Energieversorgung
Der Dinosaurier und das Atom: Ulrich Gräbers Kampf für Mini-Kernkraftwerke
Der in Wachenheim und Stuttgart lebende Ingenieur hat seine komplette berufliche Laufbahn in Diensten der Nuklearindustrie verbracht: KWU, Colenco, EnBW, Areva – die Großen und ganz Großen der Branche. An Planung und Bau beider Blöcke des Philippsburger Kraftwerks war der 76 Jahre alte Pfälzer beteiligt. Für Gräber ist das Ganze so emotional, dass er sich auch als Ruheständler noch mehr oder weniger täglich damit beschäftigt, das Image der Kernenergie aufzupolieren – unter anderem als Verfasser eines monatlichen Newsletters, der auf den Internetseiten des Wirtschaftsrats der CDU erscheint. Er tut das in Zeiten, in denen der Deutschlandchef des Energieriesen Vattenfall die Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Atomkraftwerke kategorisch ausschließt – jener Robert Zurawski also, der auf vielen offiziellen Bildern am Revers seines Sakkos gut sichtbar einen kleinen Windrad-Anstecker trägt.
„Small Modular Reactors“
Ulrich Gräber weiß um die atomskeptische Grundhaltung der Deutschen, die spätestens mit dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima in offene Ablehnung gekippt ist und damit den endgültigen Impuls erhielt für den inzwischen vollzogenen Komplettausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernenergie hierzulande. Der frühere Landeschef der rheinland-pfälzischen Christdemokraten, Christian Baldauf aus Frankenthal, zählt zwar zu seinen Freunden, dennoch geht der Ingenieur mit der CDU hart ins Gericht: Sie habe, wie er findet, gegen jede Vernunft das Ende der Atomkraft mit besiegelt – und damit den Verlust einer „grundlastfähigen und CO2-freien“ Energieform.
Seine Hoffnung setzt Ulrich Gräber nun auf Kernkraft im kleineren Maßstab: Small Modular Reactors (SMR). Diese kleineren Kraftwerke als Ergänzung zu den wetterabhängigen Erneuerbaren – Windkraft und Solarenergie – hält der Ingenieur für die Lösung so ziemlich aller Probleme, die gegen Nukleartechnik ins Feld geführt werden: Die Kleinreaktoren mit einer elektrischen Leistung von bis zu 700 Megawatt seien sicher, eigneten sich für eine standardisierte, industrielle Fertigung und könnten Teil der Antwort auf die drängendste Frage im Zusammenhang mit der Kernenergie sein: Wohin mit dem Atommüll? Zur Erinnerung: Zuletzt im Herbst vergangenen Jahres rollten wieder Castor-Behälter aus La Hague zum Zwischenlagern nach Philippsburg.
„Alte Brennelemente sind Wertstoff“
SMR-Anlagen mit Salzschmelze- oder Dual-Fluid-Reaktoren der vierten Generation könnten mit Brennelementen aus den abgeschalteten Kraftwerken betrieben werden. „Insofern ist das kein Abfall, sondern ein Wertstoff“, ist Ulrich Gräber überzeugt. Was derzeit in den Zwischenlagern liege, könne zumindest nach seiner Kalkulation allein 300 Jahre reichen, um – entsprechend aufbereitet – in den genannten Typen eingesetzt zu werden.
Das freilich würde zwar unter Umständen das Problem der Endlagerung verringern, aber eben auch nicht lösen. Wissenschaftler der University of Pennsylvania sehen das eher kritisch: Small Modular Reactors erzeugen ihrer Studie zufolge über alle Typen hinweg deutlich mehr nukleare und teils stärker radioaktive Abfälle als konventionelle Reaktoren.
