Glyphosat und Co.
Europas Pestizidproblem und das Artensterben
Ein schwarzes Netz ist über die Apfelplantage gespannt, an der vorbei Günther Wallnöfer jeden Abend seine Kühe von der Wiese in den Stall treibt. „Das soll unter anderem verhindern, dass sich die Pestizide auch über die umliegenden Flächen verteilen“, erklärt der 44-Jährige, der in der Gemeinde Mals in Südtirol von der biologischen Milchwirtschaft und dem Gemüseanbau lebt. Trotzdem landen die Mittel auch dort, wo sie nicht hingehören: auf den Wiesen, im Wasser, selbst auf Spielplätzen fand die Umweltgruppe der Gemeinde Spuren von Pestiziden.
Die Menschen in der 5200-Einwohner-Gemeinde beschlossen sich zu wehren. Bei einem Referendum im Jahr 2014 stimmten drei Viertel der Bürger dafür, den Einsatz von Pestiziden in Mals zu verbieten. Das sorgte in Südtirol, wo die Apfelwirtschaft jährlich einen Umsatz zwischen 500 und 600 Millionen Euro macht, für Aufregung. Dutzende Landwirte klagten gegen die nach der Abstimmung verabschiedete Verordnung, die den Gifteinsatz radikal beschränken sollte. Die örtlichen Verwaltungsrichter gaben ihnen recht. Jetzt liegt die Entscheidung beim obersten Verwaltungsgericht in Rom.
„Wir hoffen sehr auf die Umsetzung der neuen Pestizidregulierung aus Brüssel“, erklärt Martina Hellrigl, die Vorsitzende der Malser Sozialgenossenschaft Vinterra, die Gemüse anbaut. „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“ Das wissen längst auch viele führende EU-Politiker. Schon vor zwei Jahren stellte die EU-Kommission fest, die industrielle Nahrungsproduktion sei „einer der Hauptverursacher von Klimawandel und Umweltzerstörung“. Als Antwort darauf präsentierte sie damals ein umfassendes Reformprogramm mit dem Titel „Farm to Fork“, auf Deutsch „Vom Hof auf den Teller“. Eines der Vorhaben: Der Einsatz von synthetischen Pestiziden soll binnen acht Jahren um 50 Prozent sinken.
Ukraine-Krieg als Vorwand
Doch die Agrarreform stößt auf starken Widerstand: Die Lobbyisten der Agrarindustrie und mit ihnen die Landwirtschaftspolitiker der konservativen Parteien stützen sich dabei in ihrer Argumentation „sehr zynisch auf den Ukraine-Krieg und die drohende Nahrungsmittelkrise“, wie es Nina Holland von der Lobby-kritischen Organisation Corporate Europe Observatory ausdrückt. Ohne Pestizide, so heißt es, würden die Ernten geringer ausfallen. Ähnlich wie beim Klimaschutz werde auch beim Schutz der Artenvielfalt von der industriellen Landwirtschaft auf Zeit und Ablenkung gespielt.
Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrates kam zu dem Ergebnis, dass das Risiko eines massiven Artensterbens so hoch ist wie das des Klimawandels – und dass sich der beispiellose Artenschwund immer weiter beschleunige. „Vieles spricht dafür, dass Pestizide eine wichtige Rolle beim Insektensterben spielen“, sagt dazu der Leipziger Agrarbiologe und einer der Leitautoren Josef Settele. Das gegenwärtige Agrarsystem „setzt die Sicherheit der Ernährung der ganzen Menschheit aufs Spiel“, sagt er.
Dennoch werden in der EU weiterhin Mittel auf den Äckern versprüht, die eigentlich als gefährlich gelten: Bereits verbotene Substanzen können für 120 Tage eine Notfallzulassung bekommen, wenn die Ernten anders nicht zu retten sind. Und es gibt Mittel, die zwar den Standards entsprechen, aber Eigenschaften haben, die sie schädlicher machen als andere verfügbare Stoffe, „Substitionskandidaten“ heißen sie. Eines dieser Mittel ist das Unkrautbekämpfungsmittel Flufenacet, das Grund- und Trinkwasser belastet. Doch obwohl es wegen seiner „ungünstigen Eigenschaften“ seit 2004 als Substitutionskandidat ausgewiesen ist, hat sich sein Umsatz seit 2014 verdoppelt und ist allein im Jahr 2020 um 32 Prozent gestiegen.
