Pfalz
Vom Gotteshaus zum Friseursalon: Was wird aus alten Kirchen in der Pfalz?
Es ist eine Szene, die zu Herzen geht: Ende November sitzt ein Mann eingesunken auf einem Stuhl in einer großen Kirche. Im Altarraum legen Pastoralreferentinnen und Priester Tischdecken zusammen und löschen Kerzen. Sie machen das Licht aus – und das ist wörtlich zu verstehen. Denn Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der am Ende des Gottesdienstes auf dem Stuhl verweilt, ist an diesem letzten Samstag im Kirchenjahr nach Neustadt gekommen, um die Kirche St. Josef zu profanieren.
Profanieren – das ist ein Wort, das man bislang vielleicht googeln musste, das man in den nächsten Jahren wohl aber häufiger hören wird. Es bedeutet: eine Kirche wird entwidmet, entweiht. Sie ist kein Gotteshaus mehr, sondern nur noch ein Gebäude, das einmal ein Gotteshaus war.
90 Prozent geschützt
25 katholische Kirchen sind seit 2004 im Bistum Speyer profaniert worden, 461 gibt es noch. Von den 515 evangelischen Kirchen in der Pfalz steht derzeit mindestens ein halbes Dutzend zum Verkauf. Es gibt viele Arten, Kirchengebäude weiter zu nutzen: als Museum oder Restaurant, als Buchladen oder Veranstaltungszentrum. In der Pfalz wurden einige Kirchen von anderen Glaubensgemeinschaften übernommen, andere umgenutzt – in der ehemals katholischen Christ-König-Kirche in Kaiserslautern sind Wohnungen entstanden, in Mannheim wurde aus der Trinitatiskirche in den Quadraten eine Spielstätte für zeitgenössischen Tanz. Der Beton-Glas-Bau aus den 1950ern ist denkmalgeschützt – so wie es laut Deutschem Nationalkomitee für Denkmalschutz 90 Prozent der 44.000 katholischen und evangelische Kirchen und Kapellen in Deutschland sind.
Und genau das sei es auch, was Interessenten im Hinterkopf haben sollten, wenn sie über den Kauf einer Kirche nachdenken, sagt Architekt Wolfgang Barthel aus Neuleiningen (Kreis Bad Dürkheim): „Wer eine Kirche kauft, sollte als Erstes mit dem Denkmalschutz reden.“ Er und seine Frau Annette haben 2017 die Mennonitenkirche in Altleiningen (Kreis Bad Dürkheim) gekauft und zu einer Ferienwohnung umgebaut, die sie seit 2021 vermieten. Es ist ein Schmuckstück mitten im Dorf.
Zum Preis „eines Kleinwagens“
Die Mennoniten nutzten die Kirche zwischen 1811 und 2016 für Gottesdienste und sie verbrachten ihre Sonntage dort. Doch als die Anzahl der Mitglieder zurückging, verkauften sie das Gebäude – und Wolfgang Barthel freut sich noch heute über das Vertrauen der Glaubensgemeinschaft. Die Verantwortlichen hätten den Architekten auch die Furcht genommen, etwas falsch zu machen. „Bei den Mennoniten ist eine Kirche kein sakrales Bauwerk, sondern einfach ein Bauwerk“, sagt Barthel. Ihn habe „beruhigt, dass ich nicht an eine Tabuzone herangeraten war“.
