Pfalz
Ärger um Glasfaserausbau: Erst die Pfälzerwaldhütten, dann die Dörfer?
Die Siebeldinger Hütte des Pfälzerwald-Vereins liegt ziemlich weit ab vom Schuss: 13 Kilometer von dem Weinort an der Weinstraße entfernt im Siebeldinger Wald, zwischen Eußerthal und dem Taubensuhl. Vom eh schon abgelegenen Dorf Eußerthal ganz im Westen des Landkreises Südliche Weinstraße sind es nochmal 3,3 Wanderkilometer nahe der L 505, die als Sackgasse durch den Wald zum Forsthaus Taubensuhl führt. Der Weg zur Siebeldinger Hütte, 45 Minuten Fußmarsch, führt vorbei an Forellenweihern und an einem Bach entlang, 145 Höhenmeter sind zu überwinden. Wer unter der Woche oder samstags an dem Holzbau im Wald ankommt, steht vor verschlossener Tür.
Die Ausflugshütte wird nur einmal pro Woche bewirtschaftet von der Ortsgruppe Siebeldingen-Birkweiler des Pfälzerwald-Vereins mit ihren 175 Mitgliedern und vielen Freiwilligen. Der Betrieb lohne sich nur sonntags und an Feiertagen, sagt Brigitte Theobald, Vorsitzende der Ortsgruppe, also an gut 50 Tagen im Jahr – ab Weihnachten bis Ende Januar ist Winterpause. Auf der Karte stehen „Flääschknepp“ und Servelat, „Handkees“ und Bratwurst. „Eine schöne Hütte“, sagt der Siebeldinger Ortsbürgermeister Peter Klein, „aber man muss schon gezielt hinwollen.“ Denn die Hütte liege abseits der Hauptwanderwege und der beliebten Knotenpunkte. Immerhin: Eine Bushaltestelle gibt’s an der L 505, 15 Minuten Fußweg.
Der Auftrag ist schon vergeben
Demnächst wird genau diese Siebeldinger Hütte Hochgeschwindigkeitsinternet bekommen, Gigabit-Internet also, – wohl Jahre vor den 1100 Einwohnern im Weinort Siebeldingen. Der Glasfaseranschluss der Deutschen Telekom für die Hütte wird dem Vernehmen nach über 400.000 Euro teuer, auch wenn die Zahl niemand offiziell ausspricht. Dafür gibt’s dann ein Glasfaserkabel, das nur für die Hütte über 3,3 Kilometer durch den Wald verlegt wird. Die Deutsche Telekom veranschlagt auf Nachfrage – und nicht auf das konkrete Projekt bezogen – 85 Euro pro Meter als Standard-Ausbaukosten im Wald. Mit der Ergänzung: In Waldgebieten sei mit „vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit“ auch mit höheren Meterpreisen aufgrund von Topografie und Bodenbeschaffenheit zu rechnen.
Fakt ist: Der Auftrag ist vergeben. Bezahlt wird das Ganze zu 50 Prozent vom Bund, zu 40 Prozent vom Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent vom Kreis Südliche Weinstraße.
Ortsbürgermeister: „Das hat niemand beantragt.“
Erfahren, dass die Hütte ihres Pfälzerwald-Vereins Glasfaser bekommen wird, hat Brigitte Theobald in der zweiten Jahreshälfte 2025 per Schreiben vom Landkreis. Darin stand: Der Ausbau wird komplett bezahlt und bald starten. Die Vorsitzende fiel aus allen Wolken. Beantragt hatte die Ortsgruppe das nicht. Vor dem Förderbescheid etwas von den Plänen gehört hatte der Pfälzerwaldverein auch nicht. Der Siebeldinger Ortsbürgermeister Peter Klein sagt Ähnliches: „Das hat niemand beantragt. Es gibt dazu auch keinen Gemeinderatsbeschluss. Man hat uns informiert. Wir nehmen das zur Kenntnis.“ Klein ergänzt: „Wir hätten das Geld lieber genommen und in den Glasfaserausbau in Siebeldingen gesteckt.“ In dem Weinbauort an der vielbefahrenen B 10 zwischen Landau und Pirmasens stockt der Glasfaserausbau genauso wie im benachbarten Birkweiler und vielen anderen Orten in der Pfalz. Ein Anbieter, die Deutsche Glasfaser, hat sich zurückgezogen.
