Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Hundefutter im Container: Unterwegs mit Altkleidersammler (mit Bildergalerie)

Auf Tour: Rot-Kreuz-Fahrer Marco Urschel leert jede Woche die Altkleidercontainer rund um Landstuhl.
Auf Tour: Rot-Kreuz-Fahrer Marco Urschel leert jede Woche die Altkleidercontainer rund um Landstuhl.

Die Sammlung gebrauchter Textilien ist inzwischen ein Verlustgeschäft. Warum hält das Rote Kreuz in Landstuhl trotzdem an seinen Containern fest? Wir waren mit auf Tour.

Ein schwarzer Föhn, eine zerkratzte Bratpfanne, zwei Kippenschachteln, fleckiges Bettzeug, lose Kinderschuhe und löchrige Socken, ansonsten hauptsächlich fest verschnürte Säcke mit Altkleidern. Marco Urschel ist zufrieden mit der heutigen Tour. Wenn der 50-Jährige die Blechtüren an den roten Containern aufschließt, weiß er nie, was ihn erwartet. Letzte Woche hat jemand einen Sack Hundefutter durch die Klappe gekippt. Hausabfälle, Essensreste, Bauschutt, Elektroschrott, Autoteile: „Was oben reinpasst, schmeißen die Leute rein“, sagt Urschel. Man hört ihm den Frust über das rücksichtslose Verhalten einiger Mitmenschen deutlich an.

Seit fünf Jahren ist der gelernte Landschaftsbauer Fahrer bei der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Kaiserslautern-Land. Etwa 500 Kilometer legt Urschel jede Woche mit dem weißen Ford Transit bei seiner Tour durch Orte wie Frankenstein und Bruchmühlbach-Miesau zurück. Und es gibt wenig, was den freundlichen Mann dabei noch aus der Fassung bringt.

Jede Menge Müll: Das hier ist noch harmlos. Selbst Essensreste und Bauschutt werden im Altkleidercontainer entsorgt.
Jede Menge Müll: Das hier ist noch harmlos. Selbst Essensreste und Bauschutt werden im Altkleidercontainer entsorgt.
Kleiderberge: Ein Blick in die Anlieferung beim DRK-Kreisverband Kaiserslautern-Land.
Kleiderberge: Ein Blick in die Anlieferung beim DRK-Kreisverband Kaiserslautern-Land.
Schönes aus zweiter Hand: Selbst Kommunion- und Brautkleider findet man mit etwas Glück im Second-Hand-Laden des Roten Kreuz. Le
Schönes aus zweiter Hand: Selbst Kommunion- und Brautkleider findet man mit etwas Glück im Second-Hand-Laden des Roten Kreuz. Leiterin Anna Stösel achtet sehr auf die Qualität der Ware.
Aufwendig: Jeder Sack wird von Hand sortiert.
Aufwendig: Jeder Sack wird von Hand sortiert.
Nachhaltig: Kunden des Rot-Kreuz-Shops wie diese Rentnerin schätzen das günstige Second-Hand-Angebot.
Nachhaltig: Kunden des Rot-Kreuz-Shops wie diese Rentnerin schätzen das günstige Second-Hand-Angebot.
Alles muss raus: Zum Saisonende gibt es die Wintermode am Ein-Euro-Tag fast geschenkt.
Alles muss raus: Zum Saisonende gibt es die Wintermode am Ein-Euro-Tag fast geschenkt.
Kennt ihre Kunden: Sonja Lutz aus dem Rot-Kreuz-Shop.
Kennt ihre Kunden: Sonja Lutz aus dem Rot-Kreuz-Shop.
Wichtiges soziales Angebot: Melanie Schmitt, stellvertretende Kreisgeschäftsführerin beim Deutschen Roten Kreuz, will so lange e
Wichtiges soziales Angebot: Melanie Schmitt, stellvertretende Kreisgeschäftsführerin beim Deutschen Roten Kreuz, will so lange es geht an der Altkleidersammlung festhalten – auch wenn es sich finanziell nicht mehr lohnt.

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Viele andere Anbieter haben sich in den zurückliegenden ein, zwei Jahren aus dem Geschäft mit den Altkleidern zurückgezogen. Das spürt man beim Roten Kreuz in Landstuhl. Manche Container sind inzwischen so voll, dass sie mehrmals die Woche geleert werden müssen. Außerdem landet zunehmend mehr Müll an den Sammelstellen, den die Hilfsorganisation oft kostenpflichtig entsorgen muss.

Noch hält das Rote Kreuz hier in der Westpfalzregion an der Containersammlung fest. Wie lange, das kann Melanie Schmitt, stellvertretende Geschäftsführerin des Kreisverbands, nicht sagen. Schon jetzt decke der magere Erlös aus dem Verkauf der Ware längst nicht mehr die steigenden Kosten für Personal und Sprit. Dabei konnte der DRK-Kreisverband früher mit dem Gewinn aus der Altkleidersammlung Projekte im Katastrophenschutz und in der Jugendarbeit fördern. Diese Zeiten sind vorbei.

