Rheinpfalz am Sonntag RHEINPFALZ Plus Artikel Erfindungen: Das weibliche Potenzial

Rosa Puder: Khloe, Kylie, Kris, Kourtney, Kim, Kendall – sie alle gehören zur Familie Kardashian und sie alle sind sehr aktiv un
Rosa Puder: Khloe, Kylie, Kris, Kourtney, Kim, Kendall – sie alle gehören zur Familie Kardashian und sie alle sind sehr aktiv und sehr erfolgreich bei Instagram.

Wie sähe eine Welt aus, in der Frauen mit ihren Erfindungen genauso Gehör finden wie die Männer? Katrine Marçal beschreibt in ihrem Buch „Die Mutter der Erfindung“, wie die Welt weibliche Ideen ignoriert und Arbeit von Frauen auf den Konsum reduziert. Von Sarah Termeer

Wer kennt ihn nicht, den Satz aus der Werbung für ein Kräuterbonbon unserer Nachbarn mit den hohen Bergen: „Wer hat’s erfunden?“ Die Antwort kennt jeder, der vor gut zehn Jahren hier in Deutschland Werbung gehört oder gesehen hat. Auch wenn die Antwort in diesem Fall nicht „der Mann“ lautete, so ist es eben doch in vielen Fällen „der Mann“, der sich mit der einen oder anderen Erfindung brüstet. Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser, das hier wird kein Text über den bösen Mann, der sich immer in den Vordergrund drängt und den Frauen ihre Erfolge nicht gönnt. Dieser Text ist vielmehr eine Anregung, ein paar Dinge zu überdenken, er stöbert ein bisschen in der Vergangenheit und sinniert über verschiedene Entwicklungen. Und darüber, welche gesellschaftlichen Veränderungen es ohne die Frauen so nicht gegeben hätte, obwohl ganz hochoffiziell ein Mann als DER Erfinder gilt.

Denn: Viele Erfindungen hätte es früher gegeben, hätte sich die weibliche Sicht der Dinge durchgesetzt. Katrine Marçal, geboren 1983 in Schweden, ruft in ihrem Buch „Die Mutter der Erfindung – Wie in einer Welt für Männer gute Ideen ignoriert werden“ dazu auf, die Perspektive zu ändern und sich zu überlegen, was ein rein männlicher Blick mit Erfindungen gemacht hat. Aber auch sie spielt mit dem einen oder anderen Klischee.

Das frühe Elektroauto

Ein Beispiel: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war jedes dritte Kraftfahrzeug in Europa ein Auto mit einem Elektroantrieb. In den USA war der Anteil der E-Autos sogar noch größer. Sie waren leise, komfortabel, sauber. Die Benziner dieser Zeit waren hingegen unzuverlässig, laut, ölverschmiert. Sie zu fahren war ein Abenteuer. Und was sind Abenteuer? Richtig! Männlich! Ein Verbrennungsmotor musste mit einer Kurbel gestartet werden, das war schweißtreibend und gefährlich. Es war gefährlich! Jede Fahrt, jeder Start des Motors – eine Gefahr, ein Abenteuer. Wow!

Die E-Autos hatten den Ruf, weiblich zu sein. Sie galten als die Weiterentwicklung der Pferdekutsche. Keine wirkliche Erneuerung, einfach ein Fortbewegungsmittel von A nach B. Die E-Motoren wurden vom Fahrersitz aus gestartet, auf dem Werbeplakat von damals saßen entspannt zwei Frauen mit Hut und Handschuhen – eine fährt, eine sitzt daneben. So wurde das E-Auto ein auf die wohlhabende Frau zugeschnittenes Produkt. Das Auto konnte von einer Person mit einem Rock bedient werden, es war verlässlich, es war leise und ja – verflixt und zugenäht – es war umweltfreundlich! Und jetzt stellen Sie sich einen kurzen Augenblick lang vor, das „weibliche“ Modell des Autos hätte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Spinnen Sie diesen Gedanken weiter und überlegen Sie sich: In welcher Welt würden wir dann jetzt leben?

