Pfalz
Immobilienskandal: Kuschelig dank Phantomwärme
Offenbar gibt es so etwas wie Phantomwärme. „Manchmal stehe ich an der Heizung und denke: Es ist warm“, sagt jedenfalls Gerhard Krämer*, und dabei muss er selbst grinsen. Warme Heizkörper, die wären hier nämlich ein ziemliches Wunder – weil die Heizung in Krämers Wohnhaus an der Ludwigshafener Heinigstraße seit über zwei Jahren nicht mehr funktioniert. Laut der Mieter, die sie mal gesehen haben, ist jene Heizung völlig hinüber – wohl auch, weil der dafür zuständige Kontraktor mutmaßlich seit Jahren nicht mehr bezahlt worden ist.
Man könnte hier, in jenem markanten Bau mit der grünen Fassade am Rand der Ludwigshafener Innenstadt, also so etwas wie eine Psychologie des Lebens in der Schrottimmobilie schreiben. Und die wäre im Ergebnis ziemlich kafkaesk.
Es kommt hier beispielsweise jedes Jahr treu und brav der Ableser eines weiteren beauftragten Energiedienstleisters vorbei. Um an den Heizkörpern den Verbrauch einer Heizung abzulesen, die, wie gesagt, schon seit Jahren nicht mehr funktioniert. Und dann unverrichteter Dinge wieder zu gehen. „Hat man wohl vergessen aus der Kartei zu löschen“, sagt Steffen Weise, der Betreuer des fast 88-jährigen Gerhard Krämer. Auch Phantomwärme gilt es wohl zu messen. In imaginären Kilowattstunden wahrscheinlich.
Von Liefersperren und Notgemeinschaften
Über den Fall hat diese Zeitung schon mehrfach berichtet (zuletzt am 18. Oktober 2025, „Immobilienskandal: Bude bleibt den zweiten Winter in Folge kalt“): Über diverse Einzelfirmen hält der deutsche Geschäftsmann Michael M. wenigstens fünf Immobilien in Ludwigshafen. Gesellschafterin jener unter derselben Postadresse in Wiesbaden ansässigen Firmen ist eine Londoner Ltd., deren Direktor M. ist. In mehreren der vernachlässigten Immobilien waren von den Mietern bereits bezahlte Nebenkosten nicht an den Versorger, die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL), abgeführt worden. Die TWL hatten zwischenzeitlich mit Liefersperren für Strom, Gas und Wasser gedroht. Inzwischen sind in den betroffenen Immobilien „Notgemeinschaften“ eingerichtet, die verbliebenen Mieter zahlen ihre Abschläge direkt an den Versorger. Und ansonsten scheint an der Heinigstraße wie anderswo alles wie eingefroren – weil wohl niemand weiß, wie man mit solchen Fällen umgehen soll.
Zwangsversteigerung im Herbst
Im „Notwende Center“, auch eine von M.s Immobilien, „passiert nicht viel“, so Caroline Kirstein, die im Gebäude einen Versandhandel betreibt. Die Immobilie steht unter Zwangsverwaltung – einen Hausmeister gibt’s dort gleichwohl nicht mehr. Für das Haus in der Heinigstraße, in dem Gerhard Krämer lebt, ist laut Auskunft des Amtsgerichts Ludwigshafen aus dieser Woche immerhin ein Termin für die Zwangsversteigerung in Sicht. Mit der könne „voraussichtlich im Oktober oder November 2026“ gerechnet werden, so das Amtsgericht auf Anfrage.
Vielleicht hängt es mit der nahenden Versteigerung zusammen, dass sich jemand von der angeblich zuständigen Hausverwaltung mit Sitz in Wiesbaden gerade bei den Bewohnern gemeldet hat – um zu erfragen, wer hier eigentlich noch im Haus wohnt. „Das müssten die doch eigentlich wissen“, sagt Weise, und guckt ansatzweise fassungslos.
Wer wohnt eigentlich noch hier?
Ist allerdings wohl auch schwierig zu klären, in einem Haus mit naturgemäß hoher Fluktuation – und wahrscheinlich zum Rinnsal versiegten Geldflüssen. Die, die noch da sind, haben die Miete meist auf einen Symbolbetrag gekürzt, wie gesagt: Keine Heizung, Fahrstühle defekt und teilweise kommt das Wasser durch die Decke. „Noch nie so billig gewohnt“, sagt ein junger Mann, der einen Stock unter Krämer lebt, ironisch. Der junge Mann zahlt gar keine Miete mehr. Der Flur, auf dem er wohnt, steht bis auf seine Wohnung komplett leer, vielleicht eine Handvoll Mieter gibt es noch im Gebäude mit 20 Wohneinheiten. „Die, die jetzt noch hier wohnen, sind ziemlich leidensfähig“, sagt er. Oder finden aufgrund ihres Alters schlicht nichts mehr anderes, so wie Gerhard Krämer. „Wenn ich hier rauskomme, dann ins Altenheim“, sagt er, und wirkt nicht so, als sei er darauf erpicht.
Ermittlungsverfahren ist eingestellt
Wer nun aktuell für die Ludwigshafener Heinigstraße zuständig ist, ob M.s Londoner Ltd., weiter im Handelsregister als Besitzerin eingetragen, oder die Einzelfirma in Wiesbaden mit ihrem Vertreter Habip A., ist unklar. Unter anderem die Frage nach den aktuellen Besitzverhältnissen hat die RHEINPFALZ an SONNTAG sowohl M. als auch A. per E-Mail zukommen lassen. Geantwortet haben die beiden bis Donnerstag nicht. Ein Ermittlungsverfahren gegen M. und weitere Personen wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug hat die Staatsanwaltschaft Frankenthal inzwischen eingestellt. Demnach hätten sich „sich keine zureichenden Anhaltspunkte für das Vorliegen von Straftaten“ ergeben, so die Behörde.
M.s Geschäftstätigkeit hat indes auch anderswo in den entsprechenden Registern ihre Spuren hinterlassen. Die Auflösung der Betreibergesellschaft eines Hotels auf Norderney beispielsweise, Geschäftsführer war M. Die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für die Gesellschaft hatte das Amtsgericht Aurich im Januar 2025 mangels Masse abgelehnt. Im Februar des laufenden Jahres hat M. eine weitere Firma in London gegründet, Geschäftszweck: „Hotels und andere Unterkünfte“. Betriebskapital der Ltd.: 100 Britische Pfund.
Es scheint, als zeige sich an der Heinigstraße eine kleine Wirrnis im Großen: Kompletter Leerstand im vorderen Querriegel des Hauses, in dem früher Büros untergebracht waren. Hinter den teilweise zugeklebten Briefkästen stapelt sich die ungeöffnete Post knöchelhoch, der Postbote kommt so zuverlässig wie der Heizungsableser, und alles läuft ins Leere. Ums Haus wuchern die Rabatten zu, im Keller steht laut Krämer noch Habe von Leuten, die vor etwa zehn Jahren hier ausgezogen sind. „Hier ist gar keine Mietergemeinschaft mehr“, sagt Krämer, der seit 48 Jahren hier wohnt, also seit der Fertigstellung des Hauses.
Im Herbst soll jenes Haus nun also versteigert werden, eigentlich ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt meint Weise: „Da wird sich an der Heizungssituation wieder nichts ändern“, sagt er. Immerhin wird dann anschließend sicher wieder der Ableser kommen, um Phantomwärme zu messen. Wenn schon kafkaesk, dann aber richtig.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.