Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sechsfacher Mordversuch: Verdächtiger nach Schüssen auf Rocker in Haft

Aufsehenerregende Tat: In der Nacht auf den 25. September 2021 fielen vor einer Gaststätte in Mannheim-Waldhof laut Ermittlern m
Aufsehenerregende Tat: In der Nacht auf den 25. September 2021 fielen vor einer Gaststätte in Mannheim-Waldhof laut Ermittlern mehr als 16 Schüsse. Ein damals 27-jährige türkischer Staatsbürger ist tatverdächtig.

Vor viereinhalb Jahren wurden in Mannheim-Waldhof sechs Rocker der „Germanen“ angeschossen und teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter floh, jetzt ist er gefasst.

Der zur Tatzeit 27-jährige türkische Staatsbürger, der im September 2021 sechs Mitglieder des Mannheimer Motorradclubs MC Germanen mit Schüssen zum Teil schwer verletzt haben soll und sich seitdem auf der Flucht befand, ist gefasst. „Er befindet sich aktuell in Haft“, wie Valerie Schweppe, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Mannheim, gegenüber der RHEINPFALZ auf Anfrage bestätigte. Der Mann sei des sechsfachen versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung dringend verdächtig. Nach Informationen dieser Zeitung sitzt der Beschuldigte wegen eines anderen Delikts in der JVA Mannheim ein.

Die aufsehenerregende Tat ereignete sich in der Nacht vom 24. auf den 25. September vor einer Kneipe im Stadtteil Waldhof, in der die sechs „Germanen“ im damaligen Alter von 35 bis 45 Jahren eingekehrt waren. Nach Überzeugung der Ermittler gerieten die Rocker mit dem mutmaßlichen Schützen kurz vor Mitternacht in einen zunächst verbal ausgetragenen Streit. Dann eskalierte offenbar die Situation: Nach Überzeugung der Ermittler griff der junge Türke zur Schusswaffe.

Flucht ins Ausland

Insgesamt 16-mal soll der bereits wegen mehrerer Körperverletzungen vorbestrafte Mann mit einer Pistole mit dem Kaliber neun Millimeter auf seine Kontrahenten gefeuert haben, wobei er einige Rocker zum Teil mehrfach anschoss. Danach flüchtete er in einem Auto. Wenige Tage später wurde das Fluchtfahrzeug in Eschborn bei Frankfurt gefunden, woraus die Ermittler schlossen, dass der Mann Deutschland verlassen hatte. Sie erwirkten einen internationalen Haftbefehl.

Wohin der Mann, der kurdischer Abstammung sein soll, geflohen ist und wo er sich gut viereinhalb Jahre lang aufgehalten hat, darüber schweigen die Ermittler. Auch dazu, wie die Fahnder des Verdächtigen habhaft werden konnten, macht die Staatsanwaltschaft keine Angaben. Lediglich, dass sich der Mann „dem Verfahren durch Einreise in die Bundesrepublik Deutschland gestellt“ habe. Und dass man zeitweise gegen zwei weitere Männer aus dem Umfeld des Beschuldigten ermittelte, unter anderem wohl wegen des Verdachts der Strafvereitelung. In beiden Fällen „konnte der Tatverdacht nicht erhärtet werden“, so die Staatsanwaltschaft, die beide Verfahren bereits in den Jahren 2021 und 2022 einstellte.

Germanenchef: „Regelrecht aufgelauert“

Sehr zum Unverständnis der Rocker vom MC Germanen, die bis heute eine ganz andere Sicht der Vorkommnisse haben. „Meinen Leuten wurde regelrecht aufgelauert“, betont Norbert „Mac“ Vilimek gegenüber dieser Zeitung. Der 68-Jährige ist Gründer und seit 35 Jahren Präsident der Mannheimer Biker-Vereinigung, die sich als „eigenständig“ bezeichnet und die keiner der großen Szene-Platzhirsche wie den „Hells Angels“ oder dem in Mannheim gegründeten „Gremium MC“ zuneige. Vilimek ist überzeugt, dass der Angriff auf die sechs „Germanen“ bei deren Ausflug auf den Waldhof geplant war und dass eigens dafür sowohl die Schusswaffe als auch das Fluchtfahrzeug zuvor „organisiert“ worden waren. Für ihn steht fest, dass der mutmaßliche Schütze Hilfe gehabt haben muss – und nicht grundlos eine geladene Pistole mit sich herumschleppte.

Norbert Vilimek, 64, Präsident MC Germanen Mannheim,
Norbert Vilimek, 64, Präsident MC Germanen Mannheim,

Doch warum es zu der Attacke kam, ist Vilimek nach eigenem Bekunden nach wie vor rätselhaft. Der langjährige Boss der aktuell gut 25 Köpfe zählenden Rockergruppe vermutet, es könne mit „Frauengeschichten“ eines oder mehrerer Mitglieder und infolgedessen mit Eifersüchteleien des Schützen oder mit dessen Entourage in Verbindung stehen. Oder auch mit einer privaten Fehde. Doch Näheres wisse er nicht. Man habe zuvor jedenfalls „keinen Stress mit denen gehabt“.

Das mögliche Motiv

Die Frage nach dem Motiv beschäftigt auch die Ermittler. Da der mutmaßliche Täter keiner Rocker-Vereinigung angehöre, gehen sie dem Vernehmen nach nicht von Revier- und Verteilungskämpfen im Rocker-Milieu aus. Im Gegenteil: In Ermittlerkreisen gelten die „Germanen“ eher nicht als Rabauken, zumal sie laut ihrem Präsidenten Vilimek keine Gebietsansprüche stellten und nur „ihre Ruhe haben“ wollten. Auch auf einen Streit mit Bezug zu Clankriminalität gebe es keine Hinweise, so die Staatsanwaltschaft. Also doch ein spontaner Streit ohne Vorgeschichte? Dies ist offenbar die Version, welche die Ermittler derzeit für die wahrscheinlichste halten. Zwischen dem Tatverdächtigen und den Geschädigten hätten zuvor „keinerlei persönliche Beziehungen bestanden“.

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