Essay RHEINPFALZ Plus Artikel Digitale Gewalt: Frauen im Fadenkreuz

Tech-Unternehmen entwickeln immer wieder Anwendungen, die das Internet für Frauen unsicher machen.
Tech-Unternehmen entwickeln immer wieder Anwendungen, die das Internet für Frauen unsicher machen.

Digitale Gewalt richtet sich besonders oft gegen Frauen. Das hat gravierende Folgen – wie auch der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes zeigt.

Sie erinnern sich an die „Probleme im Stadtbild“, von denen Friedrich Merz Ende vergangenen Jahres sprach? Von den Töchtern, die sich nicht mehr sicher fühlen könnten? Es stimmt, die Gefährdung für Frauen hat zugenommen. Allerdings werden sie weit weniger häufig an einem Bahnhof oder in einem Park angegriffen, als im Schutz der Datenleitungen. Frauen werden heute vor allem im Internet bedroht, beleidigt – und im schlimmsten Fall mundtot gemacht.

„Die Gewalt ist digital, der Schaden für die zivilgesellschaftliche und politische Beteiligung real. Wenn Frauen aus Angst vor Angriffen im Netz in öffentlichen Debatten schweigen oder politische Ämter niederlegen, hat das weitreichende Folgen“, sagt Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Die Vielfalt gesellschaftlicher Perspektiven schwinde, das schwäche unsere Demokratie.

In der Post: eine vollonanierte Deutschlandflagge

Eine Politikerin, die sich den Hass und die Hetze im Netz nicht mehr antun wollte, ist Yvonne Magwas. Im Sommer 2024 gab die CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem sächsischen Vogtlandkreis bekannt, dass sie bei der Bundestagswahl nicht mehr antreten werde. Zuvor war die damals 44-Jährige online massiv angefeindet worden, vor allem seit ihrer Wahl zur Vizepräsidentin des Parlaments im Jahr 2021. Sie erhielt Nachrichten, in denen ihr „der Galgen“ gewünscht wurde, jemand schickte ihr eine Deutschlandflagge voll mit Sperma.

Abgeordnete erhielt Nachrichten, in denen ihr „der Galgen“ gewünscht wurde, jemand schickte ihr eine Deutschlandflagge voll mit Sperma.

„Beleidigungen, Bedrohungen und Hetze haben mich nicht nur extrem viel Kraft gekostet, sondern ich mache mir auch große Sorgen. Wenn politisch Engagierte online – und offline – weiter so schutzlos angegriffen werden, wird der Hass unser demokratisches Miteinander immer weiter zersetzen“, sagte die ehemalige Bundestagsabgeordnete anlässlich der Veröffentlichung einer Studie der Organisation HateAid zu digitaler Gewalt gegen Politiker im vergangenen Jahr (die hervorgehobenen Zitate stammen aus der Studie). Die Autoren kommen in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der befragten politisch engagierten Frauen und Männer schon digitale Gewalt erlebt hat. Frauen sind allerdings stärker betroffen, fast ein Viertel von ihnen hat schon einmal Androhungen sexueller Gewalt, zum Beispiel Vergewaltigungsdrohungen, erhalten.

Die meisten Deepfakes sind Pornos

Aber es sind nicht nur Politikerinnen, die ins Fadenkreuz der Internettrolle geraten. Das Netz wird zunehmend zu einem unsicheren Ort für alle Frauen. Anlässlich der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission im März in New York warnte Generalsekretär António Guterres vor drastischen Rückschritten für Frauenrechte durch Internettechnologie und künstliche Intelligenz. „Algorithmen, die Diskriminierung verdrahten, Online-Plattformen, die Megafone der Frauenfeindlichkeit sind, und künstliche Intelligenz, die Ungleichheit verstärkt, anstatt sie zu korrigieren: Die Technologie-Firmen müssen Verantwortung übernehmen“, forderte Guterres.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Anfang dieses Jahres sorgte Elon Musks KI-Tool Grok für einen weltweiten Skandal, nachdem es das soziale Netzwerk X mit Bildern von nackten Frauen und Kindern überschwemmt hatte. Die sexualisierte Gewalt war kein Ausrutscher. X-Chef Musk sah wochenlang zu und verhöhnte die Betroffenen. Und der Chatbot Grok war nicht der erste Fall, bei dem Technologie gegen Frauen eingesetzt wurde. Im jüngsten Bericht der Europäischen Kommission zur Gleichstellung der Geschlechter heißt es, dass 98 Prozent aller Online-Deepfakes pornografischer Natur seien und 99 Prozent davon Frauen zeigten.

Die Schauspielerin Collien Fernandes kämpft gegen Online-Missbrauch.
Die Schauspielerin Collien Fernandes kämpft gegen Online-Missbrauch.

Der Fall Fernandes: neue Form digitaler Gewalt

Frauen seien zudem unverhältnismäßig stark von geschlechtsspezifischer Gewalt im Internet betroffen, darunter Belästigung, Stalking, Doxing (Veröffentlichung persönlicher Informationen) sowie die Erstellung und Weitergabe nicht einvernehmlicher intimer Bilder. Ein prominentes Beispiel ist der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes, der aktuell für Schlagzeilen sorgt. Die 44-Jährige hat ihren Ex-Mann, den Moderator Christian Ulmen, angezeigt. Es geht um den Vorwurf körperlicher Übergriffe und digitaler Gewalt. Fernandes wirft Ulmen vor, über Jahre auf sozialen Medien in ihrem Namen Profile erstellt und darüber mit Männern gechattet und geflirtet zu haben. Er soll pornografisches Material verschickt haben, das den Eindruck erwecken sollte, es zeige Fernandes. Das Verfahren in Spanien befindet sich noch in einem frühen Stadium, Ulmen hat die Vorwürfe über seine Anwälte zurückweisen lassen.

Collien Fernandes hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet, den Moderator Christian Ulmen.
Collien Fernandes hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet, den Moderator Christian Ulmen.

Frauen ziehen sich aus der Politik zurück

Tech-Unternehmen wie Facebook, Google und Co. wollen mit ihren Daten vor allem Geld verdienen. Dass Frauenrechte dabei unter die Räder kommen, ist Männern wie Mark Zuckerberg und Elon Musk dabei herzlich egal. Da hilft es auch wenig, dass die EU im Januar ein Verfahren gegen X im Rahmen des Digital Services Acts (DSA) wegen der Grok-KI eingeleitet hat. Längst sind Millionen sexualisierte Bilder für alle Welt sichtbar – mit schwerwiegenden Folgen für die betroffenen Frauen.

Die Folgen: Betroffene digitaler Gewalt meiden häufig öffentliche Debatten und ziehen sich aus dem digitalen Raum, der Öffentlichkeit oder der Politik zurück. Frauen, die digitale Gewalt erfahren, verstummen – mit gravierenden Folgen für unsere Gesellschaft. Noch haben die Rheinland-Pfälzer nicht gewählt. Aber man braucht keine Glaskugel, um ein Ergebnis schon jetzt bekannt zu geben. Weibliche Abgeordnete werden im neuen Landtag wieder unterrepräsentiert sein.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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