Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Im Reich des Salzes: Boliviens weißes Wunder

Die rissigen Salzwaben sind durch die erheblichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht entstanden.
Die rissigen Salzwaben sind durch die erheblichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht entstanden.

Der Salar de Uyuni im Hochland von Bolivien ist der größte Salzsee der Welt. Sogar die Rallye Dakar bretterte schon über den steinharten Grund.

Von Marc Vorsatz

Das waren doch schon etwas merkwürdig überdrehte Menschen“, erinnert sich Juan Calizaya, Chef der kleinen Artisan-Kooperative am Rande der Uyuni-Salzwüste, die genau genommen ein ausgetrockneter See ist. „Na ja, vielleicht müssen die Rallye-Leute und auch deren Gefolge so sein. Aber irgendwie passte das nicht so richtig in unsere einfache Welt hier. Da sind mir die normalen Touristen schon vertrauter.“

Von 2014 bis 2018 führte die Rallye Dakar quer durch Südamerika. Wobei die peruanisch-bolivianische Hochebene Altiplano mit ihrem schwierigen Terrain im Allgemeinen und der surreal wirkende Salzsee, der Salar de Uyuni, im Speziellen als besonders herausfordernd galten. Außerdem erwies sich die ungewohnt dünne Luft auf rund 3600 Meter über dem Meeresspiegel als extrem ermüdend für die Teilnehmer.

Mit Müdigkeit haben meist auch Juans „normale Touristen“ zu kämpfen, obwohl sie keine Höchstleistungen vollbringen müssen und sich lieber von dem sonnengegerbten Mittfünfziger das Salzgewerk erklären lassen. Schon demonstriert dieser routiniert, wie er und seine Mannen zentnerschwere Skulpturen aus großen Salzblöcken meißeln. Oder wie sie das Mineral aus dem steinharten Boden kratzen. Um das Weiße Gold sogleich in einer uralten Mühle zu zerkleinern und mit aromatischem Koriander oder Andenminze zu veredeln.

Die Szenerie wirkt außerirdisch

Der Wind, der ungebremst über die Ebene fegt, ist eisig. Kurz vor Sonnenaufgang war er unerträglich. Da zeigte die Quecksilbersäule grade mal schlappe drei Grad. Unter null. Doch es hieß raus aus den warmen Federn und rein ins Abenteuer Salzwüste. Ilsen Meriles, National Geographic und G Adventures Tour Guide und Koordinatorin, hat sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Als es sich ihre Gäste aus Europa und Australien in den beiden – beheizten – Toyota Land Cruisern gemütlich gemacht haben, verteilt die 34-Jährige noch in der Morgendämmerung Augenbinden. Der Uyuni-Wow-Effekt sollte perfekt werden. Als die Abenteurer endlich in die Ferne schauen durften, sehen sie anstatt schwarz nur noch gleißendes Weiß. Das Licht ist einfach brutal in seiner Intensität. Obwohl die Sonne noch ganz flach am Horizont steht, geht ohne Sonnenbrille einfach nichts.

Selbst dann braucht es einen Moment, bis die Augen Details wahrnehmen können. Langsam nehmen diese merkwürdigen fünfeckigen Salzwaben Kontur an, die durch Kontraktion, Rissbildung und Kristallisation infolge erheblicher Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht entstehen. Die Szenerie wirkt surreal, fremd, irritierend, fast außerirdisch.

Ein perfekter Ort für Kreative also. Musiker streamten schon Liveperformances von dort ins Netz und produzierten Musikvideos, Hollywood drehte diverse „Star Wars“-Sequenzen, Schauspielerin Veronica Ferres wurde von Regisseur Werner Herzog in einem Öko-Thriller als Wissenschaftlerin in der Salzwüste ausgesetzt, und eine japanisch-bolivianische Co-Produktion erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der Salz abbaut und es in den umliegenden Gemeinden gegen Waren tauscht.

Mindestens 21 Millionen Tonnen Lithium liegen hier

Viele Dörfer gibt es indes nicht am Salzsee, der stolze 140 Kilometer lang und 100 Kilometer breit und damit der größte seiner Art weltweit ist. Mit über 10.000 Quadratkilometern Fläche würde der Bodensee 20-mal hereinpassen. Alle Geheimnisse hat der Salar jedoch noch nicht preisgegeben. Seine bislang bekannte tiefste Stelle beträgt 220 Meter. Entstanden ist er vor über 10.000 Jahren durch Verdunstung des Paläosees Tauca, der eine geschätzte Menge Salz von unfassbaren zehn Milliarden Tonnen zurückließ. Laut dem Luzerner Institut für Seltene Erden und Metalle lagert unter dem Mineral eines der größten Lithium-Vorkommen der Welt mit mindestens 21 Millionen Tonnen des heiß begehrten Elektrometalls, das sich im Akku eines jeden Handys und E-Autos findet. Der Lithium-Hunger der Industrienationen ist gewaltig, Tendenz steigend. Ein chinesisches Konsortium schloss mit der bolivianischen Regierung im November 2024 ein Abkommen über die Errichtung von zwei kolossalen Industrieanlagen zwecks Extraktion. Investitionsvolumen: eine Milliarde US-Dollar. Andere Investoren stehen bereits Schlange. Die Hacken und Schippen von Juans Kooperative kosten keine Hundert Dollar.