„Idiotisch“, „hirnrissig“, „Quatsch“
Wird denn Gigabit-Internet in der Siebeldinger Hütte mit ihrem reinen Sonntagsbetrieb gebraucht? Nein, sagt die Vorsitzende. Es sei denn, es gebe irgendwann mal die Auflage, dass die Kasse mit dem Internet vernetzt sein muss. Natürlich sei eine Anbindung ans Datennetz kein Schaden, räumt sie ein. Aber: „Jeder im Verein sagt, das ist rausgeschmissenes Geld.“
Das sei jedenfalls das Stimmungsbild in der Mitgliederversammlung Ende März gewesen. Zwar ist die derzeitige Telefonverbindung per Kupferkabel in der Siebeldinger Hütte nicht gerade die stabilste, aber deshalb einige 100.000 Euro in Hochgeschwindigkeitsinternet zu investieren, auf diese Idee wäre der Verein nie gekommen. Idiotisch“, „hirnrissig“, „Quatsch“, lauteten Kommentare aus dem Verein, so die Vorsitzende.
Was die Pfälzerwäldler in ihrer Hütte tatsächlich brauchen würden, wäre eine Stromleitung. Derzeit werde die Hütte per Generator und Heizöl mit Strom versorgt. „Wer weiß, wie lange das noch erlaubt ist“, sagt die Vorsitzende. Doch die Idee, bei der Glasfaserverlegung durch den Wald gleich auch ein Stromkabel zur Siebeldinger Hütte in den Boden zu packen, hat sich – zunächst – zerschlagen – trotz mehrerer Gespräche des Ortsbürgermeisters mit den Zuschussgebern und den Pfalzwerken.
Das Hoffen auf eine Stromleitung
Würde mit dem Glasfaserkabel auch eine Stromleitung an die Hütte gelegt, müsste der Verein nämlich die Hälfte der Kosten des reinen Trassenbaus übernehmen, was über 100.000 Euro wären, wenn nicht mehr, plus 80.000 Euro für die Stromleitung. Es sei vielleicht denkbar, sagt Brigitte Theobald, die Kosten für den Strom über Spenden aufzubringen. Allerdings funktioniere das nicht mehr so gut, wenn man als Verein so kurzfristig von seinem baldigen Glasfaserglück erfahre. Die Kosten für die Trasse seien sicher nicht zu stemmen. Und die Gemeinde habe kein Geld, um da einzuspringen, stellt der Ortsbürgermeister klar. Eine Hoffnung gibt es aber noch. In dieser Woche teilte die Kreisverwaltung unserer Zeitung mit: „Mitte März wurden wir (...) vom Verein schriftlich darum gebeten, uns an den Kosten für die Stromverlegung zu beteiligen. Dies wird aktuell geprüft.“
Glasfaser für die Madenburg: „Es ist Wahnsinn.“
Siebeldingen ist nicht der einzige Ort an der Südlichen Weinstraße, wo man sich derzeit über den teuren Gigabit-Ausbau im Pfälzerwald wundert. Weil auch die Madenburg bei Eschbach, die als Burgruine weithin sichtbar über dem Weinort thront, auf Kosten von Bund, Land und Kreis Glasfaser für mutmaßlich Hunderttausende von Euro verlegt bekommt, ist Ortsbürgermeister Frank Laux fassungslos. „Jetzt wird das Ding gebaut. Es ist nicht zu erklären“, sagt der Ortsbürgermeister. Er habe beruflich in einer Verwaltung mit dem Ausbau von Glasfaser zu tun und könne die enormen Kosten für den Madenburg-Anschluss daher abschätzen: „Es ist Wahnsinn. Ich brauche auf der Madenburg keinen Glasfaseranschluss.“ Selbst ein Bundestagsabgeordneter habe ihm gegenüber von Geldverschwendung gesprochen.
Der Ortsbürgermeister versteht nicht, warum man für die Burg nicht auf viel billigere kabellose Lösungen wie Richtfunk zurückgreift. Eschbach sei so gut mit Hochgeschwindigkeitsinternet versorgt, dass er vom Rathaus aus ein Gigabit auf die Madenburg „schießen“ könnte. Dem Vernehmen nach werden die Ausbaukosten auch für die Madenburg auf über 400.000 Euro geschätzt.
