Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Die Geheimnisse der Psyche: Wie löse ich das Rätsel in mir?

Warum behandle ich meine Mitmenschen schlecht oder schiebe Arbeit immer wieder vor mir her? Eine Therapie kann helfen, dem eigen
Warum behandle ich meine Mitmenschen schlecht oder schiebe Arbeit immer wieder vor mir her? Eine Therapie kann helfen, dem eigenen Verhalten auf den Grund zu gehen.

Vieles, das der Mensch tut, geschieht unbewusst. Damit kann man in einer Psychotherapie arbeiten, sagen Cécile Loetz und Jakob Müller. Im Erfolgsfall gewinnt der Patient innere Freiheit.

Frau Loetz, Herr Müller, warum haben Sie sich entschieden, gemeinsam ein Buch über die Macht des Unbewussten zu schreiben?
Loetz: Wir sind oft von Freunden gefragt worden, wie eine Psychoanalyse abläuft. Das ist gar nicht so einfach zu vermitteln. Uns war es wichtig zu zeigen, wie man das Unbewusste im Laufe einer Therapie bewusst machen kann und vor allem auch einen Einblick geben, wie Therapeuten denken.

Müller: Ein Anlass war, zu zeigen, was Psychoanalyse ist und psychoanalytische Psychotherapie leisten kann. Was macht es mit mir, wenn ich zu einem Therapeuten gehe? Das wollten wir transparent zeigen, sodass auch die Hemmschwelle sinkt, sich auf solch eine Weise mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Bücher über Psychologie gibt es zuhauf, was ist das Besondere an Ihrem?
Müller: Unser Buch zeigt in vier Fallbeispielen das breite Spektrum der Psychotherapie auf. Anhand der Beispiele erklären wir schließlich psychotherapeutische Konzepte. Manch einer wird vielleicht in einer Fallgeschichte Motive von sich selbst wiedererkennen.

Loetz: Wir wollten anhand der Geschichten zeigen, wie das unbewusste Handeln, das einen schon sehr lange begleitet, langsam ins Bewusstsein gehoben werden kann, sodass die Person langfristig auch ihr Verhalten ändern kann.

Unser Denken, Fühlen und Handeln kann also in gewisser Weise determiniert sein, ohne dass das für uns ersichtlich ist. Was genau ist denn das Unbewusste?
Loetz: Ich würde sagen, das Unbewusste ist eben nicht das Dunkle, das tief in uns vergraben ist. So stellen sich das viele Menschen vor. Eigentlich ist das Unbewusste etwas, das an der Oberfläche liegt und sich beispielsweise in unseren Verhaltensweisen zeigt: Wir tun etwas, ohne dass wir verstehen, warum. Im Buch beschreiben wir eine Fallgeschichte, in der jemand das Leben als sinnlos empfindet, obwohl er doch eigentlich alles hat. Einen Beruf, gute Freunde, aber er weiß nicht, warum er nichts mit dem Leben anfangen kann. In einem anderen Fall wird ständig prokrastiniert (aufgeschoben, die Red.). Da wäre die Prokrastination das Symptom, denn obwohl alle möglichen Tipps und Tricks ausprobiert wurden, verschwindet die Prokrastination nicht einfach. Der Grund, warum es einer Person so schwerfallen kann, das eigene Verhalten zu ändern, ist nicht immer offensichtlich.

Müller: Selten denken wir im Alltag wirklich darüber nach, was wir tun. Das Bewusstsein einzuschalten, ist vielleicht nur in Ausnahmesituationen notwendig. Erst mal ist das Unbewusste der Autopilot, mit dem wir durchs Leben gehen und der uns hilft, in bestimmten Situationen nicht gleich überfordert zu sein. Aber manchmal steuert uns dieser Autopilot auch immer wieder im Kreis.

