Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Schockanrufe: „Eine Art Geiselnahme am Telefon“

Ganz wichtig, um Betrügern nicht auf den Leim zu gehen: sich informieren, und mit Familie und Freunden solche Situationen durchs
Ganz wichtig, um Betrügern nicht auf den Leim zu gehen: sich informieren, und mit Familie und Freunden solche Situationen durchspielen, sagt Michael Krausch.

Schockanruf oder Anlagebetrug – die meisten Menschen sind überzeugt, „Auf so was falle ich nicht rein“. Ein gefährlicher Gedanke, sagt das LKA. Die Psychotricks der Täter.

Herr Krausch, sind Sie schon mal auf Betrüger reingefallen?
Ach Gott, ich war nah dran. Im Urlaub hätte ich fast mal 20 Euro bei einem Hütchenspiel investiert. Aber meine Kumpel haben mich zum Glück davor bewahrt.

Sind wir zu naiv oder zu dumm, wenn wir Kriminellen auf den Leim gehen?
Nein, das sind die absolut falschen Begriffe. In solchen Situationen werden wir einfach überrumpelt.

Präventionsexperte des Landeskriminalamts: Michael Krausch
Präventionsexperte des Landeskriminalamts: Michael Krausch

Sind die Opfer selbst schuld?
Nein! Das verkehrt den strafrechtlichen Begriff der Schuld ins Gegenteil. Sie sind nicht schuld, fühlen sich aber oft so. Und Familie oder Freunde schieben ihnen leider manchmal die Schuld zu. Das macht es noch schlimmer für sie.

Also sind die Täter zu raffiniert? Sie benutzen KI-imitierte Stimmen, eine Menge juristischer Details und stundenlange Telefonate, zeigen sich verständnisvoll. Mit welchen Psychotricks arbeiten sie?
Die Schockanrufer oder Enkeltrickbetrüger gehen super vorbereitet in solche Situationen, sie sind Profis und kluge Leute. Sie setzen auf starke Emotionen, setzen Menschen unter Druck. Neben der Angst werden auch Schuld- und Verantwortungsgefühle bei den Opfern aufgebaut. Nach dem Motto, nur ich kann helfen, wenn der Enkel angeblich verhaftet ist. Und sie bauen ein Vertrauensverhältnis zu ihnen auf.

Was passiert da im Kopf der Opfer?
(lacht) Da kann ich natürlich nicht reinschauen. Wenn wir aus heiterem Himmel mit einem solchen Anruf konfrontiert werden, kommen wir ganz schwer raus. Opfer beschreiben das wie eine Art Tunnel. Das Gefühl übermannt die klaren Gedanken.

Wieso verfangen Lügengeschichten, obwohl wir wissen, dass die Polizei niemals Geld verlangt bei tödlichen Unfällen oder Haft?!
Das ist der Situation geschuldet, dem überraschenden Anruf. Täter erwischen Leute oft allein. Das Faszinierende ist, dass dann über das Telefon ein Kanal entsteht, eine unheimlich persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer. Wir sprechen sogar von einer Art Geiselnahme am Telefon, einer Fesselung.

Wie aber ist es bei Anlagebetrug? Davon wird man ja nicht überrascht, sondern ist selbst aktiv.
Auch da geht es um Emotionen, um eine vermeintlich einmalige Chance, Gewinne mitzunehmen, vermutlich um Glücksgefühle. Und die Angst, das gute Geschäft zu verpassen, die fear of missing out. Dazu vermitteln die Täter ihrem Gegenüber, dass sie es mit guten Leuten zu tun haben. Autorität spielt eine Rolle. Man wird durch verdammt gut gemachte Webseiten oder Aktiencharts geködert.

Die Täter rufen häufig an und telefonieren teils stundenlang: Das macht mürbe und baut Druck auf.
Die Täter rufen häufig an und telefonieren teils stundenlang: Das macht mürbe und baut Druck auf.

Selbst wenn andere schon Verdacht schöpfen, bleibt das Opfer mitunter im Tunnel ...
Ja, das lässt sich nicht immer rational erklären. Manchmal überlistet man sich auch selbst, schiebt die eigenen Bedenken weg. Das passiert aber im Unterbewusstsein. Man steht einfach so stark unter dem Einfluss der Täter.

Gier frisst Hirn – ist was dran an dem Spruch, wenn Menschen auf unrealistisch hohe Renditeangebote eingehen und Hunderttausende Euro riskieren?
Gier ist sehr negativ besetzt. Gewinnstreben trifft es vielleicht besser. Das ist durchaus ein Antrieb, ein Reiz.

Egal ob Schockanruf oder Anlagebetrug, die meisten sind zuvor überzeugt, „so was passiert mir nicht“.
Genau dieser Gedanke ist eine Gefahr. Man wiegt sich in Sicherheit. Stattdessen sollten wir uns informieren, uns gedanklich mit Betrugsfällen befassen, in der Familie, mit Freunden über Erfahrungen reden, ungeachtet der eigenen Scham, wenn es passiert ist. Das kann anderen helfen.

Fast jeden Tag meldet die Polizei Betrugsfälle, schildert die Methoden und warnt. Hilft das alles nichts?
Doch. Berichte und Aufklärung helfen. Es ist ganz wichtig, um vorbereitet zu sein, um Warnsignale zu erkennen und darauf reagieren zu können.

