American Football RHEINPFALZ Plus Artikel Die Halbfinals in der NFL: Zwischen Cinderella-Story und Wiederholungstätern

Jarrett Stidham hat 2024 für die Denver Broncos seinen letzten Pass geworfen. Im NFL-Halbfinale geht es ...
Jarrett Stidham hat 2024 für die Denver Broncos seinen letzten Pass geworfen. Im NFL-Halbfinale geht es ...

Die Halbfinals der NFL stehen an. Vier Teams, vier Quarterbacks, vier Geschichten – ein Ziel: Super Bowl Nummer 60. Wer wird sich durchsetzen?

Denver Broncos und Jarrett Stidham: Das große Fragezeichen

Irgendetwas musste er ja sagen, um zumindest ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Seit 29 Jahren ist Sean Payton Coach in der National Football League (NFL), 18 davon als Cheftrainer. Ein erfahrener Haudegen also, der durchaus weiß, wie man auch schlechte Neuigkeiten gut verkauft. „Stiddy ist bereit“, sagte der 62-Jährige also, kurz nachdem die Denver Broncos ins NFL-Halbfinale eingezogen waren. Die Schreckensnachricht hatte er da selbst noch kaum verdaut. Denn kurz zuvor verkündete Payton, dass sich Stamm-Quarterback Bo Nix beim dramatischen 33:30-Sieg nach Verlängerung gegen die Buffalo Bills einen Knochen im Knöchel gebrochen hatte. Saison-Aus, nachdem der 25-Jährige sein Team in seinem zweiten Profijahr zu 14 Siegen und ins Halbfinale führte. Von einem Moment zum anderen wird aus dem Favoriten der Underdog.

Nun soll es Jarrett Stidham für die Broncos richten, wenn sie die New England Patriots empfangen. Nur: Der Ersatz-Quarterback stand in dieser Saison bei genau vier Spielzügen auf dem Feld – und warf dabei keinen einzigen Pass. Er kennt seine Ballfänger aus dem Training, aber eben nicht, wenn es darauf ankommt. Seinen letzten Pass unter Wettkampfbedingungen hat Stidham am 7. Januar 2024 an den Mann gebracht, vor mehr als zwei Jahren war das.

In sieben NFL-Jahren stand Stidham in vier Spielen von Beginn an auf dem Feld. Eine Woche hatte Coach Payton Zeit, um seinem Ersatz-Quarterback zumindest das nötige Selbstvertrauen einzuimpfen. Zudem hat der Trainer ein Team geformt, das für seinen Spielmacher arbeitet. Die Quarterback-Beschützer zählen zu den besten der Liga, die Verteidiger erobern regelmäßig den Ball. Heißt: Der Quarterback darf sich Fehler erlauben.

„Wir konnten ihn drei Jahre lang tagein, tagaus beobachten“, sagte Payton und wendete sich an alle, die den Broncos nun keine Chance geben, „schaut genau hin.“ Der Sport liebt Geschichten wie die von Stidham. Von Spielern, die aus dem Nichts kommen und gegen jede Wahrscheinlichkeit triumphieren. Es gibt solche Beispiele in der NFL, Nick Foles etwa. In der Saison 2017 siegte der Ersatz-Quarterback mit den Philadelphia Eagles im Super Bowl 52. Exakt vor zehn Jahren gewannen die Broncos zuletzt den Super Bowl. Damals wie nun zur 60. Auflage ist Santa Clara bei San Francisco der Ort des Endspiels. Schreiben die Broncos eine Cinderella-Story?

New England Patriots und Drake Maye:Das ging schnell

Viele Zuschauer im Gillette Stadium der New England Patriots hielten ein Plakat in die Höhe, als ihre Spieler das Feld verließen. „Good old times“, stand darauf, „die gute alte Zeit.“ In der wähnen sich Team wie Anhänger nach dem Sieg gegen die Houston Texans. Zuletzt standen die Patriots im Januar 2019 in Halbfinale, das ja im System der NFL schon so etwas wie ein Endspiel ist. Schließlich geht es um den Titel in der eigenen Conference. Wenig später gewann das Team aus Boston in Atlanta zum sechsten Mal den Super Bowl – Rekord. Die Besten zu sein, nicht weniger ist der eigene Anspruch der Patriots.

