Pfälzische Geschichte
„Eine Kollision auf See kann einem den ganzen Tag ruinieren“
„Eine Kollision auf See kann einem den ganzen Tag ruinieren“, soll der griechische Geschichtsschreiber Thukydides geschrieben haben, das Zitat hat allerdings ein amerikanischer Spaßmacher im 20. Jahrhundert erfunden. Ohne Risiko ist die Schifffahrt freilich nicht – wie eine römische Grabstele aus dem Worms des 3. Jahrhunderts zeigt. Eine trauernde Mutter widmet da ihren beiden Söhnen ein Grabmal, dem Severius Lupulus, „der 35 Jahre und fünf Monate lebte“, und seinem Bruder Florentinus, noch keine 23. Ob wirklich eine antike Havarie hinter dem unzeitigen Tod der beiden steckt, ist unklar, könnte man aber mit gutem Grund vermuten: Lupulus und Florentinus waren „negotiator“ und „caudicarius“, Fernhandelskaufmann und Binnenschiffer also.
Vom Mittelmeer an den Rhein
Caudicarii besorgen eigentlich den Güterverkehr auf dem Tiber – also vom Hafen Ostia in die Hauptstadt Rom, in staatlichem Auftrag, um den Getreidehunger der Metropole zu stillen. In den Provinzen taucht der Begriff auf Inschriften allerdings auch auf, der Job ist dort ähnlich: Es dürften vor allem Nahrungsmittel für die am Rhein stationierten Heeresverbände gewesen sein, die Lupulus und Florentinus verteilen – das unruhige 3. Jahrhundert sieht ja auch viele Truppenbewegungen am Fluss.
Der Oberrhein ist dabei nur Teil eines weit größeren Netzwerks: Aus Lyon stammt die Inschrift für einen „C.(laudius) Novellius Ianuarius“, ebenfalls Binnenschiffer und „civis Vangionis“, also aus Worms. Der Güterverkehr läuft vom Mittelmeer aus über die Rhône zur Saône und von da aus wohl auf dem Landweg zur Mosel. Auf den Gedanken, da einen Kanal zu bauen, kommt man laut Tacitus schon im 1. Jahrhundert n. Chr. – „sodass die Versorgungsverbände, die vom (Mittel)meer herangeführt werden (...) sich des Laufs der Mosel bedienen können, um so zum Rhein und von da zum Ozean zu gelangen.“ Die Planung erleidet allerdings Schiffbruch. Gegraben wird erst ab dem 18. Jahrhundert.
Die Kolumne
Die „Pfälzische Geschichte“ erscheint alle 14 Tage in der RHEINPFALZ am SONNTAG. Rund 300 Folgen gibt es inzwischen. Die Texte versuchen, über die Geschichte der Region hinaus auch Schlaglichter auf größere Zusammenhänge zu werfen. Im Bewusstsein, dass die Gegenwart kaum zu verstehen ist, wenn man ihre Genese nicht kennt. Die vorige Folge der „Pfälzischen Geschichte“ finden Sie hier: „Mit Händen und Lippen“.