Nur vier Prozent der Angerufenen zahlen im Fall von Schockanrufen Geld, zeigen Zahlen des Polizeipräsidiums Rheinpfalz. Die große Mehrheit erkennt die betrügerischen Absichten – was machen sie anders als die Opfer?
Zu bedenken ist, dass wir von einer großen Dunkelziffer ausgehen. Dass viele aus Scham keine Anzeige erstatten. Die Nicht-Opfer bleiben eher kritisch und cool. Sie lassen Emotionen nicht die Oberhand gewinnen.

Kriminelle suchen sich vor allem ältere Menschen aus. Weil sie im Schnitt mehr Geld haben als jüngere?
Nein, nicht unbedingt deswegen. Es kann jeden erwischen – auch unabhängig vom Bildungsniveau. Tatsächlich werden eher Ältere ausgewählt, weil sie oft allein leben, ängstlicher und durch ihre Erziehung obrigkeitshöriger sind, weniger energisch am Telefon. Und manchmal auch dankbar, dass überhaupt jemand anruft.

Müssten Bankmitarbeiter und auch Polizeikräfte psychologisch trainiert werden, um Betrugsfälle besser erkennen und verhindern zu können?
Zu dieser Fragestellung kann ich keine Auskunft geben, da dies nicht in den Zuständigkeitsbereich meiner Funktion fällt.

Zur Person

Michael Krausch, 55, ist Kriminalpräventionsexperte beim Landeskriminalamt in Mainz. Dort arbeitet der Polizeihauptkommissar seit 2017, zuvor war er acht Jahre lang im Polizeipräsidium Mainz.

Zur Sache

Hunderttausende Euro weg: Vier große Betrugsfälle

Im November 2020 verliert eine etwa 80-jährige Frau in der Region Bad Kreuznach 300.000 Euro an Betrüger. Falsche Polizisten hatten ihr weisgemacht, ihr Vermögen sei in Gefahr und boten ihr an, es sicher zu verwahren. Am helllichten Tag stellte sie einen Koffer mit Gold im Wert von 255.000 Euro plus 45.000 Euro Bargeld vor die Tür. Unbemerkt war er wenig später weg und die Täter ebenso.

Ihre komplette Altersvorsorge in Höhe von 360.000 Dollar – umgerechnet mehr als 340.000 Euro – verliert im November 2024 eine 46-Jährige aus der Westpfalz an Internetbetrüger. Die Frau wurde Opfer der Love-Scamming-Masche – eine Methode, bei der über soziale Netzwerke romantische Beziehungen geknüpft werden, um Menschen finanziell auszubeuten.

Darstellung der Wertentwicklung eines Depots (gestellte Szene).
Darstellung der Wertentwicklung eines Depots (gestellte Szene).

Im Mai 2025 wurde im Kreis Bad Dürkheim ein Fall von Online-Anlagebetrug bekannt, bei dem eine 70-Jährige rund 380.000 Euro verlor: ihr gesamtes Vermögen. Zusammen mit ihrem Anwalt will sie nun ihre Hausbank, die Sparkasse Rhein-Haardt, verklagen und ihr Geld zurückbekommen. Die Sparkasse soll für den Schaden haften, weil die sie nicht geschützt habe, sagt die Seniorin.

Ebenfalls im Mai dieses Jahres machen kriminelle Schockanrufer offenbar Beute in sensationeller Höhe: Sie erbeuten laut der Polizei in Trier Gegenstände im Wert von einer Million Euro. Die Täter hatten den Mann fünf Stunden lang am Telefon traktiert, damit er vermeintlich seine Tochter nach einem tödlichen Unfall vor der Untersuchungshaft bewahren kann.

Selten kann die Polizei die Täter fassen, in wenigen Fällen kommt es daher zu einem Urteil: Ende April aber hat etwa das Mannheimer Landgericht einen 29 Jahre alten Deutschen zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte mit sogenannten Schockanrufen Senioren in der Region um ihr Vermögen gebracht.

In Betrugsfällen entscheiden Gerichte sehr unterschiedlich über die Haftung der Banken. Experten sprechen von Einzelfallentscheidungen. Im Juli 2024 entschied das Oberlandesgericht Zweibrücken in großen Teilen pro Kunde, obwohl der laut Urteil grob fahrlässig gehandelt hatte. In dem Fall musste die VR-Bank Südwestpfalz einem Kläger und Kunden 19.800 Euro ersetzen, 3000 Euro musste er selbst tragen.

Was die Polizei rät

  • Bewahren Sie bei Schockanrufen Ruhe, legen Sie auf. Geben Sie keine Details zu persönlichen oder finanziellen Verhältnissen preis. Rufen Sie Ihre tatsächlichen Angehörigen unter der Ihnen bekannten Nummer an, benutzen Sie nicht die Rückruftaste.
  • Denken Sie daran: Die Polizei oder andere Amtspersonen bitten niemals um die Aushändigung von Geld oder Wertsachen. Übergeben Sie niemals Geld oder Wertsachen an Personen, die Sie nicht kennen.
  • Tätigen Sie keine Telefon- oder Haustürgeschäfte. Geben Sie Fremden niemals Ihre persönlichen Bankdaten.
  • Informieren Sie sich vor Geldgeschäften etwa auf der Webseite der Bankenaufsicht Bafin über die Anbieterfirma.
  • Melden Sie der Polizei auch Betrugsversuche (unter 110 oder der Nummer Ihrer Polizeidienststelle).
    Die Sparkasse Rhein-Haardt in Bad Dürkheim.
    Die Sparkasse Rhein-Haardt in Bad Dürkheim.
Bankenaufsicht: Der Sitz der Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) ist in Frankfurt.
Bankenaufsicht: Der Sitz der Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) ist in Frankfurt.
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