Dennoch endete mit diesem Sieg eine Ära des Erfolgs. Tom Brady wechselte nach Tampa Bay und gewann einen weiteren Super Bowl. In New England indes hinterließ der Superstar eine Lücke, die lange kein Quarterback auszufüllen vermochte. Sie versuchten es mit dem Veteranen Cam Newton und wählten bei der Talentbörse Mac Jones. Doch keiner von ihnen überzeugte. Ebenso kompliziert: die Suche nach einem Nachfolger von Erfolgscoach Bill Belichick. Seit diesem Jahr steht Mike Vrabel an der Seitenlinie, früher spielte er für die Patriots.

... gegen die wieder erstarkten New England Patriots mit Quarterback Drake Maye.
... gegen die wieder erstarkten New England Patriots mit Quarterback Drake Maye.

Die zwei vergangenen Spielzeiten schloss New England jeweils mit vier Siegen und 13 Niederlagen ab. Dass sie nun mit 14 Siegen bei drei Niederlagen in die Play-offs einzogen, kam überraschend – der Um- und Neubau eines Teams kann sich gerne über mehrere Jahre ziehen. Durch ihr schlechtes Abschneiden durften die Patriots bei der Talentbörse bereits an dritter Stelle wählen und zogen in Drake Maye das große Quarterback-Los. In Windeseile hat sich der 23-Jährige in seinem zweiten Jahr von der Nachwuchshoffnung zum Hoffnungsträger entwickelt. Maye wird eine ähnliche Mentalität wie Brady nachgesagt – das Streben nach Perfektion, Selbstdisziplin und der unbedingte Wille zum Erfolg.

Die Pats haben 15 ihrer letzten 16 Spiele gewonnen. Doch weil die Denver Broncos nun im Halbfinale mit Ersatz-Quarterback Jarrett Stidham, den New England selbst 2019 als möglichen Brady-Erben verpflichtete, antreten, haben sich die Vorzeichen geändert. Der Einzug in den Super Bowl wäre keine Krönung einer unerwartet erfolgreichen Saison. Das Verpassen des Endspiels hingegen käme einer Enttäuschung gleich.

Seattle Seahawksund Sam Darnold: From Jets to Best

Ausgemustert. Das ist der Begriff, der lange auf Sam Darnold zutraf. Die chronisch schwachen New York Jets wählten den Quarterback 2018 bei der Talentbörse der Nachwuchsspieler an dritter Stelle aus – und jagten ihn nach drei Spielzeiten vom Hof. Er sehe „Gespenster“ auf dem Platz, sagte Darnold einmal während einer Partie. Unglücklicherweise schnappten Mikrofone den Satz auf. Dabei wollte er nur zum Ausdruck bringen, dass er den Überblick verloren hatte – die komplexen Aufgaben eines Quarterbacks waren für Darnold zu Beginn seiner Profilaufbahn eine Nummer zu groß.

Auch bei den Carolina Panthers war für den 28-Jährigen schon nach zwei Jahren Schluss, bei den San Francisco 49ers blieb er gar nur eine Saison. Darnold, ein Überflieger am College, drohte in der NFL zu einem dieser Wandervögel zu werden, die bei keinem Verein so richtig Fuß fassen.

Im zweiten Halbfinale duellieren sich die Seattle Seahawks mit Sam Darnold ...
Im zweiten Halbfinale duellieren sich die Seattle Seahawks mit Sam Darnold ...

Mit den Minnesota Vikings gewann Darnold in der Vorsaison 14 von 17 Spielen in der Hauptrunde, doch sein Einjahresvertrag blieb genau das: eine Beschäftigung auf Zeit. Dennoch mauserte er sich zu einem Top-5-Quarterback der Liga. Seine Fehler wurden weniger, er reduzierte das Risiko in seinen Pässen. So wurde sein Spiel aber auch weniger spektakulär.

