Geopolitik RHEINPFALZ Plus Artikel Indiens Aufstieg, Deutschlands Chance

Stolzes Land: Indien hat nicht nur die größte Bevölkerung der Erde, das Land ist wirtschaftlich längst ein Schwergewicht.
Stolzes Land: Indien hat nicht nur die größte Bevölkerung der Erde, das Land ist wirtschaftlich längst ein Schwergewicht.

Indien ist in den Kreis der Weltmächte aufgestiegen. Deutschland und EU werden in Neu-Delhi als Partner besonders geschätzt.

Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar kennt die Weltpolitik so gut wie kaum ein anderer Amtskollege. 1977 begann seine Laufbahn im auswärtigen Dienst. Nach Botschafterposten in Peking und Washington wurde der mit einer Japanerin verheiratete Diplomat 2015 Leiter des Außenamts in Neu-Delhi. Seit 2019 ist der heute 70-Jährige Chefdiplomat seines Landes, das mit mehr 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste der Erde ist.

Von Jaishankar, einem gerne lächelnden Mann mit randloser Brille und kurz gestutztem grau melierten Vollbart, stammt ein Satz, der viel aussagt über die Welt des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts europäischer Zeitrechnung. 2022 parierte er Kritik aus Nato-Staaten an Indiens Position zum Ukrainekrieg mit der nüchternen Ansage: „Europa muss sich von der Denkweise lösen, dass Europas Probleme die Probleme der Welt sind, aber die Probleme der Welt nicht Europas Probleme.“

Vorbei sind die Zeiten, in denen die atlantische Sichtweise – die der USA und Westeuropas – den Takt internationaler Beziehungen angab. Längst ist China neben Amerika das Maß. Und auch Indien spielt im Konzert der führenden Mächte mit.

Das hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Der Weltwährungsfonds rechnet damit, dass Indiens Wirtschaftskraft bis 2027 fünf Billionen US-Dollar erreicht und das von der Fläche her siebtgrößte Land der Welt schon dieses Jahr hinter den USA, China und Deutschland den vierten Rang in der BIP-Rangliste einnehmen wird – noch vor Japan. Wachstumsraten von zuletzt mehr als sechs Prozent machen es möglich. Damit sticht Indien längst auch die einstige Kolonialmacht Großbritannien aus, die den Subkontinent zwischen 1858 und 1947 beherrschte.

Indien bleibt ein Land, in dem Arm und Reich nebeneinander leben, hier ein Slum unter einer Metrolinie in Mumbai.
Indien bleibt ein Land, in dem Arm und Reich nebeneinander leben, hier ein Slum unter einer Metrolinie in Mumbai.

„Wir erleben die Neuvermessung der Welt“, bringt es der deutsche Diplomat a. D. Jürgen Morhard auf den Punkt. Sein letzter Dienstposten im Auswärtigen Dienst war als deutscher Generalkonsul in Indiens Wirtschaftsmetropole Mumbai, früher bekannt als Bombay. Morhard, der aus Pirmasens stammt und jetzt im Ruhestand im südwestpfälzischen Nothweiler lebt, war zuvor auch Botschafter in Sri Lanka. Als Vorsitzender des Dachverbands der Deutsch-Indischen Gesellschaft mit Sitz in Stuttgart ist der Pfälzer ein gefragter Südasien-Experte. „Es gibt ein erstarktes Selbstbewusstsein, eine Emanzipation, ähnlich wie wir es auch von China kennen“, analysiert Morhard die Selbstwahrnehmung der politischen und wirtschaftlichen Führer Indiens. Dabei spiele eine Rückbesinnung auf historische Größe eine wesentliche Rolle.

Der britische Historiker William Dalrymple spürt dieser glorreichen Geschichte in seinem neuen Buch nach, einem Bestseller in Indien. Es heißt übersetzt: „Wie Indien die Welt veränderte“. Laut Dalrymple beeinflusste Indien den Gang der Geschichte Europas viel früher und nachhaltiger als China. Dessen legendäre Seidenstraße sei zwar bis heute in aller Munde, aber schon im Römischen Reich und dann von 600 bis 1200 nach Christus sei die „Indosphäre“ – die von indischer Kultur geprägte Zivilisationszone Südasiens und Südostasiens – maßgeblich gewesen. Sanskrit sei lange Weltsprache gewesen. Schon der berühmte römische Chronist Plinius habe Indiens Macht so beschrieben: Es ziehe im Handel alle Edelmetalle der Welt auf sich. Rom habe, so Dalrymple, hohe Zölle auf indische Gewürze, Seide oder Baumwolle erhoben, um sich zu wehren …

Erfahrener Diplomat: Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar begann 1977 seine Laufbahn im auswärtigen Dienst.
Erfahrener Diplomat: Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar begann 1977 seine Laufbahn im auswärtigen Dienst.

