Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel 140 Jahre Schuhproduktion: Zebra-Plateauschuhe und Röntgenapparate für Füße

Skurril muten diese Fußmessgeräte, Pedoskope, aus den 1930er- und 1950er-Jahren an. Dort wurden die Füße hineingestellt, um per
Skurril muten diese Fußmessgeräte, Pedoskope, aus den 1930er- und 1950er-Jahren an. Dort wurden die Füße hineingestellt, um per Röntgenstrahlen zu messen, wie sie im Schuh positioniert sind.

Ende Mai feiert Hauenstein die Gründung der ersten Schuhfabrik im Ort vor 140 Jahren. Den Auftakt macht das Deutsche Schuhmuseum, Ort für viele Entdeckungen.

Es ist beinahe so, als höre man das Rascheln des Papiers, das die Kartons einhüllt, sehe den Fadenroller sich drehen, der das Paket mit den feinen Spangenschuhen auf der Ladentheke kunstvoll verschnürt. Vielleicht benötigte die Kundin noch Zubehör. Schuhcreme, Lederfarbe, Bürste oder Schuhlöffel. Alles da. Und fast wie neu, obwohl manches gute Stück schon Zeuge eines Jahrhunderts ist. Schuhe und Zubehör der Firma Salamander stammen aus der Zeit der 1930er- bis 1950er-Jahre, die Papier- und Bindfaden-Abroller aus den 1920er-Jahren. Und das mit Firmenlogo bedruckte Packpapier gehörte 1969 zum Schuhhaus Fuchs in Speyer, das damals sein 35-jähriges Bestehen feierte. Mosaiksteine der Zeitgeschichte, die sich hier, im nachgebauten Schuhgeschäft des Deutschen Schuhmuseums, zu einem Bild fügen, das im nächsten Moment lebendig zu werden scheint.

Es sind Details und Besonderheiten wie diese, die zum Entdecken einladen auf den drei Ebenen des Museums. Sei es das Schild über den alten Maschinen, das den Arbeiter ermahnt, seinen Vordermann zu kontrollieren; seien es die Werbe-Litfaßsäule oder die hohen Zebra-Plateauschuhe, die mutige Frauen anprobieren können. Oder sei es jene Apparatur, in die noch bis in die 1960er-Jahre große und kleine Füße hineingesteckt wurden, um mittels Röntgenstrahlen vermessen zu werden.

Lurchi für Kinder

Besonderheiten wie diese lassen auch Schuhfachleute aus aller Welt erstaunen, die Carl-August Seibel, der Vorsitzende des Museums-Stiftungsrates, oft durch die weitläufigen Etagen führt. Auch der Hauensteiner Unternehmer, selbst groß geworden neben der elterlichen und allerersten Schuhfabrik im Ort, hat sich noch nicht sattgesehen an all den Dingen, die Unternehmen, Vereine und Privatleute dem Museum über Jahrzehnte überlassen haben. Und manches ist eben auch am eigenen Fuß erlebte Schuhgeschichte. Mit dem Feuersalamander Lurchi, Markenzeichen der gleichnamigen Kinderschuhe von Salamander, ist auch Carl-August Seibel groß geworden, Lurchi-Figuren, Heftchen und das Karussell im Schuhgeschäft bleiben ihm, Jahrgang 1958, in Erinnerung. Es war die auslaufende Blütezeit jenes Schuhunternehmens aus Kornwestheim, das einst Europas größter Hersteller war mit 18 Produktionen in den 1960er-Jahren. Allein in der Südwestpfalz gab es fünf, von denen die letzte in Vinningen 2003 schloss, weil die Muttergesellschaft ins Insolvenzverfahren rutschte. „Lurchi“-Kinderschuhe gibt es zwar noch, aber längst entstehen sie im Ausland.

Auferstanden aus der Resognation

Salamander ist nur ein Beispiel für Aufstieg und Niedergang der deutschen Schuhindustrie, die in der Pfalz in der Blütezeit der 1960er-Jahre über 30.000 Menschen beschäftigte, vor allem in Pirmasens und Hauenstein. Allein über 3000 arbeiteten damals in 35 Hauensteiner Schuhfabriken. Als eine nach der anderen schloss, weil sie der Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr gewachsen waren, versank eine ganze Region in Arbeitslosigkeit und Resignation. Tristesse überall – so formulierte es Willy Schächter, der 1986 Ortsbürgermeister wurde. Er wollte nicht resignieren, sondern seiner Heimatgemeinde eine neue Perspektive geben. Und so sammelte der Lehrer Gleichgesinnte um sich, knüpfte ein großes Netzwerk über die Region hinaus, sicherte sich fachliche und politische Unterstützung. Und seine Vision wird Realität: 1996 wurde das kommunale Schuhmuseum eingeweiht.

Die Gemeinde ist bis heute Eigentümerin des Gebäudes, Träger ist aber seit 2004 eine Stiftung aus Gebietskörperschaften, seit 2007 ist auch der Bezirksverband Pfalz im Boot.

Gezeigt wurde im neuen Museum die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen, ausgestellt wurden zig Schuhe und Maschinen. Über 10.000 Objekte beherbergte das Museum zeitweise. Sammlungen zogen ein. 2004 jene von Ernst Tillmann, der als Handelsvertreter Tausende Schuhe aus zwei Jahrtausenden und fünf Kontinenten sammelte. Oder 2018 die Schuh-Muster-Kollektion von Salamander mit über 4000 Paaren und Einzelschuhen. Eifriger Sammler war auch Willy Schächter, der die Einrichtung leitete, bis 2017 Carl-August Seibel übernahm. Seit 2011 ist ebenfalls das Pfälzische Sportmuseum dort untergebracht, das renoviert wird und im nächsten Jahr wieder eröffnen soll.

