Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Der Orden des Abakus: Die Männer mit den Kutten und dem Apfelschnaps

Die Apfelmänner stehen in Puch, einem beschauliche 2000-Seelen-Ort, für bäuerliche Tradition.
Die Apfelmänner stehen in Puch, einem beschauliche 2000-Seelen-Ort, für bäuerliche Tradition.

Der Abakus ist ein ganz besonderer Schnaps, der sogar für einen TV-Krimi taugt. Gebrannt wird er in Puch in der Oststeiermark im größten Apfelanbaugebiet Österreichs.

Von Wolfgang Molitor

Sie tragen braune Kutten mit Kapuze. Ihren Obmann nennen sie Abellio. Wie einst ein Keltengott. Er darf die apfelrote Kugel besitzen, die ihn als Primus inter Pares ausweist. Sein Stellvertreter, der ihn „im Falle von Krankheit und anderen misslichen Gründen würdig und ehrenvoll ersetzen“ soll, trägt den Namen Cellerare. Zwölf strenge Regeln, alle etwas schwülstig sprachlich auf altertümlich getrimmt, geben ihnen das Gerüst, ihrem Amte nachzukommen.

Die 19 kräftigen Gestalten nennen sich Apfelmänner. Und die stehen in Puch bei Weiz, einem beschaulichen 2000-Seelen-Ort in der Oststeiermark, für bäuerliche Tradition und alkoholische Spezialitäten. Vor allem für den Abakus, einen ganz besonderen Apfel-Schnaps. „Alles Ehrenmänner, die sich um die Praxis gewordene Reinheitstheorie kümmern“, sagt Hans Hofer, der kommunikative Kirchenwirt, lächelnd, „auch wenn wir für manche wie der Ku-Klux-Klan aussehen.“ Das taugt für eine spannende Krimi-Vorlage und zwar für eine Folge der österreichischen Reihe „Steirerkrimi“. Der joviale Hofer sieht dem Schauspieler Harald Krassnitzer, der am Ende als Mörder verhaftet wird, von Statur und Habitus sogar entfernt ähnlich. Ein Toter im Hochsitz, Drohnen über den Apfelbäumen, ehrgeizige Bauern und alte Geheimnisse: In Puchweizing (wie Puch bei Weiz im Krimi heißt), da gibt es eine Menge für die Kommissare, gespielt von Hary Prinz und Anna Unterberger, in ihrem gemeinsamen vorletzten Fall zu tun.

Eine Apfel- und Jägerdynastie

Doch Puch birgt auch außerhalb des Drehbuchs Geheimnisse. Nur Bauern aus dem Ort und der Umgebung können dem Rat der Apfelmänner angehören. „Wer nicht Bauer ist, muss wenigstens mehrere Apfelbäume besitzen, mindestens einmal im Jahr sein Feld bestellen und den Stall ausmisten“, sagt Hans Hofer lächelnd. Frauen sind ausgeschlossen. Die Männer tragen seltsame Beinamen. Hofer ist „Hans, der Weitblickende“. Einer, der sich seit den 1950er Jahren um den Tourismus im Apfelland verdient gemacht und seine seit 1897 bestehende ehemalige Mostwirtschaft (in der sich wie jeher donnerstags die Männer vom Dorf an mehreren Tischen zum Schnapsen, einem dem „66“ ähnelnden Kartenspiel, treffen) als feines Hochzeitshotel an seinen Sohn weitergegeben hat. Eine Apfel- und Jägerdynastie.

In Puch dreht sich alles um die Paradiesfrucht, die sich immer stärker unter feinmaschigen dunklen Hagelnetzen verstecken muss. „Das Klima macht auch uns schwer zu schaffen“, sagt Apollonia Kelz, die das Apfelmuseum seit 35 Jahren betreut, „besonders wenn es im Frühjahr zum Blütenfrost kommt.“ Dann müssen die Blüten mit einer feinen Wasserschicht gegen allzu tiefe Temperaturen geschützt werden. „Aber dafür brauchen wir Wasser, und auch das wird immer rarer“, sagt Hofer. Die Sommer seien zu trocken, im Winter fehle der Schnee. Der Niederschlag sei nur halb so viel wie noch vor 40 Jahren. Große Bewässerungsteiche sollen Abhilfe schaffen. Wer Mitte oder Ende April ins Apfelland fährt, taucht für rund zwei Wochen lang in ein rosa-weißes Blütenmeer ein. Jede Blüte hat fünf Blütenblätter und ähnelt einer Rose. Kein Wunder, denn Äpfel gehören zu den Rosengewächsen – wie Birnen, Kirschen oder Pfirsiche. Die Pucher sind stolz darauf, mit über 600 Hektar Anbaufläche die größte Obstbaugemeinde in Österreich zu haben. Klar, dass der größte Arbeitgeber im Ort das Obstlager ist, wo die Ernte bis zu einem Dreivierteljahr frisch gehalten wird – durch einen verlangsamten Reifeprozess bei einem Grad Celsius, rund 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und eine angepasste Gaszusammensetzung (weniger Sauerstoff, mehr Kohlendioxid). „Es gibt die Pflückreife und die Genussreife“, sagt Hans Hofer. Äpfel sind eben nicht nur ein Vitaminlieferant, sondern auch eine Wissenschaft für sich. Ob Gala, Jonagold, Golden Delicious: „Wenn wir alle unsere Äpfel nach der Ernte hintereinander legen würden, reichte die Kette von Puch bis nach Peking“, sagt Hofer stolz. Schon unter Cato dem Älteren sind sieben Apfelsorten verzeichnet, 160 vor Christus. 100 Jahre später waren es bereits 29. Heute gibt es rund 700. So erfährt man es im alten Presshaus des Apfelmuseums. Mostausschank inklusive.

