Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Ich feiere Weihnachten ohne Euch“: Wenn Familientraditionen zerbrechen

Stille Nacht: Trauer, Einsamkeit und familiäre Konflikte sind gerade an den Weihnachtstagen belastend.
Stille Nacht: Trauer, Einsamkeit und familiäre Konflikte sind gerade an den Weihnachtstagen belastend.

Eine Abkehr von der Familienweihnacht kann sehr verletzend sein. Ein Pfälzer Psychotherapeut sagt, wie man Wünsche klar formuliert – und andere Bedürfnisse aushält.

„Ich feiere Weihnachten dieses Jahr nicht mit Euch“: Welche Sprengkraft hat dieser Satz?
Für die meisten Familien ist Weihnachten das wichtigste Fest des Jahres. Insofern hat eine Abkehr davon natürlich eine enorme Sprengkraft.

Ist es überhaupt ratsam, diese Botschaft so hart und eindeutig zu formulieren?
Es gibt sicher bessere Wege. Hilfreich ist es auf jeden Fall, die eigenen Beweggründe zu erklären und direkt einen Alternativvorschlag anzubieten.

Was ist denn eine gute Alternative: Statt der traditionellen Weihnachtsgans ein Grillfest im Sommer?
Das kommt natürlich auf den Einzelfall an. Ich würde das Ganze nicht gleich in den Sommer verlegen, sondern eine näher gelegene Alternative suchen. Es gibt ja beispielsweise mehrere Weihnachtsfeiertage. Oder man weicht auf Silvester aus.

Wann führt man so ein doch eher schwieriges Gespräch idealerweise?
Am besten weit vor dem eigentlichen Termin. Auf jeden Fall vor Beginn der Adventszeit. Schließlich bereitet das Gegenüber sich irgendwann auf Weihnachten vor und braucht dann im Zweifel Zeit, andere Pläne zu machen. So hat sich die Sache außerdem zum Fest hin schon etwas gesetzt.

Umgang mit negativen Reaktionen

Nicht immer stößt der Wunsch auf Verständnis, selbst wenn es nachvollziehbare Gründe dafür gibt. Wie geht man mit negativen Reaktionen um?
Das ist so allgemein sehr schwierig zu sagen. Selbst wenn das Verhältnis schon belastet ist, fällt es dem Gehirn häufig schwer, Vertrautes loszulassen. Das ist ein Stück weit normal. Diese Reaktion muss man unter Umständen einige Zeit aushalten. In der Regel kommt man am Ende aber doch zu einem neuen Verständnis.

Und wenn das Gegenüber partout kein Einsehen zeigt?
Dann muss man zum Schutz der eigenen Psychohygiene irgendwann sagen: Es ist nicht mein Problem, wenn jemand meine Entscheidung nicht akzeptieren will. Die meisten haben ja einen Grund für die Absage und eine Alternative, auf die sie sich freuen: das erste Weihnachten mit dem neuen Partner, mit eigenem Kind oder am neuen Wohnort. Dieser Wunsch hat seine Berechtigung.

Trotzdem haben manche Leute teils noch Jahre später ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Wie schafft man es, trotzdem zu der eigenen Entscheidung zu stehen?
Schuldgefühle und ein gewisser Abschiedsschmerz sind normal. Gerade, wenn man etwas aufgibt, an das man lang gehegte Erinnerungen mit sich trägt. Wenn man allerdings gar nicht damit zurechtkommt, regelrecht in eine Depression verfällt, dann ist es unter Umstände angeraten, doch noch einmal mit den Betroffenen zu sprechen. Schwierig wird es, wenn die Eltern oder Schwiegereltern zwischenzeitlich gestorben sind. Dann können sich die Schuldgefühle mit Trauer mischen. Es spricht nichts dagegen, sich in diesem Fall seelsorgerische oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Mit anderen zu reden, die in einer ähnlichen Lage sind, kann ebenfalls eine Entlastung sein.