Zurück in die Gegenwart. Seit 2014 regiert in Neu-Delhi Außenminister Jaishankars Chef, Premierminister Narendra Modi. Dessen hindu-nationalistische Partei BJP steht für das neue Selbstbewusstsein und setzt die lange Tradition einer Außenpolitik der Blockfreiheit fort, die Premier Jawaharlal Nehru nach Indiens Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 begründete. Dabei versucht Modi, für sein Land das Beste aus allen Welten zusammenzutragen.

Darin liege auch für Deutschland eine Chance, sagt Jürgen Morhard. Über 2000 deutsche Firmen seien in Indien vertreten. Deren Niederlassungen würden überwiegend von Indern geführt. Oft haben diese Manager in Deutschland studiert. 48.000 indische Studenten gebe es derzeit hierzulande, betont Morhard, der promovierter Wirtschaftswissenschaftler ist. „Die Inder sehen die EU als den größten offenen Binnenmarkt der Welt“, zumal einen, zu dem es langstehende Verbindungen gibt. Siemens ist seit dem 19. Jahrhundert auf dem Subkontinent aktiv.

Politisch ist das Indien unter Narendra Modi im Westen durchaus umstritten: Autokratische Tendenzen, eine Ausgrenzung muslimischer Inder machen immer wieder Schlagzeilen in europäischen Medien. Sogar von Hindu-Faschismus ist die Rede.

Hemmschuh Korruption

Hinzu kommen die berüchtigte Korruption und Bürokratie in Indien – Hürden für neue Investitionen aus dem Ausland. 50 Millionen Gerichtsfälle schlummerten auf den Schreibtischen der Justiz, berichtete jüngst der „Economist“ in seinem Indien-Newsletter. Bereits 1958 habe das Parlament in Neu-Delhi eine Kommission zur Entbürokratisierung der Gerichte einberufen – ein politischer Dauerbrenner also.

Auch Morhard sieht Indiens Demokratie vor Herausforderungen. Gleichwohl unterstreicht er die enorme Leistung, in einer 1,4-Milliarden-Einwohner-Nation immer wieder erfolgreich über mehrere Wochen andauernde Wahlen durchzuführen. Seit 1947 hat Indien nicht weniger als 18 demokratische Wahlen absolviert. „Das ist schon irre beeindruckend“, so Morhard. Der Ex-Diplomat betont, man dürfe aktuell auch nicht nur auf Premier Modi schauen, um Indiens Politik zu beurteilen. Die Schwäche der Opposition, die jahrzehntelange Dominanz der Familie Nehru/Gandhi in der Kongresspartei seien ein entscheidender Faktor für den Aufstieg der BJP gewesen.

Riesiges Land

Zudem bleibt Indien eine multireligiöse Nation mit 200 Millionen Muslimen und immerhin 30 Millionen Christen. Noch nie hat die BJP die absolute Mehrheit der Wählerstimmen gewonnen. Noch immer regiert in einem Drittel der Bundesstaaten die Opposition. Das Land ist so riesig, dass es aus 28 Bundesstaaten und acht Unionsterritorien besteht. Gerade bei der jüngsten Parlamentswahl vor einem Jahr wurden dem Hindu-Nationalismus Grenzen gesetzt: Modi muss nun in einer Koalition regieren.

Gleichwohl ist der 74-jährige Premier, der leidenschaftlich Yoga macht, eine ähnlich starke Führungspersönlichkeit wie Donald Trump in den USA. Er weiß diese Rolle zu spielen, besuchte als erster wichtiger ausländischer Führer Trump in Washington im Februar. Beim jüngsten G-7-Gipfel in Kanada war er auch zu Gast, traf sich dabei auch mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz.

