Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Andorra: Wandern zwischen wilden Tälern und warmen Thermen

Im Sorteny Naturpark im Norden Andorras verschmelzen unberührte Berglandschaften und alpine Artenvielfalt zu einem einzigartigen
Im Sorteny Naturpark im Norden Andorras verschmelzen unberührte Berglandschaften und alpine Artenvielfalt zu einem einzigartigen Naturerlebnis.

Andorra ist ein Land der Gegensätze: Mal rau, mal lieblich, teils hochmodern, vor allem aber ursprünglich, und voller Vielfalt. Ein Streifzug im Frühsommer.

Von Christiane Neubauer

Wer mit Noah und Poppy in Andorra wandern geht, versteht schnell, woher der Ausdruck „störrischer Esel“ kommt. Beharrlich ignorieren die beiden Langohren Naturpark-Rangerin Samanta Delgado Sáez, die sie sanft zum Weitergehen bewegen will. Noah legt die Ohren an und dreht ihr demonstrativ das Hinterteil zu, Poppy knabbert genüsslich an den Blumen am Wegesrand. „Vamos!“, sagt Samanta schließlich und zieht am Seil. Widerwillig setzen sich die Esel in Bewegung – und mit ihnen die Wandergruppe, die gemeinsam das Vall de Madriu-Perafita-Claror erkundet.

Das Hochgebirgstal mit dem sperrigen Namen liegt im Südosten von Andorra, einem der fünf Zwergstaaten Europas. Mit urigen Bordas (Scheunen aus Bruchsteinen), seinen Weideflächen und glasklaren Bergflüssen gilt es als herausragendes Beispiel für eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, in der Menschen die kargen Ressourcen des Hochgebirges nachhaltig genutzt haben.

90 Prozent der Landesfläche sind unbebaut

Auf etwa 1600 Metern wird die Luft spürbar dünner, die Schritte schwerer. Wolkenfetzen hängen an den felsigen Gipfeln, der vom nächtlichen Regen glitschige Pfad verlangt Konzentration. Schritt für Schritt geht es bergauf. Noah und Poppy trotten stoisch voran – bis sie erneut stehen bleiben. Samanta bleibt gelassen, krault Noah zwischen den Ohren und übernimmt wieder entschlossen die Führung: „Vamos!“

Eigentlich kann man die Tiere gut verstehen. In einer Landschaft wie dieser möchte man selbst innehalten. Durchatmen. Lauschen. Den Blick schweifen lassen. Im Frühsommer verwandelt sich ganz Andorra in eine sattgrüne Wanderwelt. Rund 90 Prozent der Landesfläche sind unbebaut, 65 Gipfel überragen die 2000-Meter-Marke. An Hängen, Seen und Flussläufen gedeihen Pflanzen, bei deren Anblick Naturfreunde ins Schwärmen geraten.

Und überhaupt: Das Vall de Madriu ist kein Ort, den man einfach mal schnell durchquert. Es ist ein Ort, der Zeit verlangt. Das idyllische Hochtal mit mehr als 30 Seen und einer Vielzahl an Berggipfeln gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Und es erzählt von einem Leben unter extremen Bedingungen. Dort oben war Nachhaltigkeit nie ein Konzept, sondern Notwendigkeit. In einem Land, das kaum Platz bietet – Andorra misst gerade einmal 468 Quadratkilometer, ist also etwa so groß wie Bremen – mussten Generationen lernen, mit dem auszukommen, was die Berge hergeben.

Andorra hat gleich zwei Staatsoberhäupter

Auf dem Rückweg säumen knorrige Bergkiefern, Birken und Vogelbeeren den historischen Pfad. Eine niedrige Steinmauer trennt ihn vom Weideland. Die Szenerie wirkt archaisch, fast unberührt. Vor einer alten Borda legt die Gruppe eine Pause ein. „Die gehört dem Regierungschef“, sagt Reiseleiterin Erika Wellmer. Kein Zaun, keine Überwachungskamera deutet darauf hin. „Sicherheit ist in Andorra kein großes Thema. Die Kriminalitätsrate ist extrem niedrig, das gesellschaftliche Gefüge stabil.“

