Bundestags-Serie
AfD-Politiker Münzenmaier: Ich gebe jedem die Hand
„Wir sind inzwischen Volkspartei“, schallt es laut in den Pfälzerwald hinein. Der Redner, der hörbar ein Lautsprechersystem nutzt, ist vom Waldweg, der zur Siegelbacher Grillhütte führt, noch nicht zu erkennen. Jubel brandet auf, als er ruft, es sei „endlich Zeit für rechte Politik“. Das Ziel sei: „Dass Rheinland-Pfalz endlich blau wird.“ Blau, wie die Farbe der Alternative für Deutschland, deren Umfragewerte in diesem Sommer und Herbst nur eine Richtung kennen: nach oben. In der SWR-Umfrage zur Landtagswahl im März 2026 liegt die AfD im Oktober bei 19 Prozent, zehn Prozentpunkte hinter der CDU, aber auch nur vier Prozentpunkte hinter der SPD von Ministerpräsident Alexander Schweitzer.
Auf der Waldlichtung um die Siegelbacher Grillhütte, die sich nun vor dem Reporter auftut, besuchen rund 150 Menschen ein AfD-Grillfest. Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier trifft hier an diesem späten Samstagnachmittag an einem warmen Augusttag Menschen, die seine Partei, die AfD, als Rettungsanker sehen. Sie umringen den 36-jährigen Bundestagsabgeordneten wie einen Popstar, suchen das Gespräch mit ihm und anderen AfD-Politikern.
Laut Verfassungsschutz ist Münzenmaier, der seit 2023 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion im Bundestag ist, eine zentrale Figur des „solidarisch-patriotischen Lagers“ innerhalb der AfD. Diese Strömung soll ideologisch dem thüringischen AfD-Chef Björn Höcke nahestehen, der vom Verfassungsschutz schon seit Längerem als Rechtsextremist eingeordnet wird.
Wer Münzenmaier in Siegelbach zuschaut, kann nichts Extremes an seinem Auftreten feststellen. Der im südpfälzischen Gossersweiler-Stein aufgewachsene Politiker ist die Freundlichkeit in Person.
Die AfD hat das Super-Wahljahr 2026 mit gleich fünf Landtagswahlen fest im Blick. Sie bemüht sich nach Kräften, für noch mehr Menschen wählbar zu sein. Aus der AfD, die Ehrenvorsitzender Alexander Gauland einst einen auf Krawall gebürsteten „gärigen Haufen“ nannte, soll eine Partei werden, der auch Menschen, die sie bisher nicht wählen, zutrauen, staatstragend zu sein und das Land ordentlich zu regieren. Niedrigschwellige „Kennenlern-Angebote“ wie Grillfeste gehören da zur Strategie.
Münzenmaier macht es sichtlich Spaß, mit den Leuten zu sprechen. Und er lässt sich nie zu verbalen Attacken hinreißen, auch wenn sich dazu durchaus Gelegenheit bietet. Denn die Leute sind aufgebracht. Eine Frau zum Beispiel meint, etwas schrill, zu Münzenmaier: „Was ihr da in Berlin aushalten müsst, also ganz großen Dank!“ Ihr Mann fügt hinzu: „Meine Frau war nie politisch, aber jetzt immer mehr, das regt sie auf, wie mit der Alice Weidel umgegangen wird.“ Münzenmaier – er trägt hellblaues Hemd, dunkle Freizeithose und weiße Sneakers – reagiert entspannt: „Alles gut, alles gut, wir sind 151 in der Fraktion, das verteilt sich.“
Der Abgeordnete ist nonstop in Beschlag. Der eine will ein Handyselfie für seinen Whatsapp-Status. „Damit der Nachbar auch sieht, wo ich heute war.“ Ein anderer Grillfestgast will dringend mal „über die Verfassung“ reden. Offenbar ein Reichsbürger.
Wut auf die „Eliten“
Die meisten beteuern, dass sie sich einfach Sorgen um ihr Land machten. Und, was alle eint: Wut auf „die da oben“. „Wie wir belogen werden“, giftet eine Vorderpfälzerin im Gespräch mit dem Reporter. Ein Nachbar am Stehtisch pflichtet bei: „Die Situation, wo jetzt ist, die hat’s früher net gebb.“
Es gibt Kuchen, Bratwurst und Getränke, alles gratis, wer aber spenden möchte, kann das gerne tun. Ein Aufsteller neben einem blauen Partyzeltdach ist noch vom Bundestagswahlkampf übrig geblieben: „Deutschland, aber normal“, steht da. Auch eine Deutschlandfahne steht gehisst neben einem Stehtisch, an dem ein AfD-Funktionär Neumitglieder anwirbt. Ein Beitrittsformular nach dem anderen wird im Laufe des Fests mit Kuli ausgefüllt.
