Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Auf den Spuren der edelsten Uhren: Genf und das Tal der Uhrmacher

Mit der für den Beruf typische Lupe lernt der Nachwuchs das Uhrmacherhandwerk.
Mit der für den Beruf typische Lupe lernt der Nachwuchs das Uhrmacherhandwerk.

Die Schweizer Metropole ist das Mekka der luxuriösen Zeitmesser. Eine Tour für Uhren-Liebhaber.

Von Peter Trapmann

Vor Gianfranco Ritschel liegen 90 Uhren, die es in die aktuelle Endauswahl für den Grand Prix d'Horlogerie de Genève geschafft haben, den Großen Preis der Uhrmacherei, eine Art Oscar der Uhrenbranche. Einige der Uhren kosten mehr als eine Million Schweizer Franken. Aber dort, im Genfer Museum für Kunst und Geschichte, wo die Uhren vor dem Finale der Öffentlichkeit gezeigt werden, redet Ritschel nicht gerne über Geld, sondern lieber über das Uhrmacher-Handwerk. Der freundliche, gut gelaunte Mann ist selbst gelernter Uhrmacher und heute Vordenker und Botschafter der Genfer Uhrenwelt.

Und seine Begeisterung ist ansteckend, etwa für ein Exemplar, das die Zeit von 24 Orten aus aller Welt gleichzeitig anzeigt – inklusive automatischer Umstellung auf die Sommerzeit. Die Frage, ob man das wirklich braucht, grenzt für Ritschel, man ahnt es, an Frevel. Entscheidend ist, dass es Uhrmacher gibt, die so etwas herstellen können. Und davon gibt es in Genf und Umgebung besonders viele. Haute Horlogerie nennen sie das – hohe Uhrmacherkunst.

Die „Récital 30“ der Marke Bovet, die umgerechnet 78.900 Euro kostet, hat am Ende tatsächlich einen der begehrten Oscars gewonnen, und zwar in der Kategorie Complication. Davon ist die Rede, wenn eine Uhr mehr kann, als mit ihren Zeigern Stunden, Minuten und Sekunden anzuzeigen.

Station 1

Der Mann, der Schmuck verbot

Nur ein paar hundert Meter vom Museum entfernt die erste Station der Uhren-Tour durch Genf: das Reformationsdenkmal, eine monumentale, aber nüchterne Skulpturenwand. Sie huldigt den Größen der Reformation wie Johannes Calvin (1509–1564). Der strenge Protestant, aus Frankreich nach Genf gekommen, verbot „Kreuze, Kelche und andere Instrumente, die dem Papsttum und der Abgötterei dienen“. Auch Schmuck war ihm ein Graus, weil er die Menschen vom Glauben an Gott ablenke. Da dieselben Menschen aber pünktlich bei seinen Gottesdiensten erscheinen sollten, ließ Pfarrer Calvin in Genf öffentliche Uhren aufstellen. Uhrmacher und Juweliere taten sich in dieser Zeit zusammen und stellten Zeitmesser für den privaten Gebrauch her. Das immerhin war noch erlaubt. „In der Stunde unseres Todes“, meinte Calvin, „müssen wir Rechenschaft ablegen über jede Minute unserer Zeit.“ Eine Folge: Genf wurde über die Jahrhunderte zur Weltmetropole der Uhren, darunter viele Marken, die Reformator Calvin ob ihrer teuren Pracht mit Abscheu betrachtet hätte.

Die Schweiz exportierte zuletzt 15,3 Millionen Uhren im Jahr. Mengenmäßig macht das nur zwei Prozent der weltweiten Produktion aus. Aber: Bei Uhren, die mehr als 1000 Euro kosten, entfallen 90 Prozent des weltweiten Umsatzes auf Schweizer Uhren. Und die Herzkammer dieses Imperiums ist Genf.

Station 2

Die edelsten Uhren der Welt

Eine der edelsten Uhrenmarken überhaupt ist Patek Philippe, 1839 in Genf von einem polnischen Freiheitskämpfer gegründet. Seit 2001 präsentiert das Unternehmen seine Schätze in einem Museum in der Genfer Rue des Vieux-Grenadiers, der zweiten Station der Erkundung. Das Museum zählt jedes Jahr mehr als 100.000 Besucher aus aller Welt. Auch wenn die meisten Uhrmacher evangelisch waren und nach streng reformatorischer Auffassung man nur Dinge besitzen soll und sollte, die nützlich sind – die Führerin durch die prächtige Sammlung stellt gleich mal klar: „Uhren waren von Anfang an was zum Angeben!“ Gezeigt werden hier Uhren ganz unterschiedlicher Spielarten.

