Rheinpfalz am Sonntag RHEINPFALZ Plus Artikel Apfelernte: Wie Obsterzeuger unter Preis-Schocks und Marktriesen leiden

Nach wie vor sind Äpfel das beliebteste Obst in Deutschland. Die Bundesbürger aßen im Jahr 2020/2021 pro Kopf im Schnitt 24,4 Ki
Nach wie vor sind Äpfel das beliebteste Obst in Deutschland. Die Bundesbürger aßen im Jahr 2020/2021 pro Kopf im Schnitt 24,4 Kilogramm. Dennoch beklagen viele Erzeuger wie Jörg Quast Preisdumping und einen Hang zum 0815-Geschmack. Das gefährdet vor allem den Anbau alter Sorten, weil diese den Kundenwünschen oftmals nicht mehr entsprechen.

Gleich groß, makellose Schale, wenig Säure: Der Deutschen liebstes Obst ist Einheitsware. Aber es gibt noch Vielfalt auf den Apfel-Plantagen. Doch viele Erzeuger sind in Sorge. Nicht nur der teuren Energie wegen.

Im Alten Land südwestlich von Hamburg und an der Niederelbe liegt das größte Apfel-Anbaugebiet Deutschlands. Holländische Siedler entwässerten das Marsch- und Moorland ab dem 12. Jahrhundert. Auf der Elbinsel Finkenwerder liegt der Hof von Jörg Quast. Im Jahr 2000 hat er ihn von seinem Vater Heinrich übernommen und nach und nach zum Öko-Betrieb umgebaut.

Zusammen mit seinem Geschäftsführer Thorsten Büter prüft er heute die Qualität der ersten Holsteiner Cox, die vor ihm in der 300-Kilo-Kiste liegen. Sie sind zufrieden. „Wir haben dieses Jahr eine Vollernte erreicht, mit 100 Prozent Ertrag, wir rechnen mit etwa 400 Tonnen“, berichtet der Bioland-Erzeuger. Weil der diesjährige Sommer extrem trocken, heiß und sonnig war, sind die Früchte etwas kleiner als sonst geraten, dafür aber sehr süß. „Süße Äpfel verkaufen sich gut“, freut sich Quast.

Ein Fünftel der Äpfel wird aussortiert

„Wenn Kinder Bäume malen, sehen die aber anders aus als unsere Obstbäume von heute“, sagt Quast und meint die langen, eng gepflanzten Baumreihen, prall bestückt mit roten Elstar und Jonagold. Aber die Bäume dürfen nicht höher als drei Meter wachsen, damit sie ohne Leitern geerntet werden können, mit einem Minitraktor, der durch die schnurgeraden Reihen fährt und den Boden schont. Vor und nach der Ernte werden jeweils 20 Prozent der Äpfel aussortiert und zu Apfelsaft verarbeitet. Die saftigen Santana und die süß-säuerlichen Holsteiner Cox werden jetzt als erste gepflückt und vermarktet.

Die optische Qualität entscheidet über den kommerziellen Erfolg. Die Einkäufer der Discounter und Lebensmittelketten fordern makellose Standardware, die Äpfel am besten alle gleich groß, mit mindestens 65 Millimeter Umfang. Dazu glatte Schalen ohne Flecken, Narben und Beulen. Dass auch kleinere Äpfel sehr gut schmecken, spielt hier keine Rolle. Bestseller sind höchstens fünf verschiedene „Global Player“, allesamt nicht in Deutschland gezüchtet. Die Top fünf in der Hitparade der im Jahr 2020 hierzulande meistverkauften Apfelsorten, nämlich Elstar mit 16,8 Prozent, gefolgt von Braeburn, Gala, Jonagold/Jonagored und Pink Lady erreichen zusammen satte 60 Prozent Marktanteil. Frühere Publikumslieblinge wie der „Golden Delicious“ oder der Cox orange, sogar der bekannte Boskop spielen keine Rolle mehr, sie muss man auf Bauernmärkten oder in Hofläden suchen.

Viele Kunden wünschen sich heutzutage perfekt aussehende Äpfel.
Viele Kunden wünschen sich heutzutage perfekt aussehende Äpfel.