Als Männer die Milch kaperten

Ein anderes eindringliches Beispiel dafür, wie Männer ein Produkt an sich rissen, ist die Herstellung von Milchprodukten, wie Butter und Sahne. Lange Jahre hatten Frauen hier die Verantwortung. Sie melkten Kühe, stellten Käse her, schleppten Wannen, stemmten sogar 50-Liter-Milchkannen und seihten in riesigen Behältern den Rahm ab. Sie führten auch Buch über ihre Butterproduktion. „Milch rann schließlich auch aus ihren weiblichen Brüsten, daher traute man der Frau das Käsen, Buttern und Seihen zu“, schreibt Marçal.

Dann kam die Industrialisierung. Die Produktion von Butter, Käse und Sahne verlagerte sich im 19. Jahrhundert von den Bauernhöfen in die Fabrik und – Sie ahnen es: Damit war der Mann am Zug. Maschinen übernahmen die Arbeit, der Mann hatte in der Fabrik das Sagen. Männer befassen sich mit der neuen Technologie, Frauen blieben auf den Höfen beim „praktischen“ Käsen. „Wer finanziell besser abschnitt, lässt sich leicht erraten“, so Marçal. Der Mann bei den Maschinen, die Frau in der Natur – quasi eine ganz „natürliche“ Einteilung?

Kein Metall für die Frauen

Eine große Rolle in der Geschichte der Erfindungen spielen die Materialien. In der Schule lernen wir, dass auf die Bronzezeit die Eisenzeit folgt, von einer Töpfereizeit und einer Flachszeit hat keiner gesprochen – das waren Materialien, die überwiegend den Frauen zugeschrieben wurden. So nutzten Hebammen in weiten Teilen Europas zur Untersuchung von Schwangeren ein Stethoskop aus Holz. Das ist auf der Haut in der Tat deutlich angenehmer als Metall, außerdem gilt Holz auch als ein angemessenes Material für eine Frau. So wurde das Stethoskop, um die Herztöne des Kindes zu hören, aus Holz gefertigt, und Hebammen konnten das Instrument auch ohne die Zustimmung eines Arztes benutzen.

Denn: Frauen war der Gebrauch von Metallinstrumenten in vielen europäischen Ländern verboten. War bei der Geburt eine Geburtszange nötig, musste zunächst ein männlicher Geburtshelfer oder ein Arzt gerufen werden. Gerade in der Geburtshilfe kann es auf jede Minute ankommen – Minuten, die für Mutter und Kind über Leben und Tod entscheiden können. Einzig in Schweden durften die Hebammen seit dem Jahr 1829 Metallinstrumente einsetzen, wenn kein Arzt zugegen war. Die Folge: Im Vergleich zu den USA und dem Vereinigten Königreich war in Schweden die Mütter- und Kindersterblichkeit geringer.

Die Arbeitsaufteilung von Ärzten und Hebammen ist also historisch bedingt und lässt sich auf das Material Metall reduzieren. Mittlerweile dürfen auch Frauen Medizin studieren, der Beruf der Hebamme ist allerdings ein fast ausschließlich weiblicher Beruf, der zudem schlecht bezahlt wird. Wer als Hebamme arbeitet, tut dies aus Leidenschaft, gewiss nicht wegen des Geldes. „Vielleicht hätte sich die Geburtshilfe zu einem hochtechnologischen, gut bezahlten Spezialistenberuf im Kreißsaal entwickelt. (...) Hätten wir den Frauen die Metallinstrumente nicht wortwörtlich aus der Hand genommen“, schreibt Marçal. Wäre der Beruf der Hebamme heute gut bezahlt, vielleicht ähnlich wie der des Arztes, gäbe es dann in den Kreißsälen einen ähnlich drastischen Mangel an Hebammen wie jetzt?

Die Kosmetik-Milliardärin

Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Beruf, der anscheinend gerade für Frauen attraktiv ist. Der Arbeitsplatz: die eigenen vier Wände. Die Darsteller: die Frau selbst, ihre Kinder, ihr Mann, ihre Haustiere. Die Nebendarsteller: ihr Sofa, ihr Lidschatten, ihre Saftkur, ihre Botox-Spritze. Die Voraussetzungen: Internet, ein Smartphone, ein Instagram- oder Snapchat-Account und eine gewisse Schamlosigkeit. Der Name des Berufs: Influencerin. Pioniere in dem Metier: Kris, Kim, Kourtney, Khloé, Kendall und Kylie. Der Vollständigkeit halber sei hier der Nachname der Damen erwähnt: Kardashian. Alle, die diese Familie nicht kennen, haben entweder großes Glück – oder eine Bildungslücke.

