Aussteiger
Aussteigerleben im Selbstversuch: Ein Wochenende beim „Odenwald-Tipianer“ Marc Freukes
Die Vorstadtgartenpforte in der Wildnis gibt murrend Marcs Stoß nach. Hinter uns liegt ein rund 20-minütiger Fußmarsch durch den Wald, vor uns steht ein ausgebauter Bauwagen. „Hier könnt ihr eure Rucksäcke reinstellen.“ Ich lade mein Gepäck und meine Sinnfrage auf dem Holzboden ab. „Und jetzt zeige ich euch meine Jurte“, kündigt unser Survival-Coach an.
Das 3D-Wimmelbild lässt meine Augen brennen: Unter den sich zur Lichtkuppel emporwindenden Holzbalken stehen Kommode, Wassertank, Arbeitsplatte, Holzofen, Sofa, Tisch, Hochbett und Mischlingshündin Rala. Dazwischen drängeln sich Vorratsgläser, Töpfe, Handtücher, bejackte Kleiderhaken, Bilder, Wäscheleine. Es riecht nach Hund und körperlicher Arbeit. Durch die Glaskuppel taumelt Licht in das Achteck.
30 Liter für zwei Wochen
Doch von Fülle kann in Marcs Leben nicht die Rede sein: Mehr als diese meist selbst gebauten Gegenstände hat Marc Freukes nicht zum Leben. Trinkwasser holt er von der Quelle, zum Waschen fängt er Regenwasser auf, Brennholz zum Kochen und spartanischen Heizen sammelt er im Wald, seine Sanitäranlage besteht aus einem Klohäuschen mit Metalltonne und Sägespänen. Lediglich beim Strom kommt er dem 21. Jahrhundert näher: mit Solarzellen versorgt er Handy, Laptop, Lampe und Werkzeug. Sein Verbrauch ist für kein Stadtwerk erwähnenswert: „50 bis 100 Kilowattstunden pro Jahr. Und 30 Liter Wasser reichen für eineinhalb bis zwei Wochen.“
Den Minimalismus hat er Ende 2013 gewählt: Seitdem lebt er allein im Odenwald. Ein Einsiedler ist er jedoch nicht. Meine Freundin Charly und ich sind nur zwei von Hunderten von Besuchern, die Marc schon in seiner Jurte empfangen hat. „Ich treffe mich auch mit Freunden oder die kommen hierher.“ Fast sieben Jahre lang hat er wenige Kilometer vom heutigen Standort entfernt gewohnt, bis das Bauamt ihn nach drei Jahren Kampf zum Umsiedeln zwang. Dann fand er dieses „Freizeitgrundstück“. Ein Tipi diente dem ehemaligen Golflehrer als erste Behausung nach seinem Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Und brachte ihm den Namen „Odenwald-Tipianer“ ein. Den er bis heute trägt.
Charly hat Marc vor Jahren schon einmal im Wald besucht. Nach einem zufälligen Wiedersehen lag sie mir nun in den Ohren: „Machen wir zusammen ein Trapper-Wochenende bei ihm?“ Survival im Wald? Klar, das wollte ich lernen.
„Ich musste anfangs viel lernen“, sagt Marc und nimmt den Akkuschrauber in die Hand. In dem Tipi kämpfte er jahrelang gegen
Mäuse, Nässe und dagegen, sich selbst auszuräuchern. Doch er blieb ebenso störrisch wie seine blonden Haare über der Stirn. Nach fast vier Jahren setzte er sein leidvoll erworbenes Wissen mit dem Bau einer Jurte um. „Eher eine Mischung aus Haus und Jurte“, präzisiert er. „Eine Jurte hat keinen festen Boden, kein überhängendes Dach und ist ganz rund.“
Früher Golflehrer, heute reichen 10.000 Euro im Jahr
Der Akkuschrauber surrt, ich reiche Marc die nächste Schraube. Für weitere Übernachtungsgäste baut er eine weitere, kleinere Jurte auf dem Grundstück. Marcs Wildniskurse bereiten nicht primär aufs Überleben, vielmehr aufs Leben im Wald vor: Motorsägen? Hab ich noch nie gemacht. Ich schnappe mir die Säge, aufgeladen mit selbstgesammelter Sonnenenergie, entsichere sie und setze das Kettenblatt an. Butterweich gleitet das Sägeblatt durchs überstehende Holz. „So, das war’s für heute.“ Zum Abschluss hallt ein High-Five-Klatschen durch den Wald.
Die Kurse sind ein Teil seines Einkommens, zudem finanziert er sich durch Bücher, Fernsehauftritte, Youtube-Videos. „Ich lebe heute von rund 10.000 Euro im Jahr.“ Mehr braucht er nicht zu einem glücklichen Leben. Und er kennt das Gegenteil: Als Kind aus wohlhabender Familie, das die Ferien im Haus mit Pool auf Ibiza oder beim Skifahren in Zermatt verbrachte, schlug er eine Karriere als Golflehrer ein, trainierte in der ersten Bundesliga. Doch der Druck machte ihn kaputt: Auf Mobbing folgten Burn-out und Depression. „Ich musste raus aus dem Hamsterrad.“ Und so wagte er mit 39 Jahren den Schritt vom 4,5-Millimeter-Grün ins Grün des Waldes.
