Rheinland-Pfalz
Krisendestillation: Aus Rotwein soll Reiniger werden
„Rotwein aus Württemberg wird zu Putzmittel“ – diese Überschrift der „Stuttgarter Zeitung“ vom November 2023 klingt brutal, fasst aber in einem Satz zusammen, was Krisendestillation bedeutet: aus Wein wird Industriealkohol; aus einem Getränk wird Brennspiritus, Desinfektions- oder Frostschutzmittel.
In Württemberg wurden vor drei Jahren mehr als acht Millionen Liter Rotwein destilliert. Die Europäische Union (EU) hatte seinerzeit an 49 Weingüter, Kellereien und Genossenschaften fünf Millionen Euro aus der EU-Agrarreserve gezahlt. Hermann Morast, Geschäftsführer beim Weinbauverband Württemberg, sagt: „Rückblickend glaube ich, dass die Krisendestillation richtig war. Es war eine kurzfristige Entlastung.“ Rotwein, der mangels Marktinteresse nicht mehr verkauft wurde, sei so aus den Kellern entfernt worden. Der Handel habe „jüngere Jahrgänge“ verlangt und habe die zwei, drei Jahre im Keller lagernden Weine nicht abnehmen wollen. „Aber die Ware war produziert“, verdeutlicht Morast das Problem.
Wein wird zu Industriealkohol
Wein, der nicht verkauft wird, mit Geldern der Europäischen Union zu Industriealkohol zu verarbeiten, ist ein häufig beschrittener Weg, um kurzfristig mit Überproduktion fertig zu werden. Der Winzer bekommt dann wenigstens noch ein bisschen Geld für die Ware – freilich ist es nur ein Bruchteil dessen, was er ansonsten verdient hätte. Die EU-Kommission hat Frankreich erst Anfang März 40 Millionen Euro für die Destillation von Rot- und Roséweinen zugesagt. Und auch Deutschland will nun Geld aus Brüssel für die Krisendestillation bekommen, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Anfrage der RHEINPFALZ mitteilt. Minister Alois Rainer (CSU) habe den zuständigen EU-Kommissar Christophe Hansen Anfang Mai gebeten, „kurzfristig einen Verordnungsvorschlag für eine außergewöhnliche Krisendestillation vorzustellen“. Die EU-Kommission teilt mit: „Wir prüfen den Antrag derzeit.“
Es ist nicht so, dass jeder Winzer oder jedes Weinanbaugebiet selbst festlegen kann, ob es die EU-Gelder für die Destillation von Rotweinen nimmt. Denn die Krisendestillation muss gut begründet werden. Eine Sprecherin führt aus, worauf die EU-Kommission achtet: „Der Antrag muss nachweisen, dass eine ernsthafte Marktstörung für den Wein und/oder die Region vorliegt, für die die Destillation beantragt wird. Darüber hinaus muss begründet werden, dass die Entnahme einer bestimmten Menge Wein dazu beitragen würde, das Marktungleichgewicht zu beheben.“
Rheinhessen will die Krisendestillation
Bevor der Bundeslandwirtschaftsminister im Mai an die EU-Kommission schrieb, hatte er im März Post vom Deutschen Weinbauverband bekommen, der die Interessen der Winzer vertritt. In dem Schreiben heißt es, dass es – wie in Frankreich – auch in Deutschland in fast allen Rotwein-Anbaugebieten eine Krise gebe. Bekanntlich sind der Absatz von Wein und der Preis, den die Winzer für den Verkauf von Fasswein (das ist Wein, der in großen Mengen verkauft wird und per Lkw an die Kellereien geliefert wird) bekommen, stark zurückgegangen.
Welches der 13 deutschen Weinanbaugebiete in der Krisendestillation eine kurzfristige Rettung sieht, dazu hält sich der Deutsche Weinbauverband bedeckt und begründet das damit, dass die interessierten Anbaugebiete ihre Anträge „noch nicht offiziell“ gestellt hätten. RHEINPFALZ-Informationen, wonach das Anbaugebiet Rheinhessen als einziges in Rheinland-Pfalz den Winzern die Krisendestillation ermöglichen will, bestätigt Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd, unter dessen Dach der Weinbauverband Rheinhessen angesiedelt ist. Für die großen Fasswein-Betriebe im Landstrich zwischen Worms, Alzey, Bingen und Mainz könnte die Krisendestillation attraktiv sein. „Wir verfolgen das Ziel der Krisendestillation, ohne zu wissen, wie es in der Praxis angenommen wird“, sagt Köhr mit Blick auf die Interessensbekundung, die über den Deutschen Weinbauverband (DWV) an das Landwirtschaftsministerium übermittelt wird.