Madenburgwirt: Auf schnelles Internet angewiesen
Sven Buchwald, Wirt der Madenburg-Gaststätte, hat auf der Burg derzeit Satelliten-Internet über Elon Musks Starlink gebucht. Er sei auf schnelles Internet angewiesen, sagt er, daher sehe er den Glasfaser-Ausbau sehr positiv. Auch die Pläne, die der Madenburgverein habe, seien ohne schnelles Internet nicht umzusetzen. Wie die RHEINPFALZ schon 2024 berichtete, ist die Madenburg Teil des Projekts „Burgen am Oberrhein“. Geplant sind demnach ein 3D-Tastmodell, eine Schatzsuche-App sowie Social Media-Maßnahmen. Der kostenlose Glasfaser-Ausbau auf der Burg sei nun einmal beschlossen, und dagegen wehre er sich nicht, sagt Wirt Buchwald. Ganz im Gegenteil: „Das spielt uns in die Karten.“
Milliarden Euro schweres Programm
Gratis-Glasfaseranschluss für Hütten und Burgen, stockender Ausbau in Städten und Dörfern. Dieser Widerspruch begründet sich in der Natur der Digitalisierungsanst rengungen in Deutschland. Siebeldinger Hütte und Madenburg sind da keine Sonderfälle, sondern Teil eines Milliarden Euro schweren staatlichen Programms gegen Weiße Flecken bei der Gigabit-Versorgung, das seit 2015 läuft. Hintergrund: Grundsätzlich ist der Netzausbau in Deutschland privatwirtschaftlich organisiert. Was bedeutet: Gemeinden und Städte verhandeln mit Telekommunikationsanbietern, die den Ausbau in Angriff nehmen, sobald sich das für sie rentiert. Konkurrenz belebt das Geschäft, sorgt aber auch für Riesenprobleme, wenn Glasfaser-Anbieter ihren Versprechen und Verpflichtungen nicht nachkommen. (Ein aktuelles Beispiel finden Sie hier: Das lange Warten aufs schnelle Internet: Warum der Glasfaserausbau im Kreis Kusel stockt.)
Für abgelegene Bereiche, in denen ein Ausbau von vornherein als unrentabel eingeschätzt wird, gibt es das Weiße-Flecken-Programm mit 90 Prozent Zuschuss von Bund und Land bei zehnprozentiger Beteiligung der Kreise oder kreisfreien Städte. Rund 550 Millionen Euro wurden und werden so allein in Rheinland-Pfalz gegen die weißen Flecken investiert, weitere 877 Millionen im Graue-Flecken-Programm.
Das Programm hilft Kommunen beim Ausbau des Netzes in Exklaven, für Aussiedlerhöfe oder in Randlagen, auch für Einrichtungen wie fernüberwachte Wasserhochbehälter. Insgesamt macht es Hochgeschwindigkeitsinternet an Zehntausenden Adressen in der Pfalz möglich. Und das begünstigt eben auch Pfälzerwaldhütten und Burgen, zumindest in den beiden vom Land sogenannten „Cluster“-Projekten der Landkreise Südliche Weinstraße und Südwestpfalz. Beide haben Burgen und Hütten ins Förderprogramm aufgenommen.
Chance für besseres Mobilfunknetz
In der Südwestpfalz – wo es kreisweit rund 1200 „weiße Flecken“ gab – profitieren laut der Kreisverwaltung in Pirmasens die Pfälzerwaldhütten Hohe List (Eppenbrunn), die Dahner Hütte im Schneiderfeld, die Hütte am Schmalstein in Bruchweiler-Bärenbach, die Gräfensteinhütte in Merzalben sowie die Burg Berwartstein. Von deren Anschluss erhoffe man sich neben dem Nutzen für die Vereine auch eine bessere Mobilfunk-Infrastruktur im Pfälzerwald, sagte die Landrätin des Kreises Südwestpfalz, Susanne Ganster (CDU), im vergangenen Jahr, als die Pläne für die Südwestpfalz vorgestellt wurden. (Mehr dazu hier: Pfälzerwald-Hütten bekommen schnelles Internet.) Glasfaser auf Hütten könne den Bau neuer Mobilfunkmasten in der Nähe erleichtern, erläuterte die Kreisverwaltung der RHEINPFALZ am SONNTAG. Eine Richtfunk-Verbindung sei dagegen „oftmals nicht zielführend beziehungsweise aufgrund der Topographie schwierig“, heißt es in Pirmasens.
