Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Die deutsche Nationalmannschaft nach dem 2:0 in Luxemburg: Zum Draufhauen?

Durch einen Flanken-Rückpass brachte Jonathan Tah Torwart Oliver Baumann derart in die Bredouille, dass der Keeper alles riskier
Durch einen Flanken-Rückpass brachte Jonathan Tah Torwart Oliver Baumann derart in die Bredouille, dass der Keeper alles riskieren musste, um die Situation zu bereinigen.

2:0 gewinnt Deutschland in Luxemburg. Die WM-Qualifikation bleibt in Sicht. Und doch bereitet das Spiel Sorgen – auch wegen einer Äußerung des Trainers.

Der Blick durchs Schlüsselloch hat immer seinen ganz besonderen Reiz. Unzählige Sportdokus gewähren ihn inzwischen. Sie gehen ins Allerheiligste und zeigen, was in einer Umkleidekabine passiert, wie sich Spieler auf eine Partie vorbereiten, welche Rituale sie pflegen. Sie verraten, welche Worte Trainer wählen, um ihre Spieler zu motivieren. Die Kameras begleiten die Teams mal über eine ganze Saison hinweg, mal bei einem großen Turnier. Sie öffnen die Türen zu diesem Hochsicherheitstrakt, zu diesem geschützten Raum, aus dem im Normalfall nur wenig nach außen dringt. Zu sehen sind dann meist emotionale Höhepunkte, wenn nach Siegen gejubelt wird oder nach Enttäuschungen getrauert.

Was der Zuschauer selten miterlebt: den grauen Alltag. Etwa an einem verregneten Fußballabend in Luxemburg. An dessen Ende vielleicht ein 2:0 in der WM-Qualifikation steht. Doch eben auch nach einer ersten Halbzeit, in der die deutsche Fußballnationalmannschaft auf ganzer Linie enttäuschte. Nach 45 Minuten, in denen über weite Strecken nicht deutlich wurde, welche der beiden Mannschaften auf dem Rasen der viermalige Weltmeister ist – und welche die Nummer 97 der Fifa-Weltrangliste. Nach einer Halbzeit, die in ihrer wenig überzeugenden Art eher Regel ist als Ausnahme in den bisherigen fünf Partien der Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer.

„Wie soll ich da jetzt aufdribbeln?“

Nach einem ersten Spielabschnitt also, bei dem niemand überrascht wäre, wenn es in der Pause durchaus mal krachen könnte in der Kabine. Brüllen, motivieren, erklären, wachrütteln, einfühlsam einwirken? Was macht man in so einer Situation, wohlwissend, dass die halbe Bundesrepublik über einen hereinfallen würde, sollte es schief gehen gegen einen Gegner wie Luxemburg? Bundestrainer Julian Nagelsmann stellte sich ebenfalls diese Fragen, als er mit seinen Spielern in die Katakomben verschwand. „Wie soll ich da jetzt aufdribbeln?“, sagte er am späten Abend im Stade de Luxembourg.

Er sei nicht laut geworden, sagte der 38-Jährige. Aber nicht weil, es dazu keinen Grund gegeben hätte. Sondern vielmehr, weil ihn das Gefühl beschlichen habe, dass es das Team „gerade nicht verträgt, wenn man super draufhaut“. Was das über den Zustand der Nationalmannschaft aussagt ein Dreivierteljahr vor einer Weltmeisterschaft? Wohl Ansichtssache.

SkepsisBundestrainer Julian Nagelsmann war nicht zufrieden mit der ersten Halbzeit seiner Mannschaft. In der Pause wählte er den
SkepsisBundestrainer Julian Nagelsmann war nicht zufrieden mit der ersten Halbzeit seiner Mannschaft. In der Pause wählte er dennoch den inhaltlichen Ansatz, nicht den lauten.

Statt draufzuhauen auf seine Spieler, entschied sich Nagelsmann dafür, „inhaltlich“ zu bleiben. Was es anzusprechen gab, konnte er in der Dreiviertelstunde bestens vorbereiten. Immer wieder schaute der Bundestrainer auf sein Tablet, auf aktives Coaching an der Seitenlinie verzichtete er weitgehend. Er sah, dass seine Spieler „viel zu viele“ Rückpässe spielten, der Ball landete allzu oft bei Torwart Oliver Baumann. Obwohl die Luxemburger anrannten wie verrückt, vermisste Nagelsmann die Bälle „hinter die Kette“ – im ersten Durchgang gab es nur einen davon. „Wir haben es nicht beruhigt bekommen“, sagte Nagelsmann, „wir hätten ein Gegentor verdient gehabt.“

Es ließe sich hinzufügen: oder zwei, vielleicht auch drei.

