Landtagswahl RHEINPFALZ Plus Artikel Lieber sterben als ins Heim? Wie es um die Pflege in Rheinland-Pfalz bestellt ist

Alt und arm? Diese drei Damen sind zumindest nicht allein.
Alt und arm? Diese drei Damen sind zumindest nicht allein.

Alt werden in Würde, das will jeder. Doch wie sieht die Realität aus? Die RHEINPFALZ beleuchtet die Baustellen der Landespolitik: Als Erstes das Thema Pflege.

Wer kennt nicht solche Schilderungen, Ängste und Aversionen: Ein 82-jähriger Mann aus dem Kreis Bad Dürkheim, für zwei Wochen im Altenheim und zu angeschlagen, um mit der Familie in Urlaub kommen zu können, sagt danach nicht viel. Aber: „Bringt mich nie wieder ins Heim.“ Daran erinnert sich die Enkelin auch Jahre, nachdem er zu Hause gepflegt wurde und dort sterben durfte. Als eine alte Dame in der Kurzzeitpflege in der Kurpfalz nachts zur Toilette will und um Hilfe bittet, wiegelt der Pfleger ab: „Lassen Sie es einfach laufen. Morgen früh werden Sie frisch gemacht.“ Eine noch fitte Seniorin will lieber in den Freitod, als pflegebedürftig zu werden und ins Altenheim zu müssen.

Tatsache ist, die Anzahl der Menschen, die Hilfe beim Aufstehen, Waschen, Essen oder mit ihren Medikamenten brauchen, steigt, weil wir im Schnitt alle länger leben und dabei gebrechlicher werden. 30 Jahre nachdem die Pflegeversicherung eingeführt wurde als soziale Errungenschaft, ist würdevoll altern in Deutschland schwieriger denn je. Die Anzahl der offiziell Pflegebedürftigen hat sich mehr als verfünffacht: Deutschlandweit sind es rund sechs Millionen Menschen.

Frauen pflegen und fehlen auf dem Arbeitsmarkt

In Rheinland-Pfalz waren es laut den jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts Ende 2023 rund 272.000 Menschen, sechs Jahre zuvor waren es 110.000 weniger. Die meisten Menschen werden im Schnitt noch immer zu Hause versorgt – meist von Frauen. Sie fehlen dann zugleich auf dem Arbeitsmarkt und ihnen fehlen Beiträge für die spätere Rente.

Die Bundesländer haben im deutschen Pflegesystem erhebliche Gestaltungsspielräume. Während der Bund primär die Finanzierung und Rahmenbedingungen über die verschiedenen Sozialgesetzbücher regelt, entscheiden die Bundesländer vor allem, wie Pflege vor Ort organisiert wird: Sie verantworten die Krankenhausplanung und Investitionen, die Heim-/Einrichtungsaufsicht, die Versorgungsstrukturen und Personalschlüssel sowie die Ausbildung. Und: Länder sind Vertragspartner bei Rahmenverträgen zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern.

Stärken und Schwächen in Rheinland-Pfalz

Der Pflegewissenschaftler Bernd Reuschenbach, 56, aus Speyer stellt der rheinland-pfälzischen Landesregierung beim Thema Pflege ein mittelprächtiges Zeugnis aus. Reuschenbach forscht an der Katholischen Stiftungshochschule München. Er sieht die Stärken hierzulande unter anderem in einer relativ dichten Beratungsstruktur mit über 40 Pflegestützpunkten, in denen sich Betroffene und ihre Angehörigen informieren können zu Hilfen, Heimen, Pflegegraden, Geld und Anträgen.

Auch die Akademisierungsquote des Berufs bewertet er als leicht überdurchschnittlich im Bundesvergleich. Durch etablierte Studiengänge mit Bachelor-Abschluss etwa an der Hochschule Mainz oder der Katholischen Hochschule Mainz sowie der die Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und der Universität Trier wird der Beruf attraktiver, so der Ansatz.

„Rheinland-Pfalz hinkt hier deutlich hinterher“

Der Wissenschaftler sieht jedoch auch deutliche Schwächen. Rheinland-Pfalz investiert ihm zufolge wenig in die Modernisierung stationärer Pflegeeinrichtungen. „Viele Heime haben eine veraltete Infrastruktur – Stichwort Mehrbettzimmer, fehlende Barrierefreiheit“ sagt er. „Während Bundesländer wie Baden-Württemberg umfangreiche Landesprogramme zur Einzelzimmerquote aufgelegt haben, hinkt Rheinland-Pfalz hier deutlich hinterher.“

Die Folge: Die Träger von Heimen seien gezwungen, Investitionskosten auch auf die Bewohner umzulegen. Doch schon jetzt können sich viele einen Platz im Heim nicht leisten. Im Juli 2025 meldete der Verband der Ersatzkassen: Die Pflege im Heim ist für Bewohnerinnen und Bewohner in Rheinland-Pfalz noch teurer geworden. Demnach waren durchschnittlich 3051 Euro zu überweisen.

