Reise Dieser Mann verbindet Europa wieder im Schlaf
Es ist nicht einfach, sich mit Elmer van Buuren in Ruhe auszutauschen. Der Niederländer ist viel unterwegs und hat als Gründer und Chef des Nachtzug-Start-ups European Sleeper gut zu tun. Zudem repräsentiert der 42-jährige Bahnunternehmer als Präsident ehrenamtlich den europäischen Wettbewerbsverband Allrail in Brüssel. Sein Terminkalender ist prall gefüllt.
Schließlich gelingt ein längeres Treffen in Berlin. Der Manager ist zur Vorstellung des Wettbewerbsberichts des Verbands Mofair, der sich für eine Marktöffnung starkmacht, und der Güterbahnen an die Spree gereist, für ihn eine Pflichtveranstaltung aus Überzeugung: „Nur mit mehr Wettbewerb wird der Schienenverkehr in Europa besser.“
Dafür wagt er den nächsten Kraftakt: European Sleeper will nächstes Frühjahr die Nachtzugverbindung Berlin–Paris fortführen, die Österreichs Staatsbahn ÖBB aufgibt, weil Frankreich die Förderung einstellt.
Die erste Nachtzugverbindungen organisiert
Van Buuren ist in Utrecht geboren und aufgewachsen. In der niederländischen Universitätsstadt gründete er vor viereinhalb Jahren auch European Sleeper. Ein Kernteam von rund 25 Mitarbeitern plant und organisiert dort den Betrieb der Nachtzugverbindung zwischen Brüssel und Prag über Amsterdam, Berlin und Dresden. Im Mai 2023 startete der erste Zug – und trotz aller Hürden und Rückschläge kann das Start-up die Verbindung dreimal pro Woche anbieten, die seither mehr als 200 000 Reisende nutzten.
Andere Neulinge in Europas Schienenverkehr sind früh gescheitert, manche wie Midnight Trains schon in der Planphase. European Sleeper hat sich durchgekämpft, obwohl ein Jahr vor dem Start der designierte tschechische Partner Regiojet absprang, der die Verbindung fahren sollte. Trotzdem gelang van Buuren und seinem eingeschworenen Team der Kraftakt, noch rechtzeitig mit gebrauchten und gemieteten Wagen den ersten Nachtzug auf die Schiene zu setzen.
„Für mich hat sich mit European Sleeper ein Lebenstraum erfüllt“, erzählt van Buuren, der aus einer Eisenbahnerfamilie stammt. Schon sein Großvater arbeitete im Schienenverkehr, sein Vater war mehr als 40 Jahre bei der Niederländischen Staatsbahn (NS), zuletzt in der Verkehrsleitung. Er begann auf einem kleinen Bahnhof, Sohn Elmer durfte ab und zu mit: „Es hat mich schon damals fasziniert, wie die Weichen gestellt werden, mit all den Tasten und Bildschirmen.“ So war sein Weg früh vorgezeichnet: „Schon als Junge wollte ich mal mein eigenes Bahnunternehmen haben.“ Bereits mit 16 Jahren jobbte er bei der Bahn und verkaufte Kaffee im Zug. Es folgten kleine und große Jobs während des Studiums – erst ein Versuch mit den Fächern Russisch und Deutsch, dann der Wechsel zum Tourismusmanagement mit Abschluss in Breda. „Deutsch war schon in der Schule meine Lieblingssprache“, betont van Buuren, der fast akzentfrei Deutsch spricht und weitere Sprachen beherrscht.
Ein Leben für die Schiene
Seine Karriere startete der smarte Niederländer in einer kleinen Agentur, die Zugtickets und Bahnreisen verkaufte. 2007 wechselte er zur Niederländischen Bahn, begann als Zugchef, war zuständig für die Sicherheit, Fahrkartenkontrolle und Durchsagen. Die NS fuhr auch Belgien an, und schon da hatte er mit den nationalen Hürden im Schienenverkehr Europas zu tun: „Wir waren zwar bis Brüssel an Bord, durften im Nachbarland aber nur Fahrkartenkontrolle machen.“
Vom Zug wechselte er nach einem Jahr in die Betriebsplanung für Züge und Fahrpersonal, wurde dann Verkehrsleiter wie sein Vater, als die Niederlande eine zentrale Steuereinheit für Infrastruktur und Betrieb in Utrecht schufen.