Am Rand des Areals stehen schwarz gekleidete Sicherheitsleute. Einmal kommt kurz auch die Polizei vorbei, spricht mit einem der Ordner und geht dann wieder. Die Atmosphäre ist familiär, nicht wenige kennen sich schon, aber es sind auch Menschen hier, die zum ersten Mal eine AfD-Veranstaltung besuchen. „Ich bin überrascht, dass so viele Leute hier sind“, sagt eine Vorderpfälzerin. Münzenmaier kennt selbst offenkundig auch sehr viele, begrüßt immer wieder Parteifreunde. Kaiserslautern und der Landkreis sind eine Region, wo die AfD bei der Bundestagswahl 2025 starken Zulauf hatte. Im Wahlkreis 208 ist die Partei bei der Bundestagswahl mit 25,8 Prozent bei den Zweitstimmen stärkste Kraft geworden, knapp vor der CDU, klar vor der SPD. Kaiserslautern machte bundesweit Schlagzeilen.
Migration ist Hauptthema
Das eine Thema, das an der Siegelbacher Hütte heute spürbar alle umtreibt: Migration. Das Land gehe kaputt, meint einer. Und fügt sofort hinzu: „Wenn einer mir mit Ausländerhasser oder Rassist kommt, der Schuh passt nicht.“ Unter seinen Freunden sei auch ein „Schwarzer“, der in einem Supermarkt als Sicherheitsmann arbeite. Der habe „ja auch mit ,denen’ zu tun, den ganzen Tag“.
Ist das schon Hetze? Dass die AfD auch Angst einflößt, ist mehrfach zu beobachten. Die Grillhütte ist ein öffentlicher Ort, am Hauptweg laufen wiederholt Menschen vorbei und sehen die AfD-Beachflaggen. Eine dunkelhäutige junge Frau, die mit einer Freundin unterwegs zu sein scheint, erschrickt sichtbar und kehrt gen Parkplatz um.
Daheim in „Gousch“
Am Vortag, es ist ein schwülheißer Freitag, steht Sebastian Münzenmaier wie verabredet um 13 Uhr an der Tankstelle von Gossersweiler-Stein an der L 494. Auf Münzenmaiers Homepage steht „aufgewachsen im Schatten der Reichsburg Trifels mitten im Pfälzer Wald“. In Annweiler hat der 36-Jährige, der für den Wahlkreis Mainz im Bundestag sitzt, Abitur gemacht. Um zu erfahren, wie ihn die Kindheit in der 1400 Einwohner zählenden Doppelgemeinde Gossersweiler-Stein geprägt hat, in die er mit vier Jahren zog, hat die RHEINPFALZ am SONNTAG, angefragt, ob er zu einem Spaziergang vor Ort bereit wäre. War er, sofort.
Los geht’s am Gemeindehaus von „Gousch“, wie Münzenmaier den seit 1970 bestehenden Doppel-Ort aus Gossersweiler und Stein nennt. Hier im Jugendraum der Gemeinde hat der Sohn zweier Lehrer viel Zeit verbracht. Damals, als er gern Colakracher beim Dorfbäcker kaufte. Und als er bei den Kaiserbachmusikanten Trompete spielte.
Die engen Straßen sind in der Mittagszeit fast wie leer gefegt. Ab und zu fährt jemand an den beiden Spaziergängern vorbei, meistens kennt Münzenmaier die Person und umgekehrt. „Das ist der Christian“, erläutert er und winkt dem „Gouschler“ Mitbürger. Zu selten sei er daheim, gibt er zu. Wobei er gerade erst zu einer Veranstaltung da war und auch sonst regelmäßig in der Region ist. Eine Sommertour hat ihn zusammen mit anderen AfD-Politikern in verschiedene Pfälzer Gemeinden geführt. Das Angebot sei bewusst „niedrigschwellig“, gut 100 Leute kämen da in der Regel.