Wie schaffe ich es umgekehrt, zu akzeptieren, dass Familienmitglieder nicht mehr so feiern möchten, wie ich es all die Jahre schön fand?
Nur weil etwas anders ist als früher, sind die Beziehung und die Liebe nicht erloschen. Veränderungen sind schwierig zu akzeptieren, aber sie gehören zum Leben dazu. Es hilft niemandem, sich gegenseitig deshalb ein schlechtes Gewissen zu machen. Wichtig ist es, darüber zu sprechen, um so ein Verständnis füreinander zu schaffen. Das gibt mir auch das Recht und den Raum, meine Enttäuschung und meine Gefühle zu äußern. Den eigenen Wunsch um jeden Preis egoistisch gegen den Willen der anderen durchzusetzen, bringt nichts. Es soll ein Fest für alle sein und nicht so, dass meine Familie nur mir zuliebe feiert.

Festhalten an Ritualen um jeden Preis?

Des lieben Friedens willen versuchen manche, es doch möglichst allen recht zu machen. Welche Folgen kann so ein fauler Kompromiss haben?
Wenn sich der Widerwille über Jahre aufstaut, kann so ein toxisches Weihnachten darin münden, dass am Ende niemand mehr Freude daran hat. Die Feiertage sind dann nur noch mit negativen Gefühlen verbunden. An diesem Punkt sollte man sich ehrlich fragen: Schadet das Festhalten an Ritualen mehr, als es nutzt?

Rät dazu, eigene Wünsche frühzeitig anzusprechen – und eine Alternative anzubieten: Psychotherapeut Marcel Hünninghaus.
Rät dazu, eigene Wünsche frühzeitig anzusprechen – und eine Alternative anzubieten: Psychotherapeut Marcel Hünninghaus.

Tod, schwere Krankheit oder eine Trennung im Streit können fest gefügte Traditionen ungewollt über den Haufen werfen. Wie findet man in solchen Situationen neuen Halt?
Oftmals vermischt sich das Vermissen des Verstorbenen mit der Sehnsucht nach vertrauten Ritualen. Wir beobachten in der Psychotherapie, dass die Trauer gerade zu Terminen wie Geburtstag und Weihnachten wieder aufbricht. Mit anderen reden kann helfen. Wenn es sehr belastend wird, sollte man professionelle Hilfe suchen. Zentral ist für mich, gerade in weniger endgültigen Situationen wie Trennung, die Frage: Was möchte ich selbst, was ist mir an Weihnachten wichtig? Vermisse ich andere Menschen, fehlt mir die Partnerschaft oder das Beisammensein mit Freunden? Einsamkeit betrifft inzwischen viele Menschen. Die Gefühle rund um Weihnachten können als Impuls genutzt werden, etwas dagegen zu tun und wieder Anschluss zu suchen.

Brechen in der Therapie bei Ihren Patienten gerade zum Jahresende verstärkt Krisen aus?
Weihnachten ist ein Brennglas für Menschen, die sowieso schon leiden. Wir vermissen die Angehörigen, die uns nahestanden, an solchen ritualisierten Tagen besonders. Man hat vielleicht auch das Gefühl, etwas zu verpassen, vergleicht sich mit anderen. Das kann ebenfalls die Symptomatik verstärken. Patienten, die kritische Familienkonstellationen noch nicht auflösen können, haben regelrecht Angst vor dem Fest.

Werbung und Medien zeichnen ein völlig überhöhtes Bild von Weihnachten. Wie sehr kann das einen unter Druck setzen?
Ich erlebe Leute, die einen kaum einlösbaren Perfektionsanspruch haben. Sie hängen einer überhöhten Idee von Weihnachten nach und verlieren den eigenen Sinn dahinter aus dem Blick. Werbung zeigt ja nicht, wie „mein gutes Fest“ aussieht. Sie projiziert ein ideales Weihnachten aus Sicht von Unternehmen, die bestimmte Produkte verkaufen möchten. Wer sich davon zu stark unter Druck gesetzt fühlt, dem empfehle ich, sich bewusst von solcher Werbung fernzuhalten. Ein gutes Beispiel ist das Wettbieten bei Geschenken. Der eine Enkel bekommt etwas für 50 Euro, also muss es für den anderen der gleiche Betrag sein. Aber schauen Kinder wirklich aufs Preisschild? Oder geht es beim Schenken doch um etwas anderes? Die Bescherung macht nur einen Bruchteil des Abends aus – und nimmt im Vorfeld so viel Zeit in Anspruch. Letztlich ist auch hier die Frage: Was will ich eigentlich selbst – und was wollen andere?