Auf der Wiese am unteren Ende des Grundstücks reanimiere ich eine Isomatte im Takt von „Stayin’ alive“: Durch beständiges Pumpen bläht sich mein Bett langsam auf. Angesichts des Wetters hatten wir den Bauwagen als Schlafstätte abgemacht. Doch eigentlich gehört eine Übernachtung im Freien zum Kurs. Und als Charly zu mir sagt: „Niemals schläfst du draußen!“, ist klar: Ich schlafe draußen! Und wenn ich erfriere. Schließlich will ich erfahren, ob weniger wirklich glücklich macht. Und ob mehr Wald noch glücklicher macht.
Der Geruch der stillen Wildnis
Glücklicherweise bekommt der mittlerweile prominente Odenwald-Tipianer immer wieder Ausrüstung von Firmen zum Testen geschickt. Über die neue Isomatte flattert eine Plane, und ruck-zuck steht das Tarp, mein Dach für die Nacht, gespannt über einen Wanderstock. Ich profitiere nicht nur von der Ausrüstung, sondern auch von Marcs Erfahrung. „> +4 Grad: Comfort“ auf dem Schlafsack heißt: Viel zu kalt bei acht, neun Grad. „Ich gebe dir einen warmen Schlafsack, du gibst Charly zusätzlich deinen“, lautet Marcs Ansage.
Mit dicken Socken, Laufhose und Langarmshirt krieche ich in den Schlafsack. Vom Gras um mich herum strömt satter Waldgeruch in meine Nase. Aus der Ferne weht das „Uuhuuuu, uuhuuuu“ eines Waldkauzes herüber und hebt mich mit jedem Schrei ein Stück weiter aus dieser Welt. Wärme durchströmt meinen Körper – nicht nur wegen des Kokons, in dem ich mich wie ein Baby wiege. Die Welt steht auf Zeitlupe.
Dieses wohlige Gefühl ist sogar wissenschaftlich nachweisbar. Und zwar in meiner Amygdala im Gehirn, die für die Verarbeitung von Emotionen wie Angst und Wut zuständig ist und bei Stress hyperaktiv wird. Dass der Aufenthalt im Wald positive Effekte auf den Menschen hat, haben die Japaner mit dem Shinrinyoku, dem Waldbaden, bereits erkannt. Umweltneurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin konnten dies mit Gehirn-Scans im MRT nun belegen: Ein nur 20-minütiger-Aufenthalt im Wald reduzierte die Aktivitäten der Amygdala sichtbar.
Mit Waldenergie aufgetankt schlüpfe ich am nächsten Morgen, später als gedacht, aus meinem Kokon. Beim Spaziergang mit Rala bekommt unsere Amygdala noch mehr Futter: Pilze, Insekten, Kräuter werden beguckt, begriffen, berochen oder sogar geschmeckt. Dem ehemaligen Golflehrer hat der Wald und das einfache Leben darin auf jeden Fall gutgetan. Er will nicht zurück in die Zivilisation. „Ich habe alles, was ich brauche, vermisse nichts“, betont er und holt seine nasse Wäsche von draußen in die Jurte, damit sie in der Wärme des selbst geschmiedeten Holzofens trocknen kann. Darauf kocht inzwischen das Porridge.
Ab und zu zurück in die Zivilisation
Marc ist weder Farmer, Gärtner noch Jäger, sondern fährt ab und zu mit seinem alten Polo zum Einkaufen in den Supermarkt. Als Kühlschrank dient eine Tonne im Erdschacht unter dem Jurtenboden, als Kühlschrank-Lift ein Seil. Ich freue mich schon seit der Ankunft darauf, Feuermachen zu lernen. Ohne Streichholz und Feuerzeug. Und lerne als Erstes: Nur mit dem, was ich hier in der Natur vorfinde, ist es schwer bis unmöglich. „Bei trockenen 40 Grad, wie in der Australischen Wüste, ist es für die Aborigines nicht schwierig.“ Bei der Methode des Feuerbohrens wird ein Holzstab auf einem Holzstück so schnell und lange gedreht, bis durch die Reibungshitze Glut entsteht. „Hier im feuchten und kalten Wald kannst du das vergessen“, winkt Marc ab.
Aber ich muss nicht mit kalten Händen nach Hause gehen. Marc zieht einen metallenen Block aus der Hosentasche, so groß wie ein Feuerzeug. Doch er funktioniert auch noch nach einem Bad im Wasser. „Von dieser Seite schabst du mit dem Messer Magnesium ab.“ Feine Späne rieseln auf die Mulde im Reisigbündel. Sie sollen sich entzünden – und zwar mit den Funken, die ich mit dem Messer auf der anderen Seite, dem Stahl, erzeuge. Mein Messer schlägt wieder und wieder auf den Stahl: Das Reisigbündel bleibt unbeeindruckt. Die Fünkchen werden zu Funken, immer schneller tanzen sie auf dem Reisig. Mein Arm wird lahm. Aufgeben? Niemals! Da! Ein Funke hat das Nest entzündet. Stolz wie Nike trage ich das olympische Feuer hinüber zu Marcs Schmiedeschale, um es darin mit Holz zu füttern.
Feuer gefangen für ein Leben im Wald habe ich nicht. Aber ich kann mich dafür erwärmen, mal etwas länger in der Natur zu verbringen, zugedeckt allein vom Blätterrauschen und Sternenhimmel. Nur mit dem Nötigsten auszukommen, schärft den Blick fürs Wesentliche und die Verschwendung in unserer Welt.
Die Gartenpforte knarzt zum Abschied. Und ich freue mich auf eine heiße Dusche und die warme Heizung.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.