Nach einer Stunde Fahrt auf steinhartem kristallinen Grund wird aus Salz langsam Sand, waten Flamingos durch kleine Pfützen voller roter Algen, thront der erloschene Tunupa Vulkan am Firmament. Selbst ohne Spitze überragt er mit seinen 5432 Metern alles um Längen.

Das „Heim der Inka“ ist eine Ausnahmelandschaft

Das nackte rot-braune Lavagestein unter dem gezackten Kraterrand und die riesige Caldera erinnern an eine offene Wunde von Pachamama, wie Mutter Erde dort liebevoll genannt wird. Ganz oben, wo sich einst Erde, Wind und Feuer vereinten, soll Göttin Tunupa leben. Der Legende nach wurden alle Vulkane von Göttern bewohnt. Außer einem. Wunderschön sei sie gewesen sein, über alle Maßen begehrenswert. Als Tunupa das Kind eines Unbekannten gebar, raubten die verschmähten Götter ihr Baby. Die Schöne verfiel in eine unendliche Traurigkeit, ihre salzigen Tränen füllten den See.

In der Ferne durchbricht eine Landmasse das Meer aus Salz, das von den Anwohnern auch Salar de Tunupa genannt wird. Es ist die Insel Incahuasi, die über und über mit baumstammförmigen Kakteen bewachsen ist. Das „Heim der Inkas“, so die Übersetzung aus dem indigenen Quechua, ist eine Ausnahmelandschaft in einer Ausnahmelandschaft. Stachlige Riesen, wohin das Auge reicht. Leucostele atacamensis heißen die Jahrhunderte alten verholzten Kakteen, für die es keinen deutschen Namen gibt. Bis zu zehn Meter ragen sie in die Luft, mache gar höher. Wieder wähnt sich der Besucher in einer merkwürdig surrealen Welt, wieder findet er sich in einer Landschaft, die er so nie zuvor gesehen hat. Genau deshalb kommen Menschen aus aller Welt. Noch.

Bei den Anwohnern geht die Angst um. Was wohl aus ihrer Pachamama wird, wenn bald das Lithium industriell gehoben wird? „Wir haben schon einmal schlechte Erfahrungen gesammelt“, erklärt Juan mit resignierter Stimme. „Damals, als die Spanier kamen und unser ganzes Gold gestohlen haben.“

Bolivien

Anreise
La Paz wird von verschiedenen Airlines wie KLM, www.klm.de, Lufthansa, www.lufthansa.com, oder Iberia, www.iberia.com, bedient. Meist via Bogota, von dort weiter mit Avianca, www.avianca.com/en, oder Latam, www.latamairlines.com/de/de.

Veranstalter
Die „Highlights von Bolivien“ heißt die achttägige Kleingruppenreise von G Adventures ab/bis La Paz. Sie führt nach Sucre, Potosi und Salar de Uyuni mit der Isla Incahuasi. Inklusive Inlandsflügen, Hotels, Programm, Verpflegung und Guide ab 2659 Euro pro Person, www.gadventures.com.
Privatreise: Der 15-tägige „Höhenrausch in den Anden“ geht von Lima in Peru über Arequipa, Cusco und Machu Picchu nach La Paz in Bolivien und in die Salzwüste Uyuni mit der Kakteeninsel Incahuasi. Inklusive Flügen, Wagen mit Fahrer, Nachtzug, Top-Hotels, Verpflegung und Programm ab 6680 Euro, www.geoplan-reisen.de.
Bolivien intensiv: 18-tägige Individualreise mit Amazonas im Tiefland sowie der Uyuni Salzwüste, Santa Cruz, Sucre, Potosí und La Paz im Hochland. Inklusive Hotels, Gästehäusern, Eco-Lodges, Programm mit Guide, ohne Flüge bei Gateway Lateinamerika ab 4922 Euro, www.gateway-lateinamerika.de.
Gruppenreise: „Zu den Ursprüngen der Zeit“ mit Salar de Uyuni, Altiplano, Amboro-Nationalpark, Titicacasee, Sucre, Potosi. 17 Tage inklusive Flügen, Programm, Bootsfahrt, Hotels- und Gästehäusern, Verpflegung ab 4490 Euro, www.diamir.de.

Allgemein
Bolivien Tourismus,
www.boliviaturismo.com.bo

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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