Weitere Vorteile, die Verfechter dieser im Übrigen gar nicht so neuen SMR-Technologie ins Feld führen, nennt Gräber gleichlautend: Neben der Dezentralität sei das die Kosteneffizienz – sofern sie irgendwann einmal in größerer Stückzahl gebaut würden. Aber auch Atomkraft-Fan Gräber muss einräumen: Noch ist das längst nicht so. Einigermaßen verlässliche Zahlen gebe es aus Großbritannien, wo Rolls-Royce derzeit einen kleineren Reaktor entwickelt, der nach Firmenangaben rund eine Million Haushalte versorgen kann. Der soll rund 2,2 Milliarden Euro kosten. „Auf die Leistung umgerechnet, entspricht das rund 4,7 Milliarden Euro pro Gigawatt. Das ebenfalls im Bau befindliche Atomkraftwerk Hinkley Point kostet nur 4,2 Milliarden Euro pro Gigawatt“, erläutert der Wachenheimer. Seine Überzeugung: „Die Effekte durch Standardisierung und industrielle Fertigung haben noch ein erhebliches Kostenminderungspotenzial.“
Die Union klingt heute anders
Der Sound in der Union ist inzwischen ein anderer als damals, als der Atomausstieg beschlossen wurde. CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz ließ sich zuletzt mit Blick auf die 2023 abgeschalteten Meiler Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 so zitieren: „Auf dem Höhepunkt einer Energiekrise drei funktionierende, vollkommen störungsfrei laufende Kernkraftwerke stillzulegen, das ist blanke Ideologie.“ Ulrich Gräber hört das sicher gern, sagt im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG aber: Dass es in absehbarer Zeit den politische Willen für einen Ausstieg aus dem Ausstieg gebe, das glaube er nicht. Auch hier bemüht er wieder einen sehr plastischen Vergleich: Das Abschalten sei wie Sterbehilfe für einen gesunden Mann in den besten Jahren. Von den bisherigen Akteuren im Atomsektor sei im Höchstfall noch Eon in der Lage für eine Rolle rückwärts. Ansonsten fehlten in der Branche schon jetzt Kompetenz und Personal – „während weltweit eine Renaissance der Kernenergie stattfindet“. Und tatsächlich: 40 Länder planen nach Angaben der Internationalen Energieagentur den Ausbau ihrer Kernkraftwerke; 2025 könnte sogar das Jahr werden, in dem global so viel Atomstrom produziert wird wie niemals zuvor.
Zukunftsmusik und derzeit schlicht nicht umsetzbar – das halten Kritiker den neuen Kernkraft-Träumen entgegen: Angepeilte Skaleneffekte griffen erst bei höheren Stückzahlen. Das Problem: generell geringere Wirkungsgrade als bei herkömmlichen Kraftwerken und schlechteres Kosten-Leistungsverhältnis. Mindestens 3000 Anlagen desselben Typs müssten entstehen, bevor sich das Ganze rechne, hat das Öko-Institut Freiburg im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung herausgefunden.
„Dunkelflauten sind Teil der Wahrheit“
Gräber geht es bei aller Verbundenheit mit der Kernkraft allerdings auch darum, auf manche Widersprüchlichkeit in der Energiepolitik hinzuweisen. Dass Kohle- und Gaskraftwerke einspringen müssten, wenn es zur vielzitierten Dunkelflaute – also dem Mangel an Wind- und Solarstrom – komme, sei ein Teil der Wahrheit, sagt der Maschinenbau-Ingenieur. Er zückt sein Handy und demonstriert mit Hilfe einer Karten-App, dass es Tage gebe, an denen Deutschland aus Frankreich Atomstrom in der Größenordnung der Leistung zweier Kernkraftwerke importiere. Und damit die Grundlast sichere. Die sei nun mal die Basis für eine funktionierende Industrie und Wirtschaft. Er fordert deshalb ein umfassendes Energiekonzept. „Überall funktioniert das, nur bei uns nicht“, ärgert sich Gräber.
Übrigens wenige Wochen nach der Sprengung der Kühltürme in Philippsburg hätte der frühere Manager sich eine persönliche Erinnerung an den Beginn seiner Karriere sichern können. Sein ehemaliger Arbeitgeber EnBW bot an, sich gegen vorherige Anmeldung Bruchstücke der Bauwerke abholen zu können – maximal zwei Stück pro Kopf. Ulrich Gräber hätte trotz seiner emotionalen Verbindung zu den Bauwerken nicht zugegriffen. Er findet das rückblickend „schon etwas pervers“.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.