Was geschieht, bestimmt der Großhandel

Diese Verengung des Sortiments hat zu einer großen Verarmung beim Anbau geführt. Was geschieht, bestimmt der Großhandel. Neuerdings werden auch schon die Anbauer von Bio-Obst dazu gedrängt, doch endlich mehr Braeburn anzupflanzen, weil der robust, lagerstabil und leicht zu händeln ist. „Im Anbau sind die aber eine Katastrophe, weil sehr schorfanfällig“, sagt Quast. Zwar erobere die Bioware mehr Regalmeter in den Obsttheken, doch das geschehe vor allem, weil die Kunden lieber schadstofffreie Äpfel essen wollen und keine mit Pestiziden in der Schale. Zudem brauche jeder Handelspartner, egal ob Aldi, Edeka, Lidl oder Rewe, das gesunde Bio-Label für das eigene Image.

Aber das heißt nicht, dass die Erzeuger von Obst besser behandelt werden als etwa Milchbauern und Schweinezüchter. „Die, die sagen, wie sehr sie Lebensmittel lieben, sind oft die härtesten Preisdrücker. Wer als Erzeuger die Preisvorgabe nicht akzeptiert, muss damit rechnen, dass der Einkäufer dann einfach keine regionalen Erzeugnisse kauft, sondern sein Obst aus Polen oder aus Übersee holt.“ Die wichtigste Frage sei aber immer: wie der Apfel schmecke. „Da hat der Kunde klare Vorstellungen: wenig Säure, viel Aroma“, so Quast.

Die Hitzesommer sorgen für Probleme

Im Norden gibt es seit 75 Jahren ein großes Obstbauzentrum, die Esteburg in Jork im Alten Land. Hier werden 1400 norddeutsche Obstbetriebe in Theorie und Praxis betreut. Strategien, wie man mit angewandter Forschung auf den spürbaren Klimawandel reagieren kann, werden hier entwickelt. Hausherr Karsten Klopp, von Haus aus Agraringenieur, nimmt sich die Zeit für einen Rundgang über das weitläufige Gelände. Zwar sei die lange Trockenheit am Ufer der Elbe noch gut kompensiert worden, zu wenig Wasser sei also bisher nicht das Problem. Doch der Holsteiner Cox werde zum norddeutschen Sorgenkind, erzählt Klopp. Er fängt seit ein paar Jahren schon bis zu drei Wochen früher zu blühen an, wird in der Hitze zu schnell reif, und kann dann nur kurze Zeit gelagert werden. Der Anbau-Anteil sei bereits auf unter fünf Prozent gesunken, und die Sorte werde langfristig vom Markt verschwinden.

Klopp treiben aber auch wie viele seiner Kollegen die hohen Energiepreise um. Viele Obsterzeuger wollen schnell ihre als erste gepflückten Sorten verkaufen, um damit Lagerkosten einzusparen. Doch bei der herrschenden Machtverteilung im Lebensmittelmarkt sitzen sie nicht am längeren Hebel und müssen froh sein, wenn sie ihre Kosten decken können.

Immer weniger Anbausorten

Nicht gut zu sprechen ist Klopp auf die staatlichen Schulen, die wenig bis kein Interesse daran hätten, Schüler mit dem Thema Lebensmittel aus der Region zu behelligen. „Dabei haben Äpfel und Kartoffeln die beste Klimabilanz. Und wie man damit kochen und backen kann, ließe sich schon im Kindergarten lernen. Aber in der Bildungspolitik sind andere Dinge anscheinend wichtiger.“ Karsten Klopp sieht aber auch eine Chance: „Ich bin der Hoffnung, dass wir durch diese ganzen Krisen wieder auf den Boden kommen und lernen, unsere heimischen Lebensmittel wieder wertzuschätzen, zu denen der Apfel unbedingt gehört.“

Die hohen Obstbäume aus früheren Zeiten, wie sie Ludwig Uhland in seinem Gedicht vom „Wirte wundermild“ besungen hat, die mit den ausladenden Kronen, die Schatten spenden und deren Früchte nur mit langen Leitern zu ernten waren, verschwinden aus den Gärten. Doch die alten Sorten gehören zum Kulturerbe. Und wer das betrauert, muss kein Romantiker oder Feinschmecker sein. Es gibt auch handfeste Gründe, die für den Erhalt der Tradition sprechen. Weil nämlich die Spezialisierung auf immer weniger Anbausorten auch die genetische Vielfalt stark reduziert hat.