Das Ehepaar hat die Kirche „zum Preis eines Kleinwagens“ gekauft und 380.000 Euro investiert, unter anderem wurde eine Empore eingebaut, die als offenes Schlafzimmer dient. Die Kanzel erinnert noch an die vormalige Nutzung. Überhaupt strahlt das ganze Gebäude Behaglichkeit und Ruhe aus. „Es ist Geist drin. Die Geschichte ist anders als bei Neubauten“, sagt Annette Barthel, ebenfalls Architektin. Ihr Mann denkt: „In dieser Kirche ist eine unglaublich gute Atmosphäre.“ Vielleicht auch, weil natürlich gebaut wurde. Der Vorteil von alten Gebäuden sei, dass man nicht mit Schadstoffen rechnen müsse, sagt Wolfgang Barthel: „Keine künstlichen Stoffe, keine Kleber, keine Silikone. Es zeigt sich, dass das jahrhundertelang gut geht.“
Früh das Gespräch gesucht
Der Denkmalschutz hat die Aufgabe, Gebäude zu bewahren, die seit Jahrhunderten stehen, das Ehepaar Barthel empfand die Gespräche mit dem seinerzeit zuständigen Mitarbeiter konstruktiv – auch wenn sich manche Dinge nicht verwirklichen ließen, wie Barthel erzählt und einen Satz des Denkmalschützers in Erinnerung ruft: „Sie können aus einer kleinen Kirche keinen Palast machen.“
Die Entscheidung, eine Kirche zu kaufen, haben die Barthels – die im Kirchgarten noch zwei Tiny Houses für Feriengäste gebaut haben – nicht bereut. Kirchengebäude prägen die Ortschaften. „Es wäre schade, wenn sie verfallen würden“, sagt Annette Barthel und fügt an: „Ich hoffe, dass viele Menschen es wagen, so etwas zu machen.“
„Ein Herzensprojekt“
60 Kilometer von Altleiningen entfernt, in Speyer, hat Doris Grethen es gewagt und im Jahr 2020 eine Kirche gekauft, die ehemalige katholische Kirche St. Ludwig in der Korngasse im Zentrum der Domstadt. „Es war ein Herzensprojekt. Ich hatte mir vorgestellt, dass man aus der Kirche etwas macht, was dem Gemeinwohl und der Entwicklung der Stadt Speyer dient“, sagt sie. Heute harren die Pläne noch immer ihrer Umsetzung. Und Grethen sagt, sie spüre viel „Traurigkeit und Enttäuschung“: „Ich habe viel Herzblut und Geld reingesteckt und bin keinen Deut weiter.“
Ihr aktueller Plan sieht vor, dass die 2016 profanierte Kirche, die mit Bauteilen aus dem 13. Jahrhundert eines der ältesten Gotteshäuser in Speyer ist, für Trauungen, Veranstaltungen, Lesungen und Konzerte genutzt wird, Arbeitstitel: „Trau(m)kirche“. Dieses Konzept hat die Stadt Speyer ins Spiel gebracht, nachdem es Kritik an Plänen für ein Restaurant („Kunst und Kulinarik“) und später für eine Trauerkirche für Urnenbeisetzungen (Kolumbarium) gegeben hatte. Bei Ersterem fürchtete die Eigentümergemeinschaft im benachbarten Wohnkomplex Lärmbelastungen. Eine Urnengrabstätte mitten im bewohnten Bereich wollte die Stadt nicht.
Problem Brandschutz
Und dann ist da noch etwas, das die Nutzung der Kirche verhindert: Die Brandschutzmauer zwischen der Kirche und dem in Teilen neugebauten Wohnkomplex entspricht nicht den Vorschriften. Bevor diese Sache nicht behoben ist, gibt es keine Genehmigung (für die Aufstockung eines Nebengebäudes für Toiletten) und damit ist auch keine Nutzung der Kirche möglich. Grethen, von Beruf Marketing- und Projektmanagerin, sagt, sie warte seit Jahren darauf, dass der Brandschutz hergestellt wird, und sei der Meinung, dass die Stadt dies von den Eigentümern verlangen müsse.
Sie habe keine Einnahmen, doch die Kosten – Grundsteuer, Versicherungen, Straßenreinigungsgebühren – laufen weiter. Bereut Doris Grethen, die Kirche in Speyers Altstadt gekauft zu haben? Als sie die Entscheidung traf, sei sie richtig gewesen, sagt Grethen. Und was denkt sie heute? Sie überlegt lange. Dann sagt sie: „Ich wünsche mir immer noch, zu erleben, dass hier etwas Schönes stattfindet.“
Ersetzt, weil zu klein
„Etwas Schönes“ – dieselben Worte hört man 70 Kilometer von Speyer entfernt in Waldfischbach-Burgalben im Kreis Südwestpfalz. Kurt Kai Kettenring sagt: „Wir machen ja hier nichts Schlimmes. Wir machen etwas Schönes.“ Kettenring ist Friseurmeister – und auch er ist Besitzer einer Kirche. Einer Kirche, in der seit 1994 Haare geschnitten, gefärbt und geföhnt werden. Denn Kettenrings Kirche ist ein Friseursalon.
Und sie ist Zeugin einer Zeit, in der Gotteshäuser aus einem anderen Grund profaniert wurden als das heute der Fall ist: Es gab vor rund 100 Jahren einfach so viele Gläubige, die sonntags zur Kirche gehen wollten, das der Platz in der kleinen Kirche nicht ausreichte. Denn in der Region rund um Pirmasens gab es Arbeit in der Schuhindustrie und die Arbeiter, die kamen, waren überwiegend katholisch. 1930 wurde deshalb eine neue, große Kirche in Waldfischbach eingeweiht – die zurecht den Beinamen Westpfälzer Dom oder Fischbachdom trägt. Die neue Kirche – die auf einer Anhöhe wenige hundert Meter weiter steht – ist genauso wie die alte dem Heiligen Josef geweiht.
