Beweger
Die Frau im Anzug, die Zigarre rauchte
1848 eskaliert in Europa der lang schwelende Kampf um die Demokratie. Den Beginn machen wie so oft Frankreich und Paris. Als in der letzten Februarwoche Proteste für ein allgemeines Wahlrecht blutig niedergeschlagen werden, errichten die Pariser über Nacht etwa 2000 Barrikaden. Nach nur 72 Stunden harter Kämpfe flieht der unbeliebte „Bürgerkönig“ Louis Philippe. Doch für die neue Republik fehlt den siegreichen Revolutionären zunächst eine mächtige Stimme, die der Öffentlichkeit die neuen Gesetze nahebringen kann.
Mit Schriftstellerin George Sand engagieren sie dafür eine Frau, und das in einem Land, in dem Frauen kein Wahlrecht haben und sich nicht einmal scheiden lassen können. Die neue Pressesprecherin der Revolutionsregierung bekommt unter der Hand gleich zwei Büros: Eins im Louvre und eins im Luxembourg-Palast, wo sie unermüdlich arbeitet.
Sie ist einflussreich, beispielsweise entlässt und ernennt sie hohe Beamte. Zugleich bringt sie eine eigene Zeitung namens „Die Sache des Volkes“ heraus und beschreibt dort, wohin sie will: „Die Republik ist das Mittel, der Sozialismus das Ziel.“
Doch Sands Traum einer sozialistischen Republik scheitert schon nach wenigen Monaten: Nach den Wahlen, die die Linken verlieren, und bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Juni sind viele Revolutionäre auf der Flucht, in den Gefängnissen oder werden in die Strafkolonien nach Übersee verschleppt. Ende 1851 folgt der Staatsstreich Napoleons III., einem Neffen Napoleon Bonapartes.
Der Vater wird vom Pferd geworfen
Geboren wird George Sand 1804 in Paris als Amantine Aurore Lucille Dupin, kurz Aurore. Ihre Mutter kommt aus einfachen Verhältnissen, begleitet Offiziere Napoleons bei ihren Feldzügen, so auch Aurores Vater Maurice Dupin, der von August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, abstammt.
Die junge Familie gerät 1808 in Spanien in den Aufstand gegen Napoleons Herrschaft, die Kinder erkranken bei ihrer fluchtartigen Abreise an Typhus und Krätze. Ihr neugeborener Bruder stirbt kurz nach der Ankunft in Nohant, dem Gutshaus von Großmutter Marie-Aurore de Saxe, etwa 300 Kilometer südlich von Paris.
Wenig später beschließt der Vater, auf einem ungezähmten Hengst auszureiten, der ihn abwirft. Ein tödlicher Unfall, der Aurores Leben für immer verändern wird. Denn von jetzt an ist sie dem nicht enden wollenden Zwist zwischen Mutter und Großmutter ausgeliefert. Die Großmutter bekommt schließlich die Vormundschaft gegen eine Rente für ihre Mutter, die nach Paris zieht.
Aurore bleibt in Nohant zurück. Die Großmutter will sie zur feinen Dame erziehen: „Ich sollte nicht mehr laut lachen, nicht mehr im Dialekt des Berry sprechen. Ich sollte mich gerade halten, Handschuhe tragen, ruhig sein oder nur in einem Winkel flüstern. Ich bebte, wenn ich draußen einen Hund bellen hörte oder ein Vogel im Gesang, ich wäre selber gerne der Hund oder der Vogel gewesen.“
Unterwegs mit Nymphe und Erzengel
Heimlich spielt das Mädchen mit den Bauernkindern oder flieht in die Einsamkeit der Natur, schwimmt dort jeden Tag, errichtet in den Wäldern einen Altar für die selbst gefundene Gottheit „Corambus“, eine Mischung aus Nymphe und Erzengel Gabriel, der Aurore ihre Sorgen anvertraut. Denn die Abweisung durch die Mutter hinterlässt Spuren: „Die einzige heftige Liebe, die ich je erlebt habe, die Liebe zu meiner Mutter, hat mich erschöpft und zerbrochen.“
Verstört und unglücklich wird die 13-Jährige schließlich in ein Kloster der englischen Augustinerinnen in Paris gesteckt. Dort lernt sie Fremdsprachen und blüht unter Gleichaltrigen auf. Als sie aber selber Nonne werden will, holt ihre Großmutter sie rasch zurück nach Nohant, kurz bevor sie durch einem Schlaganfall ans Bett gefesselt wird.