Manche wollen keine knallroten 0815-Modeäpfel

Apfelland – abgebrannt? Noch lange nicht. Denn abseits der großen Handelswege erlebt der zum uniformierten Massenprodukt degenerierte Apfel eine heimliche Renaissance. Immer mehr Menschen suchen wieder hartnäckig nach alten Sorten. Sie wollen keine giftgrünen oder knallroten 0815-Modeäpfel, sondern welche mit altmodisch klingenden Namen. Mit Aroma und Charakter, mit Beulen und Schrunden. Sie lieben auch die plattrunden, die glockenförmigen, die kegel-, walzen- oder eiförmigen. Und manch ältere Dame treibt die Kindheitserinnerung an die vergessene Sorte Signe Tillich um, weil die mit ihrem Rosenduft eine ganze Vierzimmerwohnung ausfüllen konnte.

Trotzdem gibt es Menschen, die sich mit Fleiß und bewundernswerter Ausdauer gegen diese Entwicklung stemmen. Es sind die Pomologen, die in allen Bundesländern ihr Bestes geben, damit dieser Verlust gestoppt wird. Sie tragen mit ihrer Arbeit dazu bei, eine Renaissance der alten Sorten zu betreiben. Einer von ihnen ist Hans-Georg Kosel aus Oranienburg. An diesem Septembertag steht der langjährige Landessprecher des Pomologen-Vereins Brandenburg-Berlin auf dem Regionalmarkt der Stadt Brandenburg an der Havel. Im schattigen Innenhof des alten Pauliklosters präsentieren die Experten eine große Auswahl der alten Sorten auf Papptellern. Das lockt Neugierige an.

Wie lassen sich alte Obstsorten bewahren?

Kosel hat immer viel zu tun. Am meisten jedoch im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen auch in den Schrebergärten reifen. Sein Rat ist sehr gefragt. Und der 63-Jährige kann Antworten geben zu allem, was Gartenbesitzer und Apfelfreunde wissen wollen. Er ist seit zehn Jahren in Theorie und Praxis daran beteiligt, alte Obstsorten vor dem Aussterben zu bewahren und jungen Menschen das alte Handwerk zu lehren, wie Bäume zu schützen und zu pflegen sind.

Kosel ist von Haus aus Ökonom, aber betreibt seinen neuen Zweitberuf mit großer Leidenschaft. Die Revitalisierung alter Obstbauanlagen im Land Brandenburg ist sein Geschäft. Er hat schon 45 Obstbaumwarte ausgebildet. Aktuell gibt es nur zehn davon im Dienst des Landes, es müssten aber 160 sein, schätzt Kosel. Und der Mann hat schon viele Bäume gerettet, die jetzt wieder Früchte tragen. „Mein ältester Baum, mein Methusalem, wurde 1826 gepflanzt“, sagt er stolz.

Leute haben viele Fragen

Als Pomologe hat er sich das Wissen angeeignet, das alle benötigen, die jetzt im eigenen Garten einen Apfelbaum pflanzen möchten oder nicht wissen, wie die Äpfel heißen, die in dem alten Baum in Großvaters Garten hängen. Jetzt stehen sie Schlange, um dem fleißigen Allrounder ihre Fragen zu stellen. „Können Sie mir sagen, ob das ein Ontario ist? „Können Sie bald mal nach Mecklenburg kommen, um die alten Apfelbäume in unserem Hof noch zu retten? „Wo kann ich lernen, Obstschutzwärtin zu werden?“

Da sind sie bei Kosel und seinen Mitstreitern an der richtigen Adresse. „Durch den Bio-Boom, die Krisen wie Corona und Energiekrise und zuletzt den Krieg in der Ukraine sind Obstbäume zur Saison regelmäßig ausverkauft“, stellt Kosel fest. Der Wissensdurst nach alten und eigenen Sorten im Nutzgarten sei seit zehn Jahren rasant gestiegen. „Wir Pomologen müssen das nur auffangen und fördern“, sagt der Apfel-Experte.

Goethe hat mal wieder recht: „Über Rosen lässt sich dichten/ In die Äpfel muss man beißen.“ Und alle Menschen, die lieber diverse Äpfel ausprobieren wollen und für den Duft eines frisch gepflückten Gravensteiners aus Nachbars Garten die „Pink Lady“ im Sechserpack unbeachtet links liegen lassen, tragen letzten Endes dazu bei, dass die regionale Vielfalt kein hohles Versprechen bleibt, sondern von September bis Ostern ein echtes Glück.

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