate nach dem Wechsel auf den Glasfaseranschluss, wenn der reguläre Preis verlangt wird. Dieser ist dann bei rund 70 bis 90 Euro pro Monat, was das Gerücht befeuert, dass Glasfaser angeblich sehr viel teuer als VDSL wäre. Teilweise werden auch Märchen erzählt nach dem Motto: Wenn man jetzt nicht einen Glasfaservertrag unterschreibt, dann steht man in drei Monaten ohne Internet da. Unsere Forderung als Verbraucherzentrale lautet da, dass mehr erklärt und weniger verkauft wird.
Wir haben vergangene Woche über das Weiße-Flecken-Förderprogramm berichtet, mit dem abgelegene Bereiche mit viel Steuergeld fürs Glasfaser-Internet erschlossen werden. Bis hin zur Pfälzerwaldhütte, die ungefragt einen wohl 400.000 Euro teuren Anschluss bekommen wird. Das begeistert nicht jeden, der daheim auf Glasfaser wartet, weil wieder einmal ein Anbieter eine Zusage nicht einhält.
Die Hütte ist schon ein Extrembeispiel. Aber so ist das mit der Förderung: Sie ist ausdrücklich dafür da, jene Gebiete anzuschließen, wo kein Anbieter sonst Leitungen legen würde.
Sie sagen: Glasfaser ist alternativlos. Was ist mit Satelliteninternet, um abgelegene Gebäude mit relativ ordentlichen paar 100 Mbit/s zu versorgen?
Ja, in solch einem Sonderfall wie der Hütte ist Satelliteninternet durchaus eine Alternative. Es funktioniert ja auch bei den ganzen Windrädern, die irgendwo auf weiter Flur stehen. Aber wenn es dann beim Privatanschluss ans Telefonieren geht, wird es schon schwierig mit den Latenzen, den hohen Ping-Zeiten, des Satelliteninternets.
Es geht um die zeitliche Verzögerung.
Ja. Früher, bei den klassischen geostationären Satelliten, da hatte man Ping-Zeiten von rund dreihundert Millisekunden. Das machte Telefonieren fast unmöglich. Jetzt sind wir bei 30 bis 60 Millisekunden – aber da sind wir halt immer noch weit entfernt von VDSL und Kabel, und Glasfaser ist noch besser. Da habe ich teilweise schon drei bis sechs Millisekunden gemessen. Das grundsätzliche technische Problem ist also: Man darf nicht nur von der angebotenen Downloadgeschwindigkeit und der Uploadgeschwindigkeit ausgehen.
Starlink von Elon Musk mit Satelliten in niedriger Umlaufbahn ist konkurrenzfähig und preisgünstig – mit Satelliten-Internet ab 30 Euro für privat. Da ist man dann halt abhängig von einem Einzelnen. Alternative Angebote sind teurer und schlechter.
Die Alternativen, sprich geostationäre Satellitensysteme in höherer Umlaufbahn, haben noch höhere Ping-Zeiten als Starlink. Das ist der große Hemmschuh. Man muss es leider so sagen: Das hat Starlink technisch halt sehr gut gemacht im Gegensatz zu den klassischen Satellitenanbietern.
Sehen Sie die Perspektive, dass Europa es hinkriegt, irgendwann eine europäische Alternative zu Starlink auf die Beine zu stellen?
Ja. Es gibt das EU-Projekt IRIS². Es befindet sich im Aufbau und soll ein souveränes europäisches Satelliten-Netzwerk werden.
Dann hoffen wir mal darauf. Wie bedeutsam kann Richtfunk sein als Alternative zur Glasfasertechnik?
Das ist zwar alte Technologie, aber möglich. Es hängt halt sehr von den topografischen Gegebenheiten ab. Und Richtfunk ist teuer. Außerdem braucht man für fast jede Richtfunkanlage eine Genehmigung der Bundesnetzagentur.
Dann zurück zu den Satelliten. Einem Leser in einem unversorgten Gebiet hat die Bundesnetzagentur geschrieben, er solle sich Starlink besorgen, das sei für ihn die einzige die Lösung, wenn er Gigabit-Internet haben will.
So etwas habe ich leider auch schon gehört.
Andererseits lese ich in Stellungnahmen des rheinland-pfälzischen Digitalministeriums und von Kreisverwaltungen zu unserer jüngsten Recherche, dass Starlink für Pfälzerwaldhütten keine Lösung sein könne. Das passt doch nicht zusammen.
Das eine ist die technische Geschichte, das andere die preisliche.
Und dann noch die politische.
Ich kann dazu nicht viel sagen. Was manchmal auch eine preiswertere Lösung sein könnte, wäre, Glasfaser oberirdisch zu verlegen, wo es ohnehin schon oberirdische Stromleitungen gibt. Eine Freileitung gibt es ja vielleicht auch auf die Madenburg, über die Sie berichtet haben. Aber das ist in Deutschland halt immer schwierig mit der Freileitungsverlegung und Glasfaser.
Was spricht denn dagegen?
In Deutschland halten wir starr am Dogma der unterirdischen Verlegung fest. Das sorgt zwar für ein sauberes Stadtbild und Schutz vor Unwettern, ist aber gleichzeitig der größte Kostentreiber und Zeitfresser beim Ausbau. Und gerade in abgelegenen Gebieten wäre eine oberirdische Verlegung oftmals eine schnellere und effektivere Lösung.
Herr Gundall, danke für das Gespräch.
Einen Kommentar zum Thema können Sie hier lesen: Glasfaser gratis – wer kann da schon nein sagen?
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