Subventionen müssen umverteilt werden
In einem Bericht zur Abhängigkeit Europas von Pestiziden skizziert die NGO Foodwatch einen Ausstiegsplan aus der pestizidabhängigen Landwirtschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre. „Damit der Ausstieg aus der Pestizidfalle sich für Landwirte betriebswirtschaftlich lohnt, müssen Agrarsubventionen für den Verzicht ausgeschüttet werden“, fordert Matthias Wolfschmidt, Strategiedirektor bei Foodwatch. „Mit dem Verzicht auf Herbizide im Getreideanbau kann auf diese Weise sofort begonnen werden.“ Es müsse dringend eine EU-weite Einführung einer Pestizidabgabe geben, die schädliche Substanzen stärker besteuere als weniger schädliche. Auch brauche es eine Umverteilung von landwirtschaftlichen Subventionen.
Nicht zuletzt wegen dieses steigenden Drucks ergriffen EU-Vizepräsident Frans Timmermans und seine Kollegen die Initiative, um die Verwendung und das Risiko chemischer Pestizide bis 2030 um 50 Prozent tatsächlich zu verringern. Doch noch bevor auch nur ein erster Gesetzesentwurf geschrieben war, begannen die Landwirtschaftsminister der EU-Staaten ihren Widerstand zu organisieren. Der wurde im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft von der damaligen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geführt. Ihre Mitarbeiter warnten vor der Gesetzesreform. Die könne „eine unverhältnismäßige wirtschaftliche Belastung für die Landwirte herbeiführen“.
In Frankreich stand der Landwirtschaftsminister der ersten Macron-Regierung dem nationalen Bauernverband so nah, dass dessen Verbandschefin ihn auf Twitter gar als „guten Sprecher für unsere Sache“ pries. In Deutschland unterhält der Deutsche Bauernverband das „Forum Moderne Landwirtschaft“ sowie die „Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie“. In diesen Gremien sitzen ebenfalls BASF- und Bayer-Mitarbeiter sowie Vertreter deren Lobbyorganisationen. Artenschutz kommt hier meist erst an zweiter Stelle.
Halbierung des Pestizideinsatzes „Wunschdenken“
Das funktioniert auch, weil Europas Bauern vom Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel abhängig sind. Eingezwängt zwischen dem Preisdiktat der Handelskonzerne und den auf Massenproduktion ausgelegten EU-Agrarsubventionen, müssen sie ihre Äcker auf Ertrag trimmen. Das geht nur mit Pestiziden. Denn die sparen Arbeit und somit Kosten und erlauben eine größere Ernte.
Dabei sind sich viele Bauern durchaus bewusst, was sie anrichten. Einer von ihnen ist der Diplom-Landwirt Dieter Helm. Nordwestlich von Berlin, in der Prignitz, bewirtschaftet er mit seinen Söhnen 750 Hektar Ackerland. Spricht er über seine Arbeit, redet er zuerst von Ökologie. Helm, 81 Jahre alt, rüstig und hellwach, sagt: „Der Boden ist ein lebender Organismus, den muss man pflegen, davon leben wir.“
Doch beim Kampf gegen Unkraut, Pilzbefall und Insektenfraß greifen auch die Helms zum Gift. Vor der Aussaat bringen sie stets das wegen des Krebsrisikos umstrittene Pflanzengift Glyphosat aus. Das töte alles, was grüne Blätter hat. Später spritzen sie Halmverkürzer, damit das reichlich gedüngte, schnell wachsende Getreide nicht umfällt. Darauf folgen Fungizide gegen den „Rost“, dem die empfindlichen Hochleistungssorten wenig entgegensetzen können. Und wenn der Rapsglanzkäfer einfällt, dann fahren die Traktoren noch einmal mit Tankladungen an Insektiziden durch die Felder. Immerhin hätten sie mit besseren Maschinen und weniger Wirkstoff in den Lösungen den Gifteinsatz seit 2010 um ein Viertel gesenkt. Aber runter auf 50 Prozent, wie die Kommission vorschlägt? „Das ist Wunschdenken“, sagt Helm, „jedenfalls dann, wenn wir die gleichen Erträge bringen müssen.“
Lobbyisten blockieren Farm-to-Fork-Programm
In Brüssel arbeitet die Dachorganisation der Bauernverbände Copa-Cogeca eng zusammen mit CropLife, dem Verband der Chemiekonzerne. Gemeinsam verfolgen sie seit zwei Jahren nur ein Ziel: Das Farm-to-Fork-Programm der Kommission und damit die Reduktion des Pestizideinsatzes zu blockieren – mit Erfolg. Das dokumentierte die Organisation Corporate Europe Observatory anhand Hunderter interner Dokumente. In dem Bericht heißt es: „Die Taktiken reichen von Panikmache mit Studien über die Mobilisierung von Drittländern (vor allem der USA), um Druck auf die EU auszuüben, bis hin zur Ablenkung der Entscheidungsträger mit freiwilligen Verpflichtungen oder anderen Scheinlösungen.“
Der Versuch, das Parlament gegen die Reform zu mobilisieren, scheiterte allerdings zunächst. Die Mehrheit der Parlamentarier stimmte für rechtlich-verbindliche Grenzen für die Pestizidnutzung. Darunter auch die Liberalen der Renew-Fraktion, die von Emmanuel Macrons Partei dominiert wird. Der hatte schließlich zuvor versprochen, Frankreich werde sich auf EU-Ebene für einen „beschleunigten Ausstieg aus Pestiziden“ einsetzen, wenn seine Regierung die EU-Ratspräsidentschaft übernehme.
