Immaterielles Kulturerbe
Trockenmauern: Es hält auch ohne Mörtel
Innenminister Michael Ebling (SPD) hat der Kultusministerkonferenz vorgeschlagen, die Edelsteinbearbeitung an der Nahe und den Trockenmauerbau zum immateriellen Kulturerbe zu machen. Die ohne Mörtel aufgeschichteten Mauern sind allgegenwärtig, wo Wein angebaut und Steilhänge terrassiert werden, von den aus Schieferplatten aufgeschichteten Mauern an der Mosel bis hin zu den Sandsteinmauern in der Pfalz. So werden seit Jahrhunderten Hänge befestigt, Anbauflächen geschaffen und die Landschaft gestaltet.
„Diese Steine haben schon Menschen lange vor uns in der Hand gehabt“, sagt Marcel Faust (39) aus Gimmeldingen. Er meint das Material mitsamt der Bearbeitungsspuren für eine mehrere Meter hohe Trockenmauer, die er zusammen mit einem befreundeten Baumkletterer am Fuß des steilen Haardtrandes in Königsbach aufgeschichtet hat. Dort ziehen sich heute mit Wald bestandene Terrassen bis weit hinauf in den Hang. Faust hat das Grundstück eines restaurierten ehemaligen Pfarrhauses direkt neben der Kirche neu befestigt – alles in Handarbeit, weil die Baustelle nicht anfahrbar war.
Gabionen sind nur ein schwacher Ersatz
Trockenmauern prägen die Pfalz bis heute, aber die Flurbereinigung hat auch viele hinweggerafft. Wenn sich die Geländesprünge nicht Vollernter-freundlich wegmodellieren ließen, waren oft Gabionen der Ersatz: mit Bruchsteinen befüllte Drahtkörbe, zu Stützmauern aufgesetzt. „Das ist eine Annäherung mit modernen Mitteln und der Versuch, die Kosten niedrig zu halten“, sagt Faust, „aber das hält nur, bis die Drähte durchgerostet sind.“ Jedenfalls keine Jahrhunderte. Von daher seien echte Trockenmauern auch ökonomisch sinnvoll. Von der Optik kämen Gabionen ohnehin nicht an Trockenmauern ran. Der gesamtgesellschaftliche Nutzen Letzterer sei ungleich höher.
Rheinland-Pfalz beschreite daher auch kein Neuland, wenn es Trockenmauern zum Kulturerbe erhebe, das hätten 2018 die Schweiz und 2021 Österreich auch schon getan, sagt Faust. Ansonsten gehören zum Immateriellen Kulturerbe mit dem Motto „Wissen. Können. Weitergeben“ bundesweit etwa 170 Traditionen, Handwerke, Feste und Fertigkeiten, zu denen in der Pfalz beispielsweise die Deidesheimer Geißbocktradion, Pfälzerwaldhütten oder Queichwiesen-Bewässerung gehören.
Technik so alt wie der Mensch
Der gebürtige Westerwälder Faust ist in seiner Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer in Mainz zum ersten Mal und in kleinem Maßstab mit Trockenmauern in Berührung gekommen. Schnell stand für ihn fest, dass er mehr darüber lernen und die alte Kulturtechnik dem Vergessen entreißen wollte. Das sei ein bisschen wie beim Küferhandwerk. Vor etwa zehn Jahren habe er sich mit Trockenmauern selbstständig gemacht, was im großen Maßstab heute nur noch wenige mchen.
Für ihn ist die lange Geschichte dieser Mauertechnik, die im Grunde bis in die Steinzeit zurückreiche, ebenso faszinierend wie der ökologische Nutzen, denn aus jeder belebten Fuge wachse ein Kraut, aus jedem Spalt krieche ein Insekt oder eine Amphibie hervor. „Ohne Trockenmauern wären die USA auch nie erschlossen worden“, sagt Faust: Er meint die Steindämme, die für die Eisenbahnen aufgeschichtet wurden.
Gute Dränage wichtig
Die wichtigsten Voraussetzungen für eine lange Standzeit der Mauern sind ein verdichtetes Fundament aus scharfkantigem Hartstein-Schotter und die leichte Neigung der Mauer insgesamt und jeder einzelnen Steinlage nach hinten, zum Hang hin. „Acht bis 20 Grad, je nach Hang und Material“, sagt Faust. Ebenso wichtig sei die sorgfältige Hinterfüllung mit kleineren Steinen, was für eine gute Dränage sorgt. Unten und an den besonders belasteten Mauerenden, Ecken und Treppenaufgängen werden besonders große Quader gesetzt. Anders als betonierte oder mit Mörtel aufgesetzte Mauern sei eine solche Trockenmauer dynamisch, weshalb die Technik auch in Erdbebengebieten seit Menschengedenken eingesetzt werde.
Faust bezieht sein Material manchmal aus dem Haardter Steinbruch, häufiger aus Abbruchhäusern und -scheunen, oder über Kleinanzeigen. Weshalb sich auch immer wieder mal Fenstergewände, Platten oder Wingertsteine in den Mauern finden. Letztere setzt er auch gerne als „Durchbinder“ ein. Das sind Steine, die von der äußeren Mauerschale bis in den Hang hinein reichen und wie ein Anker wirken. „Die kann man auch vorne raus stehenlassen“, sagt er: Dann könne man beim Arbeiten darauf stehen wie auf einem Gerüst oder einer Treppe.
Der Blick fürs Puzzle
„Man entwickelt einen Blick dafür“, wo ein Stein hinpasse, sich genau einfüge und mit seinen Nachbarn verzahne, sagt er. Kleine Steine dienen als Klemmkeile in den Fugen. „Da kippelt und wackelt nix.“ Er habe jeden Stein wohl zwei- bis dreimal in der Hand, und immer wieder muss er auch mit Spitz- oder Flachmeißel, Steinbeil, Spreng- oder Scharriereisen Hand anlegen und insbesondere die Auflageflächen plan machen. „Aber ich bin natürlich kein Steinmetz.“ Sicher, man könne die Steine auch maschinell sägen, was Kräfte schone, aber ihm gefällt die naturbelassene Optik besser. „Da gibt es unterschiedliche Schulen“, sagt er.
Auftraggeber für Trockenmauern können Privatleute sein, Winzer, vielleicht auch mal die Denkmalpflege oder auch Einrichtungen wie das Biosphärenreservat, das um den Wert der Bautechnik für die Kulturlandschaft weiß, oder der Naturschutzverein Pollichia, der sein Außengelände am Haus der Artenvielfalt in Neustadt auch mit Trockenmauern gestalten ließ.