Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Immer uff: Der Dorfladen der Zukunft

Die Chance, rund um die Uhr Umsatz zu machen, soll sich dem Höringer Bürgerladen ab dem Frühjahr 2025 bieten. Ab dann ist s’Lädc
Die Chance, rund um die Uhr Umsatz zu machen, soll sich dem Höringer Bürgerladen ab dem Frühjahr 2025 bieten. Ab dann ist s’Lädche ein hybrides – morgens mit Personal, danach mit der Einkaufsmöglichkeit per Scan. An vier Orten finanziert das Land den Modellversuch.

Vor Ort einkaufen und Leute treffen, das finden viele gut. Trotzdem sind Dorfläden alles andere als wirtschaftliche Selbstläufer. Davon können auch die s’Lädche-Macher in Höringen ein Lied singen. Sie sind froh über ein besonderes Modellprojekt.

Die Vorlieben eines älteren Kunden kennt Elke Busch genau: „Bestimmte Knödel aus dem Kühlregal und ein spezielles Mundwasser.“ Wer, wenn nicht Elke Busch, kann solche Informationen sammeln. Immerhin arbeitet die zweifache Mutter seit 30 Jahren im Bürgerladen in Höringen, kurz „s’Lädche“ genannt.

Damals, als sie anfing, sei das ideal gewesen, erzählt Busch. Mit dem Job konnte sie etwas dazuverdienen, hatte trotzdem genug Zeit für ihre noch kleinen Kinder und musste keinen großen Aufwand betreiben, weil sie selbst aus dem knapp 700 Einwohner zählenden Dorf im Donnersbergkreis stammt. Dass es aber drei Jahrzehnte werden sollten, das konnte sie sich dann doch nicht vorstellen. Heute ist sie froh, mithelfen zu können, dass in Höringen nicht nur eingekauft werden kann, sondern die Menschen auch einen Ort haben, bei dem man sich trifft und auch mal ein Schwätzchen hält.

30 Jahre zu überstehen, ist für einen Dorfladen eine reife Leistung. Aus der Taufe gehoben wurde das Projekt vom damaligen Ortsbürgermeister Helmut Eisenbeiß, unterstützt von Bürgern. Ein gemeindeeignes Gebäude wurde umgebaut und s’Lädche eröffnet. „Bis Ende der 2010er-Jahre hat Helmut Eisenbeiß mit großem Einsatz dafür gesorgt, dass der Laden auch bestehen konnte“, sagt Klaus Busch. „Und bei Bedarf springt er immer noch ein.“

„Wie ein Unternehmen handeln“

Klaus Busch wiederum, übrigens weder verwandt noch verschwägert mit Elke Busch, ist etwa zur Halbzeit des Projekts eingestiegen. Zwar wohnte der gebürtige Rheinländer mit seiner Familie schon seit Mitte der 1980er-Jahre in Höringen, hatte aber mit Beruf und Familie noch zu viel um die Ohren. Heute gehört er mit seiner Frau Kornelia, „die das laufende Geschäft managt“, zur Kerntruppe des Bürgerladen-Vereins Höringen, der als wirtschaftlicher Verein eingetragen ist. „Das heißt, wir können wie ein Unternehmen handeln und müssen dazu keine Genossenschaft gründen“, ist Busch froh über diese rechtliche Möglichkeit in Rheinland-Pfalz.

Weithin erkennbart: „’s Lädche“ in der Höringer Hauptstraße 45.
Weithin erkennbart: »’s Lädche« in der Höringer Hauptstraße 45.

Wer mit dem Auto aus Richtung der nur wenige Kilometer entfernten Wallonenstadt Otterberg kommt, entdeckt den Dorfladen kurz hinter dem Ortseingang. Eine kleine Treppe führt nach oben, beim Öffnen der Ladentür klingelt es dezent. Vermutet werden darf, dass neue Kunden erstmal ein wenig überrascht sind. Das Angebot ist weder verstaubt noch begrenzt, sondern vielfältig und zum Teil sehr regional. Auch eine bekannte Biomarke, die eigene Supermärkte betreibt, gehört dazu. Alles ist hübsch auf Holzstellagen und in Kühlregalen untergebracht. Ein Tür führt weiter in einen kleineren Raum, sozusagen der Getränkemarkt.