Doch davon blieb wenig übrig. Sechs Wochen später griff die russischen Armee die Ukraine an – und lieferte der Agrarchemielobby das perfekte PR-Argument. Mit einer EU-weit konzertierten Kampagne kippte sie binnen weniger Wochen die Mehrheit im Parlament und im Rat der EU.
Fürsprecher Macron wechselt die Seiten
Den Beginn läutete die französische Bauernverbandschefin und gleichzeitige Präsidentin von Copa-Cocega ein, Christine Lambert. Sie rief den Notstand aus und forderte mehr Getreideproduktion, weil in der Ukraine der Verlust von zwölf Prozent der Weltweizenernte drohe. „Zuallererst muss die Logik des Wachstumsrückgangs, die von der europäischen Farm-to-Fork-Strategie angestrebt wird, grundlegend in Frage gestellt werden“, hieß es in der zugehörigen Pressemitteilung. Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn, am 2. März, forderten die Agrarminister der Mitgliedsstaaten die Kommission auf, Landwirten die Möglichkeit zu geben, die Produktion zu steigern. Dafür sollte es ihnen erlaubt werden, wieder jene sechs Prozent der Ackerfläche zu bewirtschaften, die für den Naturschutz brach liegen sollte.
Fachleute zweifeln am Sinn dieses Vorstoßes. Die entsprechenden Flächen entsprechen nur sechs der 100 Millionen Hektar Agrarland der EU. Agronomen der Berliner Humboldt-Universität berechneten, dass die Nutzung der sogenannten ökologischen Vorrangflächen die EU-Getreideproduktion im besten Fall um 4,4 Prozent steigern würde.
Mitte März wechselte dann einer der mächtigsten Fürsprecher der Pestizidreduktion die Seiten: Emmanuel Macron. Der forderte plötzlich im Schlussspurt seines Präsidentschaftswahlkampfs „eine Anpassung der europäischen Farm-to-Fork-Strategie, die auf einer Vorkriegswelt basiert, und einen Produktionsrückgang von 13 Prozent vorsah“. Das könne sich Europa „auf gar keinen Fall leisten“. Wie Macron zu den Zahlen kam? Das sagte er nicht. Aber noch am selben Tag, so bestätigten hochrangige EU-Beamte gegenüber Investigate Europe, verschob Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die seit Langem für den 23. März angekündigte Vorlage der Reform des Gesetzes zum Pestizideinsatz auf Juni.
Entwurf mit drei Monaten Verspätung
Tatsächlich legten EU-Vizepräsident Frans Timmermans und die zuständige Gesundheitskommissarin Stella Kyrikiades erst mit drei Monaten Verspätung schließlich den Entwurf für das seit 2019 geplante Gesetz vor, das die EU-Staaten verpflichten soll, binnen sieben Jahren die Menge an ausgebrachten Ackergiften durchschnittlich zu halbieren. Ob und wann der Entwurf je geltendes Recht wird, ist offen.
In Mals in Südtirol zeigt Bauer Wallnöfer auf ein paar rotgepunktete Widderchen, kleine Falter, die auf den Wiesenblumen sitzen. „Die hat es bei uns vor vier, fünf Jahren nur noch in höheren Lagen gegeben. Eine fertige Studie dazu gibt es noch nicht, aber ich beobachte, dass sie jetzt wieder herunterkommen“, sagt er. Wallnöfer geben sie Hoffnung, dass sich die Pestizidbelastung tatsächlich verringert hat, die Zusammenarbeit mit den konventionellen Betrieben sei besser. „Unsere Arbeit trägt langsam Früchte.“
Investigate Europe
Investigate Europe ist ein europäisches Journalistenteam, das gemeinsam Themen von länderübergreifender Relevanz recherchiert und die Ergebnisse europaweit veröffentlicht. Außer den Autoren haben zu dieser Recherche beigetragen: Wojciech Ciesla, Ingeborg Eliassen, Juliet Ferguson, Pascal Hansens, Attila Kálmán, Maria Maggiore, Sigrid Melchior, Leïla Miñano, Paulo Pena, Elisa Simantke, Amund Trellevik sowie Lorenzo Buzzoni, Eurydice Bersi und Nikolas Leontopoulos (Reporters United), Manuel Rico (InfoLibre).