Dadurch hat Aurore nun alle Freiheiten. Die Angestellten wundern sich, dass die junge Frau immer dasselbe Kleid und den gleichen Hut trägt, mehr aber noch: „Schaut euch unsere Madame an, reitet da auf ihrem großen Gaul. Muss schon plemplem sein, um so zu reiten!“ Aurore pflegt die Großmutter bis zu ihrem Tod und wird als 17-Jährige als Alleinerbin eingesetzt. Ihr restliches Leben lang pendelt sie dann zwischen Nohant und Paris.
In der 1822 eingegangenen Ehe mit dem mittellosen Baron Casimir Dudevant versucht sie sich lange völlig unterzuordnen und in der Mutterschaft zu ihrem im folgenden Jahr geborenen Sohn Maurice aufzugehen. Nur könnten die Interessen des Paares nicht gegensätzlicher sein: Sie liest, so viel es geht, liebt Theater und Musik. Er interessiert sich nicht für Kultur, jagt gern, trinkt unmäßig, schlägt sie, wenn sie seine Anweisungen nicht befolgt, und findet nichts dabei fremdzugehen. Aurore tut es ihm schließlich gleich, die Geburt ihrer Tochter Solange 1928 ist die Folge einer ersten Affäre.
Liebe, Sex, Revolution
Die Juni-Revolution von 1830, die sie in Paris erlebt, krempelt ihr Leben um. Hier trägt sie Männerkleidung, weniger um zu provozieren, sondern im Gegenteil, um überhaupt am von Männern bestimmten gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Der Journalist Jules Sandeau wird ihr Partner, mit ihm verfasst sie unter dem Pseudonym J. Sand einen ersten erfolgreichen Roman.
Dann schreibt sie alleine, nennt sich George Sand. Ihr erster Roman „Indiana“ wird ein überwältigender Erfolg. Es geht um das Schicksal einer aus der Südsee stammenden jungen Frau, die aus ihrer leidenschaftslosen Ehe mit einem alternden Offizier ausbrechen will. Es folgt „Lélia“, ein mit einem Briefwechsel beginnendes Psychogramm einer Frau, die lange keine sexuelle Erfüllung findet.
Die katholische Kirche setzt es sofort auf den Index. Für George Sand ist klar: „Das ideale Liebesglück ist absolut unmöglich unter der Bedingung der Ungleichheit und Abhängigkeit des einen Geschlechts von anderem.“ Sie schreibt weiter, insgesamt über 70 Romane, unzählige Theaterstücke und geschätzt mehr als 4000 Briefe.
1833 beginnt sie eine Affäre mit der Schauspielerin Marie Duval, wie lange die intime Beziehung geht, ist unklar, befreundet bleiben die beiden Frauen bis zu Maries frühem Tod. Ebenfalls im Jahr 1833 beginnt die Beziehung mit dem jüngeren Dichter Alfred de Musset, mit dem sie im Winter nach Italien reist.
„Ist sie überhaupt eine Frau?“
Das von ihr geliebte Venedig wird der Ort der chaotischen Beziehung, zu der sich der Arzt Pietro Pagello gesellt. Viel später, 1859, schreibt sie über diese Dreiecksgeschichte den Roman „Sie und Er“, auf den unmittelbar literarische Gegendarstellungen von eigentlich Unbeteiligten folgen. Sie heißen: „Er und Sie“, „Sie beide“, „Er“, schließlich „Sie und Sie, Geschichte eines Skandals“.
Ehen können 1836 nicht geschieden werden, aber getrennt zu leben, ist möglich. Beim Streit um das Landgut und die Kinder erhält George Sand die Hilfe des Anwalts Michel de Bourges. Er gewinnt den Prozess und sie verliebt sich in ihn, allerdings auch nicht nachhaltig.
Eine lebenslange platonische Freundschaft verbindet sie hingegen mit dem Maler Eugene Delacroix, für sie „ein Neuerer par excellence und der größte Maler der Gegenwart“. Delacroix verbringt mehrere Sommer in Nohant, wo er in einem eigens für ihn eingerichteten Atelier Sands Sohn Maurice unterrichtet und viele Porträts anfertigt.