Im Jahr 2018 kürte das amerikanische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ eine von ihnen, Kylie Jenner, zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt. Bis dato hatte der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg diesen Titel inne. Nur: Zuckerberg baute Websites, Kylie zeigt am heimischen Küchentisch ihrer Familie Kosmetikprodukte. Ist dies nun die Wende in der Geschichte der männlichen Erfindungen? Auf gar keinen Fall. Auch wenn die Blogger-Mom auf den ersten Blick eine weibliche Erfolgsgeschichte sein mag, kann die Autorin auch hier eine perfide Doppelmoral des schönen Scheins der Internetwelt ausfindig machen. „Plötzlich konnte man ein Unternehmen darauf gründen, dass man Essen kochte, den Familienurlaub plante, den Tisch deckte, Blumen arrangierte oder Kinderkleidung aussuchte. (...) Diese Aktivitäten bleiben unsichtbar, man hält sie ökonomisch nicht für relevant. Jetzt plötzlich wurden sie zur lukrativen Geschäftsgrundlage“, schreibt Marçal in ihrem Buch.

Die Follower interessieren sich für das neue Sofa, die neue Katze, aber auch für die Angststörung, von der erzählt wird, während die Frau auf dem neuen Sofa sitzt. Das Lebensumfeld wird zu einem digitalen Schaufenster. Wir definieren uns als Konsumenten, das eigene Familienleben wird so zu einer Einnahmequelle. Frauen ziehen sich von dem herkömmlichen Arbeitsmarkt zurück und finden in der Social-Media-Blase eine Alternative. Aber: Wir erinnern uns, Kylie verdient Millionen, wem aber gehört das ganze Unternehmen? Richtig. Einem Mann. Mark Zuckerberg.

Eine neue Erzählung über die Welt

Frauen ziehen sich demnach mit ihrem Potenzial in eine begrenzte weibliche Reichweite zurück. Marçal sieht es nicht als ein Zeichen der Emanzipation an, wenn eine Frau mit einem Lippenstift Millionen verdient – nur weil alles mit rosa Puder überzogen sei, sei es noch lange kein Fortschritt. Vielmehr verkörpert eine weibliche Influencerin „eine Extremversion der Konsumentenrolle, die den Frauen in unserem Wirtschaftsleben zugewiesen wurden“. Bei „Konsumidolen“ gehe es ein Stück weit auch darum, „den Männern zu gefallen. (...) Kann es da noch überraschen, dass Frauen sich so zwanghaft damit beschäftigen, was andere von ihnen denken?“, fragt Marçal.

Die Lösung? Nicht einfach. „Dennoch sollten wir die Macht von etablierten Geschlechtervorstellungen nicht unterschätzen. Gerade für Männer, die sonst wenig besitzen, kann es sich anfühlen, als sei ihre gesellschaftliche Rolle das letzte Stück Sicherheit, das ihnen bleibt“, schreibt die Autorin am Ende ihres Buchs. Sie fordert ein Umdenken. Frauen müssen ein Teil künftiger Erzählungen werden: „Denn damit ändert sich alles“, schreibt sie. Damit entstehe eine neue Erzählung über uns selbst, die Wirtschaft und die Welt – und es eröffneten sich neue Wege mithilfe von weiblichem Potenzial.

Weißes Getränk: Vor der Industrialisierung waren Frauen für das Thema Milch zuständig.
Weißes Getränk: Vor der Industrialisierung waren Frauen für das Thema Milch zuständig.
Braunes Holz: Mit einem Stethoskop hört die Hebamme die Herztöne des Kindes im Bauch.
Braunes Holz: Mit einem Stethoskop hört die Hebamme die Herztöne des Kindes im Bauch.
Autorin Katrine Marçal.
Autorin Katrine Marçal.
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