Vielleicht kommt man bei dieser Überlegung zu dem Schluss: Mir liegt nicht viel an Weihnachten, ich würde die freie Zeit lieber für einen Urlaub nutzen. Wie lässt sich das gut gegenüber denen kommunizieren, für die das gemeinsame Fest sehr wohl wichtig ist?
Es ist eine Lebensaufgabe von jedem von uns, Angehörigen und Freunden zu vermitteln: Dein Bedürfnis ist nicht mein Bedürfnis - und trotzdem stehen wir uns nahe. Man darf von seiner Umwelt erwarten, diese Spannung aushalten zu können.

Wünsche auch mal zurückstellen

Kann ich wirklich meinem Bedürfnis folgend wegfahren, wenn meine Mutter dann Weihnachten alleine ist?
Auch das gehört zu diesem Überlegungsprozess. Ist es mir der günstige Flugpreis an Heiligabend wert, noch wochenlang ein schlechtes Gewissen zu haben? Will ich, dass meine Eltern, die vielleicht nicht mehr lange leben, traurig sind? Dann kann ich zu der Entscheidung kommen, meine Wünsche zurückzustellen. Auch das ist eine legitime Entscheidung und entspricht letztlich dem eigenen Bedürfnis, Zeit mit den Eltern zu verbringen. Solche Entscheidungen und Abwägungen sind sehr individuell.

Kompliziert wird es, wenn nach einer Trennung die Wünsche und Rituale des neuen Partners und dessen Kindern mit unter einen Hut gebracht werden müssen. Wie kommt man da in Familien gut zusammen?
Weihnachten wird nicht nur an einem Abend gefeiert. Einen Nachmittag gemütlich auf der Couch, den anderen Tag bei der Großfamilie oder mit Freunden Tanzen gehen: Vielleicht schafft man es, über die Feiertage Kompromisse zu finden, die allen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

Wie belastend ist das Aushandeln solcher Kompromisse und wechselnder Regelungen für die Kinder?
Wenn es nicht bereits psychische Vorbelastungen gibt, gelingt es Kindern in Patchworkfamilien meist recht gut, sich an unterschiedliche Umstände anzupassen. Anders ist es bei verletzlichen Kindern, die bereits aus der vorherigen Paarbeziehung Streit und Unsicherheit mitbekommen haben. In diesem Fall würde ich raten, die Bedürfnisse des Kindes gerade in dieser emotional aufgeladenen Zeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Geht es um Weihnachten, sind hauptsächlich Stress und Konflikte Thema. Gibt es Menschen, die sich einfach nur auf Weihnachten freuen?
Ich bin sogar sehr optimistisch, dass der Großteil der Menschen – trotz allem Stöhnen und Meckern – mit sich und dem Fest im Reinen ist.

Wie feiern Sie eigentlich selbst?
Ich mache ganz klassisch einen Kompromiss. Meine Eltern sind schon älter und es ist mir ein Bedürfnis, Zeit mit ihnen zu verbringen. Meine Lebensgefährtin versteht das. Weihnachten feiert deshalb jeder mit seiner Familie, Silvester gehört dann uns beiden.

Zur Person: Marcel Hünninghaus

Marcel Hünninghaus ist Mitglied im Vorstand der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Der 40-Jährige arbeitet als leitender Psychotherapeut in einem Klinikum der Pfalz. Hünninghaus lebt in Dudenhofen (Rhein-Pfalz-Kreis).

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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