Komponist Frédéric Chopin, der nach einem gescheiterten Aufstand nicht mehr in seine von Russland besetzte Heimat Polen zurückkann, ist eine Sensation in Paris. Sand betet ihn an, er aber wundert sich: „Welch unsympathische Frau, diese Sand! Ist sie überhaupt eine Frau?“
Glühende Blicke: Chopin zieht zu ihr
Ein Jahr später sieht das allerdings ganz anders aus: „Sie blickte mir tief in die Augen, während ich spielte. Sie stützte sich auf den Flügel und ihre glühenden Blicke überfluteten mich. Blumen ringsum. Mein Herz war gefangen!“ Die beiden werden ein Paar, und bald folgt im Herbst 1838 ihre Reise nach Mallorca, die Sand zu „Ein Winter auf Mallorca“, einer feinfühligen Beschreibung der Insel, inspiriert.
Chopin wiederum komponiert hier einige seiner schönsten Melodien wie die „Regentropfen-Prélude“. In seiner Musik, schreibt Sand, hätten sich Regentropfen, die „dumpf“ auf die Ziegel des Klosters prasselten, „in Träume verwandelt, die von Himmel herab auf sein Herz fielen“. Die Beziehung zu Chopin hält fast zehn Jahre, 1847 trennen sich die beiden.
In den 1840er Jahren nimmt sich die Autorin in ihren Romanen auch der sozialen Frage an. Der russische Revolutionär Michail Bakunin schwärmt: „Die Lektüre von George Sand ist für mich wie ein Kult, wie ein Gebet. Sie ist nicht nur Dichter, sie ist auch Prophet, Verkünder.“ Als Bakunin Ende 1847 aus Frankreich ausgewiesen wird, schreibt er ihr: „Sie waren für mich in den trübsten Augenblicken meines Lebens eine Tröstung und ein Licht.“
Nach der Februarrevolution 1848 steht Sand im Zenit ihres gesellschaftlichen Einflusses. Ihre Revolutionserlasse haben es in sich: Abschaffung der Sklaverei und aller Adelstitel, allgemeines Männerwahlrecht, das Recht auf Arbeit, Pressefreiheit, Abschaffung der Todesstrafe für politische Delikte.
Straßenkämpfe in Paris
Als sie ein ihr unbekannter Frauenclub zur Kandidatin bei den Wahlen ausrufen will, lehnt sie allerdings ab. Erst sollen Frauen die volle Gleichheit vor dem Gesetz, dann das Wahlrecht erhalten – ein Zwei-Schritte-Reformismus, der bei ihrer sonst kompromisslosen Haltung doch ein wenig überrascht. Tatsächlich wird es in Frankreich noch fast 100 Jahre dauern, bis Frauen an nationalen Wahlen teilnehmen.
Durch ihre Bekanntschaft mit dem neuen Herrscher Napoleon III. erwirkt sie viele Begnadigungen, nicht immer sind ihr die stolzen Republikaner dafür dankbar, einige legen ihr diese Gespräche als Verrat aus. Von Nohant aus finanziert sie eine ganze Reihe von Schriftstellern aus dem Volk, Bäcker und Maurer, sie lässt die Bauern im Saal Hochzeit feiern, bezahlt ihre Spesen. Vollständig vergesellschaftet wird allerdings nur in ihren Romanen.
Als sie 1871 von Straßenkämpfen in Paris hört und dass sich dort eine sozialistische Kommune bildet, will die 66-Jährige sofort aufbrechen, doch Sohn Maurice verbietet es ihr, lässt nachts sogar den Pferdestall absperren. Allerdings befremden sie bald Nachrichten über das teils gewalttätige Vorgehen der Kommunarden.
Ein Schrecken wird aber erst recht das Zurückschlagen der Regierung, als sie etwa 20.000 Kommunarden von der Nationalgarde massakrieren lässt. „Verflucht all jene, die Beinhäuser schaffen. Daraus entsteht kein Leben. Böses erzeugt Böses!“, zieht sie ein bitteres Fazit.
Gleichberechtigung gibt es nicht
Fünf Jahre später stirbt sie. Ein Leben wie das Sands fasziniert natürlich, und so sind bereits viele Biografien erschienen; besonders vielschichtig sind André Maurois „Lélia ou la vie de George Sand“ (1952) und Noel B. Gersons „The first modern, liberated woman“ (1972). Flüssig und spannend zu lesen ist auch „Glauben Sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen“ von Armin Strohmeyr (2016).
George Sands Romane wurden – wie die ihrer Freunde Alexandre Dumas oder Victor Hugo – in fast alle Sprachen übersetzt. Doch ihre eigentlichen Ziele, ein freier Sozialismus und ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Mann und Frau, sind auf dieser Welt weitgehend unverwirklicht geblieben.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.