Große Verwerter sind insolvent

Der weltweite Markt für Alttextilien befinde sich im freien Fall, warnte der Fachverband Textilrecycling bereits im Herbst 2024. Große, bundesweit tätige Sortier- und Verwertungsunternehmen wie Texaid und Soex haben jüngst Insolvenz angemeldet. In der Folge haben sich vielerorts auch gemeinnützige Organisationen aus der Sammlung zurückgezogen. Der Caritasverband hat beispielsweise in der Diözese Speyer nach der Pleite des Dienstleisters Texaid sämtliche Container entfernt. Auch die Malteser haben vergangenen Sommer an vielen Standorten die Reißleine gezogen. Geblieben sind Sozialkaufhäuser und Kleiderkammern. Spender geben ausgemusterte Klamotten dort persönlich ab – und das meist in deutlich besserer Qualität als im Container.

Solche Direktspenden gibt es auch beim Roten Kreuz in Landstuhl. Sie werden, ebenso wie alles, was aus der Containersammlung stammt, von Hand sorgfältig geprüft. Was brauchbar ist, wird günstig im eigenen Shop verkauft. Dieses Angebot, von dem besonders Familien, junge Leute und Rentner mit wenig Geld profitieren, soll so lange wie möglich erhalten werden, sagt Melanie Schmitt. „Dieser soziale Beitrag in der Region ist uns äußerst wichtig.“

Kroko-Stiefeletten zum Schnäppchenpreis

Doch nicht nur Bedürftige schätzen das gut sortierte Angebot. Das helle Ladengeschäft im Zentrum von Landstuhl ist an diesem Dienstagvormittag gut besucht. Zwei junge Frauen haben gerade auf dem Schuhregal ein paar lila Stiefeletten mit Krokodruck entdeckt. Zum Preis von fünf Euro ein echtes Schnäppchen. Bei den Winterjacken, die zum Saisonende nur noch die Hälfte kosten, stöbert eine Kundin. Eine andere probiert gerade einen Pullover an. „Bevor ich etwas Neues kaufe, schaue ich immer, was es hier gibt“, sagt sie.

Neben dem Preis achtet sie auf Qualität und Nachhaltigkeit. „Ich würde hier auch einkaufen, wenn meine Rente etwas üppiger wäre“, erklärt sie im Gespräch mit Sonja Lutz. Die DRK-Mitarbeiterin kennt ihre Kundschaft und weiß, wie dankbar manch einer ist, hier für unter zehn Euro einen warmen Mantel zu finden. „Die einen sagen, das kann ich mir jetzt gönnen, auch wenn es sonst eng ist. Und andere freuen sich über ein Schnäppchen“, weiß Lutz. Bewusst verkauft das Rote Kreuz an Jedermann. „Niemand soll sich schämen müssen.“

Einmal am Tag kommt neue Ware vom Lager. Was nicht läuft, wird schnell wieder aus dem Sortiment genommen. Dieser Qualitätsanspruch hat sich herumgesprochen. Kunden kommen teils von der Haardt oder aus Homburg, berichtet Anna Stösel. Die 41-jährige Einzelhandelskauffrau leitet den Rot-Kreuz-Shop und packt regelmäßig beim Sortieren der Containerware mit an. Gerade lädt Fahrer Marco Urschel den Transporter aus. Blaue, gelbe und graue Müllsäcke stapeln sich bereits in der Halle zu einem stattlichen Berg. Einzeln nimmt sich Stösel jeden der Beutel vor. Mit geschultem Blick erkennt sie sofort, ob Brauchbares dabei ist. Ein kleiner, rosa Schneeanzug, die neongelbe Windjacke und das graue Teddyfleece kommen sorgfältig gefaltet in den Einkaufswagen, der Rest auf den schnell wachsenden Abfallhaufen.

Vieles ist Abfall

Etwa zwei Drittel der gesammelten Ware sind nicht für den Shop geeignet. Gemeinsam mit loser, schmutziger Kleidung und kaputten Schuhen kommt der Ausschuss auf die sogenannten Wechselbrücken. Die beiden Lastwagen-Auflieger auf dem Hof fassen jeweils acht bis zehn Tonnen. Alle zwei Wochen sind sie voll und werden von einem Verwertungsunternehmen abgeholt. Nicht mehr tragfähige Textilien werden dann zum Beispiel als Putzlappen oder Dämmstoffe recycelt. Der Rest landet fast immer in der Müllverbrennung und kann so etwa als Heizenergie genutzt werden.

Nach der Pleite von Soex hat der DRK-Kreisverband Kaiserslautern-Land jetzt einen Vertrag mit dem Umweltdienstleister Interzero. Die Firma will nach eigenen Angaben unter anderem das Faser-zu-Faser-Recycling voranbringen, also dafür sorgen, dass die Rohstoffe eines alten T-Shirts zu einem neuen Kleidungsstück verarbeitet werden können. Bislang geschieht das laut Brancheninformationen nur etwa bei einem Prozent der entsorgten Textilien.