Indopazifik für Handel wichtig

Die deutsche Politik habe die neuen Winde der Weltpolitik schon längst registriert, betont Ex-Diplomat Morhard. Dominierte noch vor wenigen Jahren der Begriff „Asien-Pazifik“, ist immer mehr von „Indopazifik“ die Rede. Dies trage auch dem Umstand Rechnung, dass Indien wie China eine zunehmend prägende Rolle in Afrika spiele. Erst 2024 absolvierte die deutsche Marine im Indischen Ozean einen viel beachteten Einsatz, um zu signalisieren: Deutschland hat ein Interesse an der Verteidigung freier Seehandelslinien im Indopazifik.

Wie wird sich Indien in den kommenden Jahrzehnten positionieren? In seinem „Welt in Aufruhr“ erklärt der deutsche Politologe Herfried Münkler Indien zu einer von fünf maßgeblichen Großmächten der nahen Zukunft. Das Land in Südasien, so Münkler, sei prädestiniert für die Rolle als „Zünglein an der Waage“ in einer multipolaren Welt. Ein machtvoller Mittler, zwischen Ost und West, zwischen Globalem Süden und Norden. Hier spielt vielleicht auch Wunschdenken eine Rolle. Indien jedenfalls will sich nicht vereinnahmen lassen.

China bleibt enteilt

Gerade die USA versuchen seit gut drei Jahrzehnten, Indien, das im Kalten Krieg zwar blockfrei war, aber durchaus der Sowjetunion nahestand, für sich einzunehmen. US-Vizepräsident J. D. Vance, ein mit einer indischstämmigen Hindu-Frau verheirateter Katholik, besuchte im April Indien und warb offen für eine Zusammenarbeit, die China in Schach halten soll.

Der Asien- und Indien-Experte Ashley Tellis vom Carnegie Endowment for International Peace ist da skeptisch. Auch er sieht Indien bis Mitte des Jahrhunderts im Quartett der wichtigsten Mächte, zusammen mit den USA, China und der EU. Indien werde aber die schwächste der vier sein, schreibt er in „Foreign Affairs“ – weit entfernt vom Einfluss Chinas und der USA. Im besten Fall könnte Indiens Wirtschaft halb so groß wie Chinas sein, rechnet Tellis vor, der schon als Sonderberater im Nationalen Sicherheitsrat von US-Präsident George W. Bush diente.

Flugs Wadephul angerufen

Als Indiens Außenminister Jaishankar am 26. Mai Berlin besuchte, war spürbar, dass er gerade die Europäer als Partner schätzt, weil diese keine anti-chinesische Allianz einfordern. Jaishankar umwarb offen die Deutschen: Gleich an dessen ersten Arbeitstag habe er seinen neuen deutschen Kollegen Johannes Wadephul angerufen, unterstrich der Diplomat beim Besuch der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Die Welt befinde sich „in einer Phase beträchtlicher Unsicherheit“, gerade auch die Wirtschaft sei „volatil“. Dementsprechend sei die Partnerschaft zwischen Deutschland sowie der EU und Indien „wichtiger denn je“.

Dass die neue EU-Kommission Ende Februar zuerst Indien besuchte und nicht China, hat Jaishankar hörbar gefallen. Er würde sich jedenfalls wünschen, dass der lange erhoffte Durchbruch zu einem Freihandelsabkommen – seit 2007 wird daran gearbeitet – endlich gelingt. Jaishankar setzte beim Besuch in Berlin auch klare Ziele: „50 Milliarden Dollar bilateraler Handel – wir können mehr als das“, meinte er und machte eine ganze Liste der Bereiche auf, in denen Indien wachsen will, mit Hilfe deutscher Partner. Pro Tag würden im Schnitt zwölf Kilometer Eisenbahnschiene und bis zu 30 Kilometer Straße neu gebaut. Pro Jahr kämen sechs bis sieben neue Flughäfen dazu. Deutsche Unternehmen stehen jedenfalls bereit. Die Deutsch-Indische Handelskammer ist mit 6500 Mitgliedern die größte deutsche Auslandshandelskammer weltweit.

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Narendra Modi regiert Indien seit 2014, seine hindunationalistische Partei BJP musste sich nach der Wahl 2024 aber einen Koalitionspartner suchen.
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