Dier Herstellung des Schnapses ist ein gut gehütetes Geheimnis

Ein paar Kilometer von Puch entfernt liegt Anger. Hier ist das Reich von Erich Brandl. Der 60-jährige ehemalige Friseurmeister erhält mit seinen rund 60 Mitstreitern seit elf Jahren im Verein „Mystische Unter- und Oberwelten“ altes Kulturgut der besonderen Art. Etwa das geheime Labyrinth, das im ältesten Gebäude der Stadt, dem Steinpeißhaus aus dem 13. Jahrhundert, Einblicke in unterirdische Gänge und Kanäle öffnet, die bis in die Kelten- und Jungsteinzeit zurückreichen. Oder die Burgruine Waxenegg, die Brandls Verein in über 4500 Arbeitsstunden vor dem Verfall gerettet hat.

Oder das Heimatmuseum Rauchstubenhaus im Fünf-Häuser-Weiler Edelschachen, wo um die große Feuerstelle der „Häfnnigl“ (ein mit Hefe und Schweineschmalz gebackener Topf-Kuchen) gegessen wurde und noch bis ins Jahr 1967 Peter Almers Großeltern wohnten. Nebenan tischt der Enkel in seinem Lokal Sauerkraut und Schweinsbraten mit „Erdäpfelwurst“ auf, grob pürierte Kartoffeln in knusprigem Schafdarm: Stärkung für wunderschöne Wanderungen im Apfelland-Stubenbergsee, im Hartbergerland, im Nationalpark Pöllauer Tal, in Sankt Ruprecht an der Raab oder in Weiz und Gleisdorf.

Am Tag des Apfelgottes eingelagert

Wer zwischendurch trotzdem Hunger und Durst bekommt, kehrt in einer der Buschenschenken ein und gönnt sich preiswerte Brettljausen: beim Moarpeter, dem Hofer Toni oder beim Gruber und Haider. Und natürlich gibt es am Hödl-Hof auch einen Schnapslehrpfad. Knapp zwei Kilometer kurz. Zurück also zum Abakus. Die Herstellung des Apfelschnapses ist ein streng gehütetes Geheimnis. Sein stolzer Preis nicht. 0,7 Liter kosten 104,44 Euro. Weil 1444 erstmals die Kirche in Puch urkundlich erwähnt ist, werden pro Jahrgang nach einem Jahr Lagerung auf Lehmziegel auch nur 1444 Flaschen verkauft. Die Herstellung des Apfelschnapses ist ein streng gehütetes Geheimnis. Jedes Jahr wird „unter ausgesuchter Mondeinwirkung“ eine Apfelsorte ausgewählt, die die Männer aktuell für die „gschmackigste“ halten. Die allerbesten Früchte werden gemeinsam geerntet und eingemaischt. „Das Brennen des Abakus ist geheimer als geheim“, sagt der Kirchenwirt. Er meint es ernst. Drei Tage und zwei Nächte vergeistigen die 19 Männer unter Ausschluss der Öffentlichkeit in ihrer Brennklausur den jungen Schnaps, prüfen Wasser, Licht und Feuer.

Am 23. Dezember, „dem Tag des Apfelgottes“, sagt Hofer, wird der Abakus dann eingelagert. Ein hochprozentiges Kunstwerk, denn: „Schnaps ist kein probates Mittel zur Berauschung der Sinne, wie manche Unkundige meinen, sondern bietet dem Kenner die Möglichkeit, Körper und Geist einer Reinigung zu unterziehen“, heißt es im Abakus-Regelwerk. Mit einem strengen Appell auch an die Käufer, die den Schnaps „niemals überstürzt verzehren“ und lieber darauf achten sollten, dass seine Temperatur „um die 15 Grad Celsius liege“.

„Der Apfel ist der Ursprung allen Wohls, Seligmacher und Glücksbringer“, sagt Hans Hofer und öffnet liebevoll eine Flasche Abakus. Vom Krimi ist der Kirchenwirt allerdings „sehr enttäuscht“. Der weiche doch erheblich von der Idee und Geschichte der Apfelmänner ab: „Und wir hatten keine Info über das Drehbuch und auch keine Mitsprache.“ So sind sie hier im Steirer-Apfelland zwischen weißen Frühjahrsblüten und roten Herbstfrüchten. Hochprozentig selbstbewusst.

Steiermark

Anreise
Mit Bahn oder Flugzeug nach Graz, dann weiter mit dem Regionalzug nach Kaindorf, von dort mit dem Postbus nach Puch, www.verbundlinie.at.

Unterkunft
In Puch: Hotel Kirchenwirt Hofer (4 Sterne), familiengeführtes gemütliches Haus; DZ mit Frühstück 160 Euro, www.kirchenwirt-hofer.at. In Anger: Posthotel Thaller (4 Sterne), schönes Haus an der Mariensäule, DZ 175 Euro, www.posthotel-thaller.at. In Stubenberg: Boutique-Hotel Erla (4 Sterne), zentrumsnah am Stubenbergsee, DZ ab 285 Euro, www.hotel-erla.com.

Aktivitäten
Schnapsbrennerei Abakus, www.abakus-puch.at. Haus des Apfels, www.mostschank-kelz.at. Mystische Unter-und Oberwelten der Region Anger und Lost-Places-Tour, www.waxenegg.at, www.slowtrips.at. Die Magie des Gehens: Ganzjährig Touren und naturnaher Tourismus in über 40 Regionen und 70 Dörfern Österreichs, www.wanderdoerfer.at, www.wandern-hotels.at.

Allgemein
Tourismusverband Oststeiermark, www.oststeiermark.com,
www.apfelland.info.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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