Meinung
Mit Aperol und Gulasch: Wie die AfD in der Pfalz Fuß fassen will
Wer ganz genau wissen möchte, wie ein Ort tickt, der muss dorthin, wo das Bier fließt, die Stimmung kocht, der Puls rast, das Gemeinsame zählt und das Herz schlägt: in Sportheime und an Stammtische zum Beispiel. Und wer aktiv beeinflussen möchte, wie ein Ort tickt, der muss dort auch bleiben, etwas auf die Beine stellen, Gemeinschaft organisieren.
AfD-Strategie bekannt aus anderen Regionen
Die AfD möchte beeinflussen, wie Orte ticken. Sie geht in Sportheime und an Stammtische. Sie stellt etwas auf die Beine: etwa in Gauersheim im Donnersbergkreis. Dort lädt sie zu Aperol- und Thekenabenden ein, legt wie zufällig Mitgliedsanträge neben Holzpikser und Stielgläser. Sie verfolgt die Strategie, mit der sie sich bereits in anderen Regionen fest im Dorfbild verankert hat: erst entpolitisieren, um politisieren zu können. Wo Alternativen fehlen, schafft die AfD Optionen. Wer was bewegt, der kann so schlimm nicht sein – oder? Oder?
In Gauersheim bedient die AfD ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Gemeinschaft. Orte wie diese leben von Überzeugungstätern, die für ein gutes Miteinander anpacken. Doch das Dorfbild verändert sich. Orte der Zusammenkunft schließen. Und außer der AfD haben noch zu wenige Parteien ihre Lehren daraus gezogen, dass es manchen wichtiger ist, bei Gulasch oder Aperol Sorgen zu bequatschen als vorm Supermarkt Flyer in die Hand gedrückt zu bekommen.
Bürgerdialog in Gauersheim als Auslöser
Spätestens seit einem aus dem Ruder gelaufenen Bürgerdialog im Oktober wähnt sich die Partei in Gauersheim im Aufwind. Zur Mobilisierung nutzen die Populisten eine Kombination aus Engagement vor Ort und Manipulation. Podien und Bürgerdialoge dienen den Akteuren zur Zweitverwertung auf sozialen Netzwerken. Nicht das Hier und Jetzt zählt, sondern vielmehr die Verwertbarkeit. Die von der AfD verteilten Videos vom verhinderten Bürgerdialog zeigen Bürgermeister Reiner Schlesser als den Aggressor. Ein Eindruck, der sich im Gesamtkontext relativiert. Die kompletten Videos gehen allerdings nie viral, die Ausschnitte sehr wohl.
Was schützt die anderen Orte?
Was macht es mit Engagement vor Ort, wenn ein parteiloser und ehrenamtlicher Bürgermeister sich einer Hetzkampagne ausgesetzt sieht? Wenn eine Partei mit riesiger Reichweite gegen einen Politiker aus der Provinz mobilisiert? Gegen einen, der nach der Chorprobe zu Hause Gegendarstellungen druckt, die er am Wochenende in die Briefkästen wirft. Wie hält es eine Gemeinschaft aus, wenn der kleinste gemeinsame Nenner fehlt? Wie funktioniert ein gutes Miteinander, wenn Themen lieber ausgespart werden, ehe Debatten zum Bruch führen?
Wenn selbst in Orten wie Gauersheim Spaltung möglich ist, was schützt andere Orte? Was tun gegen die Spaltung, die nur den Populisten nützt?
Zum Beispiel: Nicht nur ewig über Stadtbilder sprechen, sondern Positives für Dorfbilder bewirken. Präsent sein. Etwas auf die Beine stellen. Dort sitzen, wo das Herz schlägt, der Puls rast, die Stimmung kocht: an den Stammtischen und in den Sportheimen. Wo Ehrenamtler hocken. Wo nichts verkürzt werden kann. Wo kontroverser Diskurs kein Selbstzweck ist, sondern der Suche nach echten, gemeinsamen Lösungen dient. Das ist aufwendig und anstrengend. Aber die Demokratie ist es wert.

