Leben RHEINPFALZ Plus Artikel Auswandern: Wenn die Einsamkeit das Paradies zur Hölle macht

Seit 17 Jahren lebt Stephanie in Can Pastilla, direkt am Meer, im Osten von Palma. Früher war das ihr Lebenstraum – heute blickt
Seit 17 Jahren lebt Stephanie in Can Pastilla, direkt am Meer, im Osten von Palma. Früher war das ihr Lebenstraum – heute blickt sie alleine auf die funkelnde Bucht. Zwischen Touristen, Strand und Kitesurfern fehlt ihr oft jemand zum Reden.

Den Ruhestand in Spanien zu verbringen – dieser Plan klingt verlockend. Doch Anschluss zu finden, ist schwierig. Treffen mit einer deutschen Seniorin, die sich einsam fühlt.

Manchmal spricht Stephanie drei Tage lang mit niemandem. Als einmal ihre Tochter anrief, sagte sie: „Tut mir leid, ich krächze, meine Stimme ist nicht geölt.“ Stephanie lacht, als sie das erzählt. Sie nimmt ihre Situation mit Humor. Denn sie fühlt sich immer wieder einsam. „Es gibt Momente, die wehtun. Ich rede die Dinge nicht schön.“ Daran ändert auch der Meerblick nichts.

Stephanie lebt seit vielen Jahren auf Mallorca. An einem heißen Julinachmittag sitzt sie in ihrem Wohnort in einem Restaurant und isst ein paniertes Schweineschnitzel mit Pommes. Sie schaut immer wieder auf die Bucht von Palma. Das Wasser funkelt, es ist Hochsaison. Kinder planschen, Kitesurfer heben ab. Doch in der Masse ist Stephanie allein.

Wie die 76-Jährige wandern viele Rentner nach Südeuropa aus – nach Spanien, Italien, Portugal. Die genaue Zahl ist unklar. Fest steht: Mallorca ist ein beliebtes Ziel. Die Baleareninsel lockt mit der quirligen Hauptstadt Palma, mit Dörfern, Bergen, flachem Land, milden Wintern und einer guten Anbindung. Viele Rentner planen mehrere Jahre im Voraus, renovieren ein Bauernhaus im Tramuntana-Gebirge oder legen sich eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Meerblick zu. Auf Mallorca gibt es deutsches Essen, deutsche Supermärkte, deutsche Ärzte, deutsche Medien – eine teutonische Parallelgesellschaft. Doch mit dem Alter werden die Menschen weniger mobil, krank, vereinsamen. Im Ausland, mit einem anderen Sozialsystem, sind Probleme schwieriger zu meistern.

Stephanie möchte in diesem Text nur „Stephanie“ heißen. Ihren Wohnort darf man jedoch nennen: direkt am Meer,

im Osten von Palma, in Can Pastilla. „Furchtbar touristisch und laut ist es hier“, sagt sie. „Ein Moloch mit Klotzhäusern.“ Dabei beginnt hier ein langer Sandstrand, die Playa de Palma. Der sogenannte Ballermann ist nicht weit.

Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben

Um mit jemandem ein Schweineschnitzel zu essen oder einen Kaffee zu trinken, muss sich Stephanie Tage vorher verabreden und meist quer über die Insel fahren. In Can Pastilla kennt sie niemanden, dort hat sie keine Freunde. Auto fährt Stephanie nicht gern, und bei ihrer Rückkehr muss sie oft lange einen Parkplatz suchen. Deshalb fehlt ihr häufig der Antrieb, sich zu treffen. „Das macht das Alleinsein schwer“, sagt Stephanie und schneidet ihr Schnitzel in zwei Hälften. Stephanie ist stolz darauf, viel allein sein zu können. Sie kann ihr Ding machen, das mag sie. „Aber manchmal habe ich auch die Schnauze voll.“ Sie glaubt, dass es vielen geht wie ihr, besonders älteren Menschen.

Seit 17 Jahren lebt Stephanie bereits auf Mallorca. Sie wanderte aus, als sie 59 Jahre alt war. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben. Früher wohnte sie in einer Großstadt in Baden-Württemberg. Sie gab als Sozialpädagogin Kurse zu frühkindlicher Erziehung, etwa an der Volkshochschule. Ihr Mann starb mit 48 Jahren an Magenkrebs. Stephanie war damals drei Jahre jünger. Den Ehering ihres Mannes trägt sie zusammen mit ihrem eigenen. Stephanies Haar ist kurz und blond gefärbt, sie hat eine Kette mit gelbem Herz um den Hals.