Play-offs vermeiden

In einer Gruppe mit der Slowakei, Nordirland und eben Luxemburg galt die direkte WM-Qualifikation bei der Auslosung als Pflichtaufgabe, die souverän zu lösen sei. DFB-Präsident Bernd Neuendorf machte diesen Anspruch unlängst noch einmal deutlich. Und doch kommt es nun zu einem Endspiel um den ersten Tabellenplatz am Montagabend in Leipzig. Deutschland und die Slowakei sind punktgleich, nur wegen des besseren Torverhältnisses reicht der DFB-Elf ein Unentschieden. Darauf ankommen lassen sollten es die Spieler aber nicht. Am Freitag gegen Nordirland machte die Slowakei den Sieg mit einem Treffer in der Nachspielzeit perfekt, genauso wie im Spiel gegen Luxemburg. Der Zweitplatzierte muss in die Play-offs – und in solch einem Viererturnier mit K.-o.-Spielen kann alles passieren.

Mit all ihren kreativen Köpfen in Topform gehört die deutsche Mannschaft sicher zu den guten Auswahlen in Europa – auch auf der Welt. Wenn sich aber langwierige Verletzungen wie die von Jamal Musiala und kurzfristige Ausfälle wie die von Kapitän Joshua Kimmich und Verteidiger Nico Schlotterbeck mit einem tristen Freitagabend in einem proppenvollen Terminkalender zu einem unheilvollen Gebräu vermischen, kann es eben schon einmal vorkommen, dass auch ein Gegner wie Luxemburg die deutsche Auswahl stresst.

„Kein Leckerbissen“

So sehr, dass beispielsweise Jonathan Tah seinen Schlussmann nach 36 Minuten mit einem waghalsigen Flanken-Rückpass quer über die Mitte derart in Bedrängnis brachte, dass Baumann alles riskieren musste, um die Situation zu entschärfen. Sollte natürlich nicht, aber kann passieren. „Es war sicher kein Leckerbissen zum Anschauen“, sagte Nick Woltemade nach dem Spiel. Pressing, Mut und Leidenschaft reichen an diesem Abend aus, um die deutsche Elf vor große Probleme zu stellen. Mannschaft und Bundestrainer scheinen noch immer auf der Suche zu sein – nach Balance, nach Stabilität, nach Routine. All das blitzt immer wieder auf, was fehlt, ist die Souveränität. Vielleicht tut Nagelsmann gut daran, verbal nicht auf seine Spieler einzuprügeln. Selbst wenn es eine erste Halbzeit ist, die danach schreit, einfach mal draufzuhauen.

Die richtigen Worte gefunden?

Auch die Nationalspieler beschreiben die Ansprache des Trainers in der Pause nicht als laut, sondern als „sehr klar“. Als sachlich und analytisch. An den Inhalten ausgerichtet. „Er hat uns Lösungsmöglichkeiten an die Hand gegeben“, erzählte Jonathan Tah. „Wir wollten sie nicht mehr in Umschaltsituationen kommen lassen.“ Und David Raum ergänzte: „Er ist sehr, sehr sachlich geblieben, hat zwei, drei Szenen gezeigt. Ich glaube, er hat die richtigen Worte gefunden.“

 Nick Woltemade zeigte, dass Deutschland über einen Mittelstürmer verfügt, der zuverlässt innerhalb des Strafraums trifft.
Nick Woltemade zeigte, dass Deutschland über einen Mittelstürmer verfügt, der zuverlässt innerhalb des Strafraums trifft.

Die kleinen Anpassungen, denn auch das gehört zu diesem tristen Fußballabend von Luxemburg, an dem vieles, aber eben auch nicht alles schlecht war, zeigten eine enorme Wirkung. Der ball- und passsichere Aleksandar Pavlovic rückte ein wenig mehr nach hinten, gab dem Spiel der Deutschen die vermisste Stabilität. Woltemade gelangen zwei Tore (49., 69.). Er zeigte, dass Deutschland über einen Mittelstürmer verfügt, der zuverlässig innerhalb des Strafraums trifft. Beide Treffer fielen nach den zuvor vermissten Pässen „hinter die Kette“ – einen spielte Pavlovic, einen Wirtz. Beide Male war auch Leroy Sané involviert. Der Rückkehrer rechtfertigte seine Nominierung, nachdem er in den vier Quali-Spielen zuvor nicht zum Kader gehört hatte. Er bekam Zuspruch vom Bundestrainer wie von den Teamkollegen. „Er arbeitet auch sehr hart im Training“, sagte Tah. Dann, wenn die Öffentlichkeit nicht zusehe.

Nach dem Spiel feierten vor allem die luxemburgischen Fans ihre Mannschaft für den aufopferungsvollen Kampf. Vor 35 Jahren spielte die deutsche Nationalmannschaft zum letzten Mal in Luxemburg. Damals siegte die DFB-Elf 3:2, nach einem 0:3-Rückstand drängten die Gastgeber aus dem Großherzogtum noch auf den Ausgleich. Diesmal wäre sogar mehr als ein Unentschieden drin gewesen.

Die deutschen Spieler gingen kurz zu den mitgereisten Fans und verschwanden schnell in den Katakomben. Sané und Florian Wirtz flachsten noch für einen Augenblick. Dann kam der angeschlagene Kapitän Kimmich von der Seite und lachte mit. Vor dem Spiel soll er die Ansprache gehalten haben. Was er gesagt hat? Das verraten die Teamkollegen nicht. Ein paar Geheimnisse braucht die Kabine schließlich noch.

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