Kostenlawine und Mangel an Innovationen

„Die 41.000 Pflegeheimbewohner in Rheinland-Pfalz ersticken unter der Kostenlawine“, teilte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, mit. Deshalb sei die Landesregierung gefordert, „endlich ihrer Finanzierungspflicht nachzukommen und die Ausbildungs- sowie Investitionskosten vollständig zu übernehmen“. Das senke die stationären Pflegekosten im Bundesland um rund 600 Euro im Monat, so Brysch. Viele müssten, sagt Reuschenbach dazu, nach ein, zwei Jahren dann Sozialhilfe beantragen. Laut der Krankenkasse AOK ist der Trend zu immer höheren Eigenanteilen deutschlandweit ungebrochen.

Reuschenbach zufolge fehlen in Rheinland-Pfalz auch innovative Konzepte, etwa „Community Health Nursing“ wie in Bayern oder Niedersachsen: die flächendeckende Förderung der Gesundheit und der Prävention von Krankheiten, um Menschen wohnortnah und eigenverantwortlich zu unterstützen. Die Landespflegekammer kritisiert, selbst wenn es neue Projekte gibt, gelinge der Schritt von der Modellphase in die gängige Praxis häufig nicht: „Es fehlt an klaren Zuständigkeiten, verlässlicher Finanzierung und verbindlichen Wegen, erfolgreiche Innovationen dauerhaft in die Versorgung zu überführen.“

Wann Pflege „vermeidbar“ wäre

Ein weiterer wichtiger Baustein: Statt nur den Mangel zu verwalten – also erst tätig zu werden, wenn Menschen nicht mehr allein zurechtkommen –, braucht es mehr Prävention: Strukturell durch Veränderungen in Politik und Medizin, aber auch im persönlichen Verhalten. Viele Pflegebedürftigkeiten wegen Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien „vermeidbar“, sagt Experte Reuschenbach. Und er kritisiert: „Pflegekräfte verbringen 30 bis 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation statt mit Bewohnern.“

Katharina Roos, die 2025 bei einem Wettbewerb des Verbands der privaten Krankenversicherung zur beliebtesten Pflegerin Deutschlands gewählt wurde, teilt die Meinung. „Die Rechnung geht nicht auf.“ Roos arbeitet in der Onkologie der Frauenklinik in der Mainzer Unimedizin und sagt, wie gut Pflege eigentlich aussehen müsste: mit mehr Zeit – für die Betroffenen und die Pflegekräfte. Ein Aspekt, den auch die Pflegegesellschaft Rheinland-Pfalz betont: Es brauche mutige politische Entscheidungen und mehr Zeit für die tatsächliche Pflege am Menschen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist die Pflege für Roos ein Traumberuf.

Fachkräftemangel und die Folgen teurer Leiharbeit

Ein Beruf, der den Arbeitnehmern viel abverlangt. Obwohl Fachkräfte in der Altenpflege so gut wie nie zuvor verdienen, herrscht großer Mangel. Nach Darstellung der Bundesagentur für Arbeit bekommt eine Altenpflegefachkraft in Rheinland-Pfalz im Schnitt 4160 Euro brutto. Doch die Arbeitsbelastungen treiben viele in die Teilzeit, gerade Jüngere geben den Job schnell wieder auf. Im vergangenen Jahr waren rund 1600 offene Stellen im Bereich Pflege gemeldet, informiert die Arbeitsagentur für Rheinland-Pfalz. Das seien zwar knapp 14 Prozent weniger als 2020, gleichzeitig dauere es immer länger, die Stellen zu besetzen: 2025 seien dies 213 Tage gewesen, im Jahr 2015 lediglich 82 Tage.

Die Lücken füllen dann auch Leiharbeitskräfte, die mitunter doppelt so teuer sind. Das wiederum bringt Unruhe in Teams und kann eklatante finanzielle Konsequenzen haben. Der Caritasverband Speyer mit seinen vielen Pflegeeinrichtungen etwa geriet unter anderem deswegen in große Finanznot. Dort will man jetzt auf teure Leiharbeitskräfte verzichten.

Ein großer Schritt – aber „kein Gefängnis“

Und was bleibt den alten Menschen? Natürlich sei es ein großer Schritt ins Heim, sagt Seniorenheimleiterin Alexandra Schug im Norden von Rheinland-Pfalz. „Wir können ihnen aber eine ganz andere Lebensqualität bieten, mit Gesprächen, Gesellschaft und Beschäftigung.“ Und: „Wir sind kein Gefängnis.“

Serie

Am 22. März ist Landtagswahl. Was sind die drängendsten Probleme, um die sich die neue Landesregierung kümmern muss? Wo sind Entwicklungen falsch oder nicht optimal verlaufen? Diese RHEINPFALZ-Serie beleuchtet die Baustellen der Landespolitik. Weitere Themen: Bildung, Innere Sicherheit, Finanzen und Migration.

Pflegewissenschaftler Bernd Reuschenbach
Pflegewissenschaftler Bernd Reuschenbach
x