„Bio läuft, ebenso regional“

Wenn man junge Leute in den Laden bekommen wolle, „muss man mehr bieten als das klassische Sortiment“, erklärt Klaus Busch und ergänzt: „Bio läuft, ebenso regional“. Beliefert wird s’Lädche zum Beispiel von der Metzgerei Cherdron vom Messerbacherhof bei Gundersweiler, für Backwaren sorgt die Bäckerei Scheidt aus dem Landkreis Kusel, das Weingut Hahnmühle aus Mannweiler-Cölln für gute Tropfen. Vieles andere kaufen die Vereinsmitglieder beim Edeka-Markt in Winnweiler ein und reagieren dabei auch auf Kundenwünsche. Das, so Busch, sei billiger, als beliefert zu werden, und wirke sich damit kaum auf die Preise aus.

Natürlich bleibt alles „ein Spagat zwischen der Grundversorgung und den Wünschen darüber hinaus“. Zumal das Ziel immer lauten muss, den Dorfladen auf eine solide wirtschaftliche Basis zu stellen. Busch hofft, mittelfristig jemanden zu finden, der ihn betreiben würde. Schließlich würden die Vereinsmitglieder nicht jünger, so der 70-Jährige. Wirtschaftliche Unterstützung gab es zuletzt von Rudolf Jacob, dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Winnweiler, zu der Höringen gehört. „Er hat angeboten, dass wir das Trockensortiment für die Schulküche liefern, und das machen wir jetzt auch.“

Schulküche wird beliefert

Für den Bürgermeister ist das eine Möglichkeit, den Dorfladen zu stärken. Der Umsatz sei damit um knapp 100.000 Euro gesteigert worden, sagt Jacob, womit s’Lädche von den roten in die schwarzen Zahlen gekommen sei.

Voraussetzung sei gewesen, dass es für die Verbandsgemeinde nicht teurer werde, und das könne der Verein dank der Ehrenamtlichen gewährleisten. „Es klappt sehr gut“, gibt Jacob die Rückmeldung der Schulküche weiter, die täglich mehrere hundert Schul- und Kitakinder versorgt.

Klaus Busch gehört mit seiner Frau Kornelia, „die das laufende Geschäft managt“, zur Kerntruppe des Bürgerladen-Vereins Höringen
Klaus Busch gehört mit seiner Frau Kornelia, »die das laufende Geschäft managt«, zur Kerntruppe des Bürgerladen-Vereins Höringen.

1986 war das Ehepaar Busch nach Höringen gezogen. Der Betriebswirtschaftler nahm damals eine Stelle im Controlling der Firma Corning an. Dieser Aufgabe blieb er treu, auch zuletzt beim Kreditkartenunternehmen der Lufthansa. Aber die Aufgabe Dorfladen „ist mehr als nur Zahlenschubsen“, meint Busch und lacht. Schon im Studium habe er in einem Lebensmittelladen gejobbt, „und im Alter mache ich das wieder“. Grundsätzlich gehe er einfach gerne einkaufen.

Neben Elke Busch beschäftigt der Verein noch drei Mini-Jobber. Geöffnet ist Montag bis Samstag von 6 bis 12 Uhr, weil das der Nachfrage entspricht. Samstags gibt es ehrenamtliche Unterstützung, im Wechsel von Klaus Busch und einem Freund. „Haste Lust, mitzumachen? Aber Geld kriegste keins!“, habe er diesen damals gefragt. Stolze 75 Vorbestellungen gibt es samstags für Backwaren. Doch nach Buschs Erfahrung „holen 60 Kunden nur ihre Bestellung ab“, kaufen nicht weiter ein.

Wunsch: Dass noch mehr Höringer kommen

Der Bürgerladen ist also durchaus ein Kampf, zumal er bei Auswärtigen auf mehr Anerkennung stößt als bei Einheimischen, wie Klaus Busch berichtet. „Er ist zwar akzeptiert, aber es wäre noch schöner, wenn noch mehr Höringer zu uns kämen.“ Die Chance, rund um die Uhr Umsatz zu machen, soll sich ab dem Frühjahr 2025 bieten. Ab dann ist s’Lädche ein hybrides – morgens mit Personal, danach mit Scan. Anders gesagt: Der Vormittag bleibt fürs Schwätzchen, der Rest des Tages ist voll automatisiert, und im besten Fall kommt mehr Geld rein.