Der Fassweinpreis für rheinhessische Rotweine lag nach DWV-Angaben zu Jahresbeginn fast 28 Prozent unter dem Drei-Jahres-Mittel. Bekam der Winzer im Jahr 2023 noch 1,01 Euro für den Liter Fasswein, waren es zu Jahresbeginn 2026 nur noch 66 Cent. Die Frage, wie viel Geld die Winzer für den Liter bekämen, sollte die Krisendestillation von der EU genehmigt und finanziert werden, beantwortet das Landwirtschaftsministerium nicht: „Zu weiteren Details sind wir mit der Kommission und den Bundesländern im Gespräch.“ In Württemberg bekamen die Betriebe 2023 pro Liter Wein 65 Cent, mussten aber davon auch die Brenn- und Transportkosten bestreiten.
Die Krisendestillation ist nicht beliebt
Nun ist es nicht so, dass die Vertreter der Winzer beim Thema Krisendestillation „Hurra“ schreien würden, im Gegenteil. So hieß es jüngst bei der Versammlung des Bauern- und Winzervereins in Forst (Kreis Bad Dürkheim), man lehne die Krisendestillation als „wenig hilfreich“ ab. Christian Schwörer, Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbands, sagt: „Eine Krisendestillation wirkt aus unserer Sicht lediglich punktuell und entfaltet keine strukturelle Wirkung.“ Und Hermann Morast vom Weinbauverband Württemberg urteilt: „Destillationen sind maximal kurzfristig wirksame Maßnahmen. Es muss aber immer mitgedacht werden, wie wir die Zukunftsfähigkeit der Betriebe unterstützen.“
Reinhold Hörner, Weinbaupräsident der Pfalz, sieht ein Imageproblem, wenn Qualitätswein zu Industriealkohol wird. Für die Pfalz lehnt er es ab, über den DWV einen Antrag für die Krisendestillation zu stellen: „Für uns Pfälzer sind die Bedingungen schlecht. Wir machen das nicht.“ Hörner rechnet: Die Hälfte des Marktpreises der derzeit auf dem Fassweinmarkt üblichen 60 Cent wären 30 Cent pro Liter für die Winzer. Allerdings müssten diese auch die Kosten für den Transport zur Brennerei und das Brennen bezahlen – sodass sie am Ende vielleicht noch 20 Cent bekämen.
Viele Millionen Euro für die Destillation von Wein
Hermann Morast aus Württemberg sagt, man dürfe nicht vergessen, dass die Krise im Weinbau eine internationale ist: „Während wir hier noch über Krisenmaßnahmen wie die Krisendestillation oder die grüne Lese diskutieren, findet das in anderen europäischen Ländern seit Jahren statt. Das ist die Realität im globalen Weinbau.“ Jedes Jahr werden viele Millionen Euro ausgegeben, um Wein, der eigentlich zum Trinken gedacht ist, in ungenießbaren Industriealkohol zu verwandeln. Die meisten Krisendestillationen werden dabei „aus dem nationalen Haushalt oder dem GAP-Haushalt finanziert, der den Mitgliedstaaten bereits in ihren nationalen Finanzrahmen zugewiesen worden war“, wie eine Sprecherin der EU-Kommission auf Anfrage berichtet. GAP ist die Abkürzung für die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union, die derzeitige Planung gilt von 2023 bis 2027. Jedes Land hat dabei ein Budget, um die Landwirtschaft zu unterstützen. Deutschland beispielsweise verfügt allein für Wein über 37,4 Millionen Euro pro Jahr.
Die GAP umfasst zudem die EU-Agrarreserve, eine Art Krisenfonds, der der „Bewältigung von Marktstörungen oder außergewöhnlichen Ereignissen, die sich auf die Erzeugung oder den Vertrieb auswirken“ dient – beispielsweise, wenn Hagel oder Überschwemmungen die Ernte vernichten oder wenn – wie jetzt in Frankreich und Deutschland – mehr Wein in den Kellern liegt als nachgefragt wird.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium betont, wie wichtig es sei, dass die Winzer weniger Trauben anbauen: Konjunkturelle Maßnahmen wie die Krisendestillation sollten „absolute Ausnahmefälle“ bleiben, heißt es aus Berlin: „Vorrangiges Ziel bleibt eine bessere Anpassung des Angebots sowie eine stärkere Ausrichtung des Weinmarktes auf die langfristige Nachfrageentwicklung.“