Ihr Buch trägt den Titel: „Mein größtes Rätsel bin ich selbst“. Wieso sollte man selbst sein größtes Rätsel sein? Immerhin kennt man sich selbst doch am längsten.
Loetz: Beim anderen sieht man Dinge immer gut, bei sich selbst ist es etwas schwieriger. Ich weiß nicht, ob man selbst immer sein größtes Rätsel sein muss, aber man hat viele Dinge an sich, von denen man gar nicht merkt, dass man sie tut oder dass man sie hat. Wo andere sagen: „Du bist wie deine Mutter.“ Oder aber es gibt Beziehungen, die immer wieder scheitern. Da beginnt man sich zu fragen: Wieso lasse ich mich eigentlich immer wieder auf diesen bestimmten Typus Mann oder Frau ein? Warum gelingt es mir nicht, eine Beziehung länger aufrechtzuerhalten? Diesen Fragen kann man mit einer Therapie auf den Grund gehen. Eine Fallgeschichte in unserem Buch handelt von einem narzisstischen Mann, der seine Beziehungen aktiv zerstört, gleichzeitig aber sehr darunter leidet. In solchen Fällen ist es wichtig, genauer hinzuschauen und sich zu fragen, warum man selbst so aggressiv ist und schlecht mit anderen Menschen umgeht.

Psychotherapie oder Psychoanalyse?

Wenn ich selbst Symptome erkenne, wie kann ich diese angehen?
Loetz: Wenn man bestimmte Muster bei sich selbst erkennt, kann man zunächst versuchen, über Fragen und Reflexion einen Zugang zu sich selbst zu finden. Und zwar wertfrei, ohne sich selbst zu verurteilen. Man kann auch mit Freunden sprechen, die vielleicht noch einmal eine andere Perspektive einbringen. Wenn man aber nicht weiterkommt, kann es hilfreich sein, eine Therapie zu machen. Spätestens wenn man Leidensdruck verspürt, ist es sinnvoll zu überlegen, wie man das ändern kann.

Müller: Das Ziel von einer Therapie ist einerseits, die Leidenssymptome zu mindern, andererseits aber auch das zu öffnen, was wir innere Freiheit nennen. Zu Beginn einer Therapie ist die oftmals eingeschränkt, man hat das Gefühl, in seinen Mustern festzustecken. Mit der Zeit werden die Muster erkennbar, weil mir Dinge bewusst werden. So kann ich bewusster handeln und mich – anders als vorher – entscheiden, was ich wirklich will. Beispielsweise gleich beim Kennenlernen zu merken, mein Gegenüber entspricht meinem alten Muster und sich dann etwa zu fragen: Will ich wirklich wieder in eine Beziehung, in der ich mit meinem Partner nicht offen reden kann? Wo ich nicht ich selbst sein kann? Therapie heißt, innere Freiheit zurückzugewinnen. Wenn Patienten nach Hause gehen und eine Therapie erfolgreich war, dann fühlen sie sich nicht wie ein Supermensch, der keine Konflikte mehr hat und immer gut drauf ist. Sie fühlen sich vielmehr verbunden mit der Welt und mehr lebendig. Sie können bewusster leben, weil sie wieder eine Verbindung zu ihren Gefühlen haben.

Sie sind beide Psychoanalytiker. Was genau ist der Unterschied zwischen einer Psychotherapie und einer Psychoanalyse?
Müller: Psychotherapie ist der Oberbegriff. Darunter fallen unterschiedliche Therapieformen. Die Psychoanalyse ist ein Kind der Medizin, die durch die Abgrenzung der psychischen zu den körperlichen Leiden entstanden ist. Jemand, der ein psychisches Leiden hat, kann sich im Prinzip entscheiden, welche Praxis er aufsucht. Das kann beispielsweise ein Psychotherapeut sein, der eine Weiterbildung in Verhaltenstherapie oder eben Psychoanalyse hat. Man sollte sich also überlegen, was am besten zur eigenen Symptomatik oder Persönlichkeit passt.

Sie betreiben mit „Rätsel des Unbewussten“ auch einen sehr erfolgreichen und reichweitenstarken Podcast mit über 150.000 Hörerinnen und Hörern. Würden Sie sagen, dass mehr Menschen ein Interesse an der Psychologie gewonnen haben?
Loetz: Im Internet findet man sehr viele Ratschläge, was die Lebensführung angeht. „Zehn Schritte zum Glück“ beispielsweise oder Verhaltenstipps, die bei Prokrastination helfen sollen. Das ist nicht schlecht. Aber viele Menschen machen die Erfahrung, dass es nicht hilft, wenn sie einfach nur positiv denken und versuchen das Negative auszublenden. In unserem Podcast findet man keine Ratschläge oder Tipps, sondern den Versuch, bestimmte Bereiche unseres Erlebens und Fühlens zu verstehen. Wir überlassen es jedem Zuhörer selbst, herauszufinden, was es mit ihnen zu tun haben könnte. Wir geben keine pauschalen Antworten, aber viel Stoff zum Nachdenken über das eigene Selbst.

