Klimawandel
Moore sind die besten Klimaschützer
Es suppt grün im Graben neben dem Forstweg, es gluckert und rieselt, zwischen den morschen Baumstümpfen wabern Nebelfetzen. Hellgrün leuchtet das Moos in dicken Polstern, abgestorbener Farn filzt braun zwischen umgestürzten Kiefern. Der federnde schwarze Moorboden schmatzt unterm Gummistiefel und will ihn nicht mehr loslassen. An der Eiche, die über den Weg gebrochen ist, steht ein Geländewagen des Thünen-Instituts im zarten Nieselregen bei zehn Grad. Hier irgendwo muss der Treffpunkt sein.
„Wir haben echt Glück mit dem Wetter“, sagt Paul Matras zur Begrüßung und meint das gar nicht ironisch. Er hatte mit noch Schlimmerem gerechnet. Matras hockt mit einem Block auf den Knien auf einer Werkzeugkiste unter einem Baum, während Jonas Sitte im karierten Flanellhemd mit hochgerolltem Ärmel und bloßen Händen eine Blechdose tief in den triefenden Untergrund drückt, um eine Bodenprobe zu nehmen. Matras ist Geograf und Bodenkundler, Sitte Forstwissenschaftler. Sie legen für das Thünen-Institut eine Messstelle im Moor an, irgendwo bei Kindsbach, einen Steinwurf entfernt von der Airbase Ramstein, von der immer wieder das Dröhnen von Triebwerken herüberschallt.
Wie steht es um das Grundwasser?
50 mal 50 Meter misst die Messfläche, in der die beiden Männer dickere Metallrohre mit blauen Kappen und dünnere mit hellen Kunststoffstopfen in den weichen Moorboden getrieben haben, bis sie auf harte Schichten gestoßen sind. Die dickeren sind Grundwasserpegel, die dünnen nur Messpfosten. An ihnen wird man vielleicht in ein paar Jahren ablesen können, wie sehr der Moorboden beim Austrocknen zusammengeschrumpft ist.
Denn das ist der Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat an die Thünen-Institute für Agrarklimaschutz und für Waldökosysteme: mit rund 150 Messstellen zwischen Alpenrand und Waterkant nachzuweisen, wie viel Kohlenstoff im Moorboden gespeichert ist und was bei dessen Trockenfallen an Treibhausgasen freigesetzt wird. Das Thünen-Institut mit 15 Fachinstituten sitzt in Braunschweig und ist nach Johann Heinrich von Thünen benannt, einem Gutsbesitzer und Agrarwissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Seine Forscher wollen eine nachhaltige Nutzung von Feldern, Wäldern und Meeren erreichen.
150 Moore im Blick
Matras und Sitte legen 50 von insgesamt 150 dieser Messstellen an. Der kleine Flecken im Landstuhler Bruch, den ihnen Landesforsten vorgeschlagen hat, ist ihre 41. Station. Im März geht es noch an die Nordseeküste bei Cuxhaven, danach ins Allgäu, ins Sauerland, in den Schwarzwald und nach Bayern.
Die beiden Männer haben in der Mitte ihrer Messstelle eine rechteckige Grube im torfigen Moorboden ausgehoben, bis runter auf den festen Untergrund. Am Vortag hatten sie die leergeschöpft, heute ist sie wieder halb vollgelaufen. Macht nichts, denn am Abend werden sie sie eh wieder zuschütten und die beiseitegelegten Moosplacken wieder einpflanzen. Doch zuvor wollen sie die Bodenschichten kartieren. Mit einem langen Löffelbohrer tun sie das an etlichen weiteren Stellen auch: ziehen Bodenproben und verpacken sie in Plastiktütchen. Der Inhalt wird später in Laboren in Eberswalde und Braunschweig analysiert.