Auf Facebook darf es „krachen“
Wir laufen in der Mittagshitze auch den Hügel zu Münzenmaiers Grundschule, die oberhalb von Stein liegt. Hier wird das Gespräch ernster. Denn es geht um eben jene sozialen Medien, wo der Politiker, ob auf X oder Facebook, sehr präsent ist und auch anders klingt als in diesem meist nachdenklichen Gespräch. Da ist der Ton auf Attacke gepolt. Im Juli kritisiert Münzenmaier zum Beispiel in einem Video die Politik, abgeschobenen Afghanen ein Handgeld von 1000 Euro zu zahlen. „Mit uns flögen jeden Tag Abschiebeflieger nach Afghanistan. Alle raus“, so der Bundestagsabgeordnete. Mit der AfD wäre „nach 15 Tagen hier Ruhe“.
Ob dieser Ton nicht eben den Diskurs vergifte und zu genau der Polarisierung führe, die er selbst beklage? „Ich würde widersprechen. Und sagen: Da muss es auch mal krachen.“ Das gehöre zum Geschäft und so funktionierten eben auch die sozialen Medien: Zuspitzung bringt Klicks.
„Ist die AfD die Ursache oder ist es so, dass ihr Aufstieg ein Ausdruck der Lage ist?“, fragt Münzenmaier und meint, es sei eben nötig, die Dinge klar anzusprechen. Noch ein Beispiel: Den Mainzer Innenminister Michael Ebling (SPD) attackiert Münzenmaier in einem Video, weil dieser erklärt hat, keine AfD-Mitglieder mehr in den Staatsdienst lassen zu wollen – eine Aussage, von der Ebling dann wieder zurückgerudert ist. Da ätzt Münzenmaier: „Ebling, du hast dich völlig verrannt, (...), du kannst deinen Job einfach nicht.“ Hat der AfD-Fraktionsvize den Minister verächtlich gemacht? „Nein“, findet Münzenmaier. „Wir lassen uns nicht alles gefallen. Wir sind auch nicht in der Opferrolle“, fügt er hinzu. Bei aller Auseinandersetzung wolle er stets sagen können: „Ich grüße jeden, ich gebe jedem die Hand.“
Remigration? „Nur kriminelle Ausländer“
Der Spaziergang geht bergab zurück gen Gossersweiler. Grüne Wiesen, so weit das Auge reicht. Ein kleines Gewerbegebiet gibt es auch. Zeit für die Gretchenfrage: „Hier ist es idyllisch, die großen Städte wie Ludwigshafen oder Mainz mit ihrer migrantisch geprägten Bevölkerung sind weit weg. Warum haben 33,2 Prozent in Gousch bei der Bundestagswahl die AfD gewählt?“ Zumal diese gar nicht im Gemeinderat vertreten ist, bei der Kommunalwahl trat sie nicht als eigene Liste an. „Im Ort geht es nicht um die politische Farbe. Wichtig ist der Bezug zum Ort“, so Münzenmaier und fügt hinzu: Es gebe schon auch Angst und Probleme, die mit der Migration zusammenhängen. Ein Polizeieinsatz in der Lindelbrunnstraße hat die Dorfbewohner schockiert. Es kursieren dazu verschiedene Versionen. In der RHEINPFALZ steht dazu: Laut Polizei hat ein 29-jähriger Türke im Juni eine Escortdame vergewaltigt.
Ein Fall für die Remigration, also die Rückführung ins „Herkunftsland“? So mancher AfD-Anhänger wünscht sich das. Münzenmaier, der sein politisches Engagement in der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ begann, ehe er 2013 zur AfD stieß, beantwortet die Frage nach Migrationsgrenzen und Abschiebungen so: „Das Land verändert sich. Die große Mehrheit ist nicht d'accord damit. Es gibt eine Sorge, dass etwas verloren geht. Zuwanderung ja, aber es muss Grenzen geben.“ Und wo sind die? Heißt Remigration, dass auch Menschen, die hier legal wohnen, aber keine Deutschen sind, ausreisen müssen? Dass auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund ausgebürgert werden? „Nein, auf gar keinen Fall. Wir meinen Illegale, kriminelle Ausländer und jene Ausländer, die sich überhaupt nicht integrieren wollen.“
Großer Fan des 1. FCK
Die Migration sei einerseits als junger Erwachsener sein Hauptgrund gewesen, sich politisch zu engagieren. Zu Menschen mit Migrationshintergrund habe er aber selbst auch als Jugendlicher schon Kontakt gehabt – als Fußballspieler und Fan des FCK, der regelmäßig in der Westkurve stand.
