Alltagsmanager RHEINPFALZ Plus Artikel Anzeichen für Depression: Auf diese Symptome sollte man achten

Das ist heute nicht sein Tag. Der Papa hat gesumpft gestern. Selber Schuld, sagt die Mama. Danke. Sehr hilfreich. Ächzzzz. Menno
Das ist heute nicht sein Tag. Der Papa hat gesumpft gestern. Selber Schuld, sagt die Mama. Danke. Sehr hilfreich. Ächzzzz. Menno.

Hat man nur eine schlechte Phase oder ist da mehr? Auf welche Symptome man achten sollte und was noch hinter ihnen stecken kann.

Familie Rösl war mitten im Hausbau, das dritte Kind war unterwegs. Eigentlich hatte Armin Rösl, damals 35, gerade alle Hände voll zu tun. Doch ausgerechnet in dieser Zeit fühlte er sich so krank wie nie. Er hatte keine Kraft, sein Hals war oft wie zugeschnürt, seine Beine waren schwer wie Blei.

Dann war da noch dieser Schmerz im Nacken und das Herzrasen, das ihn immer wieder überkam. „Einmal stand ich im Supermarkt und dachte, ich sterbe.“ Heute, 15 Jahre später, weiß er, dass es eine Depression war, die die Symptome hervorrief. Bis zur Diagnose dauerte es aber eine Weile.

Depressionen sind verbreitet. Mehr als jeder zehnte Deutsche erkrankt daran. Einmal erkannt, lässt sich die Krankheit in der Regel gut behandeln. Nur, wie merkt man, ob man depressiv ist oder gerade bloß eine schwierige Phase durchmacht? Ob die Psyche die Beschwerden verursacht oder doch der Körper?

Für die Depression gibt es bislang keinen eindeutigen biologischen Anzeiger, keinen Bluttest oder Ultraschall, der Gesunde von Kranken unterscheiden kann. Stattdessen legt ein Gremium aus Experten fest, wo eine Depression beginnt und wie man sie feststellt.

Schlafprobleme sind ein Signal

Laut dem Diagnosekatalog, den die WHO herausgibt, hat eine Depression zwei Hauptmerkmale. Erstens: eine gedrückte Stimmung. Man fühlt sich betrübt und niedergeschlagen, oder man fühlt gar nichts mehr, nur eine quälende Leere. Zweitens: ein Verlust an Interesse und Freude. Dinge, die früher Spaß gemacht haben, verlieren auf einmal ihren Reiz.

Für die Diagnose muss mindestens eins dieser zwei Hauptmerkmale länger als 14 Tage vorliegen. Weitere Symptome sind ein ungewöhnlich geringer – seltener auch ein deutlich gesteigerter – Appetit, Konzentrationsprobleme, Schlafschwierigkeiten, Energielosigkeit und Erschöpfung, auffallende Trägheit oder Hast, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle oder das Gefühl, wertlos zu sein und anderen zur Last zu fallen sowie in schwereren Fällen Suizidgedanken.

Eine Depression ist die führende Ursache für Selbsttötungen; weltweit gehen je nach Erhebung die Hälfte bis zwei Drittel davon auf sie zurück. Die Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen, ist also sehr wichtig.

„Das erste Anzeichen für eine Depression sind häufig Schlafprobleme“, sagt Heinz Grunze, Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg. Meist ist es zwanghaftes Grübeln, das Kreisen um vergangene Fehler und zukünftige Katastrophen, das Depressive keine Ruhe finden lässt.

Auch der Körper leidet mit

Stehen körperliche Beschwerden im Vordergrund, sind das vielfach Kopf- oder Rückenschmerzen, ein Engegefühl im Hals, Schwindel oder ein unangenehmer Druck auf der Brust. Betroffene berichten außerdem von einer starken inneren Unruhe. Bei den meisten lässt die Lust auf Sex nach. Typisch ist zudem das Morgentief: Am Vormittag geht es vielen depressiven Menschen besonders schlecht, im Lauf des Tages bessert sich das Befinden etwas.

„Ob jemand nur erschöpft ist, etwa nach einer arbeitsreichen Phase, oder schon depressiv, hängt von der Dauer und dem Ausmaß der Symptome ab“, erklärt Christine Reif-Leonhard vom Universitätsklinikum Frankfurt. Im Bereich der psychischen Erkrankungen gibt es weitere Diagnosen, die man beim Verdacht auf eine Depression nicht außer Acht lassen sollte. Manchmal hat etwa ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) im Erwachsenenalter Anteil an der Entstehung einer Depression.

Selten, aber gerade wenn es in der Verwandtschaft solche Fälle gibt, kann eine depressive Episode genauso das erste Auftreten einer bipolaren Störung sein, bei der sich Phasen von euphorischer Getriebenheit und Depression abwechseln. Was auf den ersten Blick wie eine Depression erscheint, ist mitunter auch eine Angsterkrankung, etwa wenn Unruhe und Sorgen die Niedergeschlagenheit überwiegen.

