Fitness RHEINPFALZ Plus Artikel Fitness – nur eine Frage der Gene?

Manche Menschen bauen schneller Muskeln oder Kondition auf. Neben unserem Erbgut spielen dabei auch andere Faktoren eine Rolle,
Manche Menschen bauen schneller Muskeln oder Kondition auf. Neben unserem Erbgut spielen dabei auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Ernährung, Motivation und Regenerationszeit.

Unser Erbgut hat Einfluss auf unsere Kraft und Ausdauer. Es entscheidet trotzdem nicht allein über den Trainingserfolg.

Jahrelang hat er keinen Sport gemacht. Wirklich gar keinen – es sei denn, man zählt ausgiebiges Zocken auf der Playstation als Sport. Dann schlägt der beste Freund überraschend vor, mal wieder zu einer Joggingrunde im Wald mitzukommen. Und läuft dabei mühelos so schnell davon, dass man kaum hinterherkommt, obwohl man regelmäßig trainiert und sich für fit hielt. Bis jetzt. „Nicht fair!“, denkt man sich in solchen Momenten. Und vielleicht: „Wie macht er das bloß? Der muss echt gute Gene haben.“

Welche Rolle unser Erbgut in Sachen Fitness und sportlicher Leistungsfähigkeit spielt, diese Frage beschäftigt auch Wissenschaftler immer wieder. Etwa Karri Silventoinen und sein Team von der Universität Helsinki. Wie die Forscher im Fachblatt „Medicine and Science in Sports and Exercise“ von 2024 berichten, nahmen an der Studie rund 200 Zwillingspaare – eineiige wie zweieiige – zwischen sechs und 18 Jahren teil. Die Kinder und Jugendlichen absolvierten 15 Fitness-Tests in den Bereichen Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit.

Nicht ein Gen allein entscheidet

In einigen Bereichen zeigte sich tatsächlich der Einfluss des Erbguts. Den Forschern zufolge war etwa die Leistung im Standweitsprung bis zu 52 Prozent genetisch bedingt. Ob man im Sitzen die Zehen mit den Fingern berühren kann, war demnach bis zu 80 Prozent genetisch bedingt.

Ein Gen, das allein über unsere sportlichen Fähigkeiten entscheidet, gibt es freilich nicht. Vielmehr haben viele verschiedene Gene Einfluss auf Ausdauer, Muskelkraft und Stoffwechsel, sagt Professor Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Oder auch darauf, wie verletzungsanfällig ein Mensch ist.

Eines der Gene, das Studien zufolge unsere körperliche Fitness mitbestimmt, ist das ACE-Gen. Es heißt so, weil es den Bauplan für das Angiotensin-konvertierende Enzym, kurz ACE, enthält, das unter anderem an der Regelung des Blutdrucks beteiligt ist. Vom ACE-Gen gibt es verschiedene Varianten. „Der ACE I/I-Genotyp wurde vielfach mit höherer Ausdauerleistung und verbesserter Trainingseffizienz assoziiert“, heißt es in einem 2017 veröffentlichten Bericht in der „Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin“. „Der ACE D/D-Genotyp hingegen ist mit erhöhter Leistungsfähigkeit im Kraftbereich verknüpft.“

Ein weiteres Gen, das gerne als „Sport-Gen“ bezeichnet wird, ist ACTN3. Es enthält den Bauplan für das Eiweiß Alpha-Actinin-3, das sich in den Muskelfasern der Skelettmuskulatur findet – also jenen Muskeln, die vor allem für aktive Körperbewegungen zuständig sind. Auch vom ACTN3-Gen gibt es verschiedene Varianten – die eine steht in Verbindung mit Muskelkraft und Sprintleistung, die andere hingegen mit Ausdauer.

Auch die Umwelt spielte eine wichtige Rolle

Je nachdem, welche Genvarianten bei einem Menschen ausgeprägt sind, fällt es also leichter, Kondition aufzubauen oder Muskelmasse. Von „Es ist alles nur eine Frage der Gene“ kann trotzdem nicht die Rede sein. Denn über die Eigenschaften eines Menschen entscheidet nicht allein die DNA, auch Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle. Von „nature vs. nurture“ sprechen Forscher in diesem Zusammenhang, Anlage versus Erziehung.