Als Betze-Fan war er freilich auch 2011 in einer Attacke auf Mainz 05-Fans verwickelt. 2018 wurde er deswegen zu einer Bewährungsstrafe wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung verurteilt.
Der Spaziergang endet am Gossersweilerer Sportplatz. Von hier ist tatsächlich hinter den Hügeln um den Ort der Trifels zu sehen. Hier hat Münzenmaier bis zur A-Jugend gespielt. Er war Libero. „Nicht der Schnellste“, fügt er lachend hinzu. Mit leuchtenden Augen blickt der 36-Jährige auf den gut gemähten Rasenplatz und meint: „Wenn man hier aufwächst, dann schafft das so ein Urvertrauen.“
„Brandmauer fällt“
Nach dem Zivildienst begann Münzenmaier ein Jurastudium, das er nach sechs Jahren 2016 abbrach. Eine Ausbildung als Versicherungs- und Finanzanlagenfachmann absolvierte er parallel und machte in der AfD zügig Karriere. Erst Landtagsfraktionsgeschäftsführer in Mainz, dann seit 2017 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Mainz.
Wie geht es in Zukunft weiter? Am Sportplatz noch erklärt der 36-Jährige, dass er glaubt, die „Brandmauer“ der Union zur AfD werde fallen. „Der Tag wird kommen. Und man kann mit uns verhandeln. Wir werden dabei Kompromisse eingehen müssen.“ Das verlange der „gesunde Menschenverstand“. Wer sind die Partner? „Wir spinnen Kontakte.“ Konkreter will Münzenmaier nicht werden.
Anfang November. Münzenmaier spricht in einem abschließenden Telefonat für diese Recherche über die Stadtbild-Debatte und auch den Eklat um ein Aufeinandertreffen von AfD-Anhängern und -Gegnern im nordpfälzischen Gauersheim. „Ich war persönlich nicht dabei“, betont er. Aber er sei geschockt über die einseitige Berichterstattung. Es habe „unschöne Szenen“ der „Gegenseite und des Bürgermeisters“ gegeben, aber er wolle betonen: Es gebe ein ernst gemeintes Angebot der AfD, mit Gegnern zu diskutieren, das sei aber nicht angenommen worden.
„2026 Sieg in Sachsen-Anhalt“
Reiner Schlesser, der parteilose Bürgermeister von Gauersheim, hingegen spricht von Einschüchterung der AfD-Gegner. Vorher schon hatte er sich kritisch zum „Treffpunkt Nordpfalz“ geäußert, den die AfD in dem 650-Einwohner-Ort eingerichtet hat. „Viele Menschen hier haben Angst“, so Schlesser.
„Der Diskurs muss möglich sein“, sagt Münzenmaier im Telefonat und betont, dass es normal sein müsse, dass die AfD in Gauersheim Flagge zeige. Sie hat zwei der zwölf Sitze im Gemeinderat.
Stichwort Stadtbild-Debatte: Zeige sich hier, dass die CDU in der Migrationsfrage dasselbe wolle wie die AfD? „Es zeigt, wie weit Teile der CDU von Teilen der SPD entfernt sind“, meint Münzenmaier und prophezeit, dass die aktuelle Koalition nicht die ganze Legislatur halten werde. „Die Rufe werden lauter nach einer Minderheitsregierung“, so der Pfälzer, der seine Partei bald in Regierungsverantwortung sieht. „Mit Sicherheit in Sachsen-Anhalt 2026.“
Die Serie
Seit März läuft die Legislaturperiode des neuen Bundestags. 31 Rheinland-Pfälzer sind dabei. Was werden diese neu gewählten Abgeordneten für ihre Heimat tun? Und warum? Was treibt sie an? Porträthafte Hintergründe über Politiker der vier stärksten Parteien geben Aufschluss. Dies ist Folge 4 einer losen Serie. Am 6. August erschien: „Risiko-Patient LU“ (Armin Grau, Grüne), am 30. August: „Politik, die konkret wird“ (Matthias Mieves, SPD), am 11. Oktober „Der Bauernfreund“ (Johannes Steiniger, CDU).
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.