Verschiedene Bodenschichten sind gut unterscheidbar: eine faserig-torfige – so wie aus dem Sack im Gartenmarkt – ganz unten, eine helle sandige und eine weiche schwarze obenauf. Während ganz unten der Torf noch in Ordnung ist und mutmaßlich viel CO2 speichern kann, besteht die schwarze Deckschicht oben aus zersetztem Torf, der wohl nichts mehr halten kann. Was es mit dem Sand auf sich hat, ist noch nicht ganz klar. Er könnte aus der Zeit stammen, als das Moor mittels zahlreicher Gräben (teilweise) trockengelegt und der Torf ab Ende des 18. Jahrhunderts nahezu vollständig abgebaut wurde.
Ab dieser Zeit wurde auch Forstwirtschaft in der 23 mal vier Kilometer messenden Senke betrieben. „Ohne Trockenlegung würden es Kiefer und Fichte hier nicht schaffen“, sagt Sitte und zeigt auf den Baumbestand ringsum. In intakten Mooren wären außer Moosen, Seggen und Sumpfgräsern sonst nur nässetolerante Bäume wie Birke und Erle zu erwarten. Sittes Job ist es, die Vegetation zu erfassen, denn auch die speichert Kohlendioxid. Doch der Forst ist in keinem guten Zustand, zahlreiche Bäume sind umgestürzt, und beim Verrotten setzen sie CO2 frei.
Das Moor kommt nicht wieder
Die große Frage sei also, ob man besser den Wald als Kohlendioxid-Speicher erhalten oder das Moor wieder vernässen sollte, sagen Matras und Sitte. Das sei aber nur eine theoretische Überlegung. „Die Airbase und die Anwohner würden sich wahrscheinlich schön bedanken, wenn wir hier den Grundwasserspiegel wieder um einen Meter anheben wollten“, sagt Matras und grinst. Wenn überhaupt, müsste so etwas die Politik beschließen, und die Waldbesitzer müssten mitziehen, um es umzusetzen.
Doch am Ende geht es auch um diesen Punkt: Wo kann man Moore erhalten oder sogar wiedervernässen, um Treibhausgase dauerhaft zu binden? Nach Angaben des Thünen-Instituts gibt es bundesweit etwa 1,93 Millionen Hektar Moorböden. Das entspricht 5,3 Prozent der Fläche Deutschlands. Nicht viel, aber feuchte Moore speichern gigantische Mengen Kohlenstoff und sind damit eine wichtige Senke für das Treibhausgas Kohlendioxid. Aber nur, wenn ein konstanter Wasserstand den Torfkörper vor dem Abbau durch Mikroorganismen schützt. 92 Prozent der Moorböden in Deutschland sind entwässert, um Ackerland zu schaffen oder Forstwirtschaft zu betreiben.
Moor wichtiger als Wald
Nach Angaben von Cornelius Oertel, der am Thünen-Institut für WaIdökosysteme die Monitoringflächen im Wald geplant hat, zeigen erste Auswertungen, dass Moorböden in Deutschland mindestens 1,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern. In der Biomasse des Waldes seien laut jüngster Bundeswaldinventur nur rund 1,2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert.
Was passiert, wenn sich ein solcher Speicher leert, misst das Thünen-Institut auch an zwei Stellen: Dort werden große Hauben auf den austrocknenden Moorboden abgesenkt. Darunter wird gemessen, was dieser ausgast. Nicht jedoch im Landstuhler Bruch. Dort wird ein Teil der Daten automatisch erfasst und nach Eberswalde übertragen. Sitte sagt, dass er die Vegetation jährlich auf Zuwachs oder Verluste untersucht. Bis man an den dünnen Metallrohren ein Schrumpfen oder Wachsen des Moorbodens abmessen könne, werde es wohl ein paar Jahre dauern, sagt Matras, der es spannend findet, so etwas mit aufzubauen und über längere Zeit zu begleiten. Er hat sozusagen die Hand am Klimapuls des Moores.