Schon 1657 entwickelte das niederländische Universalgenie Christian Huygens die erste minutengenaue Uhr für den allgemeinen Gebrauch. Sie markiert für viele den Übergang in die moderne kapitalistische Welt: Zeit ist Geld.

Das Patek-Philippe-Museum zeigt eine der weltweit wichtigsten und größten Uhrsammlungen.
Das Patek-Philippe-Museum zeigt eine der weltweit wichtigsten und größten Uhrsammlungen.

Station 3

Alles handgemacht

Das gilt ebenfalls für Cédric Johner, auch wenn sein 42 Quadratmeter großes Atelier im Genfer Vorort Carouge aus der Zeit gefallen scheint. „Ich mache alles selbst“, sagt Johner, der mit 15 eine Lehre als Goldschmied bei Chopard und später die Schule der Uhrmacher in Genf absolviert hat, „Uhrwerk, Gehäuse, Zifferblatt.“ Und zwar ohne computergesteuerte Fräsen. Das Basismodell aus seiner Kollektion ist für umgerechnet gut 19.000 Euro zu haben. Pro Jahr produziert Johner im Durchschnitt zwölf Uhren. Zum Vergleich: bei Rolex sind es 1,2 Millionen, bei Patek Philippe immerhin noch 70.000 Uhren.

Station 4

Bei einem Uhrenfreund

Johner ist aber nicht alleine klein: Neben den populären Supermarken gibt es viele unabhängige Manufakturen, die auf dem Markt mitmischen. Auch sie will Genf sichtbar machen – mit dem 2024 gegründeten Verbund Watchmakers United. Station vier der Tour durch Genf. „Viele Uhren-Liebhaber kamen nach Genf und waren enttäuscht, hier die gleichen Läden zu finden wie daheim in London oder München“, sagt Vincent Vuillaume, der Direktor von Watchmakers United. Der Laden, der sich als „Wohnzimmer eines Uhrenfreundes“ (Vuillaume) liest, vertritt nun etwa 40 Uhrmacherbetriebe mit originellen Modellen, meist aus der Genfer Gegend, aber auch Hersteller aus England, Italien oder Deutschland. Die Preise reichen von 1000 bis 250.000 Euro. „Wir wollen nicht nur Boutique sein, sondern ein Marktplatz, wo man auch mal mit den Uhrmachern ins Gespräch kommen kann“, sagt er

Station 5

Wahrzeichen

Wenn man aus dem Laden tritt und die paar Schritte zum See hinunterläuft, sieht man rechts das meist fotografierte Wahrzeichen von Genf: den Jet d'Eau. Der Brunnen pumpt pro Sekunde 500 Liter Wasser aus dem See, das mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometer pro Stunde in 140 Meter Höhe schießt. Sogar diese Fontäne verdankt ihre Existenz dem Uhrenhandwerk: Sie diente ursprünglich als Überdruckventil, regulierte die Versorgung der Genfer Uhrmacher mit Wasserkraft aus der Rhône. Als sie nicht mehr gebraucht wurde, wurde die Anlage 1891 ins Seebecken versetzt und 1951 technisch aufgerüstet.

Station 6

Ausflug ins Jura

Die sechste Station liegt etwa eine Autostunde entfernt von Genf: das Vallée de Joux, ein abgeschlossenes Hochtal im Schweizer Jura, in 1000 Metern Höhe, ohne das die Genfer Uhrenhersteller nicht das wären, was sie heute sind. Sie fühlen sich dort wie im Silicon Valley der Uhrmacherei. Erst rein landwirtschaftlich geprägt, entwickelte die Bevölkerung ordentliche Talente in der Metallverarbeitung. „Um 1730 kehrte der erste Bauer ins Tal zurück, nachdem er in Genf eine Uhrmacherlehre absolviert hatte“, erzählt Veronique Walther, „es war der Beginn der Uhrenfertigung im Vallée.“

Walther führt Besucher durch das Uhrenmuseum in Le Sentier, einen der beiden Hauptorte des Tals. „Anfangs fertigten sie hier nur die Uhrwerke und lieferten sie den Uhrmachern in Genf. Heute haben Top-Marken ihren Sitz im Tal. Audemars Piguet in Le Brassus, Jaeger-LeCoultre in Le Sentier.

Das einst arme Tal hat 8000 Einwohner, wie Walther stolz vorrechnet, „aber mehr als 8000 Arbeitsplätze“. Den Uhrmachern sei es gedankt: Zeit macht Geld.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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