„Wunderschöne weiße Schachtel“

Doch nicht nur das Innere des Museums, auch seine Hülle ist einen genauen Blick wert. Denn eingerichtet wurde es in einem Gebäude, das selbst Denkmal ist: in der ehemaligen Schuhfabrik Schwarzmüller, 1929 erbaut im funktionalen Stil der Bauhaus-Epoche. Als „wunderschöne weiße Schachtel“, in der die Geschichte der Schuhindustrie wohlverpackt sei, bezeichnete 1996 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ das Museum. Eine gern zitierte Feststellung, die sich auch widerspiegelt in Preisen für das Museum. Darunter 2019 die Auszeichnung als „Nationales Projekt des Städtebaus“, womit eine Förderung für die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses verbunden war. Gekostet hat diese etwa 1,6 Millionen Euro. Ohne Fördermittel, vor allem ohne ehrenamtliches Engagement der Mitarbeiter und weiterer Helfer beim Renovieren sei das nicht zu stemmen gewesen, blickt Seibel zurück. Überhaupt wird mit wenigen Menschen und Mitteln viel bewegt: Zwei Halbtagskräfte plus Aushilfen stemmen den Sieben-Tage-Betrieb. Denn das Budget, aus dem auch Sonderschauen finanziert werden, liegt bei 250.000 Euro pro Jahr; davon sind etwa 150.000 Euro Zuschüsse und 100.000 Euro Einnahmen durch jährlich etwa 10.000 Besucher.

150 Paar Promi-Schuhe

Das modernisierte Museum wurde 2022 eröffnet: heller, lichter und mit mehr Raum für das historische Gebäude. Die Dauerausstellung wurde dafür reduziert und neu konzipiert. Etwa 700 Paar Schuhe sind zu sehen, auch nach Themenfeldern geordnet. Ein kleiner Teil nur: Weitere 9000 Einzelstücke und Paare sind im Exponatenlager und digitalisiert sichtbar. Hinzu kommen etwa 50 Paar der insgesamt 150 Paar Prominentenschuhe, die rollierend ausgestellt werden. Von den über 200 alten Schuhmaschinen ist etwa die Hälfte zu sehen, die großteils funktionieren. Darüber hinaus werden Besucher eingebunden, an Mitmach-Stationen spielerisch informiert. Aber auch Schattenseiten erhalten Raum: die Enteignung jüdischer Unternehmer durch die Nationalsozialisten, Krieg, Zwangsarbeit.

Das größte Objekt erwartet Besucher am Eingang. Dort steht in einem Glas-Kubus der über sieben Meter lange Riesen-Schuh, den das Hauensteiner Handelsunternehmen Schuh Marke fertigen ließ. Marke gehört wie Seibel zu den Vorreitern der Schuhmeile, die Anfang der 2000er-Jahre entstand. Zwischen Schuhmeile und Museum liegt die Gläserne Schuhfabrik Josef Seibel. Dort schließt sich ein Kreis: Besucher können die Gegenwart der Schuhproduktion erleben.

Die Unternehmer Seibel haben 1886 die Schuhindustrie im Ort begründet und deren Niedergang als Einzige überlebt. Auch ihre Schuhe werden heute zum Großteil im Ausland produziert. Doch in der 2004 eröffneten Gläsernen Produktion fertigen etwa 30 Mitarbeiter täglich noch 200 bis 250 Paar Schuhe „made in Germany“ – Barfußschuhe, Sneaker, Hausschuhe. In der ganzen Produktion lassen sie sich über die Schulter schauen. Am Zuschneidetisch ebenso wie an der Steppmaschine oder bei der Handnaht. Viele Arbeitsschritte sind nötig, bis Schuhe fertig sind – bei Sneakern etwa 200 pro Paar. Handwerk, das bis heute lebt.

Die Feierlichkeiten

Das erste Jubiläum, die Gründung der Hauensteiner Schuhindustrie 1886, feiert Hauenstein vom 29. bis 31. Mai mit dem dreitägigen Schuhmachermarkt. Auftakt ist am 29. Mai am und im Deutschen Schuhmuseum, das unter anderem zur Langen Museumsnacht einlädt. Am Samstag und Sonntag gibt es dann im Ort und auf der Schuhmeile viel Programm. Am 14. Juni feiert das Deutsche Schuhmuseum seinen 30. Geburtstag mit einem Tagesprogramm für die ganze Familie.

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Als „wunderschöne weiße Schachtel“ wurde das Deutsche Schuhmuseum bei seiner Eröffnung 1996 bezeichnet wegen des Bauhaus-Stils d
Als »wunderschöne weiße Schachtel« wurde das Deutsche Schuhmuseum bei seiner Eröffnung 1996 bezeichnet wegen des Bauhaus-Stils des Gebäudes.
Drinnen im Schuhmuseum sind etwa 3500 Exponate auf drei Etagen über mehr als 1800 Quadratmeter ausgestellt.
Drinnen im Schuhmuseum sind etwa 3500 Exponate auf drei Etagen über mehr als 1800 Quadratmeter ausgestellt.
Von der Schuhcremedose bis zum Packpapier: Nicht nur im nachgebauten Schuhgeschäft lassen sich viele Originale entdecken.
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Sogar altes Garn gibt es noch, mit dem in den Schuhfabriken die Stepperinnen nähten.
Sogar altes Garn gibt es noch, mit dem in den Schuhfabriken die Stepperinnen nähten.
 In der Gläsernen Schuhfabrik von Josef Seibel können Besucher durch die Produktion gehen und Mitarbeitern über die Schulter sch
In der Gläsernen Schuhfabrik von Josef Seibel können Besucher durch die Produktion gehen und Mitarbeitern über die Schulter schauen.
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