Zwar gebe es genetische Anlagen, die einen Menschen für die eine oder andere Sportart geeigneter beziehungsweise „begabter“ machen, bestätigt Patrick Diel. „Wir sprechen dann gerne von einem Talent, zum Beispiel für Fußball, Sprint oder Weitsprung. Ein Talent muss aber erst einmal erkannt und entsprechend gefördert werden. Und auch die Motivation spielt natürlich eine Rolle – alles Talent der Welt bringt wenig, wenn die entsprechende Sportart mir überhaupt keinen Spaß macht.“

Umgekehrt könne es vorkommen, dass einem genau jene Sportarten Spaß machen, für die man eigentlich nicht die besten körperlichen Voraussetzungen mitbringe, sagt Diel – und verweist auf sich selbst. „Ich laufe leidenschaftlich gern Marathon, obwohl ich kein Lauftalent und dafür, offen gesagt, zu schwer bin. Dennoch waren es tolle Erlebnisse.“ Den Kraftsport, für den er eher „gebaut“ sei, habe er erst mit zunehmendem Alter für sich entdeckt. „Aber bis heute macht mir das Laufen in der Natur viel mehr Spaß als das Schwitzen an den Geräten im Studio.“

Vielseitigkeit zahlt sich aus

Auch wenn die Gene im Bereich des Spitzensports den kleinen, aber entscheidenden Unterschied auf dem Weg zum Siegertreppchen machen können – wenn es um Freizeitsport geht, rät Forscher Diel, nicht starr in den Kategorien „sportlich“ und „unsportlich“ zu denken oder alles auf die Gene zu schieben.

Als Beispiel nimmt er das Krafttraining im Studio: Klar könne es frustrierend sein, wenn man bei anderen schnelle Erfolge beobachte, während man sich selbst an denselben Geräten abrackere, viel Zeit und Energie investiere und es passiere nicht viel. Aber Fitness und wie sie sich entwickle, sei individuell und hänge von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, so Diel: „Nicht jeder Trainingsplan ist für jeden gleichermaßen geeignet. Auch die Regeneration spielt eine Rolle, die einen brauchen mehr Erholungszeit, andere weniger. Und natürlich haben auch Ernährung und Psyche einen Einfluss auf unsere Trainingserfolge.“

Hobbysportlern empfiehlt Diel daher, vor allem darauf zu achten, dass das Training Spaß mache. Das erhöhe auch die Chancen, langfristig am Ball zu bleiben. Wer „seine“ Sportart noch nicht gefunden habe, solle sich nicht entmutigen lassen, sondern weiter Sportarten ausprobieren. Zumal es in Sachen Gesundheit sowieso besser sei, nicht nur auf eine Sportart zu setzen. Von manchen Sportarten profitieren eher das Herz und Lunge, von anderen Muskeln und Knochen, von anderen eher die Psyche. Vielseitigkeit zahle sich also aus.

Außerdem, betont Diel, haben nicht nur unsere Gene Einfluss auf unseren Trainingserfolg – umgekehrt hat das Training auch Einfluss auf die Gene. Denn das Risiko bei einigen Krankheiten, etwa Typ-2-Diabetes, wird auch von unserem Erbgut mitbestimmt. „Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung können aber dazu beitragen, das genetische Risiko zu verringern“, so Diel. Da wären wir wieder bei nature vs. nurture.

Im Mutterleib umprogrammiert

Wie viel wir uns bewegen, welche Erfahrungen wir machen, welchen Stoffen wir in unserer Umwelt ausgesetzt sind, was wir essen und wie viel – das alles hinterlässt Spuren nicht nur in unserem Erbgut, sondern mitunter auch bei nachfolgenden Generationen. Belegt ist das unter anderem bei Frauen, die während des Hungerwinters 1944/45 in den Niederlanden schwanger waren. Aufgrund des Nahrungsmangels während der Schwangerschaft hatte sich der Stoffwechsel der Kinder schon im Mutterleib an diesen Mangel angepasst. Da die Kinder allerdings nach Kriegsende nicht mehr unter Hunger litten, entwickelten sie später eher eine Neigung zu Übergewicht und Zivilisationskrankheiten.

Aber auch Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft können Spuren im Erbgut der Kinder und sogar der Enkel hinterlassen, wie ein Team um den Klinischen Psychologen Thomas Elbert von der Universität Konstanz 2017 ermittelt hat. Beim Nachwuchs veränderte sich durch die Gewalterfahrung der Mütter die DNA-Methylierung, eine biologische Reaktion des Erbguts auf Umwelteinflüsse, durch die Gene an- beziehungsweise abgeschaltet werden. Die Folge: Kinder mit dem veränderten Methylisierungsmuster könnten entweder ängstlicher werden – oder aggressiver und weniger einfühlsam, so die Forscher.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

x