Vielleicht liegt das auch an der besonderen politischen Struktur: Seit dem Mittelalter teilen sich zwei gleichberechtigte Staatsoberhäupter die Macht – der Präsident Frankreichs und der katalanische Bischof von Urgell. Ein ungewöhnliches Modell, das bis heute funktioniert. Niedrige Steuern und Zölle haben zudem Wohlstand geschaffen und Zuwanderer aus ganz Europa angezogen. Von den rund 90.000 Einwohnern besitzt weniger als die Hälfte einen andorranischen Pass. Viele stammen aus Portugal oder Südamerika – so wie die Chilenin Samanta. Auch eine kleine deutsche Community hat sich etabliert, zu der Erika zählt. Als Reiseleiterin verfolgt die Nordrhein-Westfälin, die seit Jahrzehnten dort lebt, eine klare Mission: Sie will zeigen, dass Andorra mehr ist als ein zollfreies Shoppingziel. „Die Natur ist hier außergewöhnlich zugänglich, und Naturschutz wird eng mit traditioneller Nutzung verknüpft.“ Tatsächlich wirkt vieles wie ein gelungener Balanceakt zwischen Moderne und Tradition.

Am nächsten Tag führt die Wanderung zum Llac d'Engolasters, einem Bergsee oberhalb von Encamp. Dort beginnt die Geschichte des wirtschaftlichen Aufstiegs: In den 1930er-Jahren bauten ausländische Investoren einen Damm und nutzten die Wasserkraft des Landes. Im Gegenzug erhielt Andorra Infrastruktur – Straßen, Leitungen, Elektrizität. „Jeder bekam das Recht auf eine Glühbirne“, erzählt Erika. Ein scheinbar kleines Detail, das in Andorra den Beginn der Modernisierung markierte. Ironie der Geschichte: Wegen des stark gestiegenen Energiebedarfs produziert Andorra nur noch etwa 20 Prozent seines Stroms selbst.

Eines der schönsten Wandergebiete der Pyrenäen

In L'Aldosa de Canillo trifft die Gruppe auf eine andere Form von Innovation: Met, verfeinert mit dem Aroma von Tannenzapfen, Veilchen oder Sauerkirschen. Der französischstämmige Imker Mathieu Garaud und der deutsche Brauer Heiko Kirchner haben daraus ein erfolgreiches Projekt gemacht. Neun Sorten umfasst ihr Sortiment inzwischen, mehrfach international ausgezeichnet. „Alles ist 100 Prozent Andorra“, sagt Heiko.

Eine weitere Facette zeigt sich im Vall d'Incles. Weit und offen erstreckt sich das von Gletschern geformte Tal – eines der schönsten Wandergebiete der Pyrenäen. Im Frühsommer verwandeln sich die Wiesen in ein Blütenmeer. Erika zeigt Pyrenäen-Enzian, Alpenrose, Trollblume und die weiße Dichternarzisse, Andorras Nationalblume. Im Mai und Juni setzt sie in den Bergwiesen leuchtende Akzente. Der Liebling der japanischen Touristen sei hingegen der Gelbe Türkenbund, weiß Erika, eine in den Pyrenäen beheimatete Lilienart.

Zum Abschluss wartet ein Perspektivwechsel: Der Mirador Roc del Quer ragt als freischwebende Plattform ins Tal hinaus. Der Glasboden verstärkt das Gefühl, über der Landschaft zu schweben. Kurz darauf folgt das Kontrastprogramm: Im 40 Grad warmen Wasser des Thermalbads Caldea können sich die Wanderer treiben lassen.

Das Caldea unweit Andorras Hauptstadt Andorra la Vella gehört zu den größten Thermalkomplexen Europas und ist eins der Tourismus-Highlights in Andorra. Kleines Land ganz groß!

Andorra

Anreise
Mit Eurowings, www.eurowings.com, oder Vueling, www.vueling.com, von Stuttgart nonstop nach Barcelona, von dort weiter mit Mietwagen oder Busshuttle nach Andorra, Fahrtzeit rund drei Stunden.

Unterkunft
Das Hotel Spa Niunit liegt ideal für Outdoor-Aktivitäten im Bergdorf El Serrat in der Gemeinde Ordino, Spa mit Whirlpool und Sauna, Doppelzimmer mit Frühstück ab 90 Euro, www.hotelniunit.com.
Auch das Hotel Llop Gris in El Tarter ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen, Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 107 Euro, https://llopgris.com/.

Beste Reisezeit
Zum Wandern ab Mitte Juni bis Mitte Oktober.

Veranstalter
Wikinger Reisen bietet in Andorra sowohl individuelle als auch geführte Wanderreisen an, www.wikinger-reisen.de.
Eine Andorra-Rundreise per Bus hat der Veranstalter Eberhardt Reisen im Angebot, www.eberhardt-travel.de/.

Allgemein
Andorra Tourismus,
https://visitandorra.com/de.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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