Einsam fühlt sich Stephanie seit sechs Jahren. Das Gefühl sei mal stärker, mal weniger ausgeprägt. Es habe damals keinen einzelnen Moment gegeben, der ihr verdeutlichte: „Ich fühle mich einsam.“ Vielmehr spürte sie das schon länger. „Man gesteht es sich erst nicht ein. Aber dann stellt man fest: Alle Freunde sind weg.“ Alleinsein sei tückisch: Einerseits sei es schön, seine Ruhe zu haben, andererseits fehle ihr etwas. Sie weiß, dass es wichtig ist, Kontakte zu haben. Viele Freunde auf Mallorca seien wieder zurück nach Deutschland gegangen. „Es ist ein Kommen und Gehen.“ Gerade habe man sich etwas aufgebaut, dann sei es schon wieder vorbei. Das löse in Stephanie „eine kleine Trauer“ aus, wie sie sagt. Sie blickt auf das Meer, ihre linke Hand stützt ihr Gesicht. Manchmal geht sie zurück zu den Orten, an denen sie „mit Freunden eine Plauderstunde“ hatte. Das mache schöne Gefühle. Ihre Bekannten in Can Pastilla waren stets Deutsche. Stephanie spricht Spanisch, aber lange, tiefgründige Gespräche kann sie nicht führen. „Wenn man nicht dranbleibt, zu lernen, wird es schwierig.“ Soziale Clubs, die etwa Bingo anbieten, würden sie interessieren. Dort kämen aber vorwiegend Mallorquiner zusammen. Und die unterhalten sich meist nicht auf Spanisch, sondern auf Mallorquinisch – einer Varietät des Katalanischen, der zweiten Amtssprache auf Mallorca.

Auswandern war schon immer ihr Traum

Um etwas gegen das Alleinsein zu unternehmen, wandte sich Stephanie damals an die Stiftung „Herztat“. Sie vermittelt älteren Menschen auf der Insel Paten. „Ich wollte jemanden haben, der sich kümmert, wenn ich mal eine Grippe habe, jemanden, der mit mir spazieren geht oder einen Kaffee trinkt.“ Doch ihre Patin erkrankte selbst, eine andere, die sie beim Patenfest kennenlernte, kümmerte sich um jemand anderen. Immerhin zog mithilfe der Stiftung für fünf Monate ein Mitbewohner bei Stephanie ein. Ihre Vier-Zimmer-Wohnung sei für sie allein zu groß, und ein Mann suchte gerade ein Zimmer. „Das war schön. Wenn er abends von der Arbeit kam, hatten wir einen Mini-Talk und ich habe ihm Reste vom Mittagessen angeboten. Er hat sich darüber gefreut.“

Stephanie hat ihr Schnitzel aufgegessen, nur noch ein paar Pommes sind auf der Gabel aufgespießt. „Ich plappere und plappere“, sagt sie. „Wie seit drei Tagen nicht mehr.“ Weshalb ist sie nach Mallorca ausgewandert? Zum einen war das schon immer ihr Traum. „Immer wenn ich im Urlaub am Meer war, fiel es mir schwer, wieder nach Deutschland zurückzukehren.“ Dabei legt sie sich nicht gern in die Sonne; sie sitzt lieber im Schatten und genießt die Brise – so wie gerade an der ersten Meereslinie.

In der Forschung wird Einsamkeit als unangenehmes Gefühl definiert. Es entstehe, „wenn Menschen soziale Beziehungen als qualitativ oder quantitativ unzureichend empfinden“, heißt es in einem Aufsatz. Einsamkeit sei nicht identisch mit sozialer Isolation. Manche Menschen sind allein, fühlen sich aber nicht einsam. Umgekehrt kann man täglich mit vielen Menschen sprechen und sich dennoch einsam fühlen. Nur feste, tiefgründige Kontakte können dem entgegenwirken.

