Bundestagswahl
Was die Pfälzer von der Politik wollen – RHEINPFALZ-Umfrage gibt Antworten
Wo fängt man, wo hört man auf? Trumps Machtübernahme in den USA, Putins Angriffskrieg in der Ukraine, die schwächelnde Wirtschaft in Deutschland und eine vor sich hin bröckelnde Infrastruktur – die welt- und bundespolitische Großwetterlage ist anspruchsvoll wie lange nicht mehr. Aber welches Problem soll die künftige Bundesregierung aus Sicht der Pfälzerinnen und Pfälzer als erstes anpacken? Wo drückt der Schuh am meisten? Das Mannheimer Meinungsforschungsinstitut Communication- & Marketing-Research (CMR) hat 1000 Wahlberechtigte im Auftrag der RHEINPFALZ genau das gefragt.
Spätestens seit vor einigen Wochen ein psychisch kranker Afghane in Aschaffenburg ein Kind und einen Mann erstochen hat, kreisen öffentliche Debatten mit Politikern jeglicher Couleur gefühlt nur noch um Migration und innere Sicherheit. In der Wahrnehmung der von CMR befragten Wähler aus der Pfalz erreicht dieser heiß diskutierte Komplex mit 64 Prozent allerdings lediglich den fünften Platz von neun Themen. Die Interviewten sehen stattdessen Wirtschaft und Lebenshaltungskosten als drängendstes Problem. Unter dem Eindruck steigender Preise und unsicherer Konjunktur nennen es 76 Prozent an erster Stelle.
Digitalisierung ganz hinten
In die Top 3 der Themen haben es außerdem die Politikfelder Alterssicherung und Rente sowie Gesundheit und Pflege mit jeweils 70 Prozent geschafft. Soziale Gerechtigkeit ist die Nummer vier mit 65 Prozent. Auf den Plätzen folgen mit dann schon deutlichem Abstand Außen- und Sicherheitspolitik (59 Prozent), Umwelt- und Klimaschutz (54), Verkehr und Infrastruktur (46) sowie Digitalisierung (38). „Die aktuellen fünf Top-Themen dominieren die politische Agenda. Parteien, die diese Themen glaubwürdig adressieren, könnten profitieren“, sagt CMR-Chef Werner Dieing.
Gemeinsam legen alle Befragten einen wichtigen Akzent auf das Kernproblem Wirtschaft und Lebenshaltungskosten. Das Thema wird allerdings mit zunehmendem Alter bedeutender: von 58 Prozent bei den Jüngeren bis 29 Jahren bis 85 Prozent bei den über Siebzigjährigen. Bei der restlichen Problempalette haben die individuellen Bedürfnisse der jeweiligen Lebensphase entscheidenden Einfluss: Die Senioren hoffen auf politische Verbesserungen im Gesundheitswesen und in der Pflege – ihre Toppriorität. Alterssicherung und Rente – das treibt logischerweise die Boomer zwischen 50 und 69 Jahren stärker um als die ganz Jungen bis 29 und die Jüngeren bis 49 Jahren.
Weibliche Akzente
Auch Männer und Frauen in der Pfalz ticken, was ihre Wünsche an die Politik betrifft, durchaus unterschiedlich: Wahrscheinlich weil sie in der Familie nach wie vor stärker mit Fragen rund um Gesundheit und Pflege beschäftigt sind, nennen die Teilnehmerinnen der CMR-Umfrage diesen Punkt an erster Stelle – nach der ökonomischen Situation. Bei den männlichen Befragten wiederum rangiert innere Sicherheit und Migration auf Platz drei – und damit vor Gesundheit/Pflege und sozialer Gerechtigkeit.
Wie allerdings wirkt sich auf die Priorisierung aus, welcher Partei die Interviewer ihre Stimme geben würden? Während Anhänger von CDU, AfD und FDP als ihre Nummer eins die Wirtschaftspolitik nennen, ist das bei SPD und Linken der Gesundheits- und Pflegesektor. Grünen-Wählerinnen und -Wähler legen, wenig überraschend, den größten Akzent auf Umwelt- und Klimaschutz: 96 Prozent für den Markenkern dieser Partei.
Schwerpunkt Migration?
Der bisherige inhaltliche Schwerpunkt im Wahlkampf – innere Sicherheit und Migration – ist aus Sicht aller 1000 Befragten nicht das Topthema in der Pfalz. Wie wichtig die Menschen es nehmen, hängt stark von der jeweiligen Parteipräferenz ab. Bei Unterstützern von AfD (76 Prozent), FDP (73) und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW, 66) rangiert es auf Platz zwei, bei den Christdemokraten gemeinsam mit Gesundheitspolitik auf Platz drei und der SPD an Nummer fünf. Für Pfälzer, die ihr Kreuz bei den Grünen und der Linken setzen wollen, ist es das unwichtigste der neun abgefragten Themen.
Die in der Politikwissenschaft immer wieder aufs Neue untersuchte Frage nach Motiven für die Wahlentscheidung beantworten die Pfälzerinnen und Pfälzer in aller Klarheit. Ausschlaggebend ist für sie die Übereinstimmung mit Programminhalten (69 Prozent), gefolgt von der Überzeugungskraft der Kandidaten (53 Prozent) und – nach dem unrühmlichen Bruch der Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen – der Hoffnung auf eine stabile Regierung (52 Prozent). Schon immer ihre Kreuzchen an derselben Stelle gesetzt zu haben, ist inzwischen das schwächste Kriterium. Die Einschätzung von Fachmann Dieing: „Die Wähler legen großen Wert auf Inhalte und Kandidatenqualität. Traditionelle Parteibindungen verlieren an Bedeutung.“
Zur Sache
Das Mannheimer Meinungsforschungsinstitut CMR hat für eine Umfrage zur Bundestagswahl 1000 Wahlberechtigte ab 18 Jahren telefonisch und online befragt. Die Auswahl der Haushalte erfolgte mittels eines Zufallsverfahrens. Es berücksichtigt Unterschiede zwischen kreisfreien Städten und Landkreisen in der Pfalz und die Tatsache, dass nicht alle Haushalte in öffentlichen Telefonverzeichnissen gelistet sind. Befragt wurde jeweils das wahlberechtigte Haushaltsmitglied, das zuletzt Geburtstag hatte. Angewählt wurden ausschließlich Festnetznummern, da Mobilfunknummern nicht eindeutig örtlich zuzuordnen sind. Die erhobenen Daten wurden anhand aktueller Zahlen des Statistischen Landesamts Rheinland-Pfalz nach Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Bildung gewichtet. Stichprobengröße, Befragungszeitpunkte sowie das Verfahren gewährleisten laut CMR ein repräsentatives Ergebnis für die Pfalz.
