Fitness
Ballett lernen: Keine Frage des Alters
18:30 Uhr im Tanzstudio. Während die letzten Teenagerinnen in Tops und Jogginghosen ihre Trinkflaschen einsammeln und sich noch über ihre Hip-Hop-Choreografie austauschen, werden nun zwei Stangen in der Raummitte aufgebaut. 16 Erwachsene übernehmen den Tanzsaal, und schnell stellt sich heraus, welches die beliebten Plätze sind: an der Rückwand, bloß nicht ganz vorne. Von dort sieht man gut in den Spiegel, fällt bei Fehlern aber nicht allzu sehr auf.
Aber auch an den beiden Stangen in der Mitte stellen sich – hier mit etwas mehr Selbstbewusstsein – auf jeder Seite Tänzerinnen auf, ein Tänzer ist unter ihnen, ansonsten ist der Raum in weiblicher Hand. Es geht weniger bunt zu, die Kleidung ist eher gedeckt. Und obwohl Bodys, Überröcke und Leggings zu sehen sind, tragen viele auch ganz normale Sport-T-Shirts und Hosen. Genauso vielfältig sind Körperformen und Alter der Anwesenden.
Training tut der Haltung gut
Von den Erwachsenen an der Stange haben die meisten als Kinder nie ein Tutu getragen. Die Sehnsucht nach klassischem Tanz und Tanztraining kam erst später. „Ich war bisher dreimal in der Ballettstunde und merke, wie gut es mir und meiner Haltung das Training tut“, erzählt eine Teilnehmerin vor dem Kursstart in der Umkleide. „Genau, man sitzt ja doch die meiste Zeit am Tag vor dem Bildschirm und achtet dabei nicht auf einen geraden Rücken“, meint eine andere. Die beiden haben sich in der Woche zuvor kennengelernt und sprechen nun darüber, welche Schritte wohl dieses Mal geübt werden.
Prima-Ballerinen und Profitänzer werden aus dieser Anfängerklasse wohl keine mehr hervorgehen, aber darum geht es auch gar nicht. Vielmehr geht es darum, Anmut und eigenes Körpergefühl durch die kontrollierten klassischen Bewegungen zu entdecken. Spaß zu haben. Und vielleicht auch ein wenig von jener Faszination zu spüren, die Ballett seit Jahrhunderten auf Menschen ausübt – und das nicht nur in Europa, wo der Tanz entstanden ist.
Erstmal aufwärmen und dehnen
An den Höfen der italienischen und französischen Renaissance wurde Ballett bereits im 15. und 16. Jahrhundert getanzt. Später entwickelten sich verschiedene Schulen und Stile. Von der französischen Tradition bis hin zur englischen oder russischen Schule zeigen sich diese Unterschiede auch heute noch im Unterricht.
Die erste Hälfte der Stunde findet an der Stange statt. Dort wird sich zu Beginn gedehnt und aufgewärmt, es werden aber auch die gängigen Positionen und kurze Schrittfolgen geübt. Eine Hand bleibt locker am Holz, um das Gleichgewicht zu halten. Direkt nachdem Ballettlehrer und Ex-Profi Yvgenij Rudenko den Saal betreten hat, klebt er sich verschiedene farbige Punkte auf den Körper. Ein rosa Punkt bedeutet, dass das jeweilige Körperteil nach hinten gehört, ein grüner Punkt signalisiert, dass es nach vorne gehört. Schultern zurück werden etwa mit rosa Punkten markiert.
„Schaut bitte, dass sich alle gut im Spiegel sehen, Hände locker auf der Stange, dann geht es los“ sagt Rudenko. Dann klebt er sich einen letzten grünen Punkt aufs Kinn, und wir starten in die Stunde. Rudenko erklärt jeweils Arm- und Fußpositionen – von beiden gibt es fünf – und setzt ohne Musik kleine Kombinationen zusammen, die die Klasse nachahmt. Während die Schritte und Bewegungen trocken geübt werden, korrigiert er die Form der Arme und auch, wie Rumpf, Kopf und Oberkörper die Position halten sollen. „Die Armhaltung ist eher so, als ob ihr Pizza austeilt – und nicht, als ob ihr eine Katze nah am Körper streichelt“, erklärt er dabei.
Federleicht soll es aussehen
Anfangs gar nicht so einfach. „Stell dir einfach vor, du hältst einen großen Gymnastikball vor dem Körper“, flüstert mir meine Nachbarin an der Stange zu. Nach und nach werden die Bewegungen einfacher und fließender. Meistens klappen die Schrittfolgen sogar zur Musik.
Die fünf verschiedenen Arm- und Fußpositionen sowie Begriffe wie Plié, Demi-Plié und Relevé wirbeln durch den Kopf, während der Körper versucht, Schritt zu halten. Die Kontrolle zu behalten und es dennoch nicht starr, sondern federleicht aussehen zu lassen, ist das Ziel. Doch es ist nicht leicht, den Rücken stets kerzengerade zu halten – vor allem, wenn die Knie tief gebeugt werden. Obwohl es kontrollierte und langsame Bewegungen sind, wird es schnell warm. Die Muskeln wehren sich bald gegen die dauerhafte Anspannung, vor allem auf den Zehenspitzen, wenn die Position länger gehalten wird. Auch Gelenke und Bänder spüren die ungewohnten Belastungen.
Tanz reduziert Stress und fördert Konzentration
Kein Wunder also, dass sich Ballett-Elemente im sogenannten Barre-Workout in Pilates- und Fitnessstudios als effektives Ganzkörpertraining großer Beliebtheit erfreuen. Ballett trainiert Kraft und Ausdauer, Balance, Beweglichkeit und Haltung. Daneben erfordert es Konzentration und Körperbeherrschung. Choreografien merken, Bewegungen mit der Musik koordinieren und Technikdetails umsetzen – das alles schult die Aufmerksamkeit und auch das Gedächtnis. Tanzstudien zeigen teils verbesserte kognitive Funktionen bei Erwachsenen. Zudem können die Bewegung zur Musik, die Konzentration auf den Körper und das Gruppenerlebnis Stress reduzieren und Endorphine freisetzen. Diese körpereigenen Botenstoffe können Schmerzen lindern und die Stimmung verbessern.
Die zweite Stundenhälfte erfolgt frei, ohne Stange. Das fordert noch mal mehr Konzentration und Balance. Diesmal werden die Positionen vor dem Spiegel im Raum verteilt eingenommen. Die Reihen mischt der Lehrer immer wieder neu. Zum Abschluss der Stunde schweben wir in Vierergruppen diagonal durch den Raum und üben zur Musik immer wieder dieselbe kurze Schrittfolge im Umlauf.
Was zwischen Spiegel und Stange entsteht, ist nicht das Versprechen auf Perfektion, sondern auf Neugier – und vielleicht auf ein wenig mehr Körperbewusstsein und Haltung im Alltag. Am Ende zählt nicht, wie hoch das Bein geht, sondern dass man den Mut hatte, es überhaupt zu heben.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.