Allerdings lässt sich nicht jedes Beschwerdebild immer eindeutig in eine Schublade einordnen. Rund 40 Prozent der Menschen mit einer Depression erfüllen gleichzeitig die Kriterien einer Angststörung.

Innere Leere am Ende

Wie fühlt sich eine Depression an? Emotional steht meist Niedergeschlagenheit im Vordergrund. Die innere Atmosphäre ähnelt der nach einem schweren Verlust. „Man darf die Symptome aber nicht mit normaler Traurigkeit verwechseln. Jeder hat mal einen schlechten Tag“, sagt Heinz Grunze. Während einer Depression erscheint die Zukunft trüb, man fühlt sich wertlos. Viele Betroffene fühlen über eine längere Zeit eine lähmende Hoffnungslosigkeit und oft auch Scham und Schuld. Doch die Depression kann sich noch anders äußern: durch Wut. Auf einmal sehr leicht reizbar zu sein, sich über alles und jeden zu ärgern, ist ein mögliches Anzeichen. Diese Erscheinungsform ist allerdings weniger bekannt.

Vor allem bei Männern wird die Krankheit deshalb häufig übersehen. „Auch ein erhöhter Alkoholkonsum ist mitunter ein Indiz, ein Versuch, die Symptome abzudämpfen“, sagt Grunze. Mit zunehmender Schwere der Erkrankung verändert sich oft die Gefühlslandschaft. Die Trauertäler schwinden, die Wutspitzen flachen ab und was bleibt, ist eine tiefe innere Leere. Dieses Gefühl der Gefühllosigkeit beschreiben Betroffene häufig als noch quälender.

Allerdings steckt hinter Schwermut und Erschöpfung nicht immer eine Depression. „Geht die körperliche Erschöpfung deutlich über das für eine Depression typische Maß hinaus und ist die Stimmung eher weniger beeinträchtigt, kann das für andere Ursachen als eine depressive Episode sprechen“, erklärt Reif-Leonhard. „Treten die Beschwerden zum Beispiel kurz nach einer Infektion auf, könnte auch das sie erklären.“

Eine Virus-Erkrankung, die zuweilen selbst vom Arzt mit einer Depression verwechselt wird, ist das Chronische Fatigue-Syndrom ME/CFS. Kennzeichen ist eine anhaltende Erschöpfung, die sich durch Anstrengung verschlimmert. Hinzu kommen neben Konzentrationsstörungen, extreme Reizempfindlichkeit, Kopf- und Gliederschmerzen. Während Menschen mit einer Depression sich durch Sport meist besser fühlen, verschlechtert sich der Zustand von ME/CFS-Betroffenen dadurch.

Nicht einmal der Arzt erkennt es immer

Manche Erkrankungen können ebenfalls eine Depression auslösen. Ein typisches Beispiel ist die Unterfunktion der Schilddrüse. „Therapiert man nur die Fehlfunktion der Schilddrüse, beseitigt das allein die Depressionssymptome nicht“, hat Christine Reif-Leonhard beobachtet.

Die erste Anlaufstelle, wenn Energie und Lebensfreude fehlen, ist der Hausarzt oder die Hausärztin. Dort kann man eine erste Diagnose stellen und das weitere Vorgehen planen, etwa entscheiden, ob eine ambulante Psychotherapie oder eine psychiatrische Behandlung sinnvoll sind.

„Im Akutfall, etwa wenn Suizidgedanken auftauchen, sollte man sich sofort in einer psychiatrischen Klinik vorstellen. Man braucht dafür keine Überweisung. Man kann einfach hingehen und es ist rund um die Uhr ein Dienstarzt im Haus, mit dem man in Ruhe sprechen kann“, rät Christine Reif-Leonhard.

Armin Rösls Weg durch das Gesundheitssystem war alles andere als geradlinig. Der Hausarzt vermutete Herzprobleme. Der Orthopäde sagte: Es ist die Wirbelsäule. Für den Physiotherapeuten war klar: eine Verspannung im Genick. Doch auch Einrenkversuche und Massagen brachten nichts. Ein Hirntumor? Alles normal, gab der Radiologe nach dem MRT Entwarnung. Oder doch ein Schaden am Gleichgewichtsorgan? Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin fand nichts.

Mittlerweile hatten sich zu den übrigen Symptomen düstere Gedanken gesellt. Die Suche nach Antworten war zermürbend. Erst als ein Allgemeinmediziner die Psyche ins Spiel brachte, machte es klick bei Rösl. Er weinte wie ein Kind. „Ich hatte mir die ganze Zeit nicht eingestanden, wie traurig ich war und wie wertlos ich mich fühlte.“ Und so war er richtig erleichtert, als er die Worte hörte: „Was Sie haben, ist eine Depression.“

 

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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