Danach stieg er zum Projektleiter auf. Nach elf Jahren bei der Staatsbahn ging er zu einer Ingenieurberatung, zuständig für nachhaltige Mobilität: „Doch der Beraterjob hat mir weniger gefallen, man schreibt viele Ideen auf, die dann nicht gemacht werden.“ Mehr denn je spürte van Buuren den Wunsch, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Da traf er Chris Engelsmann. Der Niederländer hatte eine Webseite mit Infos zu Nachtverbindungen aufgebaut und mit dem Sonderzug „Jazz-Night-Express“ von Rotterdam nach Berlin erste Erfahrungen gesammelt: „Uns einte dieselbe Vision eines Nachtzugunternehmens mit täglichen Verbindungen.“
Das Duo fasste den Beschluss, gemeinsam ins Risiko zu gehen. „Wir hatten nur kleines Startkapital, aber viele Unterstützer“, erzählt van Buuren. Dann ging es Schlag auf Schlag: „Wir gründeten European Sleeper im Januar 2021, im Mai hatten wir per Crowdfunding die ersten 500.000 Euro eingesammelt.“
Doch nach einem Jahr scheiterte die geplante Kooperation mit dem strategischen Partner Regiojet. Dennoch gelang es, den Betrieb und den Ticketverkauf in nur einem Jahr neu zu organisieren. Den Nachtzug fährt inzwischen eine niederländische Firma im Auftrag, das Servicepersonal für die Hotels auf Schienen stellt eine andere Firma. „Zusammen sorgen wir für die Beschäftigung von mehreren hundert Leuten“, betont van Buuren.
Herausforderungen zwischen den Landesgrenzen
Rückschläge bleiben nicht aus. Das Pilotprojekt einer Verbindung nach Venedig verlief schwierig. Gleich der erste Zug kam in Innsbruck nicht weiter, weil die italienischen Partner plötzlich nicht mehr wollten: „Die Kollegen der ÖBB haben uns dann sehr geholfen und die Passagiere mit dem Railjet zumindest nach Verona gebracht.“ Inzwischen liegt das Vorhaben auf Eis.
Die geplante Nachtzug-Verbindung Amsterdam–Barcelona, die auch von der Europäischen Union gewünscht wird, kommt ebenfalls nur mühsam voran. „Die EU-Politik hat zwar für bessere Rahmenbedingungen gesorgt, sodass es mehr internationale Bahnverbindungen geben kann, doch letztlich entscheiden die Mitgliedstaaten mit ihren nationalen Regeln und den Investitionen in die Schiene, ob ihre Infrastrukturbetreiber die nötigen Trassen zur Verfügung stellen können und es Finanzierungshilfen gibt“, sagt van Buuren. Für Staatsbahnen sei es viel leichter, die nötigen Millionen für neue Züge zu bekommen.
Bisher finanziert sich European Sleeper allein über Crowdfunding und hat von seinen mehreren tausend Geldgebern rund 12 Millionen Euro bekommen. Das reiche für den laufenden Betrieb, der nicht mehr weit von der schwarzen Null entfernt sei. Man rede „mit verschiedenen Partnern, darunter auch Staatsbahnen, über Partnerschaften, um mehr Verbindungen zu starten.“ Doch das Geschäft bleibt schwierig, der finanzielle Spielraum eng begrenzt.
Um neue Energie zu tanken, ist der Unternehmer in zwei großen Chören aktiv, die sich baltischem Liedgut widmen. „Ich singe Bass oder Bariton, je nachdem, was gebraucht wird.“ Seine Frau stammt aus Lettland. Proben und Auftritte versucht er nicht zu verpassen. Daneben pflegt er ein zweites Hobby, wenn es die Zeit zulässt. Dafür ist am nächsten Tag ein Abstecher von Berlin nach Polen geplant. „Ausnahmsweise mit dem Auto“, verrät er: „Denn ich fotografiere gerne Züge, am besten in voller Fahrt an interessanten Stellen – und dahin kommt man meist leider nur auf vier Rädern.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.