Müller: Wir versuchen Aha-Momente zu liefern. Wenn man den Podcast hört und diese Momente hat, freut uns das. Denn wir versuchen, auch unsere eigenen Aha-Momente zu vermitteln – wo wir für uns etwas verstanden haben. Was bei einer Ratgeberpsychologie fehlt, das ist in unserem Podcast zu finden.

Sie arbeiten nicht nur zusammen, Sie sind auch ein Paar. Gibt es dank Ihrer Erfahrung aus der psychoanalytischen Praxis überhaupt noch Konflikte in Ihrer Beziehung?
Müller: Es wäre eine völlige Illusion zu denken, dass Psychoanalyse innerlich mit sich selbst und der Beziehung zu anderen konfliktfrei machen kann. Es kann aber helfen, konfliktfähig zu werden und sich gut zu streiten, damit etwas Konstruktives herauskommt. Aber Konflikte treten immer wieder auf. Das gehört zum Leben dazu. Das ist auch bei uns als Therapeutenpaar nicht anders.

Wie ein glückliches Leben gelingen kann

Und inwiefern spielt Ihr Beruf eine Rolle bei der Erziehung Ihrer kleinen Tochter?
Müller: Hundertprozentig heraushalten kann man das natürlich nicht, aber wir versuchen, nicht mit psychotherapeutischen Begriffen oder Gedanken die Erziehung zu gestalten. Für mein Gefühl hat das Wissen aber einen positiven Einfluss, insofern es an einer anderen Stelle hilft, und zwar wenn etwas nicht funktioniert. Dann stellt man sich als Elternteil zum Beispiel zuerst die Frage: Was könnte es mit mir selbst zu tun haben, wenn das Kind sich so verhält? Aber auch: Was versucht das Kind mir in seinen Möglichkeiten vielleicht mitzuteilen? Oder vielleicht ist das Kind schon einen Entwicklungsschritt weiter, den ich nicht mitbekommen habe und jetzt enge ich es ein. Eine Haltung des Verstehen-Wollens, das ist eine psychotherapeutische Haltung, die auch in der Erziehung hilfreich ist.

Loetz: Es macht einen vielleicht sensibler für bestimmte Situationen und man kennt bestimmte Entwicklungsschritte. Aber es führt trotzdem kein Weg daran vorbei, eigene Erfahrungen zu machen. Jede Beziehung ist einzigartig. Das gilt für das eigene Kind, aber letztlich auch für jede Begegnung mit einem anderen Menschen – auch in der Therapie.

Zum Jahreswechsel lassen viele Menschen die vergangenen Monate noch einmal Revue passieren und fassen Vorsätze für das neue Jahr. Wie hilfreich können solche Zielsetzungen sein, wenn man das eigene Verhalten langfristig ändern möchte? Und vor allem: Wie kann ein glückliches Leben gelingen?
Müller: Wir können nicht alles steuern und planen und müssen es auch nicht. Veränderung entsteht meist nicht dadurch, dass wir unser Verhalten umprogrammieren. Sondern, indem wir uns mit uns selbst auseinandersetzen und für neue Erfahrungen öffnen. Dafür lohnt es, sich Zeit zu nehmen.

Loetz: Unser Unbewusstes kann Symptome hervorbringen. Aber es ist auch eine Quelle für Fantasie und Kreativität. Wir müssen vielleicht in vielen Situationen unser Lebenstempo verlangsamen, dann finden wir auch diesen Zugang zu uns selbst.

Das Buch

Um Lebenskrisen zu überwinden, sollte man ihre Ursache verstehen. In ihrem Buch zeigen Cécile Loetz und Jakob Müller entlang lebensnaher Geschichten, wie die Psychoanalyse unbewusste Konflikte ans Licht holt. Sie schildern dabei den oft schwer greifbaren Prozess der analytischen Psychotherapie.

Cécile Loetz und Jakob Müller: Mein größtes Rätsel bin ich selbst. Die Geheimnisse der Psyche verstehen. Hanser Verlag, 2023, 304 Seiten, 25 Euro.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

Jakob Müller und Cécile Loetz sind Diplom-Psychologen und Psychoanalytiker aus Heidelberg.
Jakob Müller und Cécile Loetz sind Diplom-Psychologen und Psychoanalytiker aus Heidelberg.
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