Drohnenabwehr
Polizei und Bundeswehr üben Einsätze gegen Terroristen
Ach, wenn es doch nur Ritter wären, die es zu bekämpfen gilt. Doch die bundesweite Übung Getex , deren rheinland-pfälzischer Teil in der Rittersturzkaserne in Lahnstein über die Bühne geht, wendet sich gegen Terroristen. Getex steht für „Gemeinsame Terrorismusabwehr Exercise“. Englisch spielt eine große Rolle an diesem Tag. Erstmals, so sagt Innenminister Michael Ebling (SPD), üben dabei „unterschiedliche Schulen“, Militär und zivile Stellen, gemeinsam, um im Ernstfall Hand in Hand arbeiten zu können. „Das muss sitzen“, betont der Minister.
Genauer: Geübt haben sie am Mittwoch-Vormittag. Dabei ist wohl auch geschossen worden, und Abseilübungen von Hubschraubern soll es auch gegeben haben. Doch dabei haben sich die Uniformierten nicht über die Schulter schauen lassen. Erst am Nachmittag zeigen sie vor der Presse, was sie inzwischen gegen des Terroristen liebste Waffe drauf haben: gegen Drohnen. „Globale Konflikte haben Auswirkungen bis hierhin“, sagt der Minister. Er meint die zahllosen Drohnenüberflüge über kritische Infrastruktur, egal, ob es dabei nur um Nadelstiche Putins geht oder handfeste Spionage. Nicht ganz ohne Stolz berichtet er, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sich vor ein paar Tagen beeindruckt gezeigt hat von den inzwischen erworbenen Fähigkeiten der Polizei, was den Schutz des Luftraums angeht. Dabei war in Mainz-Finthen auch schon die Zusammenarbeit mit dem US-Militär demonstriert worden.
Hightech für die Luftabwehr
Auf dem Sportplatz der Kaserne haben Bundeswehr und Polizei ihr Arsenal aufgebaut: Vermummte Uniformierte in Blau und in Grün präsentieren den taktischen Dreisprung aus Detektion, Verifikation und Intervention. Anders ausgedrückt: erkennen, identifizieren und abfangen. Eine Antennenanlage erfasst die Flugobjekte und ihren Kurs, ein Computer identifiziert den Drohnen-Typ und zeigt den Standort des Piloten an. Das erlaubt schon Rückschlüsse auf das Gefährdungspotenzial: Handelt es sich um ein kleines Spielzeug, oder kann das Fluggerät eine „payload“ tragen, eine gefährliche Last? 250 Drohnen sind bereits in der Datenbank, und es werden täglich mehr. Sogar bei der Übung war eine über der Kaserne aufgetaucht – nur das Gerät eines Neugierigen.
Der dritte Schritt ist der Entscheidende: das Ding im Notfall vom Himmel zu holen. Dabei wollen die Sicherheitskräfte nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, allein schon aus Kostengründen, aber auch, weil Drohnen immer häufiger über Menschenmengen auftauchen, sei es beim Volksfest, sei es über dem Stadion. Oder halt über der BASF. Daher kommt als erstes der „Jammer“ zum Einsatz, ein Störsender, der die Funkverbindung zwischen Pilot und Drohne unterbricht. Dann kehrt das Fluggerät automatisch zu seinem Lenker zurück, oder es landet an Ort und Stelle. Oder aber ein Drohnenpilot der Sicherheitskräfte übernimmt das Ruder und lässt das Gerät an einem sicheren Ort niedergehen, wo es auf mögliche Bewaffnung überprüft werden kann. Solche Zwangslandepunkte gibt es beispielsweise auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel in der Eifel, berichtet ein Oberstleutnant, die Polizei hatte sie aber auch beim Rosenmontagszug in Mainz definiert.
Pistole verschießt Netze
Wenn das nicht funktioniert, kann die Polizei die Geräte auch abschießen. Das geht mit umgerüsteten Signalpistolen, die mit einem scharfen Knall ein feines, vier mal vier Meter großes Netz aus dünnen Fäden verschießen. Gewichte an den Ecken sorgen dafür, dass es sich in der Luft ausbreitet. Das klappt auf 40 Meter Entfernung, wie zwei Polizisten demonstrieren. Es geht mit einem deutlich größeren, wie eine Panzerfaust auf der Schulter liegenden Abschussgerät namens Skywall aber auch auf 100 Meter – was dann allerdings auch ein paar Tausend Euro pro Schuss kostet.
Deutlich billiger bekommt es ein junger Drohnenpilot – kein Name, Gesicht maskiert – der Polizei hin. Der macht mit einer großen Stechmücke Jagd auf die Eindringlinge: einer schnellen, aber sehr robusten Drohne mit zwei Antennen wie Fühlern und einem Kunststoffstachel an der Front. Im Kopf des Kampfinsekts sitzt eine Kamera, die dem Mann am Boden über eine Virtual-Reality-Brille den Eindruck vermittelt, als würde er im Cockpit des Fluggeräts sitzen. Obwohl es windig ist an diesem Tag und die abzufangende Drohne entsprechend hin und her bewegt wird in der Luft, hat er sie schnell aufgespießt und zum Absturz gebracht. Anfangs könne einem von der ungewohnten Optik schlecht werden, sagt der junge Mann, aber wenn man es einmal drauf habe, „ist es wie Fahrrad fahren“.
Nur wenige Minuten Vorwarnzeit
Im Prinzip nutze die Bundeswehr dieselbe Technik, schildert der Oberstleutnant vom Luftwaffengeschwader 33 und lässt es seine Männer vorführen. Die Herausforderung sei die extrem kurze Vorwarnzeit von nur fünf bis acht Minuten, wenn eine Drohne in acht Kilometern Entfernung entdeckt wird. Oft seien es aber auch nur ein bis zwei Minuten. Daher seien flache Hierarchien für schnelle Entscheidungen erforderlich, berichtet der Offizier und betont die cost-kill-ratio: Die Kosten pro Abschuss dürften nicht zu hoch sein.
In einer Ecke des Platzes schwebt eine weitere große Drohne der Polizei – an einem Kabel und mit Blaulicht. Das sei eigentlich nur eine Art fliegender Mast, erklärt der gänzlich unvermummte Polizeihauptkommissar Florian Mundschenk vom Polizeipräsidium Einsatz und Logistik in Mainz. An diesem Mast könne man Kameras befestigen, Relais für den Funk oder weiteres Gerät für andere Aufgaben. Der Vorteil: Diese Drohne kann rund um die Uhr in der Luft bleiben, weil sie vom Boden aus mit Strom versorgt wird. Mundschenk und seine Kollegen haben zudem ein dreidimensionales Modell der Rittersturzkaserne auf dem Computer generiert. Dazu mussten sie das Gelände nur eine gute halbe Stunde mit einer Art Modellflugzeug überfliegen. Anschließend können sie sich am Bildschirm ins Gelände hineinzoomen, sich zwischen den Häusern bewegen, Rettungswege suchen oder Verstärkung an die richtigen Stellen schicken – eine wichtige Voraussetzung für gezielte Hilfs- oder Abwehrmaßnahmen.