Kosten höher als Einnahmen

Aktuell zahlt Interzero dem Roten Kreuz laut Kreisverband 18 Cent pro Kilo Textilien – und damit nur noch die Hälfte dessen, was in besten Zeiten erzielt werden konnte. „Und wir haben noch Glück, überhaupt etwas zu bekommen“, sagt DRK-Vize-Geschäftsführerin Schmitt. Viele Firmen vergüten mittlerweile nichts mehr – und bestehen darauf, dass brauchbare Teile nicht vorab aussortiert werden, erzählt sie. Doch der Vertrag mit Interzero läuft in diesem Jahr aus.

Sollten sich die Konditionen ändern, kann die Hilfsorganisation die Altkleidersammlung nicht mehr alleine stemmen. Ohne öffentliche Unterstützung ginge es dann nicht mehr. „In der Vergangenheit wurde gerne mal vergessen, dass die Entsorgung eigentlich gesetzliche Aufgabe der Kommunen ist“, sagt Schmitt. In vielen Rathäusern werde unterschätzt, was es kosten würde, wenn die Gemeinde diese Aufgabe tatsächlich alleine bewältigen müsste.

45 Euro pro Tonne: So hoch beziffert der Europäische Wirtschaftsdienst die Kosten von Textilverwertern. Ohne finanzielle Beteiligung der Kommunen geht es nicht mehr, sagt auch Luis Binger, Sprecher der FWS GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Bremen ist mit rund 80.000 Tonnen Alttextilien jährlich einer der größten Verwerter in Deutschland. Auch in der Pfalz arbeitet FWS mit vielen Kommunen und öffentlich-rechtlichen Entsorgern zusammen. Allein aus den Erlösen der Textilverwertung könne das Geschäft nicht mehr kostendeckend betrieben werden. „Wir haben ein funktionierendes und etabliertes System“, sagt Binger. Doch nicht alle Kommunen seien bereit, für die einst kostenlose Leistung der Entsorger zu zahlen. Dabei sei es wesentlich teurer und aufwendig, eigene Entsorgungsstrukturen aufzubauen.

Kommunen auf der Suche nach neuen Lösungen

So ist in den zurückliegenden Monaten in der Pfalz – wie bundesweit – ein wahrer Flickenteppich entstanden. Im Rhein-Pfalz-Kreis stehen beispielsweise seit einigen Monaten Container zum Sammeln von Altkleidern und alten Schuhen auf den Wertstoffhöfen. Das Angebot werde gut angenommen, heißt es auf Anfrage. Die Ware wird von einem Entsorgungsunternehmen aus Lambrecht, mit dem der Kreis kooperiert, gesammelt und zur Weiterverarbeitung nach Ungarn gebracht. In Frankenthal gibt es zusätzlich Säcke, die von der Müllabfuhr zu den Leerungsterminen abgeholt werden, Kaiserslautern bietet diesen Service nach Vereinbarung an. Die Stadt Pirmasens hat die Leerung bestehender Containerstandorte Ende 2025 selbst übernommen – und rechnet mit zusätzlichen Kosten von 80.000 Euro pro Jahr.

Mit Spannung wird deshalb nicht nur dort erwartet, welche Auswirkungen eine seit September 2025 geltende EU-Vorschrift für Textilrecycling haben wird. Sie muss in Deutschland bis Frühjahr 2028 umgesetzt werden und sieht unter anderem die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung vor. Die Textilbranche muss dann künftig für die Entsorgung ihrer Produkte zahlen.

Einer dauerhaften finanziellen Unterstützung der Abfallverwerter durch die Kommunen erteilt der Städtetag Rheinland-Pfalz eine klare Absage. „Entscheidend ist eine zügige und rechtssichere Umsetzung der erweiterten Herstellerverantwortung im Textilbereich“, fordert die Geschäftsführende Direktorin Lisa Diener. Modefirmen müssten künftig angemessen an den Kosten der Sammlung und Verwertung ihrer Produkte beteiligt werden. Nur so könne eine nachhaltige und flächendeckende Alttextilerfassung gesichert werden, ohne Städte und Gebührenzahler einseitig zu belasten.

Die DRK-Kreisverbandsspitze setzt dagegen keine zu großen Hoffnungen in die Herstellerhaftung. „Mit mehr Regularien wird es für uns eher schwieriger werden“, befürchtet Melanie Schmitt. Zumal für sie fraglich ist, ob der Kreisverband sein System überhaupt noch zwei Jahre lang bis zur Einführung des Gesetzes halten kann. Ansonsten wird es für einige ihrer Stammkunden sicher schwieriger, eine günstige warme Jacke für die Kinder zu finden.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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