Das dürfte ein Grund dafür sein, weshalb sich Darnold auch jetzt noch ein wenig unter dem Radar bewegt – wenngleich er mit den Seattle Seahawks erneut eine Bilanz von 14 Siegen bei nur drei Niederlagen aufstellte. Obwohl Darnold in zwei aufeinanderfolgenden Spielzeiten mit unterschiedlichen Teams überzeugt, zählt er nicht zu den Superstars der Liga. Von manchen Beobachtern wird er nicht einmal richtig ernst genommen, sondern ist immer noch derjenige, der „Gespenster“ sieht. Er mag nicht der lauffreudigste Quarterback sein, nicht der mit dem präzisesten Arm. Er wirft nicht die meisten Touchdown-Pässe. Doch er ist ein solider „Game-Manager“. Ligaweit hat er die meisten Pässe über mehr als 40 Yards geworfen.

In seinem ersten Play-off-Spiel überhaupt verlor Darnold vergangenes Jahr mit den Vikings 9:27 gegen die Los Angeles Rams. Dem Quarterback gelang nichts. Nun hat er mit den Seahawks die Chance zur Revanche. Gegen die San Francisco 49ers siegte das Team jüngst 41:6. Wenn es um die aktuelle Form geht, ist Seattle der Favorit auf den Super Bowl.

Los Angeles Rams und Matthew Stafford: Der Erfahrene

Ein junger Spieler kann sich in der NFL nicht aussuchen, zu welchem Team er kommt. Die schlechteste Mannschaft des Vorjahres hat bei der Talentbörse das erste Zugriffsrecht. Dass dem talentierten Matthew Stafford 2009 die Ehre des Erstgewählten zuteil werden würde, kam wenig überraschend. Die Detroit Lions hatten es geschafft, in der Vorsaison kein einziges Spiel zu gewinnen, und schlugen zu.

Stafford passte, passte, passte, sammelte Saison für Saison Yards um Yards. Sein Wurfarm: stark und präzise. Die Lions machten ihn zum bestbezahlten Quarterback ihrer Geschichte – und verloren immer weiter. Doch Stafford blieb und blieb. Zwölf Spielzeiten trug er das Trikot der Lions, wurde zum Gesicht des Klubs, aber auch zum Sinnbild des Scheiterns. Und damit zum Symbol Detroits mit seiner darbenden Autoindustrie.

... und die Los Angeles Rams um Quarterback Matthews Stafford.
... und die Los Angeles Rams um Quarterback Matthews Stafford.

Währenddessen entstand in der Hollywood-Metropole Los Angeles eine Star-Mannschaft. Was den Rams fehlte, war der passende Quarterback. Deutlich wurde das im Februar 2019, als sie im 53. Super Bowl gegen die New England Patriots verloren. Also tauschten sie ihren Spielmacher, Jared Goff, gegen Matthew Stafford ein – eine Win-Win-Situation: Die Rams gewannen in der Saison 2021 im eigenen Stadion den Super Bowl, während mittlerweile auch die Lions ein ernstzunehmendes Team sind.

Über seine frühere sportliche Heimat verliert der vierfache Vater Stafford kein böses Wort und liefert Jahr für Jahr Bestwerte. In dieser Saison warf er 46 Touchdown-Pässe, kein Quarterback war besser. Nur achtmal landete der Ball beim Gegner.

Mit seinen 37 Jahren ist Stafford inzwischen der Senior im Quarterback-Quartett der Halbfinals. Natürlich zwickt der Körper immer häufiger. Dafür zeichnet ihn eine enorme Ruhe und Gelassenheit aus. Im Viertelfinale brachte Caleb Williams seine Chicago Bears mit einem spektakulären Pass in die Verlängerung. Doch der alte Mann Stafford hatte das letzte Wort. Was ihm noch fehlt in seiner Karriere ist die Auszeichnung als wertvollster Spieler der Saison. Warum nicht zusammen mit einem zweiten Super-Bowl-Sieg? Wenn es um Erfahrung geht, sind die Los Angeles Rams Favorit auf den Titel.

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