Kinder und Enkelkinder sind weit weg – auch Freunde fehlen

Stephanie wäre damals nicht nach Mallorca gezogen, wenn nicht bereits ihre jüngere von zwei Töchtern, heute 49, auf der Insel gelebt hätte. Die sagte zu ihr: „Komm doch für ein Jahr.“ Stephanie kam. Ihre Tochter, bereits zwei Jahre auf Mallorca, verbrachte die Elternzeit mit ihrem ersten Kind auf der Insel. Das zweite und dritte Kind kamen hier zur Welt. Nach insgesamt fünf Jahren zog die Familie jedoch wieder zurück nach Deutschland. Die Kinder sollten eine vermeintlich bessere Schulbildung erhalten. Stephanie blieb.

Dass plötzlich Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder weg waren, bezeichnet Stephanie als Verlust. „Das war furchtbar, ganz schlimm“, sagt sie und macht eine Sprechpause, den Kopf zum Meer gewandt. „Ich wollte tapfer sein, aber in Wirklichkeit war ich traurig.“ In all den Jahren konnte sie sich nicht dazu durchringen, ebenfalls in die Heimat zurückzukehren. Auch wenn ihr Sohn, 45, sagt: „Mensch Mama, komm doch wieder.“ Stephanie vermisst ihre Kinder sowie die insgesamt acht Enkelkinder und hat das Gefühl, etwas zu verpassen – zum Beispiel, wie sich die Enkel entwickeln. „Sie sind alle in die Höhe geschossen“, sagt sie. Die Winter in Deutschland halten Stephanie jedoch davon ab, umzuziehen. „Die drücken auf die Seele.“

Nach Angaben des spanischen Statistikamts ist Stephanie eine von 19.000 Deutschen, die auf den Balearen leben. Hinzu kommen Zweithausbesitzer, die nur einen Teil des Jahres auf Mallorca verbringen, sowie diejenigen, die aus Steuergründen lieber in Deutschland gemeldet bleiben. Experten sprechen deshalb von 40.000 deutschen Mallorca-Residenten. Sie wären damit die größte Ausländergruppe auf den Inseln – vor Marokkanern mit 29.000 und Italienern mit 22.000. Insgesamt leben auf den Balearen 1,18 Millionen Menschen.

Die Auswanderer kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Bei älteren Paaren ist das Risiko größer, dass ein Partner stirbt. Wenn dadurch Renteneinnahmen wegbrechen, werden finanzielle Probleme wahrscheinlicher. Kann man selbst kein Alltagsspanisch und nicht mehr Auto fahren, ist das Leben am Meer nicht mehr so leicht.

Eine Art „Ersatzfamilie“ hilft – vor allem im Alter

Stephanie kennt viele solcher Schicksale. Sie sagt: „Das große Glück kommt nicht automatisch. Viele kennen Mallorca durch Urlaube gut. Es ist aber ein Unterschied, wenn man hier richtig leben möchte.“ Wer nach Mallorca auswandert, dessen erster Weg führt zur Ausländerbehörde in Palma. Dort wartet man in einer Schlange mit anderen Ausländern vor einem gelblichen Behördenbau auf seinen Termin, um eine Identifikationsnummer zu erhalten. Ohne die geht in Spanien nichts.

Und auch ein Auto ist auf Mallorca wichtig – die Insel ist geradezu eine „Auto-Insel“. Für Stephanie ist ihr Wagen hilfreich, um Freunde zu treffen. Den Bus benutzt sie selten. Immer wieder fährt sie nach Campos in den Südosten der Insel, zu ihrer „Mallorca-Familie“, wie sie sagt. Die besteht aus einem Paar – einer Türkin und einem Festlandspanier –, beide 40 Jahre alt und berufstätig. Sie besuchten Stephanie im Krankenhaus, als sie eine Lungenentzündung hatte, und brachten ihr persönliche Sachen. Andere Bekannte leben in Alaró in der Inselmitte. „Das sind alle Freunde, die ich habe.“

Besuch bekommt Stephanie hin und wieder von ihrer jüngeren Tochter. Sie bringt dann ihre Kinder mit. Das sei immer nett, sagt Stephanie. Doch ihr Sohn kommt selten zu Besuch, zu ihrer älteren Tochter, 59, hat Stephanie derzeit keinen Kontakt mehr. Mittlerweile kann sie jedoch auf die Enkelkinder setzen. Die sind inzwischen erwachsen und besuchen die Oma regelmäßig.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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