„Wenn ihr mal ein Leuchtturmprojekt für einen hybriden Dorfladen braucht, wir wären dabei.“ Diese Ansage hatte Klaus Busch vor geraumer Zeit gemacht. Der Adressat war die „Dorfladenberatungsstelle M.Punkt RLP“, hinter der eine Unternehmensberatung aus dem Landkreis Trier-Saarburg im Auftrag des rheinland-pfälzischen Innenministeriums steht. Anfang 2024 kam dann die Rückfrage: „Habt ihr noch Interesse?“

Harald Balzer ist einer der Stammkunden von Elke Busch, die seit 30 Jahren im „Lädche“ in der Höringer Hauptstraße 45 arbeitet.
Harald Balzer ist einer der Stammkunden von Elke Busch, die seit 30 Jahren im »Lädche« in der Höringer Hauptstraße 45 arbeitet. Der Bürgerladen und was dazugehört ist unschwer an der blauen Farbe zu erkennen.

Ende November fiel nun der Startschuss für das Modellprojekt „Hybride Dorfläden“, an dem neben Höringen noch drei Läden im in den Landkreisen Bad Kreuznach, Bernkastel-Wittlich und Trier-Saarburg teilnehmen. Davon verspricht sich das Land Referenzwerte, um bewerten zu können, wie wirtschaftlich künftige Dorfladen-Projekte sein könnten. Anders gesagt: Geht die Rechnung auf, würden Höringen und seine drei Mitstreiter die Blaupause liefern.

„Keine Ausrede mehr“

„Wer bei uns einkaufen will, hat dann keine Ausrede mehr, dass er nur außerhalb der Öffnungszeiten könnte“, sagt Klaus Busch mit einem Augenzwinkern. Das habe er auch Innenminister Michael Ebling gesagt, als dieser Ende November den Startschuss in Höringen gab. Rheinland-Pfalz sei sehr aktiv, wenn es um Dorfläden gehe, „das muss man auch mal sagen“, lobt Busch. Und das nicht nur wegen der finanziellen Förderung – wie ein Betriebskostenzuschuss –, sondern auch wegen der Beratungsstelle.

Im Höringer Dorfladen wird deshalb umgebaut. Wieder einmal, denn zuletzt kurz vor Corona wurde in großem Stil investiert und alles modern gestaltet. Später folgten mit Unterstützung der EU ein 24/7-Automat vorm Haus und die überdachte Sitzecke, mit der ein bis dato eher unansehnliches Eck aufgemöbelt wurde. Dort wird manchmal Frühstück angeboten, weil es eben auch immer um das Dorfleben gehe, sagt Busch. Deshalb engagiere sich der Verein ebenso bei der Höringer Kerwe oder dem Weihnachtsmarkt.

47.500 Euro vom Land

Insgesamt 190.000 Euro stellt das Land für die hybride Umnutzung bereit, also 47.500 Euro pro Dorfladen. In Höringen sind bereits viele Waren abgepackt und scanfähig, ab dem Frühjahr werden es noch mehr. Der Eingang wird neu gestaltet, um, ähnlich wie bei einem Geldinstitut, Zugang mit der Scheckkarte zu bekommen. Nach dem Einkauf muss der Kunde die Waren dann selbst scannen und mit Karte bezahlen. Dass das System nur bargeldlos funktioniert, versteht sich von selbst. Alkoholische Getränke werden laut Klaus Busch nur im Getränkebereich angeboten, der mit einer Schranke samt Alterskontrolle versehen wird, „harte Sachen“ würden bei der Selbstbedienung ausgeschlossen. Einzug halten wird eine Kameraüberwachung. „Trotzdem ist das voll automatisierte Angebot am Ende natürlich Vertrauenssache“, weiß Busch.

Bis Ende nächsten Jahres soll das hybride Experiment vorerst laufen. Dann wird geschaut, ob „dieser neue Weg, um den ländlichen Raum zu stärken“, wie es der Innenminister formuliert, gezündet hat. Klaus Busch und sein Team hoffen es. Und Bürgermeister Jacob auch: „Vielleicht nutzen Bürger aus der ganzen Verbandsgemeinde das Angebot, wenn sie sonntags feststellen, beim Einkauf etwas vergessen zu haben.“

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