„Internet ist keine Komfortfrage mehr“
„Die Pfälzerwaldhütten und Burgen haben aufgrund ihrer Bedeutung als Kulturerbe eine besondere Relevanz.“ – So begründet das Digitalisierungsministerium in Mainz die Aufnahme der Hütten ins Weiße-Flecken-Programm. Der Pfälzerwald-Dachverein sieht das ähnlich, wie Geschäftsführer Valentin Heyl der RHEINPFALZ am SONNTAG mitteilt: „Stabiles, zuverlässiges Internet ist heute keine Komfortfrage mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für den Fortbestand unserer Hütten: Kassensysteme und EC-Kartenzahlung, die Kommunikation unserer ehrenamtlichen Hüttenwarte und im Ernstfall auch Notrufe über das Internet – all das hängt an einer funktionierenden Verbindung. Was unseren Hütten zugutekommt, begrüßen wir.“
Im Kreis Südliche Weinstraße haben sich einige Betreibervereine stark frequentierter Hütten ausdrücklich für einen Glasfaseranschluss eingesetzt. (Die Geschichte der Nello-Hütte bei Rhodt, für die laut Kreisverwaltung Südliche Weinstraße inzwischen der Ausbau-Auftrag ergangen ist, können Sie hier nachlesen: Ärger auf der Nello-Hütte: Leerrohre für Glasfaser bleiben leer.) Der Kreisverwaltung zufolge ist der Ausbau für 23 Pfälzerwald-Hütten in Planung oder in Arbeit – oder bereits abgeschlossen: 15 verfügten schon über Glasfaser-Internet. Auch eine ungenannte Anzahl Burgen erhält einen Gigabit-Anschluss. Für die Burg Trifels bei Annweiler liegt der Förderbescheid jedenfalls vor. Hier ist hinter vorgehaltener Hand von 500.000 Euro Kosten die Rede.
Medizinischer Notfall im Wald
Es gehe darum, „eine zukunftssichere Infrastruktur zu schaffen“, teilt die Kreisverwaltung mit. „Auch im Pfälzerwald, der für zahlreiche Menschen ein Ort ist, an dem sie sich gerne aufhalten. Für die Wanderer ist es nicht nur bequem, auf der Hütte beziehungsweise rund um die Hütte Mobilfunkversorgung zu haben. Es kann auch Sicherheitsaspekt sein. Dies hat unlängst ein Vorfall an einer Hütte auf Kreisgebiet im Pfälzerwald gezeigt, bei dem schlechte Netzabdeckung nach einem gesundheitlichen Notfall zur Herausforderung wurde.“
Alle sozioökonomischen Vorteile des Glasfaser-Ausbaus für Hütten und Burgen zugestanden: Warum bekommt auch die 50 Tage im Jahr geöffnete Siebeldinger Hütte ungefragt Glasfaseranschluss für viel Steuergeld, obwohl das niemand wollte? Wer hat das entschieden?
„Die Vergabeentscheidungen werden von den Fördermittelempfängern getroffen. In Rheinland-Pfalz sind es regelmäßig die Kreisverwaltungen“, meldet das Digitalisierungsministerium. Die Kreisverwaltung Südliche Weinstraße sagt: „Der Landkreis legt gemeinsam mit den Verbandsgemeinden fest, welche Adressen im jeweiligen Förderaufruf berücksichtigt werden sollen. Die Ausschreibung erfolgt dann – nach entsprechenden Beschlüssen in den Kreisgremien – für das jeweilige Gesamtprojekt.“ Die Kreisverwaltung vergleiche „bereits in der Angebotsphase ausschließlich die Gesamtprojektkosten und nicht die Kosten für einzelne Adressen“.
Kosten/Nutzen: Keine Ahnung
Die Siebeldinger Hütte mit Glasfaser zu versorgen, sei „eine Option für die Ortsgemeinde“ gewesen, keine Verpflichtung, sagt die Kreisverwaltung. Nach Informationen der RHEINPFALZ am SONNTAG sah die Absprache so aus: Den Verbandsgemeinden wurden Listen von Adressen vorgelegt, die kostenlos Glasfaseranschluss erhalten – mit der Bitte, Adressen zu streichen, wenn dort der Ausbau nicht erwünscht sei. Nicht informiert wurde über die Kosten. Ob die Kosten in Relation zum Nutzen stehen, blieb somit völlig offen. Aus betroffenen Gemeinden ist zu hören: Welches Dorf hätte da denn nein gesagt?
Befragt zu billigeren Lösungen als Glasfaser lässt der Kreis Südliche Weinstraße wissen: „Starlink ist ein privates Unternehmen, bei dem Einzelne die Kontrolle über Infrastruktur haben. Richtfunk kann in Einzelfällen eine Übergangslösung sein, ist aber auch nicht frei von Kritik hinsichtlich technischer, umweltbezogener und struktureller Aspekte.“
Homeoffice im Wald?
Der Siebeldinger Ortsbürgermeister Peter Klein sieht das Ganze inzwischen mit einer Portion Sarkasmus. Mit Blick auf den ausbleibenden Glasfaser-Ausbau im Ort und den bereits in Auftrag gegebenen Ausbau auf der Siebe ldinger Hütte sagt er: „Dann machen wir da oben Homeoffice.“
Kommentar: Glasfaser gratis? Wer kann da schon nein sagen?
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