Wie im Wimmelbild
Das alte und zu klein gewordene Gotteshaus von 1863 wurde profaniert, diente als Lazarett, Sparkassen-Standort, Bühne des Pfalztheaters und Polstermöbellager, bevor es zum Domizil des Friseursalons von Kurt Kai Kettenring wurde, der für den Kauf und den Umbau des Gebäudes eigenen Angaben zufolge eine Million Mark bezahlt hatte.
Wenn man das Gebäude über die ausgetretenen Steinstufen betritt, fühlt man sich, als wäre man versehentlich in ein Wimmelbild gefallen: Im Eingangsbereich werden Hüte und Schmuck, Bürsten und Föhns angeboten, weiter hinten stehen Friseurstühle vor Spiegeln, die in den alten Fensterrahmen der Kirche stecken, es gibt einen Beichtstuhl, in dem eine Infrarotkabine ist, dunkle Holzschränke, Engelsfiguren und Frisurköpfe. Der Kaffee wird in Sammeltassen serviert, Fotos im Eingangsbereich zeigen Friseurmeister Kettenring mit Schauspielerinnen, Sängerinnen und Modells, denen er für Shows die Haare gemacht hat. Kurzum: Es ist ein Salon, der mit seiner üppigen Ausstattung und den überall verteilten Friseurstühlen anders wirkt als viele andere Haarstudios.
Heute gut ausgelastet
Kettenring sagt: „Ich habe es schon immer gehasst, wenn die Leute wie die Hühner auf der Stange sitzen.“ Nicht nur im Friseursalon im Untergeschoss gibt es viel zu sehen, auch im Obergeschoss bekommen die Augen etwas geboten: Es gibt dort einen Flohmarkt, der zu bestimmten Terminen geöffnet hat. Dass es in der Kirche überhaupt ein Obergeschoss gibt, hat mit seiner früheren Nutzung als Polstermöbellager zu tun: Damals wurde eine Betondecke eingezogen.
Der Salon mit vier Vollzeit- und zwei Teilzeitkräften sei heute gut ausgelastet, sagt der Chef. Vor drei Jahrzehnten, als Kettenring die Kirche erwarb, waren die Reaktionen gemischt. „Viele haben gedacht: Der Spinner, das geht nicht gut“, erinnert sich Kettenring. Es ging gut. Bis auf die Sache mit der Wärmepumpe: „Die war zehn Wochen nach der Eröffnung kaputt. Mein Glück war, dass damals die Gasleitung im Ort gelegt wurde.“ Und weil Friseursalons wegen der nassen Haare warm sein müssen, beheizt der Friseurmeister die Kirche mit Gas, was zuletzt natürlich zum teuren Unterfangen wurde. Das Geschäft ist deshalb jetzt nicht nur montags, sondern auch dienstags geschlossen. Das sei ein guter Schritt gewesen, um Heizkosten zu sparen. Kettenring: „Der Dienstag spart mir 1000 Euro im Jahr.“
Keineswegs unanständig
Kettenring, der seine Produkte unter dem Namen Hairdom – eine Mischung des englischen Wortes für Haare und des deutschen Doms – verkauft, sagt, er bereue es keinen Tag, die Kirche gekauft zu haben. In all den Jahren habe es zwei Kundinnen gegeben, die zwar gern zu ihm gekommen wären, aber mit dem Gebäude Schwierigkeiten hatten, erzählt Kettenring: „Es war für sie ein Problem, in einer Kirche den Kopf gemacht zu bekommen. Sie sagten: ,Das ist für mich, wie wenn ich etwas Verbotenes tun würde.’“
Kettenring hatte nie das Gefühl, etwas Unanständiges zu tun – und mit Blick darauf, dass sie zuvor ein Lagerraum war, sagt er: „Eigentlich habe ich die Kirche ja gerettet.“ Würde er denn empfehlen, eine Kirche zu kaufen? Kein uneingeschränktes Ja, kein Uneingeschränktes Nein. „Es ist schon ein Luxusobjekt“, sagt Kettenring und zählt auf, was alles zu bedenken ist: „Denkmalschutz, Heizkosten, Putzkosten.“ Privatpersonen würde er „nur bei extremer Leidenschaft“ zum Kauf einer Kirche raten.
Bischof: Nicht an Steinen hängen
Wahrscheinlich wird es in den kommenden Jahren viele Möglichkeiten geben, Kirchen zu kaufen, denn die Gemeinden werden kleiner und müssen sich von Gebäuden trennen. Bischof Wiesemann hat bei der Profanierung der Neustadter Kirche St. Josef darauf hingewiesen, dass das Christentum nicht an Steinen hängen sollte: „Die Sichtbarkeit der Christen in dieser Welt ist